Capoeira: Ursprung, Entwicklung und Bedeutung des brasilianischen Kampfsports

Nicht nur Brasilien Reisenden ist Capoeira ein Begriff. Mittlerweile wird der sanfte Kampfsport weltweit betrieben und hat einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht. In europäischen Großstädten trifft man bei einem Picknick im Park öfter mal auf eine Gruppe von capoeiristas. In Vereinen organisiert, weiß gekleidet und barfuß praktizieren sie ihren Sport, der eine Mischung aus Musik, Akrobatik, Tanz, Angriff und Abwehrbewegungen ist. Auch zahlreiche Fitnessstudios haben die Attraktivität der Capoeira für sich entdeckt und bieten Kurse an. Ob jung oder alt, weiblich oder männlich, mit Vorkenntnissen oder ohne, jeder Interessierte kann Capoeira aktiv ausüben. Was die Trendsportart aus Brasilien so einzigartig macht möchten wir Ihnen hier kurz näherbringen.

Das Wesen der Capoeira

Capoeira ist eine einzigartige afrobrasilianische Kunstform die Kampfkunst, Tanz, Akrobatik, Musik und Ritual miteinander verbindet. Als Kulturerbe Brasiliens verschmelzen darin Kampfkunst, Musik und Tanz. Mit ihren fließenden Bewegungen, rhythmischer Musik und tief verwurzelten Traditionen ist Capoeira mehr als nur ein Kampfsport - sie ist lebendige Geschichte, Widerstand und Ausdruck zugleich.

Bei der Capoeira handelt es sich um einen akrobatischen Kampfsport, der aus drei wesentlichen Elementen besteht. Charakteristisch ist zum einen die Formation der Gruppe zu einem Kreis, der so genannten Roda. Die Bühne der Capoeira ist die „Roda“ (portugiesisch: bedeutet Kreis). Aussen am Kreis wird Musik gemacht, geklatscht und gesungen, innerhalb des Kreises spielen zwei Capoeiristas - ein ritueller Kampf - mit Basis-Bewegungen, Tritten, Ausweichbewegungen, Finten und Akrobatik. Die Dynamik einer Roda macht Spass, bietet aber auch lehrreiche Erfahrungen. Im Zentrum der Roda hast du den Raum, dich selbst kreativ auszudrücken - nicht nur in der Bewegung im Einklang mit deinem Gegenüber.

Zum anderen spielt die musikalische Begleitung eine wichtige Rolle. Musik ist das Herzstück der Capoeira. Sie ist weit mehr als nur Begleitung: Sie gibt den Rhythmus, die Intensität und sogar den Sinn des Spiels vor. In der Capoeira entsteht ein lebendiger Dialog - zwischen Körpern, Instrumenten und Stimmen. Die capoeiristas, die den Kreis bilden, singen traditionelle Reime und spielen Instrumente wie Berimbau (hölzerner Musikbogen mit Klangkalebasse), Atabaque (Fasstrommel) und Pandeiro (Handtrommel). Das zentrale Instrument der Capoeira ist die Berimbau. Lieder sind meist in portugiesischer Sprache und werden in Frage-Antwort Stil gesungen - eine Vorsängerin ruft, die Gruppe antwortet. So lernen Schüler nebenbei eine neue Sprache. Die Texte sind oft bildhaft.

Das dritte prägende Element der Capoeira sind die rhythmischen Bewegungen der beiden Akteure in der Kreismitte. Sie belauern sich, versuchen den Gegner zu lesen, seine Stärken und Schwächen aufzudecken, greifen an und wehren ab. Das geschieht in spielerischer Form. Tänzerische Drehungen und Sprünge, die von hoher Körperbeherrschung und Athletik zeugen, kommen zum Einsatz.

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In der Roda geht es nie ums bloße Gewinnen. Capoeira kann nicht alleine gespielt werden. Es braucht dazu eine Gruppe. Auf diesem Bewusstsein wächst das Gefühl für eine Gemeinschaft. Ein Capoeirista spielt auf kreative Art und Weise, um so wachsen zu können. Das Spiel, das auch Kampf ist, ist nie egoistisch. Capoeira öffnet auch einen Einblick in die reiche brasilianische Kultur. Von der Zeit der Sklaverei bis heute steht dabei das Instrument des Widerstandes und die Sehnsucht nach Freiheit im Zentrum. Capoeirista zu sein bedeutet, aufmerksam dem Leben gegenüber zu sein, mit all seinen Tücken, Höhen und Tiefen.

