Schwingen: Regeln, Traditionen und der Weg zum Schwingerkönig

Das Schwingen, gelegentlich auch als «Hoselupf» bezeichnet, ist eine traditionelle Form des Gürtelringens in der heutigen Schweiz. Es gilt als Schweizer Nationalsport und ist tief in der Schweizer Nationalidentität verwurzelt. Die Schwingfeste ziehen tausende, sogar hunderttausende Zuschauer an.

Ursprünge und Geschichte

Die genauen historischen Wurzeln des Schwingens liegen im Dunklen. Es wird häufig darauf verwiesen, dass bereits auf diversen Darstellungen aus dem 13. Jh. Gürtelringer-Darstellungen mit im Schwingen möglichen Griffkonstellationen auftreten. Mehrere historische Quellen in der internationalen Ringbuchliteratur legen ähnliche, mehr oder weniger «bäuerliche» Ringtraditionen nahe.

In jedem Fall scheint das Schwingen eng mit den Hirten und Sennen verbunden zu sein, die es zur Unterhaltung auf der Alp, möglicherweise auch zur Vergabe der Weidegründe nutzten. Daran erinnert auch, dass noch heute «Sennenschwinger» aus reinen Schwingvereinen in dunkler Hose und farbigem Hemd zusammen mit «Turnerschwingern» in der Nationalturn-Uniform bei den Schwingfesten antreten.

Ab dem 19. Jahrhundert wurde das Schwingen in das erste Unspunnenfest aufgenommen. Kurz danach trat der Hirtensport seinen Siegeszug in die Städte an. Dank des Engagements von Turnlehrern und regelmäßig veranstalteten Schwingfesten avancierte Schwingen gegen Ende des Jahrhunderts zum Nationalsport.

Regeln und Ablauf

Die Schwinghose

Charakteristisch und essenziell ist im Schwingen die Schwing(er)hose, eine aus festem Zwilch-Stoff genähte kurze, vorne und hinten im Schritt offene «Überhose» mit einem eingeschobenen festen Ledergürtel Jeder Gang beginnt damit, dass die beiden Schwinger «zusammenfassen», also idente Griffe einnehmen.

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Ziel des Kampfes

Ziel ist es, den Gegner auf den Rücken zu werfen oder zu rollen, wobei die Mitte beider Schulterblätter zusammen mit dem oberen oder unteren Rücken, oder einer Rückenseite gleichzeitig den Boden berühren muss. Auch das Festhalten des Gegners in der Ringerbrücke für mehr als drei Sekunden führt zum Resultat. Es gibt jedoch nicht selten auch unentschiedene («gestellte») Gänge. Am Ende des Ganges werden die beiden Schwinger nach einem dem Nationalturnen entlehnten System «benotet», die Skala reicht von 8.50 für eine chancenlose Niederlage bis hin zu 10.00 für einen «Plattwurf» (= Schwung aus dem Stand, der den Gegner direkt in die Rückenlage bringt). Zusätzliche Notenabzüge sind möglich.

Geschwungen wird heute in einem sieben bis vierzehn Meter durchmessenden Kreis aus gestampftem und befeuchtetem Sägemehl, während Schwingfeste früher «auf der Alp» häufig auf Gras durchgeführt wurden. Um Verletzungen der Knöchel vorzubeugen, werden hohe Schuhe getragen, die häufig auch Versteifungen besitzen.

Die Schwünge

Die Techniken im Schwingen haben traditionelle, im Laufe der Zeit gewachsene Namen, etwa «Kurz», «Stich», «Schlungg», «Tätsch», «Gammen», «Päckli», «Brienzer», «Lätz», «Wyberhacken» oder «Äusserer Haken». Einige dieser Techniknamen zeigen starke Parallelen mit Ringbüchern aus dem frühen 16. Jahrhundert.

Ablauf eines Schwingfestes

Auf einem Schwingfest werden mindestens sechs Gänge absolviert, auf dem Eidgenössischen Schwingfest sogar acht. Die Schwinger, die nach fünf Durchgängen die meisten Punkte vorweisen können, erreichen den Schlussgang. Zwar gibt es ein Regelwerk, wie Gegner beim Schwingen zu kombinieren sind, doch sagen Kritiker, das System sei nicht durchschaubar. Immer wieder werden bei Schwingfesten Vorwürfe laut, es sei Schiebung erfolgt.

