Karat: Die Bedeutung von "Jede Stunde" und der Erfolg des Jahres 1982

Karat ist ohne Frage ein Schwergewicht im Ostrock. Am 22. Februar 1975 spielten Karat ihr erstes Konzert in Heidenau bei Pirna in der Nähe von Dresden. 50 Jahre später ist die Band aus der deutschen Pop-Geschichte nicht wegzudenken.

Schnell wird die neue Gruppe mit ersten eigenen Titeln wie „Leute welch ein Tag“ im DDR-Rundfunk gespielt. 1976 bekommt die junge Berliner Band beim III. Interpretenwettbewerb der Unterhaltungskunst in Karl-Marx-Stadt eine Silbermedaille. Die erste LP erscheint 1978. Nur drei Jahre nach Bandgründung schafft Karat den Sprung nach ganz oben.

Die frühen Erfolge und "Über sieben Brücken"

Ein DDR-Fernsehfilm wird zum riesigen Glücksfall. Er heißt „Über sieben Brücken musst du gehn“. Keyboarder Ed Swillms, Verfasser vieler Hits der Band, vertont den gleichnamigen Titelsong. Beim Internationalen Schlagerfestival 1978 in Dresden gewinnt Karat mit dem Lied den Grand Prix. Die Single schafft es in der DDR-Jahreshitparade auf Platz 2 - hinter „König der Welt“, ebenfalls eine Ballade von Karat.

"Über sieben Brücken" ist wohl der bekannteste deutsch-deutsche Hit. Ursprünglich stammt er von der ostdeutschen Band Karat. Auch beim „Klassenfeind“ westlich der Mauer kommt die Single „Über sieben Brücken musst du gehn“ in die Läden. Peter Maffay hört den Titel im Radio und ist so begeistert, dass er ihn covert.

Auch diese Version wird ein großer Hit - im Westen Deutschlands. Seit 1990 singt Maffay ihn immer mal wieder zusammen mit seinen Freunden von Karat. Auch viele andere erfolgreiche Sänger haben die „Sieben Brücken“ gecovert, etwa Heinz Rudolf Kunze, Helene Fischer, Chris de Burgh und Roland Kaiser.

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Der Durchbruch mit "Der Blaue Planet" im Jahr 1982

Die 1980er-Jahre werden das Jahrzehnt für die Band. Gleich zu Beginn tüftelt die Gruppe an einem neuen Album. 1982 kommt mit "Der Blaue Planet" der größte Erfolg der Bandgeschichte in die Läden. Über 1,4 Millionen Mal verkauft sich das Album in der DDR und der Bundesrepublik.

Als erste DDR-Band darf Karat ab 1979 alle Platten in Ost und West herausbringen. Sie werden millionenfach gekauft und sind eine wertvolle Devisen-Quelle für den sozialistischen Staat: 80 Prozent der Einnahmen durch Schallplatten und Konzerte im Westen flossen in die Staatskasse der DDR, wie Claudius Dreilich berichtet. Die Single „Jede Stunde / Falscher Glanz“ erklimmt die Top Ten in der BRD.

Karat tritt in der ZDF-Hitparade von Dieter Thomas Heck auf, schafft es dort mit „Jede Stunde“ auf den zweiten Platz. Auch bei „Wetten, dass..?“ singen die DDR-Balladenkönige. Moderator Frank Elstner bezeichnet sie als „Diamant der Popgruppen der DDR“.

Besonderheiten des Albums "Der Blaue Planet"

Das Album ist in seiner musikalischen und thematischen Beschaffenheit das in sich geschlossenste Album von Karat. Mit dem instrumentalen Intro 45-01 werden bereits wichtige und im Verlauf des Albums öfter wiederkehrende Klangelemente, etwa fließende Streicherpassagen, treibende Bassfiguren und sanfte Bläsermotive, vorgestellt. Der Titelsong vereinigt typische orientalische Musikmerkmale (unter anderem durch die Verwendung von exotischen Instrumenten) mit denen europäischer Rockmusik.

Sein Text bezieht sich auf die Ängste und Gefahren einer nuklearen Katastrophe als Folge des sich verschärfenden Kalten Kriegs. Diese Thematik wird in dem Lied Wie weit fliegt die Taube fortgesetzt, das durch sein kontrastives Arrangement auffällt. Während Dreilichs Stimme im ersten Teil fast ausschließlich von Streichern getragen wird, setzt im zweiten Teil die gesamte Band unter schweren Bassfiguren ein.

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Aus dem Album wurden die Singles Der blaue Planet mit Blumen aus Eis sowie Jede Stunde mit Falscher Glanz ausgekoppelt.

