Capoeira: Mehr als nur ein Kampfsport – Eine Reise in die brasilianische Kultur

Capoeira ist weit mehr als nur eine Kampfkunst: Sie vereint Bewegung, Musik und Kultur auf einzigartige Weise. Was die Trendsportart aus Brasilien so einzigartig macht möchten wir Ihnen hier kurz näherbringen. Der Kern beim Capoeira ist jedoch bei allen Schulen gleich: Das Spiel basiert auf einer Art Kommunikation voller Andeutungen, Ausschmückungen und List.

Die Ursprünge der Capoeira

Die Wurzeln der Capoeira entstanden im 15. Jahrhundert zur Zeit des Sklavenhandels in und nach Amerika. Während dieses ca. ganz Amerika verschleppt. Dabei überlebte nur jeder vierte die Überfahrt. Capoeira entstand auf den brasilianischen Zuckerrohrplantagen und den dazugehörigen Herrenhäusern. Entwickelt aus der Not heraus, führten ursprünglich afrikanische Sklaven auf den Plantagen in Brasilien Capoeira durch, um sich gegen ihre Unterdrücker zu wehren. Sie tarnten ihre Kampfübungen und -techniken als Tänze. Um sich körperlich behaupten zu können, entwickelten die aus Afrika nach Südamerika verschleppten Sklaven aus den mitgebrachten Tänzen, Kampfkünsten und Ritualen eine frühe Form von Capoeira. Die tänzerisch anmutende Form soll dazu gedient haben, die kämpferische Natur der Bewegungen vor den Plantagenbesitzer zu verstecken. So zumindest lautet eine weitverbreitete These. Entsprechend war das Praktizieren lange Zeit de facto nicht erlaubt. 1890 wurde das Verbot kurz nach der Ausrufung der Republik der Vereinigten Staaten von Brasilien sogar gesetzlich festgeschrieben. Es sollte bis 1937 dauern, bis das Verbot der Kampfkunst schließlich aufgehoben wurde.

Die Bedeutung des Namens

Zur Entstehung des Namens gibt es zwei geläufige Theorien: Die erste sagt Capoeira stammt aus dem portugiesischen Sprachgebrauch und bedeutet so viel wie "Hühnerstall" oder "Hahnenkampf". Die zweite Theorie besagt, dass das Wort aus dem indianischen Sprachgebrauch kommt. Dort gibt es das Wort caá-puêra, was eine gerodete Stelle im Wald bedeutet.

Das Wesen der Capoeira

Bei der Capoeira handelt es sich um einen akrobatischen Kampfsport, der aus drei wesentlichen Elementen besteht. Charakteristisch ist zum einen die Formation der Gruppe zu einem Kreis, der so genannten Roda, in dessen Zentrum sich zwei Kämpfer begegnen. Der Kreis stellt jedoch nicht nur das Spielfeld dar, sondern symbolisiert gleichzeitig auch einen gesellschaftlichen Rahmen, in welchem sich die Spieler bewegen. In diesem Raum treffen zwei Spieler aufeinander und versuchen durch eine fließende und harmonische Körpersprache miteinander zu kommunizieren. Zum anderen spielt die musikalische Begleitung eine wichtige Rolle. Die capoeiristas, die den Kreis bilden, singen traditionelle Reime und spielen Instrumente wie berimbaú (hölzerner Musikbogen mit Klangkalebasse), atabaque (Fasstrommel) und pandeiro (Handtrommel). Das dritte prägende Element der Capoeira sind die rhythmischen Bewegungen der beiden Akteure in der Kreismitte. Sie belauern sich, versuchen den Gegner zu lesen, seine Stärken und Schwächen aufzudecken, greifen an und wehren ab. Das geschieht in spielerischer Form. Tänzerische Drehungen und Sprünge, die von hoher Körperbeherrschung und Athletik zeugen, kommen zum Einsatz.

Obwohl man Capoeira als Kampfkunst bezeichnet, spricht man von einem „Spiel“ (port.: jogo). Wichtig dabei: Die beiden „Kämpfer“ sollten eine Art Bewegungsdialog führen, der flüssig, ansehnlich und immer wieder auch überraschend ist. Körperkontakt ist aber dennoch fester Bestandteil von Capoeira, zum Beispiel, wenn man dem Gegner einen Fußfeger (port.: Rasteira) oder eine Ohrfeige (Galopante) verpasst. Manchmal wird jemand auch rabiat aus der sogenannten Roda, dem Kreis, in dem gespielt wird, getreten. Für einen guten Capoeira ist das genauso Teil des Spiels wie ein von ihm selbst verpasster Tritt.

