Judo und Wladimir Putin: Eine ambivalente Beziehung

Der russische Präsident Wladimir Putin stellt regelmässig sein Können im Judo und in anderen Kampfkünsten zur Schau. Er war ein Sechstklässler mit leicht entflammbarem Temperament, als er das Judo-Training entdeckte. «Das war ein Wendepunkt», hat Putin mal dem japanischen Sender NHK gesagt. Er lernte, seine Energien klug einzusetzen und seinen Gegnern mit Nachsicht zu begegnen. Denn Judo ist kein Gewaltsport, sondern genau das, was das japanische Wort bedeutet: ein «sanfter Weg». Ein intelligentes System von Techniken, bei denen der Kämpfer seine körperlichen und geistigen Kräfte so einsetzt, dass er mit möglichst wenig Aufwand möglichst grosse Wirkung erzielt.

Der japanische Pädagoge Jigoro Kano entwickelte dieses System Ende des 19. Jahrhunderts aus der Samurai-Kampfkunst Jiu-Jitsu. Er strich die gefährlichen Angriffstechniken und veredelte die anderen nach wissenschaftlichen Prinzipien. Kano war gegen alles, was den anderen kaputtmacht. Er forderte Respekt vor dem Gegner und das Siegen durch Nachgeben. Er erfand den wohl friedlichsten Kampfsport der Welt. Seit 2000 trägt Putin den sechsten Dan des Kodokan in Tokio, der ältesten und bedeutendsten Judo-Schule der Welt. Immer wieder trat er öffentlich im Judo-Anzug auf, liess sich beim Sparring filmen und zeigte, was für ein agiler Präsident er ist. Auf der Tatami wirkte Putin immer wie einer von den 50 Millionen anderen Judoka, die es nach Schätzungen des Weltverbands IJF auf der Erde gibt.

Putin warb für die Werte des Sports. Er ist Mitherausgeber des Sachbuchs «Judo: Geschichte, Theorie, Praxis». Und in Tokio sagte er mal: «Wenn ich ins Kodokan komme, habe ich ein Gefühl von Frieden, als käme ich nach Hause.»

Vermutlich trainiert Putin, 69, immer noch Judo-Techniken und hält die Jigoro-Kano-Büste in Ehren, die er nach eigenen Aussagen besitzt. Es mag auch sein, dass die Welt für ihn weiterhin «kein Schachbrett, sondern eine Matte für Judo-Griffe» ist, wie es der frühere russische Vizefinanzminister Sergei Alexaschenko 2014 im US-Magazin «Newsweek» formulierte.

Die Kehrseite: Putins Krieg in der Ukraine und die Reaktion der Judo-Welt

Aber klar ist: Bei seinem Krieg in der Ukraine verrät Putin die Judo-Lehre, die ihm angeblich so wichtig ist. Kein sanfter Weg, nirgendwo. Stattdessen Tote und wenig Erfolg bei riesigem Aufwand. Kaum Nachgeben trotz Verlusten. Schon mit seinem Befehl zum Angriff verstiess Putin gegen Jigoro Kanos Prinzipien.

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Die Judoka reagieren. Die IJF hat Putins Ehrenpräsidentschaft aufgehoben. In Tokio gibt es Forderungen an das Kodokan, Putin den sechsten Dan zu entziehen. Die Zeitung «Asahi» zitiert einen enttäuschten Kodokan-Vertreter mit den Worten: «Es scheint, als habe der Geist des Judo Putin nicht erreicht.» Die japanische Ex-Weltmeisterin Kaori Yamaguchi sagt sogar: «Putin ist kein Judoka.»

Und auch das Judo-Idol Yamashita fühlt sich betrogen. Im Auftrag der japanischen Regierung hat er Putin schon Grussbotschaften überbracht. Aber im Grunde ist er eine unpolitische Sportlerseele. Russlands Angriff auf die Ukraine sei für ihn «total unerwartet» gekommen, sagte Yamashita kürzlich vor Reportern. Er wirkte geknickt. Was ist mit Putin passiert?

