Capoeira: Kordel, Farben und ihre Bedeutung

Capoeira ist ein brasilianischer Kampftanz, dessen Ursprung auf den afrikanischen NíGolo („Zebratanz“) zurückgeführt wird. Capoeira wurde während der Kolonialzeit in Brasilien von aus Afrika eingeschifften Sklaven praktiziert und weiterentwickelt. Belegt ist die Existenz der Capoeira seit dem 18. Jahrhundert. Die Literatur geht davon aus, dass sie in Brasilien aus einer Vermischung verschiedenster afrikanischer Tänze und Kulte entstand. Vorläufer der Capoeira waren diverse Kampfspiele und Tänze der afrikanischen und indigenen Kultur.

Inhaltlich ist Capoeira von drei Ebenen geprägt: dem Kampf, der Musik und der „Roda“ (portugiesisch „Kreis“) als gesellschaftlichem Rahmen, in dem der Kampf stattfindet. Die Kämpfe finden immer in einer Roda statt. Diese Roda besteht aus einem Kreis von Capoeiristas und den Musikern. Immer zwei Capoeiristas kämpfen in der Roda, wobei in der Capoeira für einen Kampf der Begriff „Spiel“ verwendet wird.

Das Capoeira-Verbot wurde 1937 durch den nationalistischen Diktator Getúlio Vargas aufgehoben, der mit der Capoeira einen nationalen Sport etablieren wollte. Auf diese Idee kam er, nachdem er eine Vorführung von Mestre Bimba sah. Bimba wollte aus Elementen der Straßenkampftechnik Capoeira eine moderne Kampfkunst formen, welche er Luta Regional Baiana nannte. Auch heute noch wird die Capoeira hauptsächlich in zwei Formen aufgeteilt: Capoeira Regional und Capoeira Angola. Aktuell ist allerdings ein Trend des sich gegenseitigen Annäherns zu spüren.

Inzwischen ist Capoeira weltweit verbreitet. Es gibt verschiedene Schulen, die sich stark in Trainingsmethoden, Schwerpunkt und Stil unterscheiden. Dabei unterscheidet man zwischen Angola- oder Regional-Schulen - Capoeira Regional wird nach den Methoden von Mestre Bimba vermittelt, Capoeira Angola beruft sich vor Allem auf Mestre Pastinha und stellt traditionellere Bewegungen in den Vordergrund. Während in Regional durchaus auch Angola vermittelt wird, ist dies umgekehrt meistens nicht der Fall. Daneben setzt sich auch eine Art dritter Weg durch, diese Richtung wird als Capoeira Contemporânea bezeichnet, dies ist eher ein Sammelbegriff für viele verschiedene Stile und Richtungen der zeitgenössischen Capoeira ist (wie zum Beispiel Miudinho von der Gruppe Cordão de Ouro).

Die Seele der Capoeira: Malícia

Das zentrale Element - die Seele der Capoeira - ist Malícia. In Liedern wird die Malícia anschaulich beschrieben: Bildlich lässt sie sich gut am Beispiel einer Schlange erklären, die in ihrem Loch auf Beute wartet. Oft geht es darum, im Kampf beim Gegner einen - falschen - Eindruck glaubhaft zu machen. So durften zu früheren Zeiten die Capoeira-Schüler nicht zeigen, wie kräftig sie wirklich sind, wenn andere (potenzielle Gegner) dabei zusahen. Sie sollten eher den Eindruck von Schwächlingen erwecken. Malícia zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben eines Capoeirista. Dabei wird sie niemals direkt gelehrt, sondern von den Schülern spielerisch ausprobiert. Durch die Malícia ist der Ausgang eines jeden Kampfes ungewiss. Somit sind nicht Technik und Kondition ausschlaggebend, sondern der taktische Überblick über das Spiel.

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Bewegungen im Capoeira

Es gibt in der Capoeira eine Vielzahl an Bewegungen und Bewegungskombinationen.

