Fauste Bohnen Karate Anleitung: Eine Reise in die Welt des Kung Fu in Shaolin

Die Kunde von Shaolin lebte jenseits der Grenzen Chinas weiter, denn »Alle Kampfkünste unter dem Himmel sind in Shaolin geboren«, sagt ein altes chinesisches Sprichwort. Die Anhänger der verschiedenen Kampfsportarten, von Judo und Karate in Japan bis Taekwon-Do in Korea, betrachteten das alte Kloster in Honan weiterhin als ihren heiligen Schrein.

Vor allem aber waren es Filme aus Hongkong, die Kung Fu in ganz Südostasien bekannt machten, ja selbst in Europa. In einem halben Dutzend solcher Streifen ließ Superstar Bruce Lee Fäuste und Füße wirbeln - Kung Fu wurde populär und überdies ein Riesengeschäft.

Zu Ende der 70er Jahre - Mao war tot, die Viererbande gestürzt - erkannte endlich auch die pragmatischer gewordene chinesische Führung, daß Kung Fu eine wahre Goldmine sei. China dürfe nicht mehr andere, die nicht einmal Shaolin vorweisen könnten, dessen Ruhm und mögliche Einnahmequellen ausbeuten lassen.

Deshalb öffneten die Behörden in Peking das Kloster erneut und stellten auch Geld zu seiner Restaurierung zur Verfügung. Und das arme Dengfeng, die graue, verwitterte heilige Stadt am Fuße des Klosterberges Song Shan, wurde auf die neue Touristen-Landkarte Chinas gesetzt.

Kung Fu kehrte als Attraktion in die verschlafene Region um Dengfend zurück: Tausende von Menschen wollten mit eigenen Augen den heiligen Schrein sehen und seine Kampfesgeheimnisse erfahren. Für die Unterbringung der Touristen ließen die Behörden eilig ein Motel erbauen.

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Zwischen Dengfeng und dem Kloster Shaolin wurde eine zehn Meter breite Straße angelegt; ein »Laden der Freundschaft«, der Coca-Cola und Bier aus Peking anbietet, nahm in der Nähe des Klosters seinen Betrieb auf; der »Kampfsportverein« wurde gegründet, der junge Kung-Fu-Kämpfer ausbilden und den Touristen gegen Eintrittsgeld Vorstellungen bieten soll.

Die Einwohner von Dengfeng haben kleine Werkstätten eingerichtet, in denen sie Shaolin-Andenken herstellen, an Kiosken bieten sie außerdem Getränke und Lebensmittel an. Ein blühender Handel mit Büchern für Selbstunterricht in Kung Fu und mit Sammlungen von Shaolin-Legenden ist entstanden.

Der neueste Band, den die Mönche selbst verkaufen, heißt »Geheimrezepte für das Heilen von Verletzungen, die durch Fallen und Schläge verursacht wurden«.

Doch nicht nur Schaulustige kommen neuerdings nach Dengfeng, sondern auch viele Kinder, die in Kung Fu ausgebildet werden möchten, einige der Bewerbungen sind mit Blut geschrieben.

Die Behörden des Ortes kamen gar nicht umhin, mehrere Spezialschulen in der kleinen Stadt Dengfeng zu genehmigen. Kung-Fu-Bewerber werden gleichwohl streng bürokratisch gesiebt: Jeder, der den Kampfsport erlernen möchte, benötigt die Zustimmung seiner Eltern, die Zustimmung der Behörden seines Heimatortes und die Zustimmung der Regionalverwaltung von Dengfeng.

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In den Schulen, die in dem Gebiet um das Kloster entstanden sind, üben sich heute 500 Kinder in Kung Fu: 300 stammen aus der Gegend, 200 kommen aus den verschiedenen Teilen Chinas.

»Ich sah den Film ''Shaolin-Kloster'' und bat meine Eltern, hierher gehen zu dürfen. Ich möchte Kung Fu lernen, und vielleicht trete ich eines Tages auch in einem Film auf«, sagt ein schüchterner 13jähriger Junge, der vor einem Jahr aus einem Dorf in der Provinz Kueitschou anreiste, ungefähr 2000 Kilometer entfernt. Er möchte fünf Jahre lang in der Schule bleiben.

