Die Ost-Berliner Rockband Karat, die auch schon vor der Wende in der BRD bekannt war, wurde spätestens nach ihrem Nummer 1-Hit „Über sieben Brücken mußt du geh‘n“ eine im Westen fest etablierte Rockband. Kaum eine andere Band steht dafür wie Karat. Berühmt wurden sie durch deutsche Songs wie „Über sieben Brücken mußt du geh‘n“.
Im Kulturhaus «Otto Buchwitz» in Heidenau nahe Dresden wird am 22. Februar 1975 Musikgeschichte geschrieben: Bassist Henning Protzmann, Gitarrist Ulrich Pexa, Schlagzeuger Konrad Burkert, Keyboarder Ulrich «Ed» Swillms sowie die Sänger Hans-Joachim Neumann und Herbert Dreilich stehen das erste Mal gemeinsam auf der Bühne. Karat zählte zu den erfolgreichsten Rockgruppen der DDR.
Die Anfänge und der Durchbruch
1975 entstand die Band aus der Gruppe „Pantha Rei“, mit Sängerin Veronika Fischer an der Spitze. Nachdem die Sängerin, später selbst im Osten ein gefeierter Star, der Band abhandengekommen war, formierten sich die Bandmitglieder Herbert Dreilich, Henning Protzmann und Ulrich Swillms kurzerhand neu. Es entstand die Band Karat.
Schnell wird die neue Gruppe mit ersten eigenen Titeln wie «Leute welch ein Tag» im DDR-Rundfunk gespielt. 1976 bekommt die junge Berliner Band beim III. Interpretenwettbewerb der Unterhaltungskunst in Karl-Marx-Stadt eine Silbermedaille. Die erste LP erscheint 1978.
Ein DDR-Fernsehfilm wird zum riesigen Glücksfall. Er heißt «Über sieben Brücken musst du gehn». Keyboarder Ed Swillms, Verfasser vieler Hits der Band, vertont den gleichnamigen Titelsong. Beim Internationalen Schlagerfestival 1978 in Dresden gewinnt Karat mit dem Lied den Grand Prix.
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"Über sieben Brücken" und der Erfolg im Westen
Ursprünglich hat die Gruppe den Song für den gleichnamigen Fernsehfilm geschrieben, doch schnell wurde das Lied zum eigenständigen Hit. Den Songtext können viele mitsingen, die wenigsten wissen aber, wie Karat auf den Text gekommen sind. Die Lyrics des deutschen Songs stammen aus einer polnischen Fabel. Das Lied dreht sich um die Liebesbeziehung eines polnischen Mannes und einer deutschen Frau. Die Sehnsucht und das Gefühl von Freiheit spielen auch eine wichtige Rolle.
„Wenn ein Schwan singt, schweigen die Tiere. Wenn ein Schwan singt, lauschen die Tiere… Es ist ein Schwanenkönig, der in Liebe stirbt.“ Superpoetischer Text und zu dem haben sich Karat von keinem Geringeren als Leonardo da Vinci inspirieren lassen. Ja DER Leonardo da Vinci, der war nämlich nicht nur einer der größten Maler und Erfinder der Renaissance, er hat auch Fabeln geschrieben. Mit Klavierbegleitung und Streichern und teilweise mehrstimmig gesungen, geht diese Ballade total unter die Haut.
Auch beim «Klassenfeind» westlich der Mauer kommt die Single «Über sieben Brücken musst du gehn» in die Läden. Auch diese Version wird ein großer Hit - im Westen Deutschlands. Seit 1990 singt Maffay ihn immer mal wieder zusammen mit seinen Freunden von Karat.
"Wir haben uns in einem verräucherten Club kennengelernt. Und das war ja keine alltägliche Geschichte - eine ostdeutsche Band und ein westdeutscher Sänger", erinnert sich der deutsche Sänger Peter Maffay im MDR-Gespräch. Er coverte das Lied und machte es im Westen erst richtig berühmt.