Die Stilrichtungen der Capoeira

Heutzutage gibt es drei Stilrichtungen der Sportart.

Capoeira Angola

„Capoeira Angola“ entstand zu Zeiten der Sklaverei im brasilianischen Nordosten unter dem Deckmantel eines Spieles. Diese Variante zeichnet sich aus durch langsame Bewegungen in Bodennähe und das ausführliche Studieren des Gegenübers. Dazu getragen werden schwarze Hosen und gelbe Oberteile.

Zur Abgrenzung zum Regional Stil prägte Mestre Pastinha den Begriff der Capoeira Angola. Eine traditionelle Capoeira Form, mit tiefen, langsamen Bewegungen, viel List (malícia) und einem starken Fokus auf Ritual und Kultur.

Capoeira Regional

Die „Capoeira Regional“ wartet mit schnelleren Bewegungen auf, vor allem zur flinken Musik des Berimbau. Man kann den Stil als effizienter und weniger akrobatisch bezeichnen. Mit Aufhebung des Capoeira-Verbotes fiel die Notwendigkeit zur Tarnung als Spiel für diese modernere Version weg. Die Bekleidung ist weiß.

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In den 1930er-Jahren entwickele Mestre Bimba einen strukturierteren Trainingssystem und einem schnelleren, athletischeren Spiel. Regional vereint Technik mit Disziplin und machte Capoeira erstmals offiziell in Brasilien anerkannt. Mestre Bimba erreichte die Abschaffung des Capoeira-Verbots.

Capoeira der Gegenwart

In der „Capoeira der Gegenwart“ vermischen sich beide Stilrichtungen. Ein moderner, freier Stil, der Elemente aus Angola und Regional kombiniert. Er integriert oft Akrobatik, kreative Bewegungen und Einflüsse aus anderen Künsten - Ausdruck der weltweiten Weiterentwicklung Capoeiras. Bei uns werden alle drei verschiedenen Stiele vermittelt. Mestre Dedé ist versiert in allen drei Stilen, stellt die authentische Vermittlung aber auch durch Gast-Lehrer sicher.

Kurioses rund um Capoeira

Verschiedenfarbige Kordeln klären über das Können der einzelnen Kämpfer auf. Jeder Verein veranstaltet regelmäßig Batizados (Gürtelprüfungen), bei denen neue Kordeln vergeben werden.

Die Capoeiristas nutzen Apelidos (Spitznamen), um ihre Identität zu tarnen, ein Erbe aus der Zeit der Sklaverei.

Im Zentrum der Capoeira steht die Malícia, wörtlich übersetzt „das Böse“. Diese Übersetzung ist irreführend. Gemeint sind die Fähigkeit die Beweggründe des Gegners zu erahnen und die „Verschlagenheit“ dies in den eigenen Vorteil umzumünzen.

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Historische Entwicklung der Capoeira

Es existieren eine Vielzahl an Legenden und Theorien über den Ursprung der Capoeira. Sie alle sind wichtig, um den Mythos Capoeira zu verstehen, aber es bleiben Legenden, für die es keine historische Beweise gibt. Bereits aus dem 16. Jahrhundert gibt es erste Aufzeichnungen über Capoeira in Brasilien. Sicher ist, dass mit der Kolonialisierung Brasiliens im 16. Jahrhundert durch die Portugiesen eine neue Epoche in der Geschichte Brasiliens begann.

Das Land gehörte damals zu Portugal. Die Portugiesen erkannten sofort den natürlichen Reichtum des Landes. Anfangs nutzten sie die Arbeitskraft der in Brasilien lebenden Indianer. Dies funktionierte nicht aufgrund der Eigenarten der Indios und ihrem Widerstand gegen die Zwangsarbeit. Sie starben in der Sklaverei oder flohen in noch freie Gebiete. Die Kolonialherren suchten nach Lösungen und begannen mir der Versklavung freier afrikanischen Völker.