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Die Musik der Capoeira

Eines der wichtigsten Elemente beim Capoeira ist die Musik. Art und Schnelligkeit des Rhythmus diktieren sowohl den Stil des Spiels als auch seine Intensität. Die Musik gibt den Rhythmus vor, nach dem sich die Spieler in der Roda (dem kreisförmigen Spielfeld) bewegen. Die Instrumente und Lieder bestimmen, ob das Spiel langsam und bedacht oder schnell und akrobatisch ist. Der Berimbau, ein traditionelles einseitiges Saiteninstrument, hat dabei die führende Rolle.

Die Musik von Capoeira ist tief in der afro-brasilianischen Kultur verwurzelt. Die Lieder werden oft auf Portugiesisch gesungen und handeln von historischen Ereignissen, den Herausforderungen der Sklaverei, oder sie ehren die Capoeira-Tradition und ihre Meister. Die Lieder enthalten häufig auch soziale und politische Botschaften, die auf die Geschichte Brasiliens und den Freiheitskampf hinweisen. Musik schafft eine besondere Atmosphäre in der Roda. Sie fördert die Kommunikation zwischen den Spielern und den Musikern. Die musikalischen Elemente der Capoeira bieten eine Gelegenheit, gemeinsam zu lernen und sich weiterzuentwickeln. Viele Capoeiristas lernen nicht nur, die Instrumente zu spielen, sondern auch die Lieder zu singen. Die Musik in Capoeira ist weit mehr als nur ein Hintergrundelement - sie ist das Herz der Kunstform.

Capoeira-Musik wird von einer Auswahl traditioneller Instrumente begleitet, die alle zur einzigartigen Klanglandschaft beitragen. Dieses Instrument ist das Herzstück der Capoeira-Musik. Der Berimbau besteht aus einem Holzstab, einer Saite und einem Resonanzkörper aus einem ausgehöhlten Kürbis. Der Klang des Berimbaus kann hoch oder tief sein, und durch verschiedene Rhythmen die Art des Spiels bestimmen. Die Atabaque ist eine große Trommel, die den Grundrhythmus in der Capoeira hält. Sie unterstützt den Berimbau und gibt den Capoeiristas den Beat vor. Ähnlich einem Tamburin bringt das Pandeiro rhythmische Akzente in die Musik. Dazu zählen das Agogô, eine Glocke mit zwei Tönen, und das Reco-Reco, ein geriffeltes Holz- oder Metallinstrument, das durch Schaben Töne erzeugt. Die verschiedenen Rhythmen in der Capoeira-Musik bestimmen die Dynamik und den Charakter des Spiels.

Die Stile der Capoeira

Heutzutage gibt es drei Stilrichtungen der Sportart. Angola ist die traditionellste Form der Capoeira. Im Gegensatz zu Regional gibt es bei Angola keinen Erfinder. Dafür aber einen Meister, der als prägend für diesen Stil gilt: Mestre Pastinha. Regional wurde von Mestre Bimba (*1899 - 1974) in Salvador de Bahia, Brasilien begründet. Bimba, der aus Salvador da Bahia stammt, integrierte in seinen Stil Elemente anderer Kampfkünste und machte Capoeira somit auch zu einer Verteidigungstechnik. Seinen Schülern brachte Bimba den zunächst als „Luta regional da Bahia“ (z. Typisch für Capoeira Regional sind kraftvolle, schnelle und kämpferische Bewegungen. Auch akrobatische Techniken („floreios“) wie Radschläge, Saltos oder Flick-Flacks sind ein wichtiger Bestandteil.

Contemporânea ist die zeitgenössische Capoeira. Sie wurde nicht nur von einem einzigen Mestre begründet. Viele der heute großen Schulen sind der Capoeira Contemporânea (z. Kennzeichnend für die Capoeira Contemporânea ist die Integration der verschiedenen Stile und Rhythmen sowie moderner Kampfkunstelemente. Es gibt sieben große Verbände, die der Contemporânea angehören.

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Unterschiede der Stile

  • Capoeira Angola: Entstand zu Zeiten der Sklaverei im brasilianischen Nordosten unter dem Deckmantel eines Spieles. Diese Variante zeichnet sich aus durch langsame Bewegungen in Bodennähe und das ausführliche Studieren des Gegenübers. Dazu getragen werden schwarze Hosen und gelbe Oberteile.
  • Capoeira Regional: Wartet mit schnelleren Bewegungen auf, vor allem zur flinken Musik des berimbaú. Man kann den Stil als effizienter und weniger akrobatisch bezeichnen. Mit Aufhebung des Capoeira-Verbotes fiel die Notwendigkeit zur Tarnung als Spiel für diese modernere Version weg. Die Bekleidung ist weiß.
  • Capoeira Contemporânea: In der „Capoeira der Gegenwart“ vermischen sich beide Stilrichtungen.

