Dieser Beitrag soll einige der angesprochenen Probleme im Judo klären und einen Einblick in die Systematisierung der Katame-waza (Grifftechniken) geben.
1. Die Vielfalt und Systematisierung der Katame-Waza
Vor allem die Bodentechniken zeichnen sich durch großen Variantenreichtum und nahezu unbeschränkte Angriffsmöglichkeiten aus. In den sechziger Jahren hatte es sich eingebürgert, jede nur denkbare Variante mit einem eigenen japanischen Namen zu bezeichnen, wobei nicht immer klar war, ob ähnliche Namen auch ähnliche Techniken beschrieben. Ansätze zu einer Systematisierung der Katame-waza haben daher nicht nur die Absicht, die Techniken in einen methodischen Zusammenhang zu bringen, um sie einfacher oder sinnvoller zu unterrichten, sondern vor allem die ausufernden Bezeichnungen der einzelnen Technikvarianten zu reduzieren, um sie auch für Anfänger wieder verständlich zu machen.
Katame-waza kann man übersetzen mit Kontroll-Techniken (katame = „kontrollieren, unbeweglich machen“). Die Wettkampfregeln im Judo erlauben Katame-waza im Stand und am Boden, wobei direkt im Stand nur Armhebel und Würgegriffe wirksam werden können.
1.1. Was gehört zu den Katame-Waza?
Wenn man über Systematisierungen von Katame-waza spricht, muss man vorher präzise unterscheiden, was man alles zu diesem Bereich rechnen will. So ist die Diskussion nicht eindeutig entschieden, wann eine Grifftechnik beginnt und wann sie endet.
Eine (enge) Sichtweise beschreibt ausschließlich die Aktion, die im sportlichen Vergleich mit Ippon (vollem Punkt) bewertet wird, also die Position oder Lage, wo der Kampfrichter „Osae-komi“ (Haltegriff zählt!) ansagt oder in der ein Armhebel oder Würgegriff wirksam wird. In der Sportwissenschaft hat sich für diesen entscheidenden Augenblick der Technik der Begriff der „Hauptfunktion“ (oder „Hauptfunktionsphase“ nach Ulrich Göhner) festgesetzt (vgl. dazu auch Matthias Schierz „Judo-Praxis“, Programme-Übungen-Lernhilfen, Reinbek 1989, S. 54 ff).
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1.2. Vorbereitende Bewegungen
Zumeist besteht die Aufgabe dieser Zwischenbewegungen darin, Uke in seinen Bewegungsmöglichkeiten einzuschränken (vor allem am Boden) und/oder engeren Körperkontakt herzustellen. Je größer der dabei zurückzulegende Weg ist und je länger er dauert, um so größer sind die Verteidigungschancen für Uke.
Die Endposition ist bei Haltegriffen sehr gut definiert. Sie stimmt überein mit der Position, die Tori gegenüber Uke einnehmen muss, damit der Kampfrichter „Osae-komi!“ (ab jetzt zählt die Haltegriffzeit) ansagt. Bei Armhebeln und Würgegriffen ist sie in dem Augenblick erreicht, wo der jeweilige Griff die endgültige Ausführung der Technik ermöglicht, also das Überstrecken oder Verdrehen des Ellenbogengelenks bei Armhebeln oder das Abschnüren der Luft- bzw.
1.3. Unterschiede in der Systematisierung
Die verschiedenen Ansätze zu einer Systematisierung der Grifftechniken unterscheiden sich nicht nur durch Anzahl der definierten Techniken und Gruppierung nach gemeinsamen Merkmalen, sondern vor allem durch das zugrunde liegende Technikverständnis. Insbesondere dadurch wie weit von der Endposition der Technik zurück gesehen, vorbereitende Zwischenbewegungen oder sogar günstige Ausgangssituationen mit beschrieben werden, also durch eine eher enge oder weitere Sichtweise der Techniken.
