In der Welt des Kampfsports, insbesondere im Kickboxen, spielen Vergeltungstechniken eine wichtige Rolle. Es geht jedoch nicht nur um reine Aggression, sondern auch um Disziplin, Respekt und die Einhaltung von Regeln.
Der Fight Basement Zürich (FBZ)
Ein Beispiel hierfür ist der Fight Basement Zürich (FBZ), ein Kampfsportclub, der sich auf unorthodoxe Kampfstile spezialisiert hat. Gründer Dominik Wiederkehr zählte als Anführer der Hardturm-Front um die Jahrtausendwende zu den berüchtigtsten Hooligans des Landes.
Heute trainiert er neben Kampfsport-Enthusiasten auch zahlreiche Anhänger verfeindeter Sportclubs: Bei Wiederkehr treffen FCZ-, GC-, FCB-, ZSC-, Kloten- und HCD-Ultras aufeinander. Auch Leute aus der rechten Szene verkehren im FBZ - genauso wie Kinder von Migranten. Seit kurzem steht Wiederkehr ein syrischer Flüchtling als Assistenztrainer zur Seite. Gemeinsam mit den Ultras trainieren sie im Club den Strassenkampf.
Respekt und Kodex im Kampfsport
Während sie sich im Rest der Stadt die Köpfe einschlagen, begegnen sich die Anhänger der verfeindeten Sportclubs im FBZ mit Respekt. Wiederkehr war ein Hooligan alter Schule und somit ein Verfechter des Kodex. Dieser regelt die Umstände, unter denen sich Hooligans prügeln: Keine Gewalt gegenüber Unbeteiligten, keine Waffen, keine Überzahl, kein Nachtreten, wenn jemand am Boden liegt. «Leider wird der Kodex von vielen jungen Ultras schon lange nicht mehr eingehalten», sagt Wiederkehr.
Für Wiederkehr sind solche Vorfälle eine Schande, die mit seiner Vorstellung von Hooliganismus nichts mehr zu tun haben. Fragt man Adolf Brack, erster Hooligan-Spezialist der Stadtpolizei Zürich, seien die Schlägereien in den 90er-Jahren zwar auch schon brutal, jedoch fairer abgelaufen: «Damals war es einfach ein Kampf mit Regeln, heute ist es blanker Hass.»
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Die Rolle des Kampfsports in der Hooligan-Szene
Als Ultras werden eingefleischte Fans bezeichnet, die in ihrer Kurve mit Choreografien, Gesängen und Leuchtpetarden für Stimmung sorgen. Anders als Hooligans sind Ultras nicht per se gewalttätig. Fühlen sie sich jedoch provoziert, haben die militanten unter ihnen - die Stadtpolizei Zürich geht von mehreren Hundert aus - keine Hemmungen, die «Ehre» ihres Clubs mit Gewalt zu verteidigen.
So etwa GC-Ultra Thomas*. Der IT-Spezialist trainiert seit vielen Jahren im FBZ. Als vor dem GC-Fanlokal «Sächs Foif» eine Horde Basler aufkreuzen, nutzt er die Chance, sich in der Szene einen Namen zu machen. Bevor sich seine Freunde formieren, rennt Thomas alleine in die Meute. «Natürlich bekam ich komplett aufs Maul. Doch ich stand wieder auf, kotzte kurz auf die Strasse, liess den Mundschutz am Boden liegen und rannte den Baslern nochmals hinterher.» Thomas* ist zu diesem Zeitpunkt 15 Jahre alt.
Mit ihm zusammen trainiert Yannick*. Der FCZ-Ultra strebt eine Karriere im Militär an, seit zweieinhalb Jahren trainiert er bei Wiederkehr. Dass dort auch GC-Ultras verkehren, kümmert ihn wenig. Im Gegenteil: «Das FBZ wurde für mich zur Familie. Es geht hier nicht um die Zugehörigkeit zu irgendeinem Fussballclub, sondern darum, gemeinsam etwas zu lernen.»
Das Training im FBZ
Wiederkehr trainiert seine Jungs jeden zweiten Abend. Die Beiträge der Schüler reichen gerade aus, um die Miete des Lokals zu bezahlen. Er suche sich nicht primär die besten Kämpfer aus, so Wiederkehr, sondern solche, denen er auch abseits vom Ring noch etwas mit auf den Weg geben könne: «Bei mir erhält grundsätzlich jeder eine Chance, solange er sich an die Regeln hält. Auch Leute aus der rechten Szene.» Zu den Regeln gehört: Kein Anwerben, kein Zurschaustellen von Symbolen, keine Angriffe auf Unbeteiligte. Bisher habe noch niemand gewagt, die Regeln zu brechen. Durch das gemeinsame Training kämen seine Schüler zudem in Kontakt mit Leuten aus anderen Szenen. Dadurch würden sie früher oder später merken, dass die anderen gar nicht so anders sind.
Kritik und Kontroversen
Die Antifaschistische Aktion (Antifa) glaubt nicht an die heilsame Wirkung ethnisch durchmischter Trainingsgruppen. Auslöser war ein Kampfturnier, das Wiederkehr anlässlich seines Geburtstags im FBZ durchführte. Dabei kam es zu einer Begegnung zwischen einem Schüler Wiederkehrs und einem Mitglied der rechtsextremen Organisation Blood and Honour (B&H). Die Veranstaltung verlief friedlich, die Freunde des B&H-Kämpfers trugen auf ihren Westen jedoch entsprechende Symbole.
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Wiederkehr versteht nicht, weshalb er dafür kritisiert wurde: «Die Antifa bezeichnete meine Schule anschliessend als Kampfsportkeller für Nazis. Dass an dem Tag auch zahlreiche Ausländer präsent waren und ein dunkelhäutiger Kämpfer am Turnier teilnahm, ist ihnen offenbar egal.»
Die Vergangenheit von Dominik Wiederkehr
Will man verstehen, weshalb Wiederkehr Kontakte zu Organisationen wie B&H pflegt, muss man einen Blick in die Vergangenheit werfen. In die Zeit, als er sich zum Anführer der Hardturm-Front der Grasshoppers hochprügelte - und diese mit dem stadtinternen Todfeind, den City Boys des FCZ, vereinte.
Obwohl Wiederkehr selbst ein FCZ-Fan war, schleppte ihn ein Freund eines Tages an einen GC-Match, stellte ihn den Hooligans der Hardturm-Front vor. Diese nahmen ihn mit an die dritte Halbzeit, eine organisierte Schlägerei verfeindeter Hooligan-Gruppierungen nach Ende des Spiels. Wiederkehr war sofort angefixt. Schnell kletterte er die Hooligan-Karriereleiter empor.
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