Tamara Danz war eine prägende Figur der DDR-Rockmusik. Ihre Karriere und ihr Einfluss werden in diesem Artikel beleuchtet, wobei auch persönliche Beziehungen und musikalische Entwicklungen innerhalb der Band Silly betrachtet werden.
Die Anfänge und musikalische Entwicklung
Es war wohl Ende 1967 oder irgendwann Anfang 1968, da begegnete ich Tamara zum ersten Mal. Es gab zu dieser Zeit nicht viele Clubs in Ostberlin, wo man vernünftige Musik und Bands erleben konnte, also liefen wir uns fast zwangsläufig über den Weg. Damals stimmte der Spruch ‚Berlin ist ein Dorf‘ eben noch.
Schon bald wurden wir unabhängig voneinander musikalisch aktiv. Ich mit meiner ersten unbedeutenden Schülerband und Tamara, schon eine deutliche Klasse höher, bei den damals angesagten ‚Cropies‘ mit ihrem damaligen Freund Uwe Kropinski. Schon damals leuchtete sie auf der Bühne.
Tamara Danz wurde am 14. Dezember 1952 in Winne (Thüringen) geboren. Nach dem Abitur begann sie ein Dolmetscherstudium, das sie jedoch abbrach. Ihre Bewerbung für ein Studium an der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" wurde 1973 abgelehnt. Kurz darauf bekam sie ein Engagement bei der HORST-KRÜGER-BAND, die gleichzeitig ihre erste Profistation war.
Fleck weg engagiert - Tamara Danz gehörte 1978 zu den Gründungsmitgliedern der „Familie Silly“. Ein verrückter Haufen, der in Reggae, Boogie und Funk verliebt war. Ein Stück weit die Mother Finest des DDR-Rocks. Sehr speziell und sehr anders als so vieles im Ostrock, aber auch noch fernab von jeder Breitenwirksamkeit.
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Es gesellten sich jedoch ebenso die ersten New Wave-Einflüsse dazu und bahnte der Band einen Weg zu einem ganz eigenen Stil. Um sich Equipment und eine Anlage leisten zu können, tingelte Tamara mit ihren Musikern durch rumänische und bulgarische Hotelbars und spielte hier zum Tanz.
Der Durchbruch mit Silly
Die ersten Veränderungen im SILLY-Gefüge fielen auf, als sie 1980 den Zusatz „Familie“ im Bandnamen weglassen. Schon ein Jahr später wurde Tamara erstmals zur „Sängerin des Jahres“ gewählt (in den Folgejahren wurde sie das immer wieder), 1981 erschien auch die erste LP bei AMIGA. Das Debüt hat viele originelle Aspekte und verblüfft mit außergewöhnlichen Details.
1981 lernte sie den Keyboarder Ritchie Barton kennen- und lieben. Der wechselte sofort von der damals wesentlich bekannteren Band CITY in die noch frische Silly-Formation. Von hier ist es nur noch ein Katzensprung zum 1983er Album „Mont Klamott“, das den Deutschrock des Ostens gehörig auf den Kopf stellte und SILLY zu einer der wichtigsten Bands machte.
Mit jedem Album toppten sie das eh schon hohe Level ein weiteres Mal. Sowohl „Mont Klamott“, als auch „Liebeswalzer“ (1985), „Bataillon d’Amour“ (1986) und „Februar“ (1989) sind allesamt Meilensteine.
Freundschaftliche Konkurrenz und Seelenverwandtschaft
Später pflegten wir mit CITY und SILLY eine freundschaftliche Konkurrenz, die grundsätzlich von gegenseitigem Respekt geprägt war. Wir feierten zusammen, wir tranken zusammen und ließen auch ab und an mal die Sau raus. Tamara konnte wirklich feiern. Ob das nun bei ihr in Münchehofe an Silvester, damals noch mit Helga Hahnemann, war, oder die legendären Aftershow-Partys mit den GITARREROS, bei denen wir beide Mitte der 80er gesungen haben - es war einfach immer spektakulär und irgendwie waren wir seelenverwandt.
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Indirekt waren wir auch tatsächlich verwandt. Also nicht wir direkt - aber über unsere Hunde. Tamaras Hund hieß Dux, meiner Dolly. Wir waren auch ganz eng, wenn es darum ging, gemeinsame Strategien gegen die übergriffigen Kulturfunktionäre in der DDR zu entwickeln. Bei solchen Fragen sind unsere beiden Bands immer als eine Einheit vorgegangen.
Und dieses jahrzehntelange Grundvertrauen zwischen SILLY und CITY basierte vorrangig auf unser beider Verhältnis. Selbst die Stasi machte da kaum einen Unterschied, schließlich wurden wir beide durch denselben Stasi-Spitzel überwacht. Selbstverständlich spielten wir auch gemeinsame Konzerte, meist auf Festivals, wobei wir allerdings versucht haben, das nur in Ausnahmefällen zu tun.
Die Gitarreros und persönliche Beziehungen
Im Achtzigerjahrzehnt wurde Tamara Danz noch in einem weiteren Projekt als Sängerin aktiv: 1986 fand sich mit den Gitarreros eine zeitweilige Supergroup des Ostrocks. Musiker und Sänger von Karat, Pankow, City, Rockhaus, Stern Meißen und NO55 sangen und spielten die Hits der jeweiligen Bands und internationale Klassiker. Mit dabei: Tamara am Frontmikro.
