Die Regeln beim Schwingen: Ein traditioneller Schweizer Sport

Schwingen ist eine traditionelle Schweizer Freistilringen-Variante. Es ist eine typische Eigenart der Schweiz und wird in dieser Form vorwiegend in der Eidgenossenschaft praktiziert. Schwingen ist eine Abart des Ringens, also ein Zweikampf zwischen zwei kräftigen Männern, mit eigenen Regeln, Griffen und Schwüngen.

Was ist Schwingen eigentlich?

Schwingen ist eine Variante des Freistilringens in der Schweiz. Diese traditionelle Sportart wird in dieser Form vorwiegend in der Eidgenossenschaft praktiziert.

Geschichte und Entwicklung

Die Wurzeln des Schwingens sind nicht eindeutig zu datieren. Eine erste Darstellung aus dem 13. Jahrhundert ist bekannt. In der Zentralschweiz und im Mittelland gehörte der Hosenlupf zum festen Bestandteil der Festkultur. An zahlreichen Alp- und Wirtshausfesten wurde um ein Stück Hosentuch, ein Schaf oder um andere Naturalien geschwungen.

Im 19. Jahrhundert brachten denkwürdige Schwingfeste und ambitionierte Sportlehrer das Schwingen in die Städte. So entstand aus dem ursprünglichen Spiel der Hirten und Bauern ein Nationalsport, der alle Schichten umfasst.

Seit über 100 Jahren wird einheitlich unter dem «Dach» Eidgenössischer Schwingerverband (ESV) um die Wette geschwungen. Der Mitgliederanstieg über die Jahre ist eindrücklich: Waren es 1914 erst 3411 Mitglieder, so zählte der Verband 1944 bereits 13’100.

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Die wichtigsten Regeln beim Schwingen im Überblick

  1. Was ist ein Gang?

    Als Gang wird das Duell zweier Schwinger bezeichnet. Die beiden Führenden in der Rangliste bestreiten anstelle des 6. Gangs (oder beim Eidgenössischen 8. Gangs) den sogenannten Schlussgang. Dort geht es um den Festsieg. Gekämpft wird auf einer kreisförmigen, 7 bis 14 Metern durchmessenden und mit bis zu 23 Kubikmetern Sägemehl gepolsterten Fläche.

  2. Wie wählt man Paarungen?

    Die Einteilung bestimmt die Paarungen. Dabei wird beim Anschwingen für die Spitzenpaarungen auf Duelle der Besten gegen die Besten gesetzt.

    Nach dem Anschwingen gilt: Duelle aus der unmittelbaren Nachbarschaft der Tabelle (erreichte bisherige Punktzahl) sind erwünscht. Verbandskollegen gehen sich bis zu den entscheidenden Gängen um die Kränze möglichst aus dem Weg - ausser es geht gar nicht mehr anders.

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  3. Zeitdauer Gänge

    Je nach Grösse des Festes dauert ein Gang von vier (bei einem Regionalfest) bis zu 16 Minuten (Schlussgang beim Eidgenössischen). Während es beim Eidgenössischen acht Gänge zu bestreiten gilt, finden alle anderen Feste mit sechs Gängen statt. Die ersten Gänge sind das sogenannte Anschwingen, die Gänge fünf und sechs werden als Ausstich bezeichnet.

  4. Ausstich

    Nach vier Gängen scheidet ein Teil der Schwinger aus. Nicht alle bestreiten den Ausstich. Das gilt auch für das Eidgenössische, wo bereits am Samstagabend rund ein Drittel der Schwinger ausscheidet. Auch am Sonntag wird nach sechs der acht Gänge noch einmal reduziert. Letztlich absolvieren die letzten beiden Gänge nur noch rund die Hälfte der ins ESAF gestarteten Schwinger.

  5. Kleidung der Schwinger

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    Turnerschwinger tragen weisse Hosen und Leibchen, Sennenschwinger dunkle Hosen in Kombination mit dem gleichen Edelweisshemd, das auch viele Schwingfestbesucher tragen oder sonst einem Hemd. Die kurzen Hosen aus Zwilch (Schwingerhosen, hellbraun oder dunkelbraun) werden vom Veranstalter gestellt und sind mit einem robusten Ledergurt ausgestattet. Die helleren Hosen trägt der, dessen Nachname im Alphabet (A bis Z) zuerst kommt.

  6. Griff

    Zu Beginn eines Gangs wird gegriffen - erst wenn beide Schwinger fest verankert sind, sagt der Kampfrichter: Gut. Ein Resultat erzielen kann nur, wer die Schwingerhose des Gegners mit mindestens einer Hand noch fest im Griff hat. Ausnahme: Bodenlätz. Dieser Schwung geht so: Hose mit beiden Händen loslassen, den Gegner sofort an der Schulter packen und umgehend auf den Rücken legen. Lassen beide Schwinger den Griff fahren oder flüchten gar gemeinsam aus dem Sägemehl, wird der Gang unterbrochen. Dann muss in der Mitte frisch gegriffen werden.

