St. Pauli trauert um Thomas Born, der am Freitagabend im Alter von 63 Jahren im UKE verstarb, nachdem er am Wochenende zuvor in seiner Wohnung einen Herzstillstand erlitten hatte. An seinem Sterbebett war bis zuletzt neben „Karate-Tommys“ Familie auch der Schauspieler und Buch-Autor Michel Ruge.
Thomas Born, bekannt als „Karate-Tommy“, war eine der schillerndsten Figuren des Hamburger Rotlichtmilieus in den 1970er und 1980er Jahren. Er war Kampfsportler, Bordellier, Geldeintreiber und Schläger - aber auch ein liebevoller Partner und Vater. Schüsse und Messerstiche hat er überlebt.
Ruge sagte zu BILD: „Tommy sagte mal: ,Ein richtiger Freund ist einer, der auch nachts die Waffen einpackt, zu dir kommt und hilft, wenn es Stress gibt‘. Darauf konnte man sich bei ihm verlassen. Er hatte ein großes Herz für Freunde, das findet man nicht so häufig. St. Pauli wird ihn vermissen.“
Die Blütezeit des Rotlichtmilieus
Mitte der 1970er-Jahre erlebte das Rotlichtmilieu auf St. Pauli seine Blütezeit. Einige Luden und Bandenmitglieder wurden in dieser Zeit zu echten Kiez-Legenden.
Thomas Born, der unter dem Kiez-Namen Karate-Tommy berühmt und berüchtigt wurde, war der starke Arm der sogenannten Nutella-Bande. Die Zuhälterorganisation war neben der GMBH einer der beiden großen Player auf dem Hamburger Kiez der 1970er- und 1980er-Jahre.
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Die "Abteilung Stress"
Karate-Tommy war verantwortlich für die "Abteilung Stress" bei den Nutellas. „Wenn von außen Gefahr kam, hat das Telefon bei mir geklingelt“, erzählte er in der NDR-Dokumentation „Als die Killer auf den Kiez kamen“.
Born erwarb mit 19 Jahren den Schwarzen Gürtel und war kurz darauf in der Karate-Nationalmannschaft aktiv. 1974 eröffnete er in Hamburg-Uhlenhorst sein eigenes Sportstudio, wo er auch viele Kiezgrößen trainierte. Die warben ihn dann als Mann fürs Grobe ab.
Born war in einer Zeit im Rotlichtviertel rund um die Reeperbahn aktiv, als sich das organisierte Verbrechen dort im großen Stil formierte und Prostitution zu einem Massengeschäft wurde. Die Gewinne wurden größer, die Verteilerkämpfe härter.
Born wurde auch deshalb zur Milieugröße, weil er immer wieder lebend aus aussichtslosen Situationen herauskam. 1982 überlebte er ein ausuferndes Feuergefecht im "Eros-Center"; seine Begleitung, "SS-Klaus" Breitenreicher und "Angie" Becker starben. Der Kampfkoloss selbst mehrte seinen dubiosen Ruhm durch imposante Erzählungen und durch Fernsehauftritte in NDR-Produktionen wie "Großstadtrevier" oder "Hafenpastor", gab aber in den letzten Jahren auch immer wieder trocken und ungerührt Auskunft über die damals entstandenen kriminellen Strukturen auf der Reeperbahn.
Die Rivalen auf dem Kiez
Neben der Nutella-Bande gab es weitere einflussreiche Gruppierungen auf St. Pauli:
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- GMBH: Das erste große Zuhälterkartell auf St. Pauli, bestehend aus Gerd Glissmann, Michael Luchting, Walter "Beatle" Vogeler und Harry Voerthmann.
- Wiener Peter: Ein gebürtiger Österreicher, der in den 70ern nach Hamburg kam und mit seinem Partner Chinesen-Fritz eine Bordell-Etage im Palais d’Amour führte.
- Stefan Hentschel: Auch bekannt als „der göttliche Zuhälter“, der sich ohne Zuhälterorganisation behaupten konnte.
- Chikago-Bande: Eine kleinere Zuhältergruppe um Reinhard "Ringo" Klemm, die ins Kokaingeschäft einstiegen und die Gewaltspirale auf dem Kiez verstärkten.
Der Ehrenkodex und seine Verletzungen
Die Stimmung kippte, als der Wiener Peter den Auftragsmörder Werner Pinzner damit beauftragte, seinen Partner Chinesen-Fritz aus dem Weg zu räumen. Damit setzte der Wiener Peter den Ehrenkodex, nach dem man Auseinandersetzungen im Milieu mit den Fäusten regelte, erstmals außer Kraft.
"Waffen haben das Geschäft verdorben. Und deswegen eskalierte das damals auch so schnell nach dem bewussten Tag", so Born weiter.
Die Eskalation der Gewalt
Die Situation spitzte sich weiter zu: Sowohl die "Nutella-Bande" als auch die "GMBH" beanspruchten ganze Etagen im Eros-Center für sich. Als sich im Oktober 1982 die Ehefrau eines "Nutella"-Anführers auf dem Kontakthof des Bordells eine körperliche Auseinandersetzung mit einer Prostituierten der "GMBH" liefert, eskaliert die Lage.