  • Armada: ein Tritt. Die Bewegung wird vom Tretenden eingeleitet, in dem er mit einem Bein einen kurzen Schritt nach vorne macht und den Fuß um 180° in Richtung des anderen Beins dreht.
  • Banda: ein Feger. Dieser Trick wird meistens eingesetzt, um einem Martelo auszuweichen und um ihn gleichzeitig auszukontern.
  • Meia-Lua: (port. für „Halbmond“) ist einer der wichtigsten Fußschläge. Es ist eine weite drehende Beinbewegung, dem Armada sehr ähnlich.
  • Meia-Lua de Compasso: (port. für „geschliffener Halbmond“) ist ein Fußschlag. Dieser Fußschlag ist dem Meia-Lua ähnlich. Der einzige Unterschied ist, dass beim Meia-Lua de Compasso die Hände (oder nur eine Hand) den Boden berühren muss. Somit kommt der Angreifer tiefer.
  • Meia Lua de Frente: (port. für „Halbmond von Vorne“) ist ein Fußschlag. Er ist das Gegenstück zum Queixada. Getroffen wird mit dem Innenrist. Normalerweise führt man den Schlag aus der Parallelstellung aus (die Beine stehen in ca. 1 Meter Abstand nebeneinander).
  • Queixada: ist ein Fußschlag. Der Tritt ist einer der Standards, die jeder Capoeirista beherrschen muss. Beim Queixada wird mit dem Außenrist getroffen. Man kann den Queixada aus der Parallel-Stellung oder auch aus der Esquiva ausführen.
  • Ponteira: ist ein Tritt. Im Gegensatz zum Benção trifft man den Gegner nur mit dem Fußballen ganz kurz und schnell mit einer Schnappbewegung. Es steckt zwar nicht so viel Schlagkraft wie beim Benção, aber dafür ist der Ponteira sehr schnell und effektiv.

Regeln in der Capoeira

Capoeira als Kampf-Tanz-Spiel basiert auf einem System ungeschriebener Regeln, das nur aufgrund der afrikanischen Tradition mündlicher Überlieferung von Generation zu Generation weitergereicht worden ist. Von Interesse ist, dass dem Anfänger normalerweise kein Textheft mit Regeln beigegeben wird, sondern diese Regeln im individuellen Kontext erfahren werden müssen.

Diese Regeln beziehen sich auf feste Verhaltensweisen, die sich in Capoeirakreisen weltweit etabliert haben und nicht hinterfragt oder variiert werden.

  1. Wenn du deinem Mitstreiter den Rücken zudrehst dann schau ihn immer dabei an (z.B.
  2. Halte Deine Hände zur Verteidigung vor bzw.

Diese Regeln beschreiben die Art des Spiels, wie es idealerweise sein soll.

  1. Sei immer in Bewegung (Ginga; gespr.

Mündlich überliefert sind die Regeln für Capoeiristas von Mestre Bimba.

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  1. Gib das Rauchen auf.
  2. Gib das Trinken auf.
  3. Habe keine Furcht Dich dem Gegner zu nähern.

Gradsysteme und Kordeln

Wie in jedem anderen Kampfsport gibt es auch im Capoeira einen „Kampfanzug“. Im Capoeira Angola sind es traditionell die Kombinationen schwarze Hose / gelbes T-Shirt oder Hemd mit Bezeichnung der Gruppe. In der Stilrichtung Capoeira Regional gibt es traditionell nur die Kombination weiße Hose / weißes T-Shirt mit Bezeichnung der Gruppe.

Heute gibt es - abgesehen von einigen exotischen Gruppen - nur in der Capoeira Regional verschiedene Gürtel, die den Grad des Trägers anzeigen. Üblicherweise gibt es gewisse zeitliche Abstände, die zwischen zwei Stufen eingehalten werden sollten. Wie lange dies ist, entscheidet der Meister der jeweiligen Schule.

Im Zuge seiner Arbeit für die Capoeira entwickelte sich jedoch zunächst ein einfaches Gradsystem, bestehend aus Seidenschals verschiedener Farben. Die ersten Kordeln werden normalerweise einmal jährlich im Rahmen einer feierlichen Zeremonie, der Batizado (sinngemäß: „Feuertaufe“) verliehen. Für bereits graduierte Schüler heißt es dann nur noch „Troca de Cordas“, da sie ihre Kordeln nur noch wechseln. Üblich ist es, dass jeder Schüler sich einen höher Graduierten als „Paten“ sucht, der eine bestimmte Rolle während der Zeremonie hat.

Die Roda und das Spiel

Zentral sind dabei die Berimbau-Spieler, da der Berimbau den Rhythmus der Capoeira bestimmt. Von dort wird das Spiel begonnen. Dabei hocken sich zwei Capoeiristas (oder Capoeiras) vor die Instrumente, schauen sich kurz an, geben sich die Hand (clap) (manche berühren an dieser Stelle noch das Berimbau als Zeichen der Verehrung) und gehen in die Mitte der Roda, in der Regel mit einem Radschlag. Die Umstehenden klatschen den Rhythmus und singen den Refrain. Innerhalb des Kreises spielen die zwei Capoeiristas dann miteinander.

