Wladimir Putin: Eine Judo-Biografie und mehr

Alle Welt rätselt, was im Kopf von Wladimir Putin (61) vorgeht. Welcher Plan sich hinter seinem bisweilen eisig wirkenden Blick verbirgt.

In einem Punkt sind sich Kenner Russlands und seines Präsidenten jedoch einig: Wer Putin zum Gegner hat, sollte klare Vorstellungen vertreten und gut gerüstet in den Ring treten.

Was für den Ex-KGB-Agenten zählt, ist Stärke: „Die Schwachen werden geschlagen“, lautet sein Credo. Diese Lektion hat der spätere Judo-Schwarzgurt-Träger in seiner Kindheit gelernt.

Akribisch hat Wladimir Putin in den vergangenen Jahren sein Supermann-Image in der Öffentlichkeit aufpoliert, etwa durch Fotos, die ihn mit durchtrainiertem nacktem Oberkörper beim Angeln zeigen. Persönliches gibt der starke Mann in Moskau, den eine Macho-verdächtige Männerfreundschaft mit Silvio Berlusconi und Gerhard Schröder verbindet, schon seit Jahren kaum noch preis.

Über seine Familie weiß man nur, dass er zwei erwachsene Töchter hat. Hartnäckige Trennungs- und Scheidungsgerüchte bestätigte Putin vor Kurzem mit dürren Zeilen. Auskunftsfreudiger war er noch zu Beginn seines Aufstiegs, im Jahr 2000, als er gerade Nachfolger von Boris Jelzin († 2007) geworden war: Da plauderte er in sechs mehrstündigen Interviews mit russischen Star-Journalisten aus, wie ihn die 50er-Jahre-Kindheit, die Armut von Leningrad, dem späteren Sankt-Petersburg, geprägt hat.

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Kindheit und Jugend

Hintergrund: Putins Eltern († 1998, † 1999) waren beide Fabrikarbeiter. Der Vater, ein überzeugter Kommunist, hatte gegen die Deutschen gekämpft, wurde durch eine Granate schwer verletzt. Die beiden älteren Brüder Wladimirs waren schon im Kindesalter gestorben, der älteste während der Hungersnot durch die deutsche Belagerung. Die Familie hauste auf 20 Quadratmetern ohne eigene Küche und Bad. Wladimir, Jahrgang 1952, hatte nach seiner Darstellung gar keine andere Wahl, als sich auf der Straße durchzubeißen: „Ich war wirklich ein Rowdy, ein Gassenjunge“.

Die Autoren seiner Biografie („Aus erster Hand“, Heyne Verlag, vergriffen) überrascht er mit einer drastischen Anekdote: „Im Aufgang hausten Ratten. Meine Freunde und ich jagten sie immer mit Stöcken. Einmal entdeckte ich eine riesige Ratte und begann mit der Verfolgung, bis ich sie in die Ecke getrieben hatte. Nun konnte sie nicht mehr entkommen. Da bäumte sie sich plötzlich auf und ging auf mich los. Das geschah völlig unerwartet, und ich war einen kurzen Moment geschockt. Jetzt hatte sie den Spieß umgedreht und jagte mich! Sie sprang über die Treppenstufen nach unten. Ich war aber doch schneller und schlug ihr die Tür vor der Nase zu.“

Mehrfach deutet Putin in dem Buch an, welche Schlüsse er aus diesem Erlebnis gezogen hat. Angst nicht als lähmendes Element, sondern als Mutquelle, wenn man „in die Enge getrieben“ wird - diese Lektion lernte Jung-Spion Putin später auch auf der Geheimdienstschule, ehe ihn der KGB für (eher unbefriedigende Jahre) nach Dresden schickte: „Man muss in Gefahrensituationen angespannt sein, um angemessen reagieren zu können. Das ist wirklich wichtig“, erklärte Putin den Reportern.

Den Gegner überraschen, statt sich in sein Schicksal zu fügen. Sich aufbäumen, wenn der andere mit Aufgabe rechnet. Hellwach noch an seine Chance glauben, wenn der andere zu siegesgewiss ist.

Die Autobiografie "Aus erster Hand"

"Aus erster Hand" gab Wladimir Putin die Möglichkeit, sich der russischen Bevölkerung und dem Ausland vorzustellen, ohne Negatives zu enthüllen- aber auch ohne seinen Hintergrund zu verschweigen. Die Geschichten aus dem Privatleben machen ihn natürlich sympathischer. Die ungeschminkte Wahrheit ist das sicher nicht und Selbstkritik sucht man hier vergebens. Trotzdem fand ich es bemerkenswert, dass Putin kommunikativer war als Angela Merkel. Menschen, die die DDR noch erlebt haben, können sich sicher mehr zusammenreimen als ich.