Graduierungssystem

Ähnlich wie in anderen asiatischen Kampfkünsten gibt es in den meisten Capoeiras-Schulen ebenfalls ein Graduierungssystem. So erhält man als Anfänger beim Eintreten in die Gruppe eine rohe Kordel (auch „corda crua“ genannt). Bei der ersten Kordelverleihung, wird man als Schüler sozusagen „getauft“ und bekommt einen „Apelido“, also einen Capoeira-Spitznamen oder Kriegernamen. Auch erhält man bei dieser „Batizado“ (Taufe) meist ein erste farbige Kordel. Das Besondere hierbei: Es gibt keine typischen Prüfungen. Bei Capoeira entscheidet der Lehrer über die Graduierung des Schülers. Dabei berücksichtigt man nicht nur die Technik.

Capoeira und Gesundheit

Capoeira ist für jeden geeignet, der Interesse am Erlernen der Sportart hat. Bei der Kampfkunst wird die gesamte Muskulatur angesprochen. Dies gilt für die Bauchmuskulatur, Oberarme und Po. Abhängig von der Musik können die Bewegungen schneller oder langsamer ausgeführt werden. Weil man sich in ständiger Bewegung befindet, ist Capoeira eine vielversprechende Möglichkeit, um Kalorien zu verbrennen - besonders dann, wenn das Spiel mit dem Gegner intensiv und anstrengend ist.

In einem zehnwöchigen Capoeira-Trainingsprogramm wurden die Auswirkungen auf die Herz-Kreislauf-Parameter bei Männern untersucht. Dabei wurden die Teilnehmer in zwei Gruppen aufgeteilt: Die Capoeira-Gruppe absolvierte ein progressives zehnwöchiges Training mit einer Sitzung pro Woche (je 90 Minuten), während die Kontrollgruppe angewiesen wurde, körperliche Betätigung zu vermeiden. Die Studie untersuchte 67 Kinder im Alter von acht bis 13 Jahren bezüglich der Auswirkungen von Capoeira auf ihre motorischen Funktionen. Sie wurden in zwei Gruppen eingeteilt: eine Kontrollgruppe und eine Capoeira-Gruppe, in welcher die Kinder dreimal pro Woche an einem 60-minütigen Capoeira-Kurs teilnahmen. Die Studie untersuchte Capoeira-Spieler, die einen Wohnsitz in Brasilien und im Ausland hatten, auf die Frage, inwieweit Capoeira bei der Herstellung der Gesundheit und Erhaltung der Lebensqualität beitragen könne.

Capoeira heute

Brasilien als TrendsetterNicht nur Brasilien Reisenden ist Capoeira ein Begriff. Mittlerweile wird der sanfte Kampfsport weltweit betrieben und hat einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht. In europäischen Großstädten trifft man bei einem Picknick im Park öfter mal auf eine Gruppe von capoeiristas. In Vereinen organisiert, weiß gekleidet und barfuß praktizieren sie ihren Sport, der eine Mischung aus Musik, Akrobatik, Tanz, Angriff und Abwehrbewegungen ist. Auch zahlreiche Fitnessstudios haben die Attraktivität der Capoeira für sich entdeckt und bieten Kurse an. Ob jung oder alt, weiblich oder männlich, mit Vorkenntnissen oder ohne, jeder Interessierte kann Capoeira aktiv ausüben.

Die Bedeutung der Capoeira für die Gesellschaft

Schon immer war Capoeira mehr als bloße körperliche Betätigung. Für die Sklaven bot sie die Möglichkeit zum kurzzeitigen Ausbruch aus der Kolonialherrschaft. Auch in der heutigen Zeit hat sie die Macht, das Leben von Menschen positiv zu beeinflussen. ABADÁ Capoeira ist der nationale brasilianische Verein zur Förderung der Capoeira-Kunst mit Sitz in Rio de Janeiro. Diese übergeordnete gemeinnützige Vereinigung engagiert sich in unterschiedlichsten Projekten. Dabei dient die Capoeira als Werkzeug und Motivator zur Verbesserung der Lebensbedingungen. ABADÁ möchte ein Bewusstsein schaffen für die Bereiche Soziales, Umwelt und Bildung. Alle Informationen rund um die Capoeira werden hier gebündelt, Daten erhoben und Nachforschungen betrieben. Lehrer werden weiter- und Schüler ausgebildet. In allen brasilianischen Staaten und in 58 Ländern auf fünf Kontinenten hat der Verein eine Repräsentanz. So trägt die Capoeira die brasilianische Kultur über die Landesgrenzen hinaus.

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