Zwischen beiden wird kein Wettkampf ausgefochten, sondern sie führen eine Art von körperlichem Dialog aus, die Worte sind dabei die verschiedenen Offensiv- und Defensiv-Bewegungen. Auf jede Offensiv-Bewegung folgt eine Defensiv-Bewegung des anderen, aus einer Defensiv-Bewegung wird fließend eine Offensiv-Bewegung. Diese Sequenzen von wechselseitigen Bewegungen werden so zu Sätzen. Ob dabei eher die Kooperation oder die Konfrontation im Vordergrund steht, entscheiden die Spieler selbst. Dieses Gespräch kann je nach Können und Stimmung eher friedlicheren Charakter haben oder auch in einen Kampf münden. Jeder der Umstehenden kann sich auch vorher in das Spiel einkaufen (aus dem portugiesischen comprar für „kaufen“).

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Der Spieler befindet sich in ständiger Bewegung: Zum einen, da der Grundschritt bereits ein Wiegeschritt ist (die Ginga), zum anderen, weil es sehr viele tiefe Bewegungen in der Hocke bzw. Akrobatik kopfüber (Radschlag, Kopfstand etc.) gibt. Ein sehr wichtiger Aspekt ist der Rhythmus, auch „Toque“ genannt, der mit den traditionellen Instrumenten Berimbau, Atabaque und Pandeiro erzeugt wird. Der Rhythmus bestimmt die Art des Capoeiraspiels.

Toques und ihre Bedeutung:

  • Angola: Dieser Toque ist in einem Zuge mit der Stilrichtung Angola zu nennen. Er zeichnet sich durch ein langsameres Tempo und größere Musikalität aus. Es ist das älteste Capoeiraspiel. Das Spiel wirkt sehr theatralisch und spielt sich eher auf dem Boden ab. Taktische Finesse und kurze, heftige Rhythmuswechsel mit starken Tritten sind charakteristisch. Nur bei diesem Toque wird eine Chamada als Spiel-im-Spiel-Einlage eingesetzt. Angola ist trotz seines langsamen Tempos das gefährlichste Spiel (aufgrund der raffinierten Täuschungen und schnellen Würfe).
  • Benguela: Etwas schneller als Angola. Das Spiel ist flüssiger und erlaubt auch Akrobatik, allerdings keine Luftakrobatik.
  • São Bento Grande de Bimba: Schneller, kraftvoller Toque. Das Spiel ist schnell und athletisch.
  • Iuna: ist eine Vogelart, und der gleichnamige Toque bezeichnet ein Spiel, an dem nur graduierte Capoeiristas teilnehmen dürfen. Es ist sehr akrobatisch, nicht kämpferisch und besitzt als Charakteristikum die so genannten „cintura desprezada“-Bewegungen - eine Innovation, die auf Mestre Bimba zurückgeht.
  • São Bento Pequeno: Dies ist eine reduzierte Version des São Bento Gra...

Capoeira Regional und Capoeira Angola im Vergleich

Die Spielweisen differenzieren sich hauptsächlich dadurch, dass bei der Capoeira Regional der Kontakt zum Boden verloren geht, schnell gespielt wird und das Spiel mehr Kampfelemente beinhaltet. Bei der Capoeira Angola wird der Kontakt zum Boden gehalten und langsam gespielt. Die Rituale in den Rodas sind ebenfalls anders. Bei der modernen Capoeira darf ein Capoeirista das Spiel unterbrechen, bei der ursprünglichen Capoeira jedoch nicht. Die üblichen Instrumente sind bei der Capoeira Regional das Berimbau und zwei Pandeiros, wohingegen bei der Capoeira Angola weitere hinzugefügt werden. Die Kleidung unterscheidet sich meistens in der Farbe. Zur Uniform gehört bei der Capoeira Regional eine Kordel dazu, bei der Capoeira Angola wird an ihrer Stelle meistens ein Gurt getragen.

