Der Physiker Isaac Newton und die Malerin Georgia O’Keeffe hatten etwas gemein: Beide waren überzeugte Eremiten. „Sei ein Einzelgänger - das gibt dir Zeit, wichtige Fragen zu stellen und nach der Wahrheit zu suchen“, soll auch Albert Einstein gesagt haben. Heute denken wir beim Stichwort Einzelgänger eher an abweisende Außenseiterinnen oder gar gefährliche Misanthropen. Doch solche Vorurteile werden Einzelgängerinnen und Einzelgängern keineswegs gerecht.
Das Klischee und die Realität
Die mutmaßlichen Misanthropen sind laut Studien eher jene, die gegen ihren Willen allein sind. Sie wünschen sich insgeheim die Nähe ihrer Mitmenschen, finden aber keinen sozialen Anschluss. Echte Einzelgängerinnen hingegen genießen ihre Zeit allein, sie sind erstaunlich zufrieden und führen ein erfülltes Leben. Erst seit kurzem widmen sich Forschende den positiven Eigenschaften von Menschen, die gern allein sind.
1. Unabhängig, aber nicht verschlossen
Entgegen dem Klischee sind Einzelgängerinnen und Einzelgänger mitnichten eigenbrötlerisch, angespannt und verschlossen. Im Gegenteil: Sie erwiesen sich in Studien als auffällig selten neurotisch. Außerdem sind Menschen, die gerne Zeit allein verbringen, nicht mehr oder weniger umgänglich als solche, die ein aktives, abwechslungsreiches Sozialleben führen. Ebenso wenig sind sie unterkühlte Charaktere.
Indirekt zeigte sich dies auch in einer experimentellen Studie: Die Teilnehmenden sollten sich an eine Situation in ihrer Vergangenheit erinnern, in der sie ein intensives Verlangen nach Alleinsein und Abstand von ihren Mitmenschen hatten. Diese Freiwilligen verwendeten in anschließenden Fragebögen mehr Beschreibungen und Ausdrücke, die mit Nähe und Intimität zu tun hatten, als die Kontrollpersonen - aber auch mehr Formulierungen rund um Unabhängigkeit und innere Stärke.
„Der experimentell induzierte Wunsch, allein zu sein, führte zu einer Zunahme von Selbstwirksamkeit - und legt nahe, dass Einzelgänger weder unerfüllte Sehnsucht nach Nähe haben, noch gefühlskalte Eremiten sind“, schlussfolgert die Sozialwissenschaftlerin Bella DePaulo, die sich auch der Erforschung von Einzelgängertum widmet.
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2. Umgänglich und gewissenhaft
Die Sozialpsychologin Stephanie Spielmann und ihr Team haben überzeugte Singles unter die Lupe genommen. Dafür haben sie ein Inventar entwickelt, das die Angst vor dem Alleinsein misst. So fanden sie heraus: Menschen, die keine Angst vor einem Junggesellendasein haben, sondern es genießen, sind grundsätzlich umgänglicher als jene Menschen, die sich davor fürchten. Außerdem sind überzeugte Singles auch gewissenhafter als diejenigen, die Angst vor dem Alleinsein hegen.
„Was bislang fehlt, sind konkrete Erklärungen dafür, wieso es überzeugten Singles gutgeht“, stellt DePaulo fest. „Sozialwissenschaftler waren so sehr darauf bedacht, uns über die angeblichen Vorteile der Ehe und die Nachteile des Singlelebens aufzuklären, dass sie allzu oft versäumt haben, die Kosten des Ehelebens und die Vorteile des Singlelebens zu berücksichtigen.“ Überzeugte Junggesellen und Junggesellinnen haben hohe, aber gesunde Standards gegenüber potenziellen Partnern und Partnerinnen.
Beispielsweise geben sie bei Speeddating-Veranstaltungen ihre Kontaktdaten an weniger Personen weiter, als dies andere tun. Und wenn Menschen, die allein leben, sich auf eine romantische Beziehung einlassen, diese dann aber als unbefriedigend empfinden, ziehen sie schneller den Schlussstrich als jene, die Angst vor dem Alleinsein haben.
3. Offen für Veränderungen
In einer anderen Studie verglichen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Angaben von mehr als 1000 alleinstehenden Freiwilligen mit denen von mehr als 3000 verheirateten Frauen und Männern gleichen Alters. Im Vergleich zu den Eheleuten berichteten die Alleinstehenden deutlich häufiger, immer wieder persönliches Wachstum zu erfahren.
Sie stimmten eher mit Aussagen überein wie etwa: „Für mich ist das Leben ein kontinuierlicher Prozess des Lernens, der Veränderung und des Wachstums“, oder: „Ich denke, es ist wichtig, neue Erfahrungen zu machen, die die eigene Meinung über sich selbst und die Welt infrage stellen.“
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Ein ähnliches Bild zeichnet eine Studie mit mehr als 10000 australischen Frauen im Alter von Mitte siebzig. Dabei wurden lebenslang alleinstehende Frauen ohne Kinder mit vier anderen Frauengruppen verglichen: verheiratet mit Kindern, verheiratet ohne Kinder, früher verheiratet mit Kindern und früher verheiratet ohne Kinder. Die kinderlosen und überzeugten Junggesellinnen unterschieden sich in mehrfacher Hinsicht von allen anderen Altersgenossinnen:
- Sie waren deutlich optimistischer und weniger gestresst.
- Außerdem verfügten sie über einen höheren Bildungsgrad und gaben eher an, dass sie mit ihrem Einkommen gut zurechtkämen.