Seine Schule ist eine verlassene Hochofenanlage in der Nähe von Dengfeng. Die Lebensverhältnisse sind spartanisch: 13 Schüler, davon zwei Mädchen, schlafen in einem gemeinsamen Raum und essen in einer primitiven Kantine. Jeden Tag über sie drei bis fünf Stunden. Die Kinder brauchen heute nicht mehr all die schmerzhaften, zum Teil grausamen Härtetests der Mönche von früher zu bestehen, dennoch bleiben von dem Stoßen und Schlagen auf Sandsäcke Blasen und Abschürfungen zurück.

Die Schule wird von einer landwirtschaftlichen Kommune geleitet, die unter ihren Bauern einen früheren Mönch von Shaolin entdeckt hatte, der weggezogen war, als die kommunistische Armee dort 1949 eintraf. Das Schulgeld beträgt 30 Yuan monatlich (zehn Yuan für den Kung-Fu-Unterricht, 20 Yuan für Verpflegung und Unterkunft). Für die Kommune ist das ein gutes Einkommen aus einer »Nebenbeschäftigung«, wie es im Bürokraten-Jargon heißt; die Kinder und ihre Familien belastet es finanziell erheblich. Der durchschnittliche Monatslohn eines Arbeiters liegt bei 60 Yuan.

Zwölf solcher Kung-Fu-Schulen werden in Dengfeng kollektiv von Kommunen geleitet, drei weitere von den Mittelschulen der Region. Außerdem nehmen einige Bauern, die in dem berühmten Kloster Mönche waren oder dieses zumindest behaupten, »Privatschüler« auf, für eine monatliche Gebühr von 25 Yuan.

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Nicht alle Schüler sind zufrieden. »Ich glaubte, ich könnte lernen, wie man durch Wände schreitet und wie man auf Dächer springt, aber ich übe hier ja nur Gymnastik«, sagt ein 15jähriger Junge aus der Mandschurei.

Kung-Fu-Lehrer in Dengfeng sagen, daß die Enttäuschung der Schüler in den ersten Wochen ein Problem sei. Sie sagen aber auch, nur sehr wenige gäben auf, wenn sie einmal von der Schule aufgenommen worden seien.

»Einige treffen hier mit falschen Vorstellungen ein. Sie glauben, Kung Fu sei das, was sie in den Filmen gesehen haben«, sagt der Leiter der Mittelschule Nummer 15, »wir können keine Wunder lehren.«

Die Kung-Fu-Schulen in Dengfeng, die jetzt unter der Aufsicht der örtlichen kommunistischen Verwaltung stehen, lehren berühmte klassische Kampfhiebe nicht mehr, nicht den »Tigerschlag« oder den »Stiertöter«, mit denen ein Gegner im Kampf getötet werden sollte.

»Diese Übungen sind zu gefährlich, der Staat fördert solche Aktivitäten nicht«, sagt Liang Yichuan, Stellvertretender Direktor des Kampfsportvereins, der einer Familie großer Kung-Fu-Meister entstammt. »Kung Fu muß heute nicht so tödlich sein, wie es früher einmal war. Jetzt müssen wir gute Kämpfer ausbilden, aber besonders auch gute Bürger.«

Das Wiederaufleben von Kung Fu ist in der Partei keineswegs unumstritten. Etliche Kader sehen in dem Kampfsport einfach ein Relikt finsterer Zeiten, »durch das die Feudalgesellschaft verherrlicht wird und die Jugend den Eindruck gewinnt, es wäre viel besser, man hätte vor tausend Jahren gelebt, als das Land heute aufzubauen«, wie ein Zeitungsredakteur meint.

Und kürzlich mußte die Sportzeitung »Tiyu Bao« ihre Leser daran erinnern, daß »das Ziel des Erlernens von Kung Fu darin besteht, der Gesellschaft bessere Dienste zu erweisen«.

Auf jeden Fall erweist der Kung-Fu-Unterricht der Stadt Dengfeng gute Dienste. Der Kampfsport soll, so der von Peking gebilligte Staatsplan, zum Mittelpunkt der wirtschaftlichen Entwicklung werden, zur Touristenattraktion, zum Hauptexportartikel dieses bislang rückständigen, isolierten Gebietes.