Seine Begegnungen mit Wladimir Putin waren für Japans Kampfsport-Idol Yasuhiro Yamashita immer ganz einfach. Russlands Präsident war ein Judoka wie er, versiert, leidenschaftlich, voll des Lobes für Japan, das Herkunftsland des Judo, und auch für Yamashita selbst, den Olympiasieger von 1984 im Schwergewicht. Was Putin sonst noch anstellte, war Yamashita nicht so wichtig, wenn dieser seine Prominenz in den Dienst der Judo-Lehre stellte. Yamashita, 64, heute Präsident des japanischen Judoverbandes und des Nationalen Olympischen Komitees, hat Putin in den vergangenen 20 Jahren oft getroffen. Die beiden haben sogar mal ein gemeinsames Lehrvideo herausgebracht. Aber jetzt führt Putin Krieg in der Ukraine. Und diese Aktionen sind gegen den Geist und den Zweck des Judo.»

Russlands Einfluss im Judo

Im Judo ist der Einfluss Russlands enorm. Weltverbandspräsident Marius Vizer gilt als Freund von Putin. Der europäische Verband EJU wird vom Russen Sergej Soloweitschik geführt. Zudem werden die beiden wichtigsten Verbände von zahlreichen russischen Unternehmen gestützt. Die EJU etwa präsentierte erst kürzlich drei neue Sponsoren aus Russland.

Zuletzt war der für Mai geplante Grand Slam im russischen Kasan abgesagt worden.

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Die Wurzeln von Putins Erfolg: Judo als Lebensschule und Netzwerk

Der Aufstieg Wladimir Putins begann in einem Judo-Trainingsraum in St. Petersburg - die Beziehungen, die er dort als Jugendlicher knüpfte, halten bis heute. Im Mittelpunkt stehen die Rotenberg-Brüder. Die Geschichte nimmt ihren Anfang im Jahr 1963 in Anatoli Rachlins Sambo Club in der Stadt St. Petersburg, die damals noch Leningrad hiess. Auf den Matten des Kampfsportklubs begegneten sich Wladimir Putin und Arkadi Rotenberg zum ersten Mal. Putin war da elf Jahre alt, Rotenberg ein Jahr älter.

Im November 2019 kehrte Putin noch einmal für eine kurze Visite in einen der ältesten russischen Sportklubs zurück. Die staatliche Nachrichtenagentur Tass belegte den Besuch mit einem Bild, das den russischen Staatspräsidenten inmitten jugendlicher Kampfsportler zeigt. In einer väterlich-fürsorglichen Geste legt er den jungen Kämpfern in ihren weissen Trainingsanzügen die Arme um die Schultern.

Für den jungen Wladimir Putin sollte das strenge, disziplinierte Training zur Lebensschule werden. Als er in jenen Novembertagen 2019 in den Sportklub zurückkehrte, lobte er seinen ersten Förderer Rachlin gemäss Tass als einen «herausragenden Trainer und einen Mann von grosser Weisheit», dessen Erfahrung ihm auf seinem Weg sehr geholfen habe.

Während seiner ersten Wahlkampagne im Jahr 2000 sagte Putin in einem langen Interview, das später in das biographische Buch «First Person» einfloss: «Judo ist nicht nur ein Sport. Es ist eine Philosophie. Sie lehrt dich Respekt vor älteren und jüngeren Gegnern. Es ist nichts für Schwächlinge. Du trittst auf die Matte, verbeugst dich und folgst einem Ritual.»

Doch in Rachlins Sambo Club lernte Putin nicht nur Disziplin, er knüpfte auch die Verbindungen, die seine politische Karriere bis heute prägen. Zu Arkadi Rotenberg, seinem ersten Sparringpartner, zu dessen sechs Jahre jüngerem Bruder Boris Rotenberg und zu Gennadi Timtschenko, der später als Finanzierer zum Trio stiess und die St. Petersburger Sportfreunde komplettierte. Sie alle gehören heute zu den reichsten und mächtigsten Männern der Welt und bilden ein Kartell, auf dem der Aufstieg und die Macht Wladimir Putins fussen.

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Man muss diese Wurzeln kennen, um Putins Leidenschaft und Nähe zum Sport zu verstehen. Der Sport und die Erfolge, die die Russen auf dieser Bühne immer wieder feiern, sind für ihn ein Mittel der politischen Propaganda. Er stiftet Selbstbewusstsein und Nationalstolz. Doch mehr noch baute Putin auf den Freundschaften, die er im Sport knüpfte, das Netzwerk auf, das ihn heute zu einem der mächtigsten Menschen der Welt machte und ihn stützt.