Olympia Judo: Regeln und Kontroversen – Mann gegen Frau?

Die Olympischen Spiele stehen immer wieder im Zentrum von Debatten um Geschlechtergerechtigkeit, Inklusion und Fairness. Besonders die Teilnahme von Transgender- und intersexuellen Athletinnen sorgt für Diskussionen, insbesondere in Sportarten wie Boxen und Judo, wo körperliche Unterschiede eine entscheidende Rolle spielen können.

Kontroverse um Boxerinnen bei Olympia in Paris

Rund um die Boxerinnen Imane Khelif und Lin Yu Ting ist eine hitzige Debatte um ihr Geschlecht entbrannt. Beide dürfen in Paris um Goldmedaillen kämpfen, obwohl sie bei der WM im vergangenen Jahr in Delhi durch einen umstrittenen Geschlechtstest (Sex-Test) gefallen waren. Vor einem Jahr wurden sie wegen eines umstrittenen Geschlechtstests von der WM ausgeschlossen.

Angela Carini kniete in der Arena Paris Nord weinend auf dem Ringboden. Mit blutender Nase. Nach nur 42 Sekunden hatte die Italienerin ihren Kampf gegen Imane Khelif aufgegeben. Emanuele Renzini, Trainer der Italienerin Carini, kritisierte nach dem Kampf gegen Khelif, dass dieser „unfair“ gewesen sei. Auch Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni kritisierte den Start als „kein Wettbewerb unter Gleichen“.

Insbesondere in Sozialen Netzwerken behaupten viele Menschen, dass es sich bei den Boxerinnen um trans Frauen handeln soll.

Fakten zum Fall Khelif und Lin

  • Disqualifikation bei der WM 2023: Khelif und Lin wurden 2023 von der Box-Weltmeisterschaft disqualifiziert.
  • Gründe für die Disqualifikation: Ob zu viele männliche Hormone oder der Nachweis von männlichen XY-Chromosomen dafür der Grund waren, kann wegen unterschiedlicher Aussagen nicht eindeutig verifiziert werden. Im Fall von Khelif heißt es aber, dass die 25-Jährige wegen erhöhter Werte des männlichen Sexualhormons Testosteron nicht antreten durfte. Lin hingegen wurde nach dem Gewinn der Bronzemedaille nachträglich disqualifiziert.
  • Kein Transgender-Fall: Es gibt keinerlei Nachweis dafür, dass das Duo als Mann geboren wurde und sein Geschlecht geändert hat, wie in Social-Media-Kampagnen suggeriert wird.

„Ich sollte das absolut klar machen: Das ist kein Transgender-Fall! Jede Starterin erfüllt die Teilnahmebedingungen. Sie sind laut ihrer Pässe Frauen. Sie nehmen seit vielen Jahren an Wettbewerben teil und sind nicht plötzlich aufgetaucht. Sie sind Frauen“, begründet Mark Adams als Sprecher des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) die Entscheidung.

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„Das ist eine Entscheidung des IOC: Es gilt nur der Reisepass. Wenn da weiblich steht, gilt die Person auch als weiblich und darf an Frauen-Wettbewerben teilnehmen. Den sogenannten Sex-Test gibt es bei Olympia nicht“, sagt Michael Müller, Sportdirektor des Deutschen Boxsport-Verbandes (DBV), im RND-Gespräch.

Testosteronspiegel bei Frauen

Testosteron und Östrogen werden zwar als weibliche und männliche Geschlechtshormone bezeichnet. Das heißt aber nicht, dass Männer nur Testosteron und Frauen nur Östrogen produzieren. Männer bilden genauso weibliche Hormone und Frauen männliche - nur jeweils in geringeren Konzentrationen. Es kann jedoch auch vorkommen, dass zum Beispiel Frauen zu viele männliche Hormone haben.

Produziert der weibliche Körper zu viel Testosteron, macht sich das unter anderem durch eine übermäßige Körperbehaarung, insbesondere im Gesicht, durch Akne, eine tiefere Stimme und erhöhte Muskelmasse bemerkbar. Die häufigste Ursache für diesen Testosteronüberschuss bei Frauen ist das polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS).

Offene Fragen und Kritik

Unklar ist, wie es zu dem Ergebnis des Geschlechtstest bei der WM 2023 kommen konnte. Dazu muss man als Hintergrund wissen, dass diese Titelkämpfe noch vom Box-Weltverband IBA mit seinem russischen Präsident Umar Kremlew organisiert wurden.

Das IOC hat die vom russischen Staatsunternehmen Gazprom finanzierten IBA jedenfalls wegen diverser Vergehen von manipulierten Urteilen bis zu politischer Einflussnahme suspendiert. Ein fader Beigeschmack bleibt jedoch bei den Kämpfen der beiden umstrittensten Olympia-Starterinnen Lin und Khelif, meint auch Michael Müller: „Wir können die Situation nur bedauern, unter der das Bild des Boxens leidet.“

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Ungeklärt bleibt auch, was bei den Boxerinnen tatsächlich zum erhöhten Testosteronspiegel geführt hat. Das IOC teilte vor den Olympischen Spielen lediglich mit, dass der Wert in den vergangenen zwölf Monaten unter der Grenze der geforderten 10 nmol/L gelegen hat.

Laurel Hubbard: Transgender-Teilnahme im Gewichtheben

Laurel Hubbard hat Historisches geschafft. Sie ist die erste Transfrau, die bei Olympischen Spielen an den Start ging. 2021 in Tokio startete Hubbard für Neuseeland im Gewichtheben. Sie wurde als Mann geboren, trat lange bei Männerwettkämpfen an, identifizierte sich aber als Frau, durchlief eine Geschlechtsangleichung und ging dann bei den Frauen an den Start.

