Die Budokan Hall in Tokio ist das Mekka des Judo, ein Tempel, der für die Olympischen Spiele in Tokio 1964 errichtet wurde und in dem auch im kommenden Jahr die Judo-Veranstaltungen der verschobenen Sommerspiele 2021 stattfinden werden. Im vergangenen Jahr war der Nippon Budokan - mit seiner sehr auffälligen achteckigen Architektur - Austragungsort der Judo-Weltmeisterschaft.
Der Geist von Anton Geesink
Noël van 't End ist nicht gläubig. Nicht in einem religiösen Sinn. Aber an diesem Tag musste er von der Macht des Geistes und seinen innewohnenden Kräften überzeugt werden. Es war der 29. August 2019. Vom Erwachen um 8 Uhr morgens bis zu seinem letzten Kampf - die Krönung seiner Karriere, die ihn an die Weltspitze hieven würde - fühlte sich der niederländische Judoka von der Anwesenheit seines legendären Vorgängers in Besitz genommen.
"Als ich den Budokan betrat", erinnert sich van 't End, "gab es überall Plakate von Anton Geesink. Ich konnte seine Anwesenheit spüren wie Vibrationen. Also bat ich ihn vor jedem Kampf, mir zu helfen. Insbesondere vor dem Finale ..." Als er vor dem Kampf um die WM-Goldmedaille auf die Tatami-Matte trat, trat van 't End auch in die Fußstapfen seines übergroßen Landsmanns Geesink.
35 Jahre später stand auch er einem japanischen Judoka gegenüber - wieder in Tokio, wieder im Budokan, wieder vor einem erwartungsvollen japanischen Heimpublikum. "Ich schloss die Augen und bat Anton ein letztes Mal um Hilfe, um diesen Japaner zu besiegen, genau wie er es damals getan hatte." Mit dem Sieg über Shoichiro Mukai gewann Noël van 't End den ersten Weltmeistertitel für die Niederlande seit zehn Jahren. Er ist bis heute davon überzeugt, dass er vom Geist der Legende aus Utrecht getragen wurde. "Anton war den ganzen Tag bei mir", sagte er hinterher.
Ein historischer Sieg in Tokio 1964
Bei den Olympischen Spielen in Tokio vor 55 Jahren war das eine ganz andere Geschichte. Damals gelang es einem Mann - wenn auch einem Mann von Anton Geesinks überragender Statur - ein ganzes Land in die Knie zu zwingen. An diesem Herbstabend im Jahr 1964 festigte der Riese aus der europäischen Tieflandebene nicht nur seinen Platz im Pantheon des Judo und in den Geschichtsbüchern der Olympischen Spiele, er veränderte für immer das Gesicht seines Sports und erlangte nicht nur in den Niederlanden Kultstatus.
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Kaum zu glauben ist, dass Geesink trotz der darauf folgenden nationalen Trauer auch in Japan zu einem Halbgott erhoben wurde. Auch sein Tod im Jahr 2010, im Alter von 76 Jahren, löste in beiden Ländern vergleichbare Trauer und Bestürzung aus. Nach Anton Geesink ist auch eine Straße benannt - dieselbe Straße, in der er 1934 geboren wurde.
Die Offenbarung mit 14 Jahren
Als schlaksiger Teenager arbeitete er in seiner Freizeit als Maurer. Aber Sport war früh seine Leidenschaft: Fußball, Schwimmen, Leichtathletik - egal was, Anton versuchte sich in allem. Bis er eine Offenbarung hatte. "Eines Tages", so erzählte er es im französischen Fernsehen, das ihm 1962 eine Reportage widmete, "nahm ich an einem Demonstrationswettbewerb eines französischen Judoka teil. Ich wusste sofort, dass ist es, was ich tun wollte. Ich war 14 Jahre alt."
Dies war für ihn der Beginn einer ganz besonderen Bindung zu Frankreich. Und wieder in der französischen Hauptstadt wurde er fast ein Jahrzehnt später Weltmeister. Geesink prägte die Grundlagen seines Sports wie kein anderer.