Im September werden vier Kindergärten versuchsweise Kung-Fu-Klassen aufnehmen; die Zahl der Grund- und Oberschulen, die sich auf den Kampfsport spezialisieren, wird verdoppelt. Und immer mehr Schüler auch aus entfernten Regionen Chinas erhalten Zugang.

Die Einrichtungen für Touristen in der Gegend von Dengfeng werden mit Staatsinvestitionen ausgebaut - und in Zusammenarbeit mit einigen Firmen aus Hongkong.

Von den Studenten, die jetzt an den Schulen in Dengfeng lernen, werden in sechs bis acht Jahren die ersten ihr Abschlußexamen als Kung-Fu-Meister machen. Dann soll die Gesamtzahl der Kung-Fu-Schüler schon ungefähr 15 000 erreichen.

»Dengfeng wird das gesamte Land mit echten Shaolin-Lehrern versorgen«, sagt Wu Chengde vom Sportausschuß der Region.

Aber Shaolin wird dennoch nicht mehr denn oberflächlich restaurierte Kulisse sein. Der Kung-Fu-Boom geht am Kloster, geht an den alten frommen Mönchen vorbei. Ein großer Teil des Klosters liegt in Trümmern. Die Buddha-Statuen sind neu, aus Gips gefertigt und in grellen Farben bemalt, die wenigen Mönche alt und gebrechlich. Einige können sich nicht mehr vom Bett erheben, geschweige denn mit ihren Händen Ziegel zertrümmern oder über Mauern springen.

Mit Kung Fu beschäftigt sich im Kloster niemand mehr. Die berühmte Tempelhalle, in der Tausende von Mönchen ihre Füße durch unablässiges Stampfen auf dem Boden stählten, was tiefe Abdrücke hinterließ, ist mit einer dicken Staubschicht bedeckt.

Shaolin Si ("Kloster des jungen Waldes") ist kein Zentrum buddhistischer Meditation mehr, ist nicht mehr Mittelpunkt der Kung-Fu-Welt.

»Der Kampfsport braucht zu seiner Entfaltung keinen Buddhismus«, sagt ein Parteifunktionär in Dengfeng. »Die Mönche sollen sich um ihre Religion kümmern, und wir werden uns um den Sport kümmern.«

Tatsächlich jedoch haben die elf alten überlebenden Mönche nicht einmal die Freiheit, sich um die Religion zu kümmern, denn der Staat, der jetzt die Kung-Fu-Renaissance fördert, möchte natürlich nicht gleichzeitig den Buddhismus beleben. So darf das Kloster weder neue Schüler anwerben noch Religion unterrichten.

»Viele junge Leute kamen zu uns und wollten Mönch werden, aber wir mußten sie abweisen«, sagt Abt De Chan, »nur der Staat kann die Auswahl treffen.«

Gleichwohl ist das Kloster ein unerläßlicher Rahmen für Kung Fu und dessen Ausbeutung als Touristenattraktion. Nur deshalb wurde der Tempel wiedereröffnet und restauriert; nur deshalb wurden die wenigen Mönche, die die Verfolgungen der Kulturrevolution überlebt haben, hierher zurückgebracht: Sie spielen eine Statistenrolle auf neu hergerichteter Bühne.

Als letzter traf aus Szetschuan, wo er 1966 Zuflucht gefunden hatte, der 82jährige Meister Hai De ein, der dafür berühmt ist, daß er in jüngeren Jahren auf zwei Fingern stehen konnte und seit 60 Jahren nie liegend in einem Bett geschlafen hat, sondern im Sitzen wie Da Mo.

In Zukunft müssen Buddhismus und Kung Fu getrennte Wege gehen.

Der Abt De Chan, der unsicher in seinem Bett sitzt, sagt: »Die Zukunft des Buddhismus kann ich mit meinen eigenen Augen nicht sehen, aber die Zukunft von Kung Fu umgibt mich überall.«

Neben den roten Wänden des Klosters arbeiten die Maurer am Bau der neuen »Halle für Kung-Fu-Vorführungen«.