Als erste DDR-Band darf Karat ab 1979 alle Platten in Ost und West herausbringen. 1982 wird das Album «Der blaue Planet» ein Riesenerfolg. Die Single «Jede Stunde / Falscher Glanz» erklimmt die Top Ten in der BRD. Karat tritt in der ZDF-Hitparade von Dieter Thomas Heck auf, schafft es dort mit «Jede Stunde» auf den zweiten Platz. Auch bei «Wetten, dass..?» singen die DDR-Balladenkönige.
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Die goldene Ära und die Herausforderungen der Wende
„Wir wollen einen Mittelweg finden zwischen Rock und romantischem Pop“, beschrieb Herbert Dreilich im Gründungsjahr 1975 das musikalische Ziel von Karat. Bereits das erste Album bescherte Karat einen Kickstart: Die Band gewann mit dem Song „König der Welt“ das internationale Grand Prix Festival in Dresden. In kurzem Abstand bewies die Band ihr kreatives Potenzial mit Hits wie „Gewitterregen“, „Über sieben Brücken musst du gehen“ oder „Albatros“.
Die Band etablierte sich zum Aushängeschild der ostdeutschen Musikszene, und mit dem Erscheinen von „Der blaue Planet“ wurde, wiederum erstmals in der BRD, eine Goldene Schallplatte an eine Band aus der DDR verliehen. Als Karat 15 Jahre alt ist, verschwindet die DDR.
Nach dem Mauerfall gibt es auch für Karat eine Karriere-Delle, die Fans zieht es zur Westmusik. Doch im Oktober 1997 erleidet Sänger Herbert Dreilich bei einem Konzert einen Schlaganfall. Rund ein halbes Jahr später steht er wieder auf der Bühne, aber es bleiben ihm danach nur noch einige Jahre.
Der Verlust von Herbert Dreilich und der Neubeginn mit Claudius
Der tragische Tod von Herbert Dreilich am 12. Dezember 2004 hingegen schien dann auch das Ende von Karat zu sein. Im März 2004 gibt das Karat-Management bekannt, dass Dreilich an Leberkrebs erkrankt ist. Für die verbliebenen Musiker folgt bald der nächste Schock: Dreilichs Witwe untersagt ihnen, den Bandnamen weiterzuverwenden. Die Band nennt sich deshalb ab 2006 «K...!». 2007 schließlich unterliegt die Witwe vor Gericht. Karat heißt wieder Karat.
Als sein Vater an Krebs erkrankt, bekommt Claudius Dreilich einen Anruf von der Band. Er wird gefragt, ob er als Sänger einspringen kann. Der Musiker-Sohn hatte eigentlich eine andere Karriere eingeschlagen, Ausbildungen als Hotelkaufmann und Einzelhandelskaufmann absolviert. Sechs Monate lang habe er sich dann nicht entscheiden können, welcher Weg der Richtige ist. „Ich bin ja mit Karat aufgewachsen und hab diese Musik geliebt“, schildert er. Schließlich habe er beim damaligen Karat-Schlagzeuger Rat gesucht. «Er sagte mir: "Du wirst immer zu Karat gehören. Aber wenn Du es nicht machst, steht künftig ein anderer auf der Bühne"».
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Nach dem frühen Tod von Sänger Herbert Dreilich 2004 war es ein Glücksfall, dass dessen Sohn Claudius eine nahezu identische Stimme besitzt und 2005 an die Stelle seines Vaters trat. Claudius Dreilich, Jahrgang 1970, ist das jüngste Bandmitglied - aber unterdessen schon seit 20 Jahren dabei.
50 Jahre Karat: Ein Jubiläum und ein neues Album
Am Samstag (22.2.) wird das Quintett 50 Jahre alt - und feiert das mit einem Jubiläumskonzert in Berlin. «Wir werden neue Songs vorstellen und alte Songs würdigen», sagt Sänger Claudius Dreilich der Deutschen Presse-Agentur. Am 22. Februar, dem Band-Geburtstag, erscheint das neue Album «Hohe Himmel». Dreilich beschreibt die Gemeinsamkeit der neuen Songs so: «Es geht einzig und alleine um den Menschen. Um die Schattenseiten und die Sonnenseiten.» Und es gilt weiterhin: «Wir arbeiten viel mit Metaphern und zynischen Andeutungen.