Jürgen "Angie" Becker und Klaus "SS-Klaus" Breitenreicher von den "Nutellas" werden im Eros-Center erschossen, Born angeschossen. Nur sechs Tage später wird der "Schöne Mischa" stranguliert an einem Hochsitz bei Thieshope gefunden.
Die Konkurrenzsituation wurde durch die Weltwirtschaftskrise und das Aufkommen von Aids noch verschärft. Die Angst, sich anzustecken, ist groß. Die Kartelle suchen nach anderen Verdienstmöglichkeiten - und entdecken den Handel mit Kokain und Heroin als weiteres Geschäftsfeld.
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Der Fall Werner Pinzner
Der Fall Werner Pinzner ging in die Kriminalgeschichte ein. Noch bevor er sich einen Namen auf dem Kiez machte, musste Pinzner bereits 10 Jahre in Santa Fu einsitzen wegen eines Einbruchs. Nach seiner Haftstrafe lernte er den Wiener Peter kennen. Für ihn erledigte er ohne Skrupel eine ganze Reihe an Auftragsmorden.
Bei seiner letzten Vernehmung am 29. Juli 1986 passierte das Furchtbare: Seine Frau Jutta trug zu dem Termin eine Waffe versteckt in ihrem Slip. Sie gab vor, auf die Toilette zu müssen, verstaute die Waffe dann in ihrer Handtasche, an die ihr Mann leichter rankommen konnte. Pinzner sprang während der Vernehmung auf, schnappte sich die Waffe, schoss erst auf den Staatsanwalt Wolfgang Bistry, erschoss dann seine Frau und schließlich sich selbst.
Das Ende der Kiez-Karriere
Ende der 1980er wanderte Thomas Born für dreieinhalb Jahre ins Gefängnis wegen Zuhälterei und Körperverletzung.
Als Karate Tommy 1989 aus dem Gefängnis entlassen wurde, hatte er ursprünglich geplant, sein altes Leben wieder aufzunehmen. Gestoppt wurde er durch einen Anruf aus Los Angeles. Gemeinsam wollte Driest ein Drehbuch entwickeln. Born entschied sich, das Angebot anzunehmen und verließ Hamburg.
Neuanfang und Medienpräsenz
Nach seiner Rückkehr blieb er den Medien treu und begann in Theaterstücken, Filmen und Serien aufzutreten. Fast wie im realen Leben spielte er auch in seinem Filmen vor allem Rollen von Gangstern, Bodyguards, Schutzgelderpressern. Dabei hielt er zuletzt von seinen früheren Gewalteskapaden nur noch wenig.
Er trat in TV-Talkshows auf, versuchte sich als Schauspieler, betrieb auf St. Pauli eine Security-Firma. Doch irgendwie floss das Geld nicht regelmäßig und vor allem nicht so üppig wie zu Zuhälter-Zeiten.
Weggefährten erinnern sich, dass der einst großmäulige Thomas Born später regelmäßig kleinlaut anrief und bettelte: „Kannste mir mal ’nen Fuffi leihen?“
Beziehungen und privates Leben
Born und Best heirateten, doch die Ehe hielt nur zwei Jahre. Dann hörte Best erst mit Born und anschließend mit der Musik auf: Sie heiratete 1982 Christian Kohlund (72, „Schwarzwaldklinik“) - ein Traumpaar bis heute.
Privat war Karate-Tommy ebenso umtriebig. Er hatte eine intensive Beziehung zu Elke Best, Thomas Borns langjähriger Freundin, die ihn durch viele Höhen und Tiefen begleitete. Das Privatleben von Thomas Born war von seiner Rolle als Vater geprägt. Thomas Borns Sohn spielte in seinem Leben eine besondere Rolle, auch wenn Born stets versuchte, seine Familie vom harten Milieu fernzuhalten.
Der Tod einer Legende
Am 1. Mai endete schließlich das Leben des ehemaligen Karate Tommy. Eine Ausstellung im Sankt-Pauli-Museum zeigt die Biografien bekannter Kiezgrößen - und die Gewalt in der Zuhälter-Szene.Karate-Tommy starb am 1. Mai dieses Jahres. Herzinfarkt, mit 63.
Zur Beerdigung auf dem Ohlsdorfer Friedhof trafen sich alte Kumpanen wie der Milliarden-Mike und Eddie Kante. Es war dort das wohl größte Ereignis der Branche, seit 2009 die frühere Domina und nachmalige Streetworkerin Domenica Niehoff zu Grabe getragen wurde. Jetzt hängen Bilder der beiden im Museum.
Thomas Born, wie er mit bürgerlichem Namen hieß, verschied am Tag der Arbeit, als sich in Hamburg wie üblich zu diesem Termin Demonstranten und Polizisten prügelten. Nur wenige Wochen, nachdem an der Reeperbahn das Eros Center nach einer Razzia geschlossen worden war.
Karate-Tommy bleibt eine der prägendsten Figuren des Hamburger Kiezes. Er war mehr als nur ein einfacher Zuhälter - er war ein Mann, der sich mit Kraft, Charme und Härte einen Namen gemacht hat. Seine Geschichte steht exemplarisch für das Leben auf St. Pauli in den 70er und 80er Jahren, eine Zeit, in der Macht und Respekt oft mit Fäusten ausgehandelt wurden.
