Einzelkämpfer: Ein Film über DDR-Sportstars und ihr Leben

Der Dokumentarfilm "Einzelkämpfer" von Regisseurin Sandra Kaudelka wirft einen differenzierten Blick auf das Thema Leistungssport in der DDR und das Leben von Sportlern vor und nach der Wende. Kaudelka, selbst ehemalige Leistungssportlerin und DDR-Meisterin im Wasserspringen, erzählt die Geschichte von vier Menschen, die bis an die Grenzen ihrer mentalen und körperlichen Leistungsfähigkeiten gegangen sind - und darüber hinaus.

Die DDR galt lange Zeit als das „Sportwunderland“. Insgesamt 755 olympische Medaillen, 768 Weltmeister- und 747 Europameistertitel konnte das vergleichsweise kleine Land mit nur 17 Millionen Einwohnern in vierzig Jahren Sportgeschichte aufhäufen. Mit dieser Bilanz schlug die DDR nicht nur die Bundesrepublik um Längen, vielmehr konnte sie in den 1970er Jahren zur drittstärksten Sportnation hinter den USA und der Sowjetunion aufsteigen und verdrängte bei den Winterspielen von Sarajewo 1984 sogar den "großen Bruder" von Platz 1 des Medaillenspiegels.

Der Film rückt vier Lebensläufe ostdeutscher Spitzensportler in den Mittelpunkt:

  • Udo Beyer: Der Potsdamer Kugelstoßer, Olympiasieger und dreifacher Weltrekordler betreibt heute ein Reisebüro in Potsdam.
  • Brita Baldus: Die Europameisterin im Wasserspringen aus Leipzig fand nach der Wende Halt im christlichen Glauben.
  • Ines Geipel: Die Jenaer Sprinterin und Weltrekordlerin ist heute Schriftstellerin und Professorin. Sie hält mit ihrer 400-Meter-Staffel ebenfalls einen Weltrekord. Ihre Sportkarriere wurde durch eine manipulierte Operation beendet.
  • Marita Koch: Die 400-Meter-Läuferin und Olympiasiegerin von 1980 aus Rostock, deren letzter von 15 Weltrekorden bis heute ungebrochen ist, hat mit ihrem Partner einen Sportartikelladen eröffnet.

Kaudelka nähert sich den Personen, ohne sie zu bedrängen oder gar entlarven zu wollen. Die Interviewpassagen, die die Protagonisten an ihren heutigen Wohn- und Arbeitsorten zeigen, werden immer wieder gebrochen durch historische Filmaufnahmen: seltene Filmausschnitte aus den 1970er und 1980er Jahren, als Deutschland gegen Deutschland antrat.

Dennoch widersteht der Film der Versuchung, sich allein am ideologischen Überbau der politischen Systemkonkurrenz abzuarbeiten. Vielmehr werden in Kaudelkas Dokumentation die ungeheuren Folgen der Grundsatzentscheidung für den Leistungssport auf die Biografie der einzelnen Sportler deutlich.

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Für einige bot die Wende Chancen für ein völlig neues Leben, andere stellte sie vor unerwartete Probleme. So hatte Brita Baldus trotz zweier Hochschulabschlüsse Probleme, einen adäquaten Job zu finden; Marita Koch und Udo Beyer entwickelten Unternehmergeist in der Sportartikelbranche und im Tourismusgewerbe. Und Ines Geipel, der die SED in der DDR die Promotionsmöglichkeit in Germanistik verweigert hatte, konnte im vereinten Deutschland ihre Talente entfalten und eine Laufbahn bis hin zur Hochschulprofessorin an der Schauspielschule Ernst Busch in Berlin beschreiten.

Im Zentrum des Films stehen die Erfahrungen der Athleten im Leistungssportsystem der DDR. Natürlich kann hier das Thema Doping nicht außen vor bleiben, auch wenn die Filmemacherin betont, sie wolle eine Reduktion des Themas auf die Dopingpraxis in der DDR vermeiden, weil dies der Komplexität des Alltags nicht gerecht würde.

Im Jahr 2006 wagte Ines Geipel das im Sportkosmos bislang Undenkbare und beantragte ihren Weltrekord als „vergifteten Rekord“ aus den Annalen zu streichen, was die vereinte deutsche Sportbürokratie in große Ratlosigkeit stürzte. Ihr Name wurde schließlich gestrichen und durch ein Sternchen ersetzt, der Weltrekord hingegen blieb bestehen. Als Vorsitzende des Doping-Opferhilfevereins gehört Geipel bis heute zu den beharrlichsten Kritikern nicht nur des menschenverachtenden Zwangsdopings in der DDR, sondern auch der heutigen Unaufrichtigkeit im Umgang mit manipulierten Leistungen im internationalen Sport.

Der Film berichtet auch von dem subtilen Zwang, den der medaillensüchtige Staat bereits auf die Kinder ausübte. Kein Talent sollte in der an Einwohnern vergleichsweise kleinen DDR durchs Netz rutschen - dafür sorgte die ESA, die Einheitliche Sichtung und Auswahl, mit deren Hilfe alle Schulkinder der Republik gewogen und vermessen wurden mit dem Ziel, ihre Eignung für bestimmte Sportarten zu prognostizieren und sie entsprechend zu kanalisieren.

Einen positiv gestimmten Kontrapunkt im Film setzt hingegen Udo Beyer, die Kugelstoßlegende vom ASK Vorwärts Potsdam. Erstmals räumt auch er ein, gedopt zu haben und erklärt gleichzeitig, vom System insgesamt profitiert zu haben und mit seiner Laufbahn hochzufrieden zu sein. Bei ihm gibt es kein Hadern mit der Vergangenheit - und auch das ist authentisch.

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Der beeindruckende und zudem sehr unterhaltsame Film von Sandra Kaudelka offeriert das gesamte Spektrum der persönlichen Auseinandersetzung mit dem DDR-Sportsystem, mit dem Leben in einer Diktatur sowie der nicht einfachen Einsicht, dass man zu ihren Aushängeschildern gehört hat.

Sandra Kaudelka berichtet von ihren eigenen Erfahrungen: „Im Kindergarten war ich von einigen Erwachsenen gesichtet worden. Daraufhin begann ich im Alter von fünf Jahren mit dem Training. War man erst einmal im sozialistischen Leistungssportsystem gefangen und einigermaßen talentiert, kam man so schnell nicht wieder raus.“

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