Capoeira Regional

Typisch für diesen Hauptstil sind schnelle, athletische und kraftvolle Bewegungen, grösstenteils mit aufrechter Haltung. Es werden hohe Sprünge und Tritte ausgeführt. Um diesen auszuweichen, wird sich geduckt. Auch akrobatische Elemente, wie Saltos, Überschläge, Rad und Handstand sind übliche Bestandteile eines Spiels. Elemente des Kämpferischen überwiegen den Tanz. Viele Schlagtechniken sind sehr ähnlich zu asiatischen Kampfsportarten, weil Mestre Bimba bei der Entwicklung der Capoeira Regional Elemente von ihnen übernahm, hauptsächlich vom Jiu Jitsu und dem Judo. Diese Kampfsportarten waren schon zu seiner Zeit bis nach Brasilien vorgedrungen. Die verwandten Bewegungen werden bei der Capoeira jedoch geschmeidig und ohne Unterbruch aneinandergereiht. Dazu verhilft der Grundschritt, die Ginga, welcher eine Art dynamischer „Wiegeschritt“ ist. Während des Spiels kehrt der Spieler immer wieder zu diesem Schritt zurück und führt dazwischen andere Bewegungen aus. Die einzelnen Spiele dauern kurz, meist etwa eine Minute oder weniger. Ein Spiel endet, wenn es von einem dritten Capoeirista unterbrochen wird, weil er mit einem der beiden Spielenden spielen möchte. Man sagt, der dritte Capoeirista „kauft“ das Spiel. Um dies anzudeuten, tritt er bei den Instrumenten in den Kreis und fährt mit der ausgestreckten Hand zwischen die Spielenden, sich der Person zugewandt, mit welcher er spielen möchte. Das neue Spiel zwischen den beiden schliesst sich an, ohne dass ein Unterbruch stattgefunden hätte.

Die Geschwindigkeit, mit der im Innern gespielt wird, wird immer durch die Musik bestimmt. Da bei der Capoeira Regional schnelle Bewegungen typisch sind, ist die Musik ebenfalls schnell. Seit dem Einfluss von Mestre Bimba, werden bei diesem Stil üblicherweise zwei Pandeiros*** Instrument, ähnlich des Tamburins*** und das Berimbau ***Typisches Bogeninstrument der Capoeira mit afrikanischem Ursprung*** verwendet. Das Berimbau ist ein elementares Instrument für die Capoeira und in einem anderen Kontext selten anzutreffen. Es ist einfach aufgebaut. Sein Aussehen erinnert an einen Pfeilbogen, an welchem zusätzlich ein getrockneter Kürbis als Resonanzkörper befestigt ist. Bei der Roda werden mit dem Berimbau sogenannte Toques gespielt. Dies sind bestimmte Rhythmen, wobei jeder Rhythmus eine spezifische Bedeutung hat. Der Toque „Banguela“ sagt zum Beispiel aus, dass das Spiel rund und flüssig sein soll und dass nahe aneinander gespielt werden soll, sodass direkte Tritte nicht möglich sind und das Spiel ruhiger ist. Dieser Toque wurde von Mestre Bimba entwickelt, um die Capoeira zu beruhigen und wird heute noch oft verwendet.

Eine andere Tradition, dank Mestre Bimba entstanden, stellt die Kleidung dar. Er hat in den 1940er Jahren ein Tenue eingeführt, um die Capoeira zu einem gewissen Grade zu strukturieren und zu vereinheitlichen. Er wählte dafür die „Farbe“ Weiss. Einige Experten sagen, dass er Weiss wählte, weil er durch die Tenues der asiatischen Kampfsportarten inspiriert war. Andere meinen hingegen, dass es wegen der Flecken war, die während des Spiels auf der Kleidung entstehen, da diese das Können des Capoeiristas anzeigen sollen. Bei fortgeschrittenen Capoeiristas bleibt die Kleidung sauberer, da sie weniger Kontakt mit dem schmutzigen Boden haben. Zusätzlich führte Mestre Bimba sogenannte Cordas ***Kordel, welche durch die farbliche Verschiedenheit als Graduierungssystem in der Capoeira Regional dient, Farbskala von Gruppe zu Gruppe unterschiedlich***ein.

Capoeira Angola

Der Stil Capoeira Angola stellt wieder eine Annäherung an die ursprüngliche und traditionelle Capoeira dar. Viele Praktizierende der Capoeira sahen in der Capoeira Regional in den 1940er und 1950er Jahren einen Verlust des afro-brasilianischen kulturellen Erbes. Sie wurde von einigen Capoeiristas als „Entstellung“ der „echten“ Capoeira angesehen. Zudem wurde befürchtet, dass die Capoeira Angola gänzlich verschwinden und verlorengehen würde, weshalb eine gewisse Rivalität zwischen Anhängern der beiden Stile existierte.