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„Putin in eigenen Worten"Aus erster Hand" ist ein Buch, das ein paar Journalisten für Wladimir Putin aufgeschrieben haben als er 1999 plötzlich Präsident wurde. Ich habe das Buch in einem Antiquariat entdeckt, es ist sozusagen eine Autobiographie, aber auch Putins Frau und ein paar andere Leute kommen zu Wort, um ein Bild von Putin und seinem Werdegang zu zeichnen. Das Buch enthält zudem zahlreiche Familienfotos von Frau, Kindern, Hund oder beim Tischtennis. Ich finde das bemerkenswert, dass er das für nötig hielt, der Öffentlichkeit von seinem Vorleben zu erzählen, denn wir wissen über Frau Merkel praktisch nichts und es interessiert in Deutschland auch nicht, was sie vor der Wende gemacht hat.

Wir erfahren also, dass Putins Grossvater Koch war bei Stalin. Dass seine Eltern schon mit 17 heirateten, seine Mutter aber 41 war, als sie ihn bekam. Putin hatte 2 Brüder, die im Kriegselend starben, auch seine Mutter wäre beinahe verhungert. Putin wächst in einer Gemeinschaftswohnung auf und muss sich als Kind gegen Ratten verteidigen. Mit 11 fängt er mit dem Sport an- seinen Trainer verehrt er.

Wir erfahren, dass Putin sich die Nase bricht oder später auch den Arm. Dass er mit 16 zum KGB Büro geht und fragt, was er machen muss, um genommen zu werden. Also studiert er Jura. Das Geld, das er beim Strassenbau verdient, haut er aber sinnlos auf den Kopf. So kommt es, dass er nicht mal einen Mantel hat. Dafür gewinnt seine Mutter jedoch mit einem geschenkten Lotterielos ein Auto, das er bekommt. Putin ist ein Raser und ist in mehrere Vorfälle verwickelt. Über den Fall als er einen Mann anfuhr, erfahren wir wenig.

Ljudmila Putin war eine Stewardess, die er über Freunde kennenlernte. Als er 30 ist, heiraten sie. Putin sollte zuvor schon einmal heiraten, liess seine Braut jedoch praktisch am Altar stehen. Warum, erfährt der Leser nicht. In Dresden wohnen die Putins mit ihren 2 Kindern in einem Wohnhaus der Stasi. Die Stasi-Mitarbeiter bezeichnet er als anständig. Zwar räumt er später ein, dass er den Unmut der Bevölkerung versteht, aber die negativen Konsequenzen, die sich für die Stasi-Mitarbeiter ergeben, finden beide, Herr und Frau Putin ungerecht. Beide geben neunmalkluge Kommentare zum Mauerfall ab.

Putin erklärt lückenlos, wann er wo arbeitete und welchen Rang er hatte. Über seine KGB- Tätigkeiten bleiben wir also nicht im Unklaren. Als Laie kann ich mir darunter jedoch nicht viel vorstellen. Er bespitzelt Parteien, Parteichefs und Innenministerien. Wie genau das für die Opfer der Spitzelei aussieht, erfahren wir nicht. Putin versteht es, seine Tätigkeit als gute Karriere darzustellen, ohne sich mit unappetitlichen Einzelheiten zu besudeln. Immer wieder klagt er auch über den Geheimdienstapparat, der die Berichte sowieso nicht las und den Zusammenbruch auch gar nicht verhindern wollte. Desillusioniert kehren sie nach Russland zurück mit einem neuen Auto und einer alten Waschmaschine.

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Hier schreibt Putin an seiner Dissertation (für die ihm später ein Plagiatsvorwurft gemacht wird). 1990 schreibt er ausserdem eine Kündigung an den KGB. Doch diese verschwindet angeblich. Dann brennt Putins Landhaus ab und 1994 hat Ljudmila einen Autounfall, bei dem sie eine Wirbelsäulenverletzung und einen Schädelbruch erleidet.

Putin berichtet einiges über seine Arbeit im Rotlichtmilieu oder während der Hungersnot in Leningrad. Er äussert sich zu Treffen mit Jelzin,Clinton und Kohl. Der Krieg in Tschetschenien war damals ein grosses Thema.