KARAT melden sich mit einer neuen Single zurück. Das hat die Berliner Kultband in den letzten, ganz bald fünf Jahrzehnten mindestens so oft getan, wie sie an gemeinsamen Jahren hat. Doch „Wir“ - so heißt der neue Song - markiert einen ganz besonderen Punkt in der langen, bis heute anhaltenden Erfolgshistorie der Musiker um Sänger Claudius Dreilich und Gitarrist Bernd Römer. Denn „Wir“ ist der erste Vorbote des im Februar 2025 kommenden Albums „Hohe Himmel“ und die allererste Single mit den Neuzugängen an Bass und Schlagzeug: Daniel Bätge und Heiko Jung.
Eigentlich hätte es sich die Band bequem machen können, schlicht auf die millionenfachen Albumverkäufe und auf die vielen Klassiker wie „Über sieben Brücken“, „Der blaue Planet“ und „Jede Stunde“ verweisen können, darauf, dass der größte Maffay-Hit einer von ihren Songs ist und dass sie die einzigen Ostdeutschen sind, die schon vor dem Mauerfall Gold in der BRD einheimsten. Aber das wären nicht KARAT, denn nach wie vor sind die Musiker für Überraschungen gut. So, wie auch die neue Single „Wir“ eine Überraschung ist.
Beim ersten Hören staunt man nicht schlecht, dass dieser Song von KARAT sein soll. Zwar ist auch hier das Timbre Dreilichs unverkennbar KARAT, doch der Song kommt sehr leichtfüßig daher und nistet sich mit seiner unverschämten Hookline sofort in den Gehörgängen ein. Keineswegs handelt es sich um eine beliebige Nummer, denn bei aller Leichtigkeit lebt der Song ebenso von seiner Aussage. Es geht um Zusammenhalt, darum, dass sich Menschen ähnlicher sind, als sie glauben. Aus ihrer Meinung haben KARAT noch nie einen Hehl gemacht. Eine warmherzige Hymne gegen die Verrohung der Gesellschaft - mit großem Hitpotential. Also doch typisch KARAT.
Martin Becker, langjähriger KARAT-Keyboarder (seit 1992), hat „Wir“ gemeinsam mit Hansi Biebl komponiert. Biebl, langjähriger Freund der Band, ist ein Meister großer Melodiebögen, seine Lieder sind für die Ewigkeit - selbst die Fantastischen Vier haben Biebl auf ihrem aktuellen Album gesampelt. Und die Lyrics stammen von keinem Geringeren als Werner Karma, nach wie vor einer der besten Textdichter des Landes. Und KARAT spielen so energetisch und leidenschaftlich, als wollten sie dem Jubiläum 50 weitere Jahre folgen lassen.
Zwei Gesellschaftssysteme, zwei Sänger, zwei Bandnamen: Karat hat sich immer wieder neu formieren müssen. Es gab regelmäßig Umbesetzungen, zuletzt im Januar 2023. Aus der Anfangs-Ära ist noch Gitarrist Bernd Römer dabei. Er stieß 1976 zu Karat. Komplettiert wird die aktuelle Band von Keyboarder Martin Becker, Bassgitarrist Daniel Bätge und Schlagzeuger Heiko Jung.
Diskographie (Alben)
| Jahr | Albumtitel |
|---|---|
| 1978 | Karat |
| 1979 | Über sieben Brücken |
| 1979 | Albatros |
| 1980 | Schwanenkönig |
| 1982 | Der Blaue Planet |
| 2025 | Hohe Himmel |
Bandmitglieder
- Claudius Dreilich (Gesang)
- Bernd Römer (Gitarre)
- Martin Becker (Keyboard)
- Daniel Bätge (Bassgitarre)
- Heiko Jung (Schlagzeug)