Frankreich war für Anton Geesink Synonym für harte Arbeit. Er verbrachte alle seine Sommer in Beauvallon, in der Nähe des berühmten Badeortes Saint-Tropez. Hier im Camp du Golf Blue traf sich die Creme de la Creme des europäischen Judo, hier fand er perfekte Bedingungen für seine harte Trainingsarbeit und die Möglichkeit einer exzellenten Entspannung. In diesem Hotelcamp knüpfte Geesink Kontakte zu zwei großen Persönlichkeiten des französischen Judos, die nicht nur seine härtesten europäischen Rivalen waren, sondern auch zwei enge Freunde wurden: Henri Courtine und Bernard Pariset.
Für Henri Courtine war es Geesinks einzigartiger Arbeitsethos, der ihn auszeichnete. Courtine hat Geesink genau beobachtet. "Man sagt, Anton Geesink habe wegen seines außergewöhnlich großen und muskulösen Körpers so oft gewonnen, aber seine wahre Stärke lag in seiner Gründlichkeit", sagte er der Zeitschrift "L'Esprit du Judo". "Er hat nie eine Pause gemacht. Im Sommercamp war er immer zuerst im Bett und dann, am nächsten Tag, stand er um 6 Uhr morgens auf, um über die Bucht zu schwimmen! Und den ganzen Morgen über trainierte er vor Ort mit Baumstämmen." Denn der Riese von Utrecht stemmte nie Gewichte: Sein Ding war es, ins Massif des Maures zu gehen und Baumstämme zu heben.
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Pariset, den Geesink einst als seinen "härtesten Gegner außerhalb Japans" bezeichnete, und Courtine konnten sich einige Jahre lang mit dem niederländischen Koloss messen. Gegen Ende des Jahrzehnts stellte der Niederländer seine Zeitgenossen immer deutlicher in den Schatten. Courtine erinnert sich: "Bis 1958 war er noch in Reichweite. Aber nach der Europameisterschaft in Barcelona hatten wir alle das Gefühl, dass er uns in Siebenmeilenstiefel enteilt war. Von diesem Zeitpunkt an hatten wir keine Chance mehr.
Die Weltmeisterschaft 1961
Der erste seismische Ausschlag von Anton Geesink wurde im Frühjahr 1961 während der dritten Judo-Weltmeisterschaft im französischen Coubertin dokumentiert. Geesink hatte seine Gegner, einschließlich der Japaner, komplett im Griff und auch im Finale den Titelverteidiger Koji Sone dominiert. Es war der erste Stein, den Geesink in den japanischen Garten seiner zukünftigen Gastgeber geworfen hatte, gedacht als ein Warnzeichen drei Jahre vor den Spielen in Tokio, bei denen Judo auf Geheiß des Gastgebers zum ersten Mal auf dem olympischen Programm stehen sollte.
Einige Monate nach diesem bahnbrechenden Triumph machte sich der Niederländer seinen eigenen Reim auf die Selbstüberschätzung seiner orientalischen Rivalen, die sich dadurch öffentlich brüskiert fühlten. "Ich denke, dass die Japaner mit ihren aufgeblasenen Egos nach Frankreich gekommen waren. Sie dachten, sie seien sehr, sehr stark, aber nach dem ersten Kampf konnten wir alle sehen, dass die japanischen Judokas keine Athleten waren. Sie arbeiten nur im Judo, nur mit der Technik, wir arbeiten darüber hinaus auch sehr hart außerhalb unseres Sports."
Neben seiner Tirade gegen das japanische Judo scheute sich der neue Weltmeister auch nicht, seine eigenen Grenzen infrage zu stellen. Dieses Selbstbewusstsein war eine weitere seiner großen Stärken. Zum Beispiel stand er seinen Leistungen während der WM in Frankreich - trotz seiner Goldmedaille - sehr kritisch gegenüber. "Nach diesem Sieg", erklärte er, "wurde mir klar, dass mein Judo noch nicht reif genug war, besonders wenn es um meine Bodentechnik ging. Also machte ich mich wieder doppelt so hart an die Arbeit."