Diese Biographie ist sicher beschönigt. Ich habe auch "Heikle Freundschaften" gelesen, in dem es hauptsächlich um Frau Putin geht. Deshalb muss ich über manche Äusserungen in diesem Buch lachen. Wenn Ljudmila etwa vorschwärmt, sie würde abends auf ihren Gatten warten und morgens mit ihm gemeinsam aufstehen. Dass sie mit ihm morgens aufstehen sollte, führte nämlich laut "Heikle Freundschaften" zu einer Ehekrise, da Ljudmila lieber bis mittags im Bett blieb. So gibt es Darstellungen, die sich decken und welche, die sich widersprechen. Um die Ehe soll es nie so gut gestanden haben, alleine schon weil Frau Putin nach der Wende nur noch am Urlauben und Shoppen war, so dass ihr Mann ihr sogar die Kreditkarte wegnahm. Aber das ist ein anderes Buch...

Putins Judo-Karriere

Dieses alles passt ins Bild eines Mannes, der sich in Etappen immer weiter vom Westen entfernt hat. Der auf der anderen Seite viele seiner Landsleute vom Gefühl befreit hat, auf der Verliererseite des kalten Kriegs zu stehen.

Als Halbwüchsiger hat Putin Ratten im Hausflur gejagt. Als allmächtiger Russen-Präsident macht er sich kamerawirksam auf die Jagd nach einem Tiger.

Ich habe das Buch in englisch und als russisches Original. Es hat drei Autoren, nämlich Vladimir Putin, Vasily Shestakov und Alexey Levitsky. Es enthält im Eingangsteil sehr viele Trainingshinweise und statistische Erhebungen, die teilweise aus dem Sambo stammen. Im Hauptteil werden verschiedene Techniken zunächst als kurze Serie und dann in taktischen Zusammenhängen als Zeichnungen vorgestellt. Dabei ist es nicht immer nachvollziehbar, wie diese Zusammenhänge denn nun auszuführen sind und die Bezeichnung der Wurftechniken ist teilweise fehlerhaft (so wird z.B. auf S. 77 ein Morote-seoi-nage als "one-arm shoulder throw" bezeichnet). Andererseits ist die Idee, hinführende Würfe zum Hauptwurf (d.h. als erster Wurf einer Kombination mit dem Hauptwurf) bzw. weiterführende Würfe vom Hauptwurf zu einer Nachfolgetechnik ganz interessant.

Die Vorlagen für die Zeichnungen nicht immer optimal gewählt worden, so dass einige Techniken mir als Leser recht "eigenwillig" erscheinen (so z.B. Aber insgesamt kann man das Buch für Wettkämpfer als durchaus interessant einstufen, vor allem dann, wenn man sich über den "russischen Stil" im Judo ein wenig mehr informieren möchte. Dieser spiegelt sich sehr in der Auswahl der Wurf- und Grifftechniken wieder. Vor allem am Boden werden einige grundlegende Juji-gatame Varianten gut erläutert. Allerdings ist es eher ein Buch für Fortgeschrittene oder Sammler als ein grundlegendes Werk über Kodokan-Judo.

Kontroversen um sein Vermögen

Schon seit Jahren wird spekuliert, dass Putin über ein geheimes Vermögen verfügen könnte. Doch noch nie führte die Spur des Geldes so nah an Putin heran wie durch die Panama Papers.

Der Musiker Roldugin ist Taufpate von Maria. Er ist ein enger Freund Putins, seit fast vierzig Jahren und wohl bis heute - laut Newsweek sogar sein „bester Freund“.

Die Anfänge dieser Geschichte aber liegen im Jahr 1985. Der junge Familienvater Wladimir Putin wird kurz nach der Taufe Marias vom sowjetischen Geheimdienst KGB als Agent in die DDR versetzt, nach Dresden. Dort kommt Katerina zur Welt.

Im Januar dieses Jahres hat Adam Szubin, im US-Finanzminsterium für Terrorismus und Finanzermittlungen zuständig, Putin in einem Interview mit der BBC als „korrupt“ bezeichnet. Tatsächlich ging schon Putins politischer Aufstieg einher mit ähnlichen Vorwürfen.

Der US-Ökonom und Nobelpreisträger Paul Krugman beschrieb Russland unter Putin einmal als „extreme Variante des Kapitalismus der Kumpane“. Das Land sei „eine Kleptokratie, in der loyale Anhänger gigantische Summen abschöpfen“ könnten. Der Moskauer Wirtschaftswissenschaftler Wladislaw Inosemzew sagt, Russland sei zu einem neofeudalistischen System geworden: Ganz oben stehe Putin, darunter seine Freunde, die seit Beginn seiner langen Regentschaft Reichtümer anhäuften, zu Lasten des Staates. Und unten das Volk.

