Die Familie Ettlinger war eine verzweigte und bedeutende Familie im orthodoxen deutschen Judentum, deren Einfluss bis heute spürbar ist. Ihre Geschichte ist eng mit der Stadt Karlsruhe verbunden, wo sie seit den Anfängen der Stadt eine feste Größe darstellten: fromme, meist wohlhabende und in der mittelständischen Wirtschaft verwurzelte Israeliten.
Bereits im Jahr 1717 wurde ein „Baujud“ Josef Jakob Ettlingen unter den ersten Siedlern der Stadtgründung des Markgrafen Karl Wilhelm aufgeführt. Die Schwestern Rachel (um 1771-1838) und Sara (1783-1834), deren frühester belegter Vorfahr Isak vier Generationen zuvor in Ettlingen gelebt hatte, wurden verheiratet.
Rachel ehelichte 1793 ihren Vetter 2. Grades, den angehenden Karlsruher Stiftsrabbiner Aron (Aharon, 1769-1849), Sohn des Mayer. Sara schloss einige Jahre später die Ehe mit dem Manufakturwaren-Händler und späteren Gemeindevorsteher Kaufman Turlach (1772-1861), Sohn des Baruch.
Erst Anfang des 19. Jahrhunderts wurden von Juden feste Familiennamen verlangt. Traditionell fügte ein Hausherr seinem Vornamen den Vaternamen hinzu, dazu kam jetzt der Familienname, in Deutschland meist nach seiner Herkunft gebildet, das ergab z.B. „Aron Mayer Ettlinger“.
Das Ehepaar Aron und Rachel Ettlinger hatte fünf Töchter und sechs Söhne, darunter den später berühmten Jakob „Jokew“ (1798-1871) und Abraham (1801-57). Familie Ettlinger wohnte in der Ritterstraße 2, wo es auch einen Minjan und Religionsunterricht gab.
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Jakob, der älteste Sohn (nach drei Schwestern), wurde vom Vater unterrichtet, war dann Schüler des badischen Oberlandesrabbiners Ascher Löw-Wallerstein, studierte schließlich 1816 bis 1819 an der Jeschiwa in Würzburg bei Abraham Bing und daneben, als einer der ersten Juden, als Gasthörer an der dortigen Universität. Ab 1823 war er Stiftsrabbiner am erwähnten Elias Wormser'schen Lehrhaus, 1825 wurde er „Primator“ an der Lemle-Moses-Klaus-Synagoge in Mannheim und bald auch Bezirksrabbiner für Ladenburg. Später wurde er nach Altona berufen und gelangte - neben Isaak Bernays und Seligmann Bär Bamberger - auf dem Gebiet der Halacha, der Auslegung des Religionsgesetzes, zu höchstem Ansehen. Er veröffentlichte 1836 „Bikure Ya'akov“ (über Laubhütte und Feststrauß), gründete 1846 die Zeitschrift „Der treue Zionswächter“, schrieb ab 1850 mehrere Talmud-Kommentare unter dem Titel „Aruch la-Ner“.
Einige Jahre nach ihren Schwestern wurde Babette Wormser mit dem Eisenhändler Abraham Ettlinger in Karlsruhe getraut. Sie wohnten in der Herrenstraße 11, dann 20b und hatten zehn Kinder. Der älteste Sohn hieß Maier (Me'ir, 1834-93). Im Jahre 1863 heirateten Maier und seine Cousine Regine; die Trauzeremonie hielt der aus Altona angereiste Brautvater R' Jakob Ettlinger. Das Ehepaar Maier und Regine Ettlinger wohnte im Vaterhaus Herrenstraße 20b (später in 22 umnummeriert) und hatte vermutlich sechs Kinder, unter ihnen Isaak (geb. 4. Februar 1870) und Jakob (geb. 14. Februar 1874), welcher den Vornamen seines 1871 verstorbenen, inzwischen berühmten Großvaters trug, außerdem Abraham, Nanette, Babette und Aron.
1905/06 ließen die Erben von Maier Ettlinger durch das Architekturbüro Curjel & Moser ein Geschäftshaus in der Kaiserstraße 175 errichten, das vermietet wurde (heute Musikhaus Schlaile). Isaak Ettlinger hatte im Juni 1912 seine erste, gerade 35-jährige Ehefrau Helene Debora (Hindel Dvora), geborene Burchard, verloren; sie wurde wie die meisten ihrer Verwandten auf dem Friedhof der Isr. Religionsgesellschaft an der heutigen Haid-und-Neu-Straße begraben.
Aus dieser Ehe stammte die Tochter Bertha Babette, geboren am 22. erneut, und zwar Selma Charlotte geborene Wolff (geb. 18. September 1888 in Hamburg), die zweite Person, der hier gedacht wird. Sie war eine Tochter von Isaak Wolff und Mathilde, geborene Mainz. Ehepaar Isaak und Selma Charlotte Ettlinger wohnte in der Herrenstr. 7. Isaak war Gabbai (eine Art Küster) und Sheliach Tzibur (ehrenamtlicher Vorbeter) in der orthodoxen Synagoge sowie in der Herrenstraße im so genannten „Ettlingerschen Minjan“ und in der Frühschul, wo die berufstätigen Männer auf dem Weg zur Arbeit Shacharit beten konnten. Daneben war er Almoseneinnehmer bzw. Vorsitzender der orthodoxen Chevra Kaddisha. Im Brotberuf war er Handelsvertreter in Eisenwaren und Haushaltsartikeln. Das Ehepaar hatte einen Sohn, Maier (Max) Martin, geb. 30 Dezember 1917 in Karlsruhe, die dritte Person, der dieser Beitrag gilt.
