Capoeira ist eine brasilianische Kampfkunst bzw. ein brasilianisches Selbstverteidigungssystem. Die Techniken kamen mit afrikanischen Sklaven um 1530 nach Brasilien. Entwickelt aus der Not heraus, führten ursprünglich afrikanische Sklaven auf den Plantagen in Brasilien Capoeira durch, um sich gegen ihre Unterdrücker zu wehren. Die Techniken wurden verfeinert, bis es Sklaven gelang, von den Plantagen in den Dschungel zu fliehen und dort in kleinen Wehrdörfern (Quilombos) ihre Techniken zu verfeinern.
Charakteristisch für die brasilianische Kampfkunst ist, dass sie Angriffs- und Verteidigungs- bzw. Ausweichtechniken mit tänzerischen Elementen und rhythmischer Musik kombiniert. Die tänzerisch anmutende Form soll dazu gedient haben, die kämpferische Natur der Bewegungen vor den Plantagenbesitzern zu verstecken. So zumindest lautet eine weitverbreitete These. Unstrittig ist, dass Capoeira immer eng mit dem Befreiungskampf der Sklaven in Brasilien verbunden war.
Heutzutage gibt es viele Schulen verschiedener Stilrichtungen. Capoeira hat sich in viele Städten Europas ausgebreitet und ist heute aktiv in Lissabon (PT), Madrid (ES), Berlin (DE), Warschau und Breslau (PL), Karvin (CZ) und Zaporozhye (UA).
Grundlagen der Capoeira
Obwohl man Capoeira als Kampfkunst bezeichnet, spricht man von einem „Spiel“ (port.: jogo). Dieses findet innerhalb einer sogenannten „Roda“ statt: eines Menschenkreises. Der Kreis stellt jedoch nicht nur das Spielfeld dar, sondern symbolisiert gleichzeitig auch einen gesellschaftlichen Rahmen, in welchem sich die Spieler bewegen. In diesem Raum treffen zwei Spieler aufeinander und versuchen durch eine fließende und harmonische Körpersprache miteinander zu kommunizieren.
Eines der wichtigsten Elemente beim Capoeira ist die Musik. Art und Schnelligkeit des Rhythmus diktieren sowohl den Stil des Spiels als auch seine Intensität. Beim sogenannten São Bento Grande geht es meist am kämpferischsten zu, beim Benguela dominieren flüssig-elegante Bodenbewegungen.
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Die Ginga
Die „Ginga“ ist die Basisbewegung beim Capoeira und sowohl Ausgangs- als Rückkehrpunkt vieler Bewegungen: Angriff, Verteidigung, akrobatische Elemente. Schon an der Ginga lassen sich die verschiedenen Stile und Schulen ablesen. So nutzen manche gezielt die Arme, um während dieses Grundschritts exponierte Körperteile zu schützen, während andere hierauf weniger Wert legen.
Abb. Stell dir vor dir auf dem Boden ein Dreieck vor. Nun machst du mit dem rechten Bein einen Schritt zur rechten Ecke des Dreiecks. Anschließend machst du mit dem Linken Fuß einen Schritt zur linken Ecke des Dreiecks. Diese Position wird ab jetzt die Ausgangsposition, aus der du die Ginga beginnst. Jetzt stellst du den rechten Fuß wieder auf die hinter Spitze des Dreiecks. Diese Position ähnelt sehr einem Ausfallschritt nach hinten. Dein rechter Fuß wird anschließend wieder nach vorn bewegt und der linke Fuß geht in die hintere Position. Diese Bewegung wird fortlaufend immer wiederholt. Versuche dabei deinen Körperschwerpunkt so tief wie möglich zu halten, um einen stabilen Stand zu haben (siehe Abb.
Capoeira Stile
Sowohl Regional als auch Angola beinhalten im Kern die gleichen Elemente wie Tritte, Würfe (Quedas), Kopfstöße (Cabeçadas) und Fußfeger (Rasteiras). In den 1970er-Jahren erlebte Capoeira eine Art Boom, in dessen Zuge sich zahlreiche neue Schulen herausbildeten, in denen Elemente aus den beiden Hauptstilen integriert wurden.