Zahlreiche Afrikaner wurden aus der ebenfalls portugiesischen Kolonie Angola nach Brasilien verschleppt, um den Sklavenhunger der Zuckerrohrplantagen zu stillen. Es begann ein Handel mit dem „schwarzen Mann“, der vom afrikanischen Kontinent in die neue Welt verschleppt wurde. Es war der Beginn einer großen Tragödie, die die brasilianische Gesellschaft brandmarkte. Erst wurden Hunderte, dann Tausende von Afrikaner gegen ihren Willen gefangen und nach Brasilien verschifft. Mit ihnen erfuhr das Land enorme Veränderungen. Die afrikanische Kultur war anders. Sie wurde nicht in Büchern und Museen aufbewahrt - sondern in den Körpern, dem Geist, dem Herz und der Seele der Menschen.

Vor allem in Bahia wurden die Sklaven in Zwangsarbeit eingesetzt und waren unmenschlicher physischer und seelischer Gewalt ausgesetzt. Die Plantagenbesitzer unterdrückten jeglichen Individualismus und das Bewahren der afrikanischen Kulturen. Körperliche Züchtigung gehörte zum Alltag auf den Plantagen. So entwickelten die Sklaven die Capoeira, um ihre kulturelle Identität zu bewahren, körperlich fit zu bleiben und den Arbeitsdruck abzubauen, ohne offen aufzubegehren. Sie übernahmen dabei ihre traditionellen afrikanischen Rhythmen zur Tarnung der Kampfbewegungen als Tanz.

Erste Quellen beschreiben Capoeira als einen rabiaten Tanzkampf der Sklaven. Capoeira in der Zeit hatte wohl wenig Ähnlichkeit mit der heute praktizierten Form. Wahrscheinlich wurde Capoeira von den Sklaven oft im kargen Buschland, das nach Brandrodungen des Waldes für spätere Pflanzungen wieder nachwuchs, praktiziert. Diese gerodeten Flächen wurden in der Sprache der Indios „capu era“ genannt.

Obwohl die Entfernungen damals auf dem Land riesig waren und es zwischen den Sklavengruppen kaum Möglichkeiten zum Informationsaustausch gab, entwickelte sich Capoeira langsam weiter. Dank dem Verkauf von Sklaven an andere Besitzer oder durch ihre Flucht wurde Capoeira immer bekannter. Dabei spielte auch der Sklavenmarkt eine wichtige Rolle. Durch den zunehmenden Informationsaustausch ergaben sich neue Möglichkeiten für die Sklaven. Sie konnten sich besser über Fluchtmöglichkeiten und Routen zu den Quilombos informieren.

Quilombos war die Bezeichnung für Ansiedlungen geflohener Sklaven, die meistens fernab von den portugiesischen Ländereien versteckt im Busch entstanden. Die Quilombos waren ein Schmelztiegel, in dem sich die Religionen, Kulturen und Traditionen der unterschiedlichen afrikanischen Völker gegenseitig und intensiv inspirierten. Die größten kulturellen Einflüsse kamen dabei von den Völkern der Nagô und der Bantus. Man vermutet daher, dass sich Capoeira in den Quilombo besonders schnell verbreiten konnte. Hier konnten Sklaven in relativer Freiheit ihre Kultur leben.

Durch die Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1888 verbesserte sich die Situation der ehemaligen Sklaven nicht wirklich. wieder - ohne Arbeit, Unterkunft und Essen. Weil es ihnen an Möglichkeiten fehlte um zu überleben, nahmen Raub und Plünderung stark zu. Dabei bedienten sie sich der Capoeira als Hilfsmittel für ihr kriminelles Tun. Damit änderte sich auch das Image der Capoeira. Capoeiristas wurden bald als Kriminelle und Ganoven betrachtet.

Die Anfänge des 20. Jahrhunderts war geprägt von ständigen Konflikten zwischen der Polizei und kriminellen Banden. Brennpunkte dieses Geschehens waren die Bundesstaaten Pernambuco, Bahia und Rio de Janeiro. Der Capoeirista der Zeit war ein „Malandro“, ein Krimineller und Experte beim Austeilen von Golpes (Tritte), Rasteiras (Fussfeger), Cabecadas (Kopfstösse), der auch Waffen wie Rasierklingen und Macheten benutzte. Das Verbot und die ständige Verfolgung mit der Polizei hatte zur Folge, dass Capoeira im Umland von Rio und Recife langsam verschwand.