Geesink verbrachte drei Monate in Japan an der Tenri-Universität in Nara, wo er ausschließlich an seinen Bodentechniken des Ne-waza arbeitete, die er als das Judo der Zukunft betrachtete. Geesink monierte später in einem seiner elf Bücher, dass die Bodentechnik von vielen japanischen Judoka-Puristen als geringfügig angesehen wurde. "Sie sind meiner Meinung nach zu romantisch, weil sie darauf bestehen, den Wettbewerb durch einen spektakulären Wurf zu entscheiden." In Tenri, in der mythischen Heimat des Judo, hat der Niederländer sein Handwerk mit viel Schweiß und harter Arbeit zusammen mit einigen der besten Judoka der Welt verfeinert.
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Die Olympischen Spiele in Tokio 1964
Alles, was jetzt noch fehlte, war, dass Geesink den Olymp eroberte. Zumindest wenn es darum ging, den noch fehlenden Titel zu gewinnen. 1964 war Geesink 30 Jahre alt. Sein erster olympischer Versuch würde zugleich auch sein Letzter sein. Das wusste er.
Geschockt durch die niederländische Machtdemonstration bei der WM im Jahr 1961, hatten die Japaner auf die Einführung von Gewichtsklassen gedrängt und vom IOC auch erhalten. Ziel war es, ihre Chancen auf Medaillengewinne zu erhöhen. Vier Veranstaltungen standen daher auf dem Programm: Das Leichtgewicht (unter 68 kg), Mittelgewicht (unter 80 kg), Schwergewicht (über 80 kg) und die offene Klasse, die sogenannte Openweight Divison. Japan hatte in den ersten drei Klassen souverän Gold gewonnen. Aber es fehlte noch die Entscheidung in der prestigeträchtigsten Judoklasse, die offene Gewichtsklasse, in der die imposante Gestalt von Geesink noch eine große Rolle spielen sollte. Für Japan war Gold fest eingeplant und ein Misserfolg undenkbar.
Für den umfassenden Triumph fehlte nur noch der Sieg von Akio Kaminaga im Finale der Offenen (Gewichts-)Klasse. Doch ihm entgegen standen 102 Kilogramm Körpermasse, verteilt auf die 1,98 Meter Körperlänge. Die des Niederländers Anton Geesink! Er war kein echter Außenseiter. Mit einem perfekten Wurf, einem lupenreinen Ippon, zwirbelte Geesink seinen Gegner auf die Matte und wurde zu einem der Helden dieser Spiele.
Für die anschließende Stimmung in Japan kennzeichnend waren Gerüchte, Geesinks Kontrahent Kaminaga hätte aus Scham über seine Niederlage Harakiri begangen. Geesink war fortan als Volksheld beschäftigt. In Utrecht wohnte der zweimalige Welt-, elfmalige Europameister und Träger des zehnten Dan. In der Anton Geesinkstraat betreute er Kinder in seiner eigenen Judoschule. Er starb hochverehrt 2010.
Judo bei den Olympischen Spielen: Ein Überblick
Judo startete eigentlich recht spät seine Geschichte im Rahmen der olympischen Sommerspiele. Erst 1964 gab es die ersten Bewerbe, die Frauen hatten überhaupt erst in den 1990er-Jahren erstmals die Möglichkeit, um Medaillen zu kämpfen. Rein gefühlsmäßig glauben viele, dass Judo seit jeher Teil des olympischen Programms war, doch der Eindruck täuscht - umso mehr, wenn man an die Frauenbewerbe denkt.
Wichtig für den Judosport in der olympischen Geschichte waren auch die Jahre 1972 und 1980, als weitere Gewichtsklassen hinzugefügt wurden und somit eine ganze Reihe an Kämpfe möglich wurden, die die neuen Olympiasieger ermittelten. Doch blieb auch mit den Erneuerungen gleich, dass es sich um reine Männerbewerbe handelte. Das änderte sich erst im Jahr 1992, als auch die Damenbewerbe eingeführt wurden.