  7. Die wichtigsten Schwünge

    • Der Kurzzug
    • Der Übersprung
    • Der Brienzer
    • Der Hüfter
    • Der Buur
    • Der Gammen
    • Der Wyberhaagge
  8. Weichteilschoner

    Schwinger tragen - im Gegensatz zu Eishockeyanern - in der Regel keinen «Eierbecher». Ausnahmen bestätigen die Regel. Schwere Verletzungen der Fortpflanzungsorgane wurden bislang nicht gemeldet.

  9. Resultat

    Liegt einer auf dem Buckel, hat der andere gewonnen. Mindestens zwei Drittel der Schulterblätter müssen dabei ins Sägemehl - oder dann halt der gesamte Rücken. Gewinnt keiner, gibts einen Gestellten (siehe: Punkte).

  10. Was ist beim Schwingen verboten?

    Kurze Hosen, Doping einwerfen, den Gegner würgen, Hebeldruck auf die Gelenke ausüben oder anhaltendes Kopfeinstellen (ungespitzt in den Boden).

    Ebenfalls untersagt: Augen ausstechen, zuschlagen oder den Kampf verweigern.

  11. Punkte

    Für einen Wurf auf den Rücken gibt es 10,00 Punkte. Wird der Gegner erst am Boden überwältigt: 9,75. Für einen Gestellten (Unentschieden): je nach Aktivität 8,75 oder 9,00 Punkte - dabei müssen nicht beide Schwinger gleich hoch bewertet werden. Es gilt: Wer aktiver ist, bekommt mehr Punkte. Wer verliert, bekommt immerhin noch 8,50 Zähler - oder wenn er ganz schön zur Sache geht, auch mal 8,75.

    Schlussgang: Der Sieger bekommt immer 10,00 - der Verlierer immer 8,75 Punkte.

  12. Sägemehlringe

    Durchmesser: je 14 Meter. Sägemehlhöhe: mindestens 15 cm. In jedem Ring liegen 23 Kubikmeter Sägemehl.

  13. Wer wird Schwingerkönig?

    Die beiden Punktbesten nach 7 Gängen kommen beim ESAF in den Schlussgang. Wer dann gewinnt, ist Schwingerkönig - und das bleibt er sein Leben lang. Es gibt keine «Ex-Schwingerkönige».

    Stehen nach dem Schlussgang zwei Schwinger mit gleich vielen Punkten wie belämmert im Sägemehl rum, wird natürlich der Sieger des Schlussgangs Schwingerkönig. Der Verlierer ist dann: der Erstgekrönte (= Loser).

  14. Kranz

    Nach dem Eidgenössischen gibts für die Bösen einen Kranz aus Eichenlaub. Die Regel sagt: Ausgezeichnet werden nicht weniger als 15 Prozent und nicht mehr als 18 Prozent der Teilnehmer. Wer den Kranz holt, ist ein Eidgenosse und deshalb auch ein Böser.

    Auch bei den Kranzfesten gilt die gleiche Regel. Je mehr Teilnehmer, desto mehr Kränze gibts. Da etwa bei den Bergfesten in der Regel nur 90 Schwinger teilnehmen, sind diese Kränze - da seltener - besonders begehrt.

  15. Eidgenossen

    Die Bösesten der Bösen:

  16. Lebendpreise

    Der Schwingerkönig bekommt immer den Stier.

  17. Gabentempel

    Bei jedem Fest gibts einen Gabentempel mit allerlei Nützlichem wie etwa Haushaltsgeräten, Landmaschinen oder Möbeln. Dort dürfen sich die Schwinger ihren Preis selber aussuchen. Dabei gilt: die Besten zuerst. Einzig für den Sieger gibts keinen Gang in den Gabentempel. Er bekommt einen Lebendpreis - meist einen Muni - den er mitnehmen kann. Oder er lässt sich den Gegenwert des Tieres auszahlen.

    Eine Ausnahme gibts: Der Brünigschwinget hat keine Sponsoren und deshalb auch keinen Gabentempel. Er zahlt den Teilnehmenden stattdessen ein Preisgeld.

