Karat und die Bedeutung von "Glocke 2000" mit Tamara Danz

Die Ostrocklegende Karat begeistert ihr Publikum immer wieder mit Akustiktouren, bei denen ältere und jüngere Songs neu bearbeitet und musikalisch auf die Bühne gebracht werden. So machte die Band auch in Wittenberge Halt.

Mit ihrer aktuellen Akustiktour machte die Band Halt in der Elbestadt. Auf der Bühnen standen mehrere Stehlampen, ein Sessel und ein Vogelkäfig. Wohnzimmeratmosphäre. Zu hören waren unvergessene Hits wie „Über sieben Brücken” oder „Schwanenkönig”, mit denen die Band in der DDR bekannt wurde, und neue Songs.

„Guten Abend Wittenberge”, rief Sänger Claudius Dreilich den Gästen zu und das Publikum jubelte. „Wir haben überlegt, ob wir hier schon mal gespielt haben. Dann haben wir hinten im Flur unser Plakat von 2009 gesehen. Das war ganz schön”, sagte er mit einem seltsamen Unterton. Es war damals der Abschluss unserer Tour”, sinnierte er und das Publikum bekam eine Ahnung davon, was dort damals geschehen sein muss.

Im Zuge der Vorbereitung für ihre Akustiktour hat Karat Songs neu entdeckt, die sie sträflich vernachlässigt hatten. Der nächste Song sei viele Jahre nicht gespielt worden, kündigte Dreilich an, weil er ein Duett ist. Doch im Zuge der Akustiktour wurde er neu arrangiert. „Es ist immer wieder eine Überraschung, ob es den Leuten gefällt oder nicht. Die Schuhe waren schon recht groß, die ich mir damit angezogen haben. Es war ein Duett von meinem Vater und Tamara Danz.”

„Glocke 2000” heißt das Stück. Und es hat den Leuten gefallen. Das Publikum applaudierte frenetisch.

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Die Band Karat wurde 1974 von Ulrich Pexa und Bassist Henning Protzman gegründet. „Verneigt euch tief und soweit es geht, vor dieser herrlichen Majestät“, heißt es in einem Karat-Lied und dem kam das Publikum bereitwillig nach. Die fünf Männer von Karat waren am Freitag auf der Salzwedeler Kulturhausbühne zu erleben.

Ab dem vierten Song „Glocke 2000“ aus dem Jahr 1987, ein Duett zwischen Herbert Dreilich und der ebenfalls verstorbenen Tamara Danz von Silly, war das Publikum nicht mehr auf den Sitzgelegenheiten zu halten. Am Schlagzeug hatte der Silly-Schlagzeuger Ronny Dehn Platz genommen.

Claudius Dreilich mag Publikumsnähe und schritt in Salzwedel singend durch den ausverkauften Saal wie durch sein heimisches Wohnzimmer. Er sang zusammen mit seinen Fans über den blauen Planeten Erde und ging über sieben Brücken. Da wurde klar, dass Karat für viele eben nicht nur eine Band ist, sondern tatsächlich Freunde in ihrem Leben, Begleiter durch Zeiten, die irgendwie nie zu Ende gehen sollen.

Zum Glück spielt Karat die Songs so, wie sie einmal waren und wie sie immer sein werden. Das bleibt. Schöner druckvoller Bass, sehr differenziert von Christian Liebl (Freygang, Hansi Biebl). Bernd Römer an der Mansongitarre in seinem Element und absolut souverän.

Eine Woche zuvor standen Madsen auf dieser Bühne und Sebastian Madsen sagte: „Man merkt es einer guten Band an, wenn das, was sie macht, nicht Hobby, sondern Berufung ist. Dass sie bereit ist, dafür alles zu geben.“ Und das war genau so bei Karat schon immer.

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Die Bedeutung von "Glocke 2000"

Das sechste Studio-Album "Fünfte Jahreszeit", das um die Jahreswende erschien, präsentierte eine Menge namhafter Gäste. Neben Tamara Danz (Silly), die bei "Die Glocke Zweitausend" im Duett mit Herbert zu hören ist, gaben sich Toni Krahl (City), Mike Kilian (Rockhaus), Jürgen Ehle (Pankow) u.a. die Ehre.

Fans beschreiben die Stimmen-Kombi von Herbert Dreilich und Tamara Danz als "oberhammermäßig". Für viele verursacht der Song Gänsehaut. Einige bezeichnen das Lied als bombastisch mit gutem Text.

Musikalisch und textlich ist dieses von Herbert Dreilich selbst verfasste Lied aus 1987 wirklich gut, aber ansonsten ist es dann doch kein herausragendes Stück aus der Historie dieser überaus interessanten Ostrock-Band. Einen Bonus gibt es für die Mitwirkung von Tamara Danz mit ihrer tollen Stimme.

Ihre gewaltige Stimme hat manch einer noch im Ohr: Vor 20 Jahren, am 22. Juli 1996, starb Tamara Danz - die größte Rock-Röhre, die es im Osten je gab.

Die Band etablierte sich zum Aushängeschild der ostdeutschen Musikszene, und mit dem Erscheinen von „Der blaue Planet“ wurde, wiederum erstmals in der BRD, eine Goldene Schallplatte an eine Band aus der DDR verliehen.

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Der tragische Tod von Herbert Dreilich am 12. Dezember 2004 hingegen schien dann auch das Ende von Karat zu sein.

Die DDR-Rockmusik im Kontext

In der DDR löste der spektakuläre Erfolg der Beatles Anfang der 1960er Jahre eine Entwicklung aus, die zunächst ganz analog zu der in Westeuropa verlief. Musikbegeisterte Jugendliche im Schulalter griffen verstärkt zur Gitarre, um in der für die britische Beatmusik typisch gewordenen Besetzung der Beatles mit drei Gitarren (Lead-, Rhythmus-, Bassgitarre) und Schlagzeug ein angloamerikanisches Repertoire nachzuspielen.

Die Triade aus Reglementierung, Förderung und Repression, die am Schicksal einer der populärsten Rockbands in der DDR auf fatale Weise sichtbar ist, hat die DDR-Rockmusik zutiefst geprägt. Die DDR-Gesellschaft war nach dem Organisationsprinzip aufgebaut, Organisationen regelten die Beteiligung an der Gesellschaft und fungierten zugleich als soziales und politisches Kontrollinstrument.

Die Aktivitäten, die Jugendliche angeregt durch die britische Beatmusik entfalteten, bedeuteten einen Angriff auf das Kulturmonopol der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands). Die musikalischen Anregungen hierzu kamen aus dem Westen und unterliefen damit das Abgrenzungsgebot, an dem die SED eisern festhielt, auch wenn sie sich später zu pragmatischen Zugeständnissen genötigt sah.