Die Höchstwertung beträgt zehn Punkte. Der Kampfrichter kann Viertelnoten zum Beispiel bei der Anwendung gefährlicher Griffe, bewusster Zeitverzögerung, übermäßigem Verharren in passiver Stellung oder zu losem Anziehen der Schwingerhose abziehen. Vor dem Abzug wird immer zunächst eine Ermahnung ausgesprochen.

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Das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest (ESAF)

Das alle drei Jahre stattfindende Eidgenössische Schwingfest ist der grösste Anlass in der Schweiz. Die Schwinger, die am Eidgenössischen teilnehmen möchten, müssen sich an regionalen Schwingfesten bewährt haben und Siege und Kränze eingeholt haben.

Die "Bösen" (so nennt man auch die Schwinger) sind alles kräftige Mannsbilder mit bis zu 150 kg Lebendgewicht - aber durchtrainiert und sehr gelenkig. In 7 Sägemehl-Kreisen wird gleichzeitig geschwungen.

Eigenheiten beim Schwingen

  • Man nennt alle Schwinger zuerst beim Nachnamen und dann beim Vornamen.
  • Alle Schwinger sind trotz des intensiven Trainings noch berufstätig.

Verhaltenskodex für Schwingfestbesucher

  • Was ich an einem Schwingfest tun darf: Alkohol trinken (Bier und Kafi Schnaps), Znüni (Zwischenverpflegung) selber mitbringen - diese aber mit den Sitznachbarn teilen, Schwingerhemd (Edelweiss) tragen, Pünktlich zum ersten Gang Platz nehmen, Mich sportlich, fair und respektvoll verhalten, Nicht vor dem Schlussgang abreisen
  • Was ich an einem Schwingfest nicht tun sollte: Champanger trinken, Im Anzug oder eleganter Kleidung erscheinen, Englische Ausdrücke verwenden, Kampfrichter oder Schwinger auspfeifen, Reklamieren bei strittigen Entscheidungen, Regen- oder Sonnenschirm mitbringen

Die Kameradschaft wird gross geschrieben, so putzt der Sieger dem Verlierer das Sägemehl vom Rücken und reicht ihm die Hand zum Aufstehen. Es werden auch Dopingtests durchgeführt.

Vom Schwinger zum König

Der Sieger des Eidgenössischen Schwing- und Älplerfests (ESAF) darf sich Schwingerkönig nennen. Dem Sieger winken lukrative Werbeverträge und größtmögliche Popularität in der Alpenrepublik.

Einige bekannte Schwingerkönige:

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  • Christian Stucki (Schwingerkönig 2019)
  • Jörg Abderhalden
  • Matthias Sempach

Schwingen heute

Obwohl Werbung und Sponsoring traditionell nicht üblich sind, haben sich die strengen Regeln seit 1998 gelockert. Die Stars des Schwingens können mit Werbeeinahmen und Sponsorengeldern durchaus Millionen verdienen.

Die speziell für dieses Event konstruierte Arena dürfte die größte mobile Kampffläche der Welt sein. Auf ihr finden sieben Sägemehlflächen Platz plus zwei Brunnen, an denen sich die Kämpfer zwischen den Gängen erfrischen können. Wer sich durch die sieben Gänge gekämpft hat und zum Schwingerkönig gekürt wird, darf diesen Titel übrigens lebenslang behalten.

Bekannte Schwingfeste

Weitere Schwingfeste, die den Titel “Fest mit eidgenössischem Charakter” tragen, sind das Unspunnen-Schwingen in der Nähe von Interlaken, das Schwingen im Rahmen der Schweizerischen Landesausstellung und das Kilchberg-Schwingen in der Gegend von Zürich. Die kleineren Schwingfeste, die so genannten Bergschwingfeste wie der Schwägalp, der Stoos oder das Brünig-Schwingen, haben Volksfestcharakter und ziehen Tausende von Besuchern an.

Zusammenfassung

Schwingen boomt in der traditionsbewussten Schweiz. Das alle drei Jahre stattfindende Eidgenössische Schwingfest hat ein Budget von knapp 30 Millionen Franken und zieht übers Festwochenende rund eine Viertelmillion Besucher an. Auch hier herrscht Volksfestcharakter, man spricht kräftig dem Bier zu und schneidet den mitgebrachten Käse mit dem Schweizer Messer auf der Tribüne.

Das Schwingen ist mehr als nur ein Sport, es ist ein Stück Schweizer Kultur und Identität.