Politisches Engagement
TAMARA DANZ war nicht nur Künstlerin, sie engagierte sich auch sehr stark in der Politik. Am 18. September 1989 war sie Mit-Initiatorin und Erstunterzeichnerin der "Resolution von Rockmusikern und Liedermachern" an die DDR-Regierung, in der die Zulassung oppositioneller Gruppen und politische Reformen gefordert wurden.
Ziel dieser Aktion war, das Heimatland für die Bürger demokratischer und somit attraktiver zu machen. Obwohl es nicht erlaubt war, verlas sie als Frontfrau der Gruppe SILLY bei den Konzerten den Text dieser Resolution. Den Mund ließ sie sich nicht verbieten!
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Ferner gehörte TAMARA DANZ auch zu den Erstunterzeichnern des am 28. November 1989 veröffentlichten Aufrufs "Für unser Land", der eine eigenständige Entwicklung der DDR forderte, und arbeitete ab 1990 auch an verschiedenen "runden Tischen" mit, die das Ziel einer grundlegenden Reform der DDR hatten.
Die Zeit nach der Wende
Nach der Wende waren Silly wohl die einzigen, die sofort einen passabel dotierten Vertrag angeboten bekamen. Schon 1990 reiste man zu den Chefs der Ariola nach München - und war entsetzt über die fertige Marketingstrategie der Firma, wo man den leicht verdaulichen Textbrei, der Tamara fürsorglich zugedacht war, schon mal angerührt hatte.
Die Sache wurde schnell abgebrochen. Der Silly-Kern besann sich trotzig auf eigenes. Sie schraubten akribisch an ihrem bis dahin schönstem Album: „Hurensöhne“ erschien 1993 und enthält wunderbare Stücke wie Gundermanns „Fliegender Fisch“ oder die Sehnsuchtsballade „Bye bye“.
Silly aber spürten, wie sie sich die Herzen der Leute allmählich zurückeroberten. richteten am schönen Berliner Gendarmenmarkt ihr Danzmusik-Studio ein. Hier entstand das Folgealbum „Paradies“.
Krankheit und Tod
Mitten im Leben stehend und im Arbeitsprozess zum Album "Paradies" steckend, bekam TAMARA DANZ im Jahre 1995 die Diagnose Brustkrebs. Sie entschied sich gegen eine "herkömmliche" Behandlung dieser Krankheit und kämpfte mit anderen Mitteln - leider erfolglos - gegen sie an.
Ritchie Barton (ihr Ex-Freund und Bandkollege) und Uwe Hassbecker (ebenfalls Bandkollege) begleiteten sie dabei bis zum Ende. Ein halbes Jahr vor ihrem Tod heiratete sie noch ihren langjährigen Freund und Kollegen Uwe Hassbecker. Trotz Krankheit stellte sie mit ihrer Band das eben schon erwähnte Album "Paradies" fertig, dessen Erscheinen auf CD sie leider nicht mehr erleben konnte.
TAMARA DANZ starb am 22. Juli 1996 an den Folgen ihrer Erkrankung im Alter von nur 43 Jahren in den Armen ihres Ehemanns. TAMARA DANZ wurde auf dem Friedhof in Münchehofe beigesetzt und ist bis heute in den Köpfen der Menschen präsent.
Das Erbe von Tamara Danz
Sowohl in Berlin, als auch in ihrer ehemaligen Heimat, genauer gesagt im thüringischen Breitungen, ist jeweils eine Straße nach ihr benannt worden, und ihre ehemaligen Bandkollegen Hassbecker, Reznicek und Barton führen die Band SILLY mit neuer Sängerin (Anna Loos) seit 2005 weiter. Damit erfüllen die Jungs ihrer Freundin einen Wunsch.
Bereits 1997 erschien das Buch "Tamara Danz" im Ch. Links Verlag, in dem Autor Alexander Osang ein vielschichtiges Portrait über die Sängerin zeichnet. Im Jahre 2007 erschien anlässlich der Berlinale außerdem der Kinofilm "Tamara", in dem ein paar Wegbegleiter die Geschichte der Künstlerin ganz wunderbar erzählen. Der Film erschien später auch auf DVD.
Anlässlich ihres 20. Todestages im Sommer 2016 veröffentlichte das Label AMIGA zuletzt eine Retrospektive unter dem Titel "Asyl im Paradies" mit CD, DVD und ausführlichem Booklet.
Diskografie (Alben mit Tamara Danz)
- "Horst Krüger Band" (LP) der Horst Krüger Band (AMIGA, 1975)
- "Tanzt keiner Boogie" (LP) der Familie SILLY (AMIGA, 1981. In der BRD bei Rocktopus unter dem Titel "Silly" bereits 1980 erschienen)
- "Mont Klamott" (LP) der Gruppe SILLY (AMIGA, 1983. In der BRD bei POOL im Jahre 1984 ebenfalls erschienen)
- "Liebeswalzer" (LP) der Gruppe SILLY (AMIGA, 1985)
- "It's Only Rock'n'Roll" (LP) der Gruppe Gitarreros (AMIGA, 1986)
- "Bataillon D'Amour" (LP) der Gruppe SILLY (AMIGA, 1986. Im gleichen Jahr in der BRD bei CBS ebenfalls erschienen)
- "Februar" (LP) der Gruppe SILLY (AMIGA, 1988. Im gleichen Jahr bei BMG in der BRD auf LP und CD erschienen)
- "Millionen Herzen - Ein Lied für Berlin" (7" Single) (Bellaphon, 1991.