Die Einführung der Capoeira Regional durch Mestre Bimba (Manoel dos Reis Machado) war dann ein extrem bedeutsamer Schritt hin zur Legalisierung der Capoeira und zur Rettung seines Wertes. Capoeira löste sich von dem kriminellen Image und entwickelte sich hin zu einem bedeutenden kulturellen Erbe. Zur gleichen Zeit war es Mestre Pastinha (Vicente Ferreira Pastinha), der mit der Capoeira Angola voranschritt, um damit auf die „Vermischung“ der Capoeira Regional zu reagieren und eine reine Capoeira Form zu bewahren.

Bis 1937 Jahre blieb der Kampfsport in Brasilien offiziell verboten und Capoeiristas wurden polizeilich verfolgt. Die Wende kam als der damalige Präsident Getúlio Vargas eine Vorführung zu sehen bekam und daraufhin die Capoeira zum brasilianischen Nationalsport erklärte. Es begann der stetige Aufstieg der Sportart.

Im Jahre 1937 wurde die Capoeira gesetzlich zugelassen und entwickelte sich von diesem Zeitpunkt in ganz Brasilien rasant weiter. Es begann ein sozio-kultureller Aufstieg und die Capoeira betrat als kulturelle Ausdrucksform die Szenerie. Capoeira fand sich in der Musik, in den plastischen Künsten, der Literatur und im Schauspiel wieder. Die dunkle Epoche seiner Geschichte, in der Capoeira mit all seinen Ausdrucksformen von der Gesellschaft vollständig ausgegrenzt wurden, war beendet. Capoeira hatte sich zum Kulturerbe des brasilianischen Volkes entwickelt. Capoeira entstand und überlebte, dank der afrikanischen Bevölkerung Brasiliens - ihrem Widerstand und Überlebenskampf unter harten und schwierigen Bedingungen sowie ihrem ewigen Kampf nach Freiheit.

Der stetige Aufstieg der Sportart, der 2014 in der Anerkennung durch die UNESCO gipfelte. Die „roda de capoeira“ gilt seitdem als „Weltkulturerbe der Menschheit“.

Ursprung des Wortes „Capoeira“

Genauso vielseitig wie die Capoeira selber ist auch die Herleitung des Begriffs. Es existieren vier unterschiedliche Deutungen.

  • Zunächst kann man Capoeira aus der angolanischen Bantu-Sprache ableiten, wo es für religiöse Riten, Tanz- und Kampfbewegungen steht.
  • Das portugiesische Wort „capão“ bedeutet „Hühnerkampf“ und verweist auf das niedere Ansehen der Sklaven als Vieh, das sich in gegenseitigen Kämpfen misst.
  • Ein weiterer möglicher Ursprung liegt in der Zoologie. In Brasilien beheimatet ist ein gleichnamiger Vogel, dessen Gesang die ersten Capoeiristas in ihrer Musik imitierten.
  • In der Sprache der brasilianischen Indigenen, dem Tupi Guarani, bedeutet „caá-pûera“ soviel wie „gerodete Urwalddichtung“. Der Begriff beschreibt die versteckten Örtlichkeiten, an denen die Sklaven die Capoeira ausübten.

Bedeutung der Capoeira für die Gesellschaft

Schon immer war Capoeira mehr als bloße körperliche Betätigung. Für die Sklaven bot sie die Möglichkeit zum kurzzeitigen Ausbruch aus der Kolonialherrschaft. Auch in der heutigen Zeit hat sie die Macht, das Leben von Menschen positiv zu beeinflussen. ABADÁ Capoeira ist der nationale brasilianische Verein zur Förderung der Capoeira-Kunst mit Sitz in Rio de Janeiro. Diese übergeordnete gemeinnützige Vereinigung engagiert sich in unterschiedlichsten Projekten. Dabei dient die Capoeira als Werkzeug und Motivator zur Verbesserung der Lebensbedingungen. ABADÁ möchte ein Bewusstsein schaffen für die Bereiche Soziales, Umwelt und Bildung. Alle Informationen rund um die Capoeira werden hier gebündelt, Daten erhoben und Nachforschungen betrieben. Lehrer werden weiter- und Schüler ausgebildet. In allen brasilianischen Staaten und in 58 Ländern auf fünf Kontinenten hat der Verein eine Repräsentanz. So trägt die Capoeira die brasilianische Kultur über die Landesgrenzen hinaus.