Diese Einzelgängerinnen berichteten darüber hinaus auch häufiger als die anderen Frauen, Mitglied in verschiedenen Vereinen und Gesellschaften zu sein sowie ehrenamtliche Dienste zu leisten - und sie fühlten sich verwirklicht.
4. Selbstreflektiert und resilient
Der Psychoanalytiker Donald Winnicott sprach einst von der „Fähigkeit, allein zu sein“. Sie ist laut dem amerikanischen Sozialwissenschaftler und Autor Matthew Bowker der Schlüssel dafür, dass Alleinsein selbststärkend wirkt. „Allein zu sein mündet rasch in innere Erkundung - und diese ist eine Art von Arbeit, die durchaus unangenehm werden kann“, so Bowker.
Denn die Selbsterkundung kann beispielsweise schmerzliche Erfahrungen, aufwühlende Erinnerungen sowie Gedanken an eigene Unzulänglichkeiten heraufbeschwören. Aber gerade durch die anhaltende Konfrontation mit sich selbst haben überzeugte Einzelgängerinnen und Einzelgänger eine gute Vorstellung von ihren Schwächen und Stärken. Deswegen können sie bedachter mit ihren Schwachpunkten umgehen - und ihre Fähigkeiten sowie Talente im Alltag bewusst nutzen.
„Sie können in wichtigen Situationen, etwa auf der Arbeit, durchsetzungsfähig agieren“, schreibt Bella DePaulo.
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Einzelgänger im Berufsleben
Die Berufswelt ist auf Teamfähigkeit getrimmt: Meetings, Kommunikation, Projektarbeit - immer geht es darum, als Team zu funktionieren und gemeinsam die besten Ergebnisse zu erbringen. Diese Erwartung und Arbeitsweise entspricht nicht jeder Persönlichkeit. Für Einzelgänger scheint es keinen Platz zu geben. Diese Annahmen sind in den meisten Fällen falsch. Hinter dem Klischee stecken oft Missverständnisse zum Verhalten von Einzelgängern.
Einzelkämpfer wollen dem Team und Unternehmen nicht schaden. Die falsche Einschätzung macht es Einzelgängern besonders schwer. Sie bekommen erst gar keine Chance oder werden ständig dazu aufgefordert, sich mehr ins Team zu integrieren. Der bessere Ansatz ist es, die individuellen Stärken zu erkennen und diese gezielt einzusetzen.
Ob Chef oder Kollegen: Außenstehender erkennen einen Einzelgänger schnell. Betroffene selbst sind sich hingegen nicht immer im Klaren darüber, dass sie als solcher wahrgenommen werden.
Vorteile von Einzelgängern im Job
Einzelgänger haben ein schlechtes Image und die meisten Menschen - gerade Führungskräfte - sehen nur potenzielle Nachteile: Schlechte Zusammenarbeit, keine Integration ins Team und schädliche Auswirkungen auf das Betriebsklima. Statt Mitarbeiter zu verteufeln, die Aufgaben lieber alleine bearbeiten, sollten Arbeitgeber umdenken und die positiven Seiten erkennen. Wer alleine arbeiten möchte und dies auch tun kann, bringt oft die besten Leistungen. Sie nutzen die eigene Zeit und Energie optimal und bringen dabei ihr gesamtes Wissen ein.
Es gibt keine Ablenkungen, keine unnötigen Meetings, Absprachen oder Diskussionen über Vorgehensweise. Wird eine Aufgabe alleine erledigt, kann die Produktivität deutlich steigern. Zeitverschwendungen werden vermieden und der Fokus liegt allein auf der ToDo-Liste.
Im Team ist es leicht, sich in der Masse zu verstecken. Wenn etwas schiefgeht oder Deadlines nicht gehalten werden, will es am Ende keiner gewesen sein. Einzelgänger übernehmen hingegen immer die volle Verantwortung. Sie liefern Ergebnisse alleine ab und stehen dafür gerade.
Mit jeder Aufgabe und Herausforderung werden Einzelkämpfer besser. Sie lernen neue Fähigkeiten, weil sie sich diese angeeignet haben, statt sich auf andere zu verlassen. Selbst Fehler sind für das persönliche und professionelle Wachstum wichtig.
Echte Einzelgänger haben ein großes Selbstbewusstsein und die feste Überzeugung: Ich kann jedes Problem lösen und jede Aufgabe meistern. Das bedeutet auch: Sie finden eine Lösung und liefern ein Ergebnis, weil sie vorher nicht zufrieden mit sich selbst sind.
Ein großer Vorteil, der oft übersehen wird: Einzelgänger sind durchaus in der Lage, im Team zu funktionieren und mit den Kollegen zu arbeiten. Sie können Informationen teilen, Ideen austauschen und Aufgaben gemeinsam angehen.
Einsamkeit vs. Alleinsein
Manche Menschen fühlen sich wohl, wenn sie allein sind, aber für viele führt die fehlende Interaktion mit Freunden, Familie oder dem Partner zu Einsamkeit. Einsamkeit ist eine subjektive negative Erfahrung, welche aus unzureichenden bedeutungsvollen Beziehungen resultiert. So können auch Personen, die viel Kontakt mit anderen haben, sich einsam oder allein fühlen.
Einsamkeit ist mit einer erhöhten Belastung für die psychische Gesundheit verbunden, wobei nicht nur ältere Menschen häufig betroffen sind.
Tests zur Selbsteinschätzung
Es gibt verschiedene Tests, die Ihnen helfen können, sich selbst besser einzuschätzen:
- Big Five Persönlichkeitstest: Dieser Test misst die 5 grundlegenden Persönlichkeitsdimensionen und 3 Grundmotive.
- UCLA Einsamkeitsskala: Misst mit 20 Aussagen den Schweregrad der eigenen Einsamkeit.