Capoeira Regional
Erfunden wurde Regional von Mestre Bimba, der bis heute als einer der wichtigsten Meister gilt und in vielen Liedern besungen wird. Bimba, der aus Salvador da Bahia stammt, integrierte in seinen Stil Elemente anderer Kampfkünste und machte Capoeira somit auch zu einer Verteidigungstechnik. Um die Effektivität seines Stils zu demonstrieren, kämpfte er öffentlich gegen Vertreter anderer Kampfkünste. Seinen Schülern brachte Bimba den zunächst als „Luta regional da Bahia“ (z. Typisch für Capoeira Regional sind kraftvolle, schnelle und kämpferische Bewegungen. Auch akrobatische Techniken („floreios“) wie Radschläge, Saltos oder Flick-Flacks sind ein wichtiger Bestandteil.
Die Capoeira Regional ist von den beiden Stilen der jüngere und derjenige, bei dem es schneller, lauter und direkter zugeht. Während die Musik beim Angola von getragenen, melancholischen Melodien begleitet werden, heizt die Musik beim Regional die Spieler an und konzentriert sich daher mehr auf Chor-Gesang als auf das Vortragen langer Strophen. Bei der Capoeira Regional geht es schnell, laut und direkt zu. Das Spiel selbst beinhaltet hohe und direkte Tritte sowie zahlreiche akrobatische Einlagen (Floreios). Ebenso darf der Partner umgeworfen werden, was durch entsprechende Techniken wie etwa Fußfegern oder Stöße vollführt wird.
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Capoeira Angola
Angola gilt als ursprüngliche Form von Capoeira, in der mutmaßlich aus noch sehr viele Elemente aus der frühen Zeit zu finden sind. Im Gegensatz zu Regional gibt es bei Angola keinen Erfinder. Dafür aber einen Meister, der als prägend für diesen Stil gilt: Mestre Pastinha. Wichtig im Capoeira Angola ist die Wahrnehmung des Gegenübers. Ein schönes Spiel findet Ausdruck im fließenden Austausch von Schlägen und Ausweichbewegungen. Jedes Spiel ist anders: Wie jeder Capoeirista seinen eigenen Stil und Charakter hat, so findet in jeder neuen Konstellation von Spielern eine neue Begegnung und ein anderes Spiel statt. "Malandragem", das im Sinne von Gaunertum übersetzt werden kann, ist eine gewisse Grundhaltung des "Angoleiros".
Capoeira Contemporânea
Viele der heute großen Schulen sind der Capoeira Contemporânea (z. Dt.: zeitgenössische Capoeira) zuzuordnen, die - wie bereits erwähnt - Elemente beider großen Stile vereinen können. Zu den bekanntesten Gruppen zählen Senzala und Abadá Capoeira. Letztere gilt als die weltweit größte Vereinigung und wurde vom Bimba-Schüler Mestre Camisa gegründet. Er ist heute als einer der wichtigsten Meister der Gegenwart, weil er die Kampfkunst permanent weiterentwickelt. Gleichzeitig ist Camisa auch sehr darum bemüht, traditionelle afrobrasilianische Tänze wie z. B. Kennzeichnend für die Capoeira Contemporânea ist die Integration der verschiedenen Stile und Rhythmen sowie moderner Kampfkunstelemente.
Weitere Capoeira Techniken
Esquivas
Esquivas sind Ausweichbewegungen und gehören zu den Meidetechniken im Capoeira. Sie bilden sozusagen die Grundlage deiner Verteidigung. Abb. Aus der Ginga heraus gehst du in die Ausgangsposition, d.h. deine Beine stehen etwas mehr als schulterbreit parallel nebeneinander. Anschließend senkst du deinen Körperschwerpunkt so tief wie möglich ab und schützt dein Gesicht mit deinem Ellenbogen.