Die Panama Papers spiegeln all diese Beschreibungen wider. In den Dokumenten finden sich die Briefkastenfirmen von vielen Männern, die mit Putin in die russische Machtelite aufgestiegen sind.

Die Gerüchte über Putins persönlichen Reichtum kursieren, seit er in Sankt Petersburg in die Politik ging. 2014 verdiente das russische Staatsoberhaupt offiziell 7,65 Millionen Rubel im Jahr - damals umgerechnet knapp 143 000 Euro. So jedenfalls stand es in seiner öffentlichen Einkommenserklärung.

Journalisten, Historiker und Ökonomen, die sich mit der Frage nach Putins Vermögen intensiver befassen, glauben indes, dass der Präsident den Kreml dereinst als vielfacher Milliardär verlassen wird.

Sollte Putin tatsächlich einen derart sagenhaften Reichtum angehäuft haben, wird daran kaum sein Namensschild angebracht sein. Offiziell dürften die Gelder Leuten gehören, die nicht in der Öffentlichkeit stehen, unauffälligen Mittelsmännern, denen er uneingeschränkt vertraut. Sergej Roldugin wäre so ein Mann. Dieses Muster ist Finanzexperten und Fahndern bei hochrangigen Politikern schon lang bekannt.

Der Cellist Roldugin und Putin lernten sich, wie in mehreren Büchern nachzulesen ist, Mitte bis Ende der 70er-Jahre kennen. Roldugin erzählte in einem 2000 veröffentlichten Interviewbuch über Putin, sein ein Jahr jüngerer Freund sei wie ein Bruder für ihn gewesen. Nachts seien sie durch Sankt Petersburg gezogen, hätten gesungen und sich mit anderen jungen Leuten geschlagen. Laut den Putin-Biografen Brenda Lange und Charles J. Shields machte Roldugin seinen Freund Putin auch mit dessen späterer Ehefrau Ljudmila bekannt, von der Putin mittlerweile geschieden ist.

Transgenerationale Traumata

Der wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages hat 2017 einen Aufsatz veröffentlicht zum Thema der transgenerationalen Weitergabe von Traumata. Es geht dabei um das vor allem bei Holocaust-Überlebenden beobachtete Phänomen, dass nicht verarbeitete Traumata Wirkung in folgenden Generationen entfalten können.

Was hat das mit dem Krieg in der Ukraine und dem Mann zu tun, der diesen Krieg entfacht hat? Der russische Präsident Wladimir Putin, geboren am 7. Oktober 1952, ist, wie die viele Menschen seiner Generation, ein Kind traumatisierter Eltern.

Aufschlussreicher ist Putins Familiengeschichte, sie ist geprägt von tragischen Ereignissen. Sein Vater war sowjetischer Soldat im Zweiten Weltkrieg. Familiengeschichtlich höchst bedeutsam ist auch die Belagerung von Putins Heimatstadt Leningrad durch die Deutsche Wehrmacht, finnische Truppen und spanische Soldaten der „División Azul“ zwischen 1941 und 1944.

Familiengeschichtlich gibt es zwei bedeutende Ereignisse, die Putin selbst in Russkij Pioner schilderte. Die Leiche seiner Mutter Marija Iwanowna Putina wurde bereits abtransportiert, als der verletzt nachhause zurückkehrende Vater bemerkt haben soll, dass seine Frau noch atmete. Der Vater rettete Putins Mutter vor dem Abtransport in ein Massengrab, Putina starb viele Jahre später 1998. Wer die Belagerung von Leningrad hingegen nicht überlebte, war ein älterer Bruder des heutigen Präsidenten.

Der heutige Kriegsherr stammt zweifellos aus einer vielfach traumatisierten Familie. Unwahrscheinlich ist, dass sich der Machtmensch Putin bewusst mit diesen Ereignissen und ihren Folgen auseinander gesetzt hat. Unbewusste Auswirkungen dieser Familiengeschichte sind deshalb nicht auszuschließen.

Woher kommen die enorme Brutalität, die Bereitschaft, den Tod von Massen für das eigene Ziel einzukalkulieren, gegebenenfalls sogar Atomwaffen einzusetzen und möglicherweise einen neuen Weltkrieg zu riskieren? Wo rationale Begründungen zu versagen scheinen und oft nur noch „Wahnsinn“ als Erklärung genügt, führt die transgenerationale Perspektive auf eine Spur.