Hubbard, 43, aus Auckland hieß früher Gavin und lebte bis zu ihrem 35. Lebensjahr das Leben eines Mannes. Die rund 130 Kilogramm schwere Neuseeländerin ist aber transgender. Sie fühlte sich dem Geschlecht, das ihr bei der Geburt zugeschrieben worden war, nie verbunden. Daher ließ sie ihr Geschlecht operativ ändern.

„Männer haben Leistungsvorteile in ihrem biologischen Geschlecht“Ursprünglich habe sie mit dem Gewichtheben angefangen, weil sie hoffte, sich dadurch männlicher zu fühlen, verriet Hubbard in einem Interview.

Doch in der Szene sind nicht alle mit Hubbards Teilnahme an Frauenwettbewerben einverstanden. Seit die Neuseeländerin 2017 erstmals als Frau angetreten war, wollen die kritischen Stimmen nicht verstummen. „Ich verstehe, dass für Sportbehörden nichts so einfach ist, wie dem gesunden Menschenverstand zu folgen, und dass es bei der Untersuchung eines so seltenen Phänomens viele Unwägbarkeiten gibt. Aber für die Sportler fühlt sich das Ganze wie ein schlechter Witz an“, kritisierte Anna Van Bellinghen im Vorfeld der Spiele.

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Laut des Internationalen Olympischen Komitees muss eine Transfrau offiziell erklären, dass ihre Geschlechtsidentität weiblich ist. Diese Erklärung darf anschließend vier Jahre nicht geändert werden. Dazu wird das Testosteronniveau fortlaufend überprüft. Bei Hubbard darf der Wert vor dem Wettkampf für mindestens zwölf Monate bei höchstens 10 Nanomol pro Liter Blut liegen.

Regelungen und Leitlinien des IOC

Eine einheitliche Regelung gibt es bislang jedoch nicht. Die Sportarten seien dafür viel zu unterschiedlich, heißt es vom IOC. In den Komitee-Leitlinien heißt es, grundsätzlich solle niemand aufgrund seines Transgender-Status ausgeschlossen werden. Letztlich liegt die Entscheidung aber bei den jeweiligen internationalen Sportverbänden.

In den meisten Sportarten läuft es so: Transfrauen dürfen bei Sportwettbewerben für Frauen nur antreten, wenn sie die männliche Pubertät nicht durchlebt haben - wenn sie ihre Geschlechtsangleichung also vor dem zwölften Lebensjahr hatten. In anderen Sportarten gelten zudem bestimmte Grenzwerte des männlichen Hormons Testosteron, die nicht überschritten werden dürfen.

Das Thema wird teils sehr emotional diskutiert, zuletzt etwa im Schwimmen rund um die Transfrau Lia Thomas.

Mixed-Wettbewerbe im Judo

Seit Tokio 2021 gehört im Judo ein Mixed-Wettbewerb zum Olympia-Programm. Für das Mixed werden 16 Teams zugelassen. Dabei treten Männer und Frauen abwechselnd in insgesamt sechs Gewichtsklassen gegeneinander an. Es werden nicht zwangsläufig die jeweils schwersten Judoka auf die Matte geschickt. Jeder gewonnene Kampf bringt einen Punkt. Ziel ist es, so schnell wie möglich vier Punkte einzusammeln, damit ist die Runde gewonnen.

Endet ein Mixed nach den sechs vorgesehenen Kämpfen 3:3 unentschieden, wird ein Entscheidungskampf durchgeführt. Welche Gewichtsklasse noch einmal ran muss, wird jeweils per Los ermittelt. Genau wie im Einzel wird im Mixed jeweils maximal vier Minuten gekämpft. Ist bis dahin keine Entscheidung gefallen, geht es in den sogenannten Golden Score, in dem die nächste Wertung den Sieg bringt.

Geschlechterparität bei Olympia 2024 in Paris

Paris wirbt damit, „die ersten Spiele mit Geschlechterparität" zu veranstalten. Zum ersten Mal in der Geschichte der Olympischen Spiele werden gleich viele Athletinnen und Athleten teilnehmen.

Dass die Geschlechtergerechtigkeit - anders als der Hashtag #GenderEqualOlympics suggeriert - bei den Olympischen Spielen hinter den Kulissen und damit auch insgesamt noch nicht erreicht ist, verschweigt die offizielle Olympia-Seite nicht: Es gebe immer noch „eine starke Kluft zwischen den Geschlechtern in den Führungspositionen“, etwa in der Leitung der sportlichen Delegation, bei den Schiedsrichtern und den Trainern.

Neben 20 Mixed-Wettkämpfen stehen 157 Wettkämpfe für Männer, aber nur 152 Wettkämpfe für Frauen an. Am größten ist die Ungleichheit im griechisch-römischen Ringen, hier erwarten die Männer sechs Wettkämpfe, die Frauen gar keine.

Zusammenfassung

Die Debatten um die Teilnahme von Transgender- und intersexuellen Athletinnen bei den Olympischen Spielen sind komplex und vielschichtig. Es geht um Fairness, Inklusion, medizinische Aspekte und die Autonomie der Sportverbände. Während das IOC versucht, einen Rahmen zu setzen, bleibt die Umsetzung den einzelnen Sportarten überlassen. Die Diskussionen werden sicherlich auch in Zukunft anhalten, da die Gesellschaft sich weiterentwickelt und neue wissenschaftliche Erkenntnisse gewonnen werden.