Benção
Der Benção ist die erste Angriffstechnik die ich die empfehle. Der technische Ablauf ist nicht zu komplex. Abb. Wie gewohnt beginnst du in der Ginga. Verlagere dein Gewicht auf dein Standbein. In der Abbildung ist es das linke. Führe dein Schlagbein, das rechte, von hinten gerade nach vorn, indem du das Knie zur Brust ziehst und dann nach vorn streckst. Während Dessen verlagerst du deinen Oberkörper nach hinten und balancierst dein Gleichgewicht mit dem rechten Arm aus. Der linke Ellenbogen schützt dein Gesicht vor einem Gegenangriff.
Cocorinha
Neben den verschiedenen Esquivas gibt es noch weitere Meidebewegungen. Eine davon ist die Cocorinha. Mit dieser defensiven Bewegung kannst du besonders gut halbhohen Tritten ausweichen, wie z.B. Abb. Aus der Ginga heraus, begibst du dich in die Ausgangsposition. Im Anschluss bewegst du deinen Oberkörper nach hinten und stützt dich mit einem Arm auf dem Boden ab, während dein zweiter Arm dein Gesicht schützt.
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Meia-lua de Frente
Der Meia-lua de Frente ist die letzte Technik, die ich dir heute vorstelle. Abb. Wie schon bei der Esquiva lateral startest du auch beim Meia-lua de Fronte aus der Ginga. Verlagere dein Gewicht auf dein Standbein. In der Abbildung ist dies das linke. Löse dein Schlagbein vom Boden und führe es in einem Halbkreis von außen nach innen vor deinem Körper entlang.
Aú batido
Aú batido bedeutet wörtlich „kaputtes Rad“. Diese Bewegung ist eine überaschende Verteidigungsbewegung, die verwendet wird, wenn seitens des Gegenspielers in der eigenen Aú-Bewegung versucht wird, z.B. mit einem Kopfstoß (Cabeçada) zu stören. Über die Bewegungstechnik z.B. Esquiva oder Negativa werden beide Füße mit Knie voraus zusammengeführt, ein Arm schüzt dabei den Oberkörper, der andere Arm wird zur Ellenbogenabstützung seitlich nah in Bewegungsrichtung aufgesetzt. Anschließend erfolgt eine Aú-Bewegung mit gelschlossen/angehockten Beinen. Am Ende der Bewegung berührt ein Fuß nach den anderen den Boden, dabei sollte der Körper geschlossen und maximal geschützt sein.
Aú sem Mão
Ein Aú ohne Hände, dabei fungiert als Eingangsbewegung der Oberkörper als Schwungmasse mit seitlicher Arm-Rotations-Drehung. Ausführung startet wie ein normaler Aú, aber sobald die Beine vom Boden abheben, wird die Hüften in seitliche Bewegungsrichtung dreht, infolge die Beine sich am Ende.
Balanço
Der Balanço wird vorwiegend aus der Mittellinie/ Basis der Ginga ausgeführt, von Seite zu Seite als Finten mit dem Oberkörper inkl. Arme u.a. als Schutz, um dabei den Gegner zu täuschen, sodass er sein Timing verliert und es erschwert die Mittellinie zu verfolgen bzw. nachfolgende Bewegungen abzuleiten.
Pêndulo
Der Pêndulo wird vorwiegend aus der Ginga im Rahmen der Ausführung von Esquiva de frente oder Esquiva lateral ausgeführt. Hierbei wird der Oberkörper wie ein Pendel bewegt.
Vorteile von Capoeira
Capoeira bietet eine unglaubliche Vielfalt an Bewegungen und Techniken, die Körper und Geist fordern. Es ist eine Sportart, die nicht nur deine Fitness verbessert, sondern auch Kreativität und Freude an der Bewegung fördert. Egal, ob du nach einem neuen Hobby suchst, fit werden möchtest oder einfach etwas ausprobieren willst, das Spaß macht - Capoeira ist genau die richtige Wahl für dich.
- Körperliche Fitness verbessern: Capoeira ist ein Ganzkörpertraining, das deine Muskelkraft, Ausdauer und Beweglichkeit gleichzeitig verbessert.