Vor Kriegsausbruch noch gelangte Maier Martin in die niederländische Stadt Enschede, wo er sich in der orthodoxen Hachschara-Einrichtung „Haimers Esch“ auf die Aliyah nach Palästina vorbereitete. Im Mai 1939 zog die verwitwete Mutter Selma Charlotte nach Frankfurt am Main. Das Heim wurde im Sommer 1941 zwangsgeräumt, die meisten Bewohnerinnen in andere Heime verlegt. Das lässt darauf schließen, dass die 53-jährige wohl mit dem am 24. Mai 1942 abgegangenen 5.
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Maier Martin sieht noch gesund und wohlgekleidet aus auf einer Aufnahme des Fotografen Rudolf Breslauer, die im Durchgangslager Westerbork entstand. Aus Westerbork wurde Maier Martin am 1. Februar 1944 nach Bergen-Belsen deportiert. Von dort ist überliefert, dass der junge Mann „Papiere für Ecuador“ beantragt hatte.
Als sich die britischen Befreier näherten, wurden die letzten Häftlinge in andere Lager verlegt, die allerletzten noch am 11. April 1945 in Richtung Theresienstadt (Terezin) in der Tschechoslowakei. Wegen Fliegerangriffen und zerstörten Gleisen endete dieser „Verlorene Transport“, ein endloser Güterzug mit anfangs etwa 2.500 Menschen, am 23. April in Tröbitz in Sachsen. Maier Martin kam mit einigen weiteren LeidensgenossInnen in ein Krankenhaus im 45 km weiter südlich gelegenen Riesa, wo am 9.
Seine Schwester Bertha, von Beruf Erzieherin („educatrice“), seit 1932 in Frankreich, wurde am 27. Juli 1942 von Paris, Rue du Rennequin mit dem 11. Transport über Drancy nach Auschwitz-Birkenau deportiert und kam ebenfalls um.
Auch Isaaks Bruder Jakob Ettlinger hatte seine erste Frau Ida, geborene Lang, aus Baden im schweizerischen Aargau gebürtig, in jungen Jahren verloren; sie starb 1913 33-jährig in Karlsruhe und wurde auf dem Neuen Friedhof der Israelitischen Religionsgesellschaft beigesetzt. Der Witwer heiratete im August 1922 in Berlin in 2. Ehe die aus Tremessen, Provinz Posen (heute: Trzemeszno in Polen) stammende Sophie, geborene Levy, geboren am 20. März 1885. Sie ist die vierte Person, zu deren Gedenken hier berichtet wird.
In Karlsruhe war Sophie Ettlinger Mitglied im Israelitischen Frauenverein, in der Tachrichim-Kasse und in der Agudistischen Frauengruppe. Ihr Mann Jakob war bis 1932 Teilhaber in dem Karlsruher Ledergroßhandel Gebr. Das Ehepaar hatte ein Kind, Regine Rachel, geboren am 6. September 1927 in Karlsruhe. Die Familie wohnte in der Ritterstraße 11, dann in der Herrenstraße 22, einem älteren Gebäude, das „M.A. Ettlinger Erben“, also den Nachkommen von Maier Ettlinger, Sohn des Abraham gehörte. Jakob und Sophie Ettlinger führten einen großbürgerlichen und streng rituellen Haushalt mit Personal.
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Am 12. April 1939 verstarb Jakob Ettlinger, seit Herbst des Vorjahres bettlägerig krank, in Karlsruhe. Im August beantragte die Witwe für sich und ihre Tochter Reisepässe für Palästina, da sie inzwischen ein „Kapitalistenzertifikat“ für das Land hatten.
Die erhaltenen Anmeldungsbögen für „Wohnraum jüdischer Eigentümer“, die 1939 erhoben wurden, ergeben in der Herrenstraße 22 folgendes Bild: Parterre links wohnten die beiden eben Genannten, „Jakob Ettlinger Wwe“, mit ihrer Tochter; parterre rechts wohnte „Frl. Helene Ettlinger“. Im 1. OG wohnte links eine christliche Familie, rechts „Frau Rubin“, die Ehefrau von Naftali Rubin, „mit drei jüdischen Untermietern“. im Dachgeschoss links wohnte „Isaak Ettlinger Wwe“, d.i. Selma Charlotte, „mit vier jüdischen Untermietern“, rechts die christliche Familie Büchle. Im Seitenbau wohnte die Köchin „Frl.
Die 82-jährige Helene, die 55-jährige Sophie und ihre 13-jährige Tochter Regine sowie Rosel Lonnerstädter und Rosa Manasse wurden im Oktober 1940 mit etwa 900 weiteren Menschen aus Karlsruhe nach Gurs am Rande der Pyrenäen verschleppt. Die Habe und die Bankkonten der Ettlingers wurden nach ihrer Abreise beschlagnahmt.
Helene starb bereits am 4. Dezember 1940 in Gurs, also in den ersten, nasskalten Wochen, bevor französische und amerikanische Hilfsorganisationen die Lage der Verschleppten dort erleichtern konnten. Sophie und Regine blieben bis März 1941 in Gurs und wurden dann in das Lager Rivesaltes verlegt. Januar oder Februar 1942 fasste Regines Mutter wie viele andere Eltern unter den aus Baden und der Pfalz Verschleppten den schweren Entschluss, ihre Tochter in ein Kinderheim gehen zu lassen. Sie selbst blieb zurück, wurde am 4. September 1942 nach Norden in die „Z...