Wichtige Begriffe im Schwingsport

  • Anschwingen: Die ersten 2 Gänge eines Schwingfestes werden als Anschwingen bezeichnet. Dort treffen jeweils die besten Schwinger aufeinander - für Spektakel ist also schon früh gesorgt.
  • Arena: Die Arena ist das Gelände, auf dem das Schwingfest stattfindet.
  • Ausschwingen: Analog zum Anschwingen werden die Gänge Nummern 3 und 4 als Ausschwingen bezeichnet.
  • Ausstich: Die Gänge 5 und 6 werden Ausstich genannt.
  • Böse: Der liebevoll gemeinte Begriff gebührt den besten Schwingern des Landes. Meist sind damit die Eidgenossen gemeint, also jene Schwinger, die bereits einmal den Eidgenössischen Kranz gewonnen haben.
  • Gang: Ein Kampf beim Schwingen wird Gang genannt und dauert mindestens 5 Minuten. Der Schlussgang wird in der Regel auf die doppelte Gangdauer angesetzt.
  • Gestellter: Bezeichnung für ein Unentschieden im Schwingsport, wenn also in der vom Kampfgericht bestimmten Zeit keine Entscheidung fällt. Ein Gestellter wird im besten Fall leicht besser als eine Niederlage, aber deutlich schlechter als ein Sieg gewertet.
  • Kranz: Die besten Schwinger eines Festes erhalten einen Kranz aus Eichenlaub. Dies sind zwischen 15 und 18 Prozent der Schwinger eines Festes.
  • Plattwurf: Wer einen Gegner platt auf den Rücken bettet, erhält die Maximalnote von 10,00 Punkten. Muss der Schwinger im Sägemehl noch nachdrücken, erhält er die Note 9,75.
  • Schlussgang: Am Ende des Fests treten die beiden Schwinger mit der höchsten Punktzahl zum Schlussgang an und ermitteln den Sieger.
  • Schwünge: Es gibt über hundert Schwünge, die im Schwingerlehrbuch festgehalten werden. Das Ziel ist immer, mit dem Schwung den Gegner aufs Kreuz zu legen. Die fünf Hauptschwünge sind: der Brienzer, der Bur, der Hüfter, der Kurz und der Übersprung.
  • Sennen vs. Turner: Diese Unterscheidung ist auf die Vereinszugehörigkeit zurückzuführen. Die Sennenschwinger tragen ein farbiges Hemd und dunkle Hosen. Sie üben den Sport in reinen Schwingklubs aus. Traditionellerweise gelten die Sennenschwinger als eher ländliche Athleten. Die Turnerschwinger treten mit einem weissen Kurzarm-Leibchen und langen weissen Hosen auf. Turner sind im Turnverein aktiv und üben nebst Schwingen auch andere Sportarten aus. Turnerschwinger kommen eher aus städtischen Gebieten.
  • Zwilchhose: Die Schwinghose ist aus Zwilchstoff und wird in Handarbeit hergestellt. Den Beinabschluss nennt man Gestöss. Zur besseren Orientierung innerhalb eines Ganges tragen die Schwinger unterschiedlich farbige Hosen.

Die Notengebung

Der Sieger wird von einem Platzkampfrichter im Sägemehl und zwei Kampfrichtern am Tisch geleitet und anschliessend bewertet. Pro Gang werden dem Sieger und dem Verlierer Noten verteilt. Dabei wird die Notenskala 8,25 bis 10,00 verwendet. Der Schwinger mit der höchsten Gesamtpunktzahl nach acht Gängen wird am Ende Schwingerkönig (siehe Wettkampfverlauf).

  • 10.00 Punkte: Sieg und Plattwurf
  • 9.75 Punkte: Sieg mit Überdrücken
  • 9.00 Punkte: Gestellt (unentschieden) bei attraktivem Kampf
  • 8.75 Punkte: Gestellt bei unattraktivem Kampf
  • 8.75 Punkte: Verloren, aber stark gekämpft und viel riskiert
  • 8.50 Punkte: Verloren ohne guten Angriff oder Chance

Für diverse Vergehen wie Passivität, absichtliche Verzögerungen oder gefährliche Griffe kann der Kampfrichter dem Schwinger eine Viertelnote abziehen. Erst wird allerdings eine Ermahnung ausgesprochen, dann eine Verwarnung, erst danach kommt es zum Notenabzug.

Der Wettkampfverlauf

Vor einem Schwingfest ist kein Spielplan erhältlich, wie dies beispielsweise bei einem Tennisturnier der Fall ist. Es gibt also keine Auslosung, stattdessen bestimmt das Kampfgericht die Einteilung der insgesamt acht Gänge.

  • Gänge 1 und 2: Anschwingen
  • Gänge 3 und 4: Ausschwingen
  • Gänge 5 und 6: Ausstich
  • Gänge 7 und 8: Kranzausstich

Vor dem Wettkampf wird allerdings nur der erste Gang eingeteilt. Die Einteilung erfolgt nach der Qualifikation der Athleten, oft lässt man dabei die aktuell stärksten Schwinger gegeneinander antreten. Danach erfolgt die Einteilung der Gänge anhand der bereits erhaltenen Punktzahl.

Schwinger aus den gleichen Teilverbänden sowie Schwinger aus den gleichen Klubs werden zunächst nicht gegeneinander eingeteilt. Gegen Ende des Schwingfests kann es dann aber durchaus dazu kommen.

Nach dem ersten Tag und den ersten vier Gängen scheiden die schlechtesten 10 bis 15 Prozent der Schwinger aus, nach sechs Gängen weitere 15 Prozent. In den Gängen 7 und 8 geht es um den Kranzausstich. Die besten 15 bis 16 Prozent aller Schwinger erhalten als Preis einen Eidgenössichen Kranz. Fortan dürfen sie sich «Eidgenossen» nennen.

Um den Königstitel kämpfen im Schlussgang die beiden Schwinger mit der höchsten Punktzahl nach sieben Gängen. Da aber auch die restlichen Schwinger den achten Gang absolvieren, kann es vorkommen, dass am Schluss keiner der beiden Schlussgang-Schwinger, sondern ein dritter Schwinger König wird.