- Neue mentale Herausforderungen meistern: Das Erlernen einer neuen Sportart fordert nicht nur den Körper, sondern auch den Geist.
- Motivation durch Abwechslung und Fortschritt: Das Schöne an Capoeira ist, dass es nie langweilig wird. Es gibt immer etwas Neues zu lernen - ob eine neue Technik, ein Song oder eine akrobatische Bewegung.
- Soziale Interaktion und Gemeinschaft: Besonders bei Capoeira spielt die Gemeinschaft eine zentrale Rolle. Du trainierst in Gruppen, unterstützt dich gegenseitig und lernst in einer freundlichen, inklusiven Atmosphäre.
- Selbstbewusstsein aufbauen: Capoeira stärkt nicht nur den Körper, sondern auch das Selbstbewusstsein.
Graduierungssystem in Capoeira
Ähnlich wie in anderen asiatischen Kampfkünsten gibt es in den meisten Capoeiras-Schulen ebenfalls ein Graduierungssystem. So erhält man als Anfänger beim Eintreten in die Gruppe eine rohe Kordel (auch „corda crua“ genannt). Bei der ersten Kordelverleihung, wird man als Schüler sozusagen „getauft“ und bekommt einen „Apelido“, also einen Capoeira-Spitznamen oder Kriegernamen. Auch erhält man bei dieser „Batizado“ (Taufe) meist ein erste farbige Kordel. Das Besondere hierbei: Es gibt keine typischen Prüfungen. Bei Capoeira entscheidet der Lehrer über die Graduierung des Schülers. Dabei berücksichtigt man nicht nur die Technik.
Capoeira als Wettkampf
Capoeira-Meisterschaften sind eine noch relativ junge Erscheinung. Erst mit der Entwicklung und Verbreitung der Capoeira Regional ab den 1970er Jahren hielt der Wettkampfgedanke mehr und mehr Einzug. 1975 fand in Brasilien die erste Capoeira-Meisterschaft, 1982 die erste Weltmeisterschaft statt. Heute haben Landes-, Europa- oder Weltmeisterschaften für viele Capoeiristas einen festen Platz im Capoeira-Jahr - aber längst nicht für alle.
Bei der Frage, ob man Capoeira überhaupt als Wettkampf betreiben "kann", gehen die Meinungen durchaus auseinander. Kritiker sagen, das Wettkampfkonzept passe nicht zum kulturellen Hintergrund der Capoeira; durch Wertungen und formalisierte Wettkampfregeln verliere das Spiel den Witz und die Vielfalt, die Roda werde monoton. In anderen Gruppen wie Muzenza oder ABADÁ gehören Wettkämpfe und Meisterschaften ganz natürlich dazu.
Dabei unterscheidet sich ein Capoeira-Wettkampf stark von Wettkämpfen in anderen (Vollkontakt-) Kampfsportarten. Das Besondere: Die Punkte werden nicht nur an den einzelnen Capoeirista oder pro "Treffer" vergeben. Wichtig ist das Spiel als Ganzes: Das bedeutet, dass ein Spieler nicht nur auf seine eigene Darbietung oder Überlegenheit bedacht sein darf, sondern sein Spiel dem anderen Capoeirista und dessen Fähigkeiten anpassen muss. Ziel ist es, das Potenzial eines jeden Spielers im Wettkampf zur Entfaltung zu bringen.
Bewertet werden unter anderem das Zusammenspiel, die Technik und die Kreativität der Spieler. Auch das im Spiel manifeste Wissen um den kulturellen Hintergrund und die Tradition der Capoeira ist wichtig: Wer den Rhythmus und die Charakteristik der verschiedenen Spielarten nicht beachtet, erhält keine gute Punktzahl. Capoeira-Meisterschaften werden in verschiedenen Kategorien ausgetragen. Je nach Kategorie absolvieren die Capoeiristas mehrere Spiele in verschiedenen Spielarten oder Rhythmen - zum Beispiel dem langsameren Benguela und dem rasanten São Bento - und sammeln dabei Punkte.