Verkaufszahlen und Auszeichnungen

In der DDR verkaufte sich Der blaue Planet etwa 1,1 Millionen mal, in der Bundesrepublik Deutschland konnten bis 1989 circa 480.000 Exemplare abgesetzt werden, wofür Karat später eine Goldene Schallplatte bekam. Im europäischen Ausland wurden zudem noch einmal weitere 50.000 Tonträger verkauft. Die Vorab-Single Der blaue Planet verkaufte sich zusätzlich noch 210.000 mal. Damit ist Der blaue Planet das erfolgreichste Rockalbum der DDR.

Mit dem „blauen Planeten“ hatte eine Ost-Band die Charts im Westen gestürmt, wurde sogar mit dem Musikpreis „Goldene Europa“ geehrt. Der Titelsong des Albums, ein Friedenslied, das heute nach meiner Meinung wieder sehr aktuell ist, hatte es in der damaligen Hochzeit des Kalten Krieges geschafft, den Osten und den Westen eines geteilten Landes wenigsten über die Musik zu vereinen.

Die Zeit nach der Wende und der Verlust von Herbert Dreilich

Als Karat 15 Jahre alt ist, verschwindet die DDR. Nach dem Mauerfall gibt es auch für Karat eine Karriere-Delle, die Fans zieht es zur Westmusik. Aber bald kehren sie zurück. Doch im Oktober 1997 erleidet Sänger Herbert Dreilich bei einem Konzert einen Schlaganfall. Rund ein halbes Jahr später steht er wieder auf der Bühne, aber es bleiben ihm danach nur noch einige Jahre. Im März 2004 gibt das Karat-Management bekannt, dass Dreilich an Leberkrebs erkrankt ist. Am Ende des gleichen Jahres stirbt er - mit 62 Jahren.

In den Folgejahren kamen weitere Hits dazu - die großen Erfolge blieben allerdings aus. Trotzdem gehören sie nach wie vor zu den Top-Bands des Ostens. 2004 dann die Hiobsbotschaft: Sänger Herbert Dreilich erkrankt schwer. Im Dezember stirbt er an einer Krebserkrankung.

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"Das ist ein Zufallsprodukt gewesen", erinnert sich Claudius: "Das war zum 25-jährigen Jubiläum von Karat in der Berliner Wuhlheide. Da wurden die Kinder der Kollegen gefragt, ob wir die Band nicht überraschen wollen und einen Song von Karat spielen. Ich sollte dann die Abendstimmung singen. Und ich fing an zu singen, doch da war Ruhe im Publikum. Ich dachte, da habe ich irgendwas falsch gemacht. Zum Glück merkte das ein Redakteur hinter der Bühne und sagte zu meinem Vater: Du musst da jetzt rausgehen und die zweite Stimme singen, weil die denken sonst alle, der tut nur so.

Claudius Dreilich übernimmt das Erbe

Als sein Vater an Krebs erkrankt, bekommt Claudius Dreilich einen Anruf von der Band. Er wird gefragt, ob er als Sänger einspringen kann. Sechs Monate lang habe er sich dann nicht entscheiden können, welcher Weg der Richtige ist. Schließlich habe er beim damaligen Karat-Schlagzeuger Rat gesucht. Dann entschied Claudius Dreilich, dessen Stimme der seines Vaters verblüffend ähnelt: „Ich muss es wenigstens versuchen.“

Die Band heute

Aus der Anfangs-Ära ist noch Gitarrist Bernd Römer dabei. Er stieß 1976 zu Karat. Komplettiert wird die aktuelle Band von Keyboarder Martin Becker, Bassgitarrist Daniel Bätge und Schlagzeuger Heiko Jung. Die Musiker sind 49 bis 72 Jahre alt.

Wie so oft, blicken die Mitglieder der Band nach vorne. Anstatt eines großen Best-of-Albums gibt es zum Jubiläum ein weiteres, das 16. Studioalbum. Dennoch, auf "Hohe Himmel", so der Titel, klingen auch die Wurzeln der Band durch. "Wir haben hier stark mit alten Soundelementen gearbeitet. Aber trotzdem, glaube ich, dass wir es auch geschafft haben, im Jetzt zu sein", sagt der Sänger Claudius Dreilich. "Wir wollten nicht zurückgucken, weil wir immer nach vorne gucken - da muss man sich ein bisschen orientieren. Deswegen ist es ein Album, was vielleicht die Leute in dieser Art und Weise erst mal überrascht.

"Ich glaube, dass wir eine zeitlose Musik machen. Die Ur-Seele ist natürlich damals durch das Feeling von Ed Swillms geprägt worden.

Tabelle: Erfolge und Verkaufszahlen von "Der Blaue Planet"

Region Verkaufszahl Auszeichnung
DDR ca. 1,1 Millionen -
Bundesrepublik Deutschland ca. 480.000 Goldene Schallplatte
Europäisches Ausland ca. 50.000 -
Single "Der blaue Planet" (Vorab) 210.000 -