Seither gibt es bei Frauen und Männer eine ganze Reihe an Gewichtsklassen und die Möglichkeit, um die Goldmedaille mitkämpfen zu dürfen, wobei die Gewichtsklassen natürlich auch nötig sind, um Gerechtigkeit zu ermöglichen. Der Judosport unterscheidet sich von anderen olympischen Bewerben insofern, als es stets zwei Bronzemedaillengewinnerinnen oder Bronzemedaillengewinner gibt. Denn der Platz drei wird nicht ausgekämpft. Wer im Halbfinale verliert, hat seine Bronzemedaille sicher, die Gewinner kämpfen um den Titel und somit um die begehrte Goldmedaille.
Die Gewichtsklasse ist bei den Kampfsportarten wie Boxen oder Judo wesentlich, denn sie begrenzt die Möglichkeiten der Teilnehmer. Aktuell gibt es ganze 14 Gewichtsklassen im Judo, jeweils 7 Gewichtsklassen pro Frauen und Männer und damit viele Chancen auf eine Goldmedaille.
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Aktuelle Entwicklungen und Ergebnisse
Teddy Riner, der französische Superstar des Judo, hat die Grande Nation nicht enttäuscht und bei den olympischen Heimspielen in Paris zum dritten Mal Gold im Schwergewicht gewonnen. Der 2,05 Meter große und 150 Kilogramm schwere Ausnahmeathlet setzte sich am Freitag im Grand Palais Ephemere auf dem Marsfeld im Finale gegen Kim Min Jong aus Südkorea durch und versetzte die rund 8.500 Zuschauer in Ekstase.
Riner hatte bereits 2012 und 2016 Gold im Einzel und 2021 im neu geschaffenen Teamwettbewerb gewonnen, mit vier Olympiasiegen ist er nun der erfolgreichste Judoka der Geschichte. Vor Riner hatte nur der Japaner Tadahiro Nakamura dreimal Einzelgold gewonnen. Zudem holte der elfmalige Weltmeister 2008 und 2021 Olympia-Bronze.
Die deutschen Judoka schieden in den letzten Einzelentscheidungen früh aus. Damit bleibt Silber für Miriam Butkereit in der Klasse bis 70 kg die einzige Einzelmedaille für das Team des Deutschen Judo-Bundes (DKB) bei den Sommerspielen. Erik Abramov und Renee Lucht sind bei den Olympischen Spielen in Paris aus dem Judo-Turnier ausgeschieden.
Am Freitag scheiterte Schwergewichtler Erik Abramov (Potsdam) in der Klasse über 100 kg im Achtelfinale an Temur Rachimow aus Tadschikistan.
Ricardo Blas: Ein besonderes Schwergewicht
Ricardo Blas tritt für Guam bei den Olympischen Spielen im Judo-Schwergewicht an - und hat zumindest die Voraussetzung einer Leibesfülle von über 100 kg schon mal locker erfüllt. Er wiegt 211 kg. Auch wenn es mit dem Judo noch zu keiner Medaille gereicht hat: Den Titel als schwerster Olympiateilnehmer hat der 1,83 Meter große Ricardo Blas mit seinen 211 Kilo sicher. Blas war schon 2008 bei den Olympischen Spielen von Peking dabei - verlor aber bereits seinen ersten Kampf nach dreimaliger Verwarnung wegen Passivität gegen den Georgier Lasha Gujejiani (l.).
| Jahr | Ort | Bemerkenswerte Ereignisse |
|---|---|---|
| 1964 | Tokio | Judo erstmals olympische Sportart, Anton Geesink gewinnt Gold in der offenen Klasse. |
| 1972 | München | Willem Ruska gewinnt Gold im Schwergewicht und in der offenen Klasse. |
| 1992 | Barcelona | Erstmals Frauenbewerbe im Judo. |
| 2024 | Paris | Teddy Riner gewinnt zum dritten Mal Gold im Schwergewicht. |
