Die brasilianische Dichtung nimmt in der lateinamerikanischen Literatur eine Sonderstellung ein, denn sie ist die einzige, die sich aus der postkolonialen Abhängigkeit befreite und eigene Wege fand. Nirgends wurde das so deutlich und so innovativ thematisiert wie in der Dichtung. Es scheint sogar, als bewahre die Dichtung diese so wichtige Erkenntnis für die Zukunft des Landes gerade in Zeiten der Not.
Anders als in den meisten Ländern des Westens ist die Dichtung in Brasilien nicht von der Musik zu trennen. Selbst im Samba war die Musik noch vorherrschend, während die Texte oft stereotyp daherkamen und von geringer künstlerischer Qualität waren. Das änderte sich jedoch, als Vinicius de Moraes, ein modernistischer Dichter der zweiten Generation, den Musiker António Carlos Jobim kennenlernte. Die beiden schrieben Lieder, die den langsamen Samba (Samba Canção) mit dem nordamerikanischen Cool-Jazz vermischten, de Moraes fügte der Larmoyanz des Liebesschmerzes das Augenzwinkern der lyrischen Originalität hinzu. Als dann der Gitarrist João Gilberto begann, ihre Kompositionen kongenial zu interpretieren, entstand die Bossa Nova.
In den folgenden zwei Jahrzehnten wurden die beiden zum Vorbild für viele erfolgreiche Dichter-Komponisten-Duos, die die Entwicklung immer weiter vorantrieben. Diese neue Musikrichtung führte eine Öffnung in zwei Richtungen herbei: Zum einen wurde der Samba auch für die bürgerlichen Kreise akzeptabel, und zum anderen eröffnete die literarische Qualität von de Moraes’ Texten ganz neue Ausdrucksmöglichkeiten.
In den zwei Jahrzehnten seiner Hauptschaffensperiode arbeitete Vinicius de Moraes mit unzähligen Musikern zusammen. Dabei näherte er sich immer mehr der afro-brasilianischen Kultur an und nahm Elemente in seine Texte auf, die der geheimen Selbstverteidigungstechnik der afrikanischen Sklaven, der Capoeira, entstammten, und den bis in die 60er Jahre hinein verbotenen und von den Behörden verfolgten afro-brasilianischen Religionen (v.a. Candomblé, Macumba, Umbanda, Batuque). Besonders seine Partnerschaft mit dem Gitarristen Baden Powell (1937-2000) führte ihn in diese Richtung. 1966 nahmen die beiden eine Reihe von Liedern auf, die unter dem Titel „Os Afro-Sambas“ (Die Afro-Sambas) bekannt wurden.
Im Kontext der Capoeira ist das Lied "Zum Zum Zum Capoeira Mata Um" von Bedeutung. Die Capoeira ist eine geheime Selbstverteidigungstechnik der afrikanischen Sklaven. Durch die Integration solcher Elemente in seine Texte trug Vinicius de Moraes dazu bei, die afro-brasilianische Kultur zu würdigen und ihr einen Platz in der brasilianischen Musik zu geben.
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Um die Bedeutung des Liedes besser zu verstehen, ist es hilfreich, einige Begriffe zu erläutern, die im Zusammenhang mit afro-brasilianischen Ritualen und Glaubensvorstellungen verwendet werden:
- Ossanha: Ein Orixá (eine westafrikanische Gottheit mit historischem Ursprung), zuständig für Heilkräuter.
- Mandinga: Eine Art verborgene Magie oder auch ein Fluch.
- Aleô: Eine Interjektion, die im Zusammenhang mit religiösen Beschwörungsformeln des Candomblé, der Umbanda, der Macumba und des Batuque benutzt wird.
- Sinhô: Auf Hochportugiesisch „Senhor“ (‚Herr’). Die hier verwendete Orthographie gibt die Aussprache der Afro-Brasilianer wieder.
- Saravá: Eines der Lieblingswörter von Vinicius de Moraes, wird ebenfalls im Zusammenhang mit afro-brasilianischen Ritualen benutzt. Es ist entweder ein Gruß oder ein Mantra, dessen Bedeutung umschrieben werden kann als „Kraft, welche die Natur in Bewegung hält“.
- Xangô: Einer der wichtigsten Orixás Brasiliens, Beherrscher des Feuers und des Donners, Hüter der Gerechtigkeit. Den Namen gab es schon bei den Yorubas in Westafrika, er geht auf einen mächtigen König zurück, der große Taten vollbracht habe.
Die Integration ist die Methode der Vermischung, und die Dichtung ist ihre Werkstatt. Die brasilianische Dichtung bewahrt diese so wichtige Erkenntnis für die Zukunft des Landes gerade in Zeiten der Not.
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