Mestre Pastinha (1889-1982) sagte laut seinen Schülern, dass die Lehre und Philosophie der Capoeira Angola Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit sei. Mestre Pastinha gilt als wichtigster Begründer der Capoeira Angola, doch seine Ideen fanden erst nach seinem Tod Anklang. Er vertrat die ursprüngliche Capoeira, kämpfte für sie und weigerte sich, Elemente der Capoeira Regional zu übernehmen. Gleichwohl differenzierte er sich zu einem gewissen Grade von der kämpferischen und brutalen Seite der traditionellen Capoeira, ohne ihr diese Elemente abzusprechen. Er legte den Fokus auf die spielerischen und friedlicheren Elemente. Sein Ziel war, das afrikanische Erbe zu erhalten und die kulturellen Werte erneut zu verbreiten, deshalb liess er alte Rituale in den Rodas wieder aufleben.

Bei diesem Hauptstil wird, bevor das erste Spiel beginnt, die Roda mit Musik eingeleitet, beginnend mit drei Berimbaus, die nacheinander mit je einem verschiedenen Toque einsetzen. Sobald alle Instrumente spielen, setzt der Gesang ein, welcher durch einen Mestre geleitet wird. Traditionellerweise wird als erstes eine Ladainha angestimmt, ein Lied, das verstorbene Mestres ehrt und Bezug auf die Vergangenheit nimmt, aber auch von der Gegenwart und Zukunft erzählt. Während der Ladainha begeben sich bereits zwei Capoeiristas aus dem Kreis kauernd vor die Instrumente. Erst wenn der Mestre ein neues Lied anstimmt und ihnen ein Zeichen gibt, beginnen sie das Spiel. Die Musik ist meist langsam. Wann das Spiel endet, bestimmt ebenfalls der Mestre. Er gibt ihnen dafür ein Signal mit einem bestimmten Rhythmus des Berimbaus. Die Spielenden beenden dann das Spiel mit einer Umarmung und zwei neue Spieler gehen in die Hocke vor den Instrumenten.

Langsame Bewegungen und tiefe Schläge sind typisch für diesen Hauptstil. Die Bewegungen werden verspielt und unstrukturiert ausgeführt, zudem wird der Kontakt zum Boden gehalten. Die Capoeiristas spielen nahe beieinander und nehmen meist eine etwas gebeugte Haltung ein; es scheint fast so, als ob sie die Bewegungen unsauber ausführten. Dies ist jedoch Taktik und dient der Täuschung. Oft wird anfangs so gespielt, dass ihnen wenig zugetraut wird und wenige kämpferische Elemente vorhanden sind. Die gespielte Harmlosigkeit kann plötzlich mit einem überraschenden und vielleicht auch schnellen Schlag unterbrochen werden. Diese Gerissenheit, Schläue und List ist in der Capoeira Angola zentral und ist bekannt unter dem Namen Malícia. Es ist ein Element, das Spannung in einem Spiel aufbaut.

Ein weiteres Merkmal eines Spiels zwischen Angoleiros***Praktizierende/r der Capoeira Angola***sind die Chamadas. Das heisst wörtlich übersetzt „Anrufe“. Um eine Chamada zu initiieren, streckt der erfahrenere Spieler eine oder beide Hände über seinen Kopf in die Luft. Dabei bleibt er auf einer Stelle stehen und wippt nur noch im Rhythmus der Musik. Sein Mitspieler, welcher dieses Zeichen für eine Chamada wahrgenommen hat, führt Verteidigungsbewegungen durch und nähert sich dem „Anrufenden“ vorsichtig. Sie berühren sich daraufhin und gehen gemeinsam drei Schritte vor und zurück. Um die Chamada zu beenden, führt der Angoleiro, welcher sie initiiert hat, seine Hände langsam zu Boden, das Spiel wird fortgesetzt, wie zuvor. Es gibt drei verschiedene Chamadas, welche sich jedoch sehr ähnlich sind. Der einzige Unterschied besteht darin, dass man nebeneinander, hintereinander oder sich entgegengesetzt die drei Schritte auf und ab geht.

Bei der Roda und im Training tragen Angoleiros meist eine schwarze Hose und ein gelbes T-Shirt mit dem Logo ihrer Gruppe. Diese Tradition stammt von Mestre Pastinha. Er gründete die erste Schule für die Capoeira Angola im Jahre 1942 und führte dort diese Farben für die Kleidung ein, weil er sich von der Capoeira Regional, bei der wegen Mestre Bimba weisse Kleidung üblich war, differenzieren wollte. Warum Mestre Pastinha diese zwei Farben gewählt hat, liegt gemäss verschiedenen Quellen daran, dass sein Lieblingsfussballklub diese zwei Farben trug. Es gibt jedoch ebenfalls Capoeira-Angola-Gruppen, welche sich von dieser Tradition abspalten und ein weisses Tenue tragen.