2. Gliederungskriterien bei Grifftechniken
Nach Studium der Fachliteratur erscheinen mir folgende fünf Gliederungskriterien bei den verschiedenen Ansätzen Verwendung gefunden zu haben. Nur einige der Autoren haben das Kriterium, nach dem sie ihre Grifftechnik ordneten auch ausdrücklich genannt:
- Stand- oder Bodenkampf: Grifftechniken können im Stand und am Boden angesetzt werden.
- Kontrollprinzip: Grifftechniken können als Haltegriffe, Armhebel oder Würgegriffe wirksam werden.
- Die Stellung zum Partner in dem Augenblick, wo der Griff angesetzt wird.
2.1. Unterteilung nach Kontrollprinzipien
Bei den Osae-komi-waza (Haltegriffen) kann man die Prinzipien Kesa (als sogenannter 3-Punkt-Haltegriff) und Shiho (als sogenannter 4-Punkt-Haltegriff) unterscheiden. Bei den Kansetsu-waza (Armhebeln) wird zwischen Ude-hishigi (Armstreckhebebel) und Garami (Armbeugehebel) allgemein unterschieden und bei den Shime-waza (Würgegriffen) nach der Stellung der Partner zueinander, also z.B.
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3. Die Katame-Waza im Kodokan-Judo
Die Haltegriffe des Kodokan werden alle ausschließlich in ihrer Endposition vorgeführt, also in der Stellung, in der „Osae-komi“ angesagt würde. Die sieben verschiedenen Haltegriffe werden in verschiedenen Varianten vorgestellt (vgl. Kodokan Judo Jigoro Kano, Tokyo 1986, S.110 ff) und beschrieben. Nach den Haltegriffen werden 11 Würgegriffe vorgestellt und zum Abschluss 9 Armhebel.
Kansetzu-waza (10 Techniken). Diese werden in dem Buch „Kodokan-Judo“ (vgl. Lit. 16) ausschließlich mit nur einem Foto statisch als Endposition vorgestellt und beschrieben, also ohne Ausgangssituation und vorbereitende Bewegungen, jedoch mit Varianten zum jeweils verwendeten Namen. Weiter wird ausgeführt, dass „Kesa“ und „Kami-shiho“ die einzigen Techniken sind, die „Kuzure“ vorangestellt bekommen.
4. Der Ansatz von Wolfgang Hofmann
Ähnlich wie Geesink versuchte auch Wolfgang Hofmann 1969 die Nachteile des Kawaishi-Systems durch Zusammenfassung von Techniken ähnlicher Bewegungsstruktur auszuschalten. Ausgangspunkt seiner Überlegungen waren die Haltegriffe: „Die drei Gebiete des Bodenkampfes stehen nicht gleichberechtigt nebeneinander; bevor man den Partner hebeln oder würgen kann, muss man ihn unter Kontrolle haben, muss man ihn festhalten. Ein kontinuierlicher Fortschritt im Bodenkampf geht nur über das Studium der Haltegriffe“ Weiter folgerte er dann im Anschluss an die Kritik des Systems Kawaishi: „da aber jeder Griff aus ganz verschiedenen Lagen angesetzt werden kann, ohne eigentlich ein neuer Griff zu sein, ist eine Systematisierung, die davon ausgeht, welches Prinzip gültig ist, auch sinnvoll.“ (Hofmann, 1969, S.
„Bei der Vorstellung werden die Griffe, die nur das Hauptmerkmal variieren, zu einer Gruppe zusammen-gefasst und bis auf einige markante Spitznamen einheitlich als Variation (Kuzure) der Grundtechnik bezeichnet, ohne die jeweilige Variation auch im Namen zum Ausdruck zu bringen“ (Hofmann, 1969, S.
Bei den Haltegriffen unterscheidet Hofmann zwischen Kesa („Schräg mit der Seite halten und von den vier möglichen Punkten - zwei Schultern, zwei Hüften - nur drei fixieren“) und Shiho („Von oben mit der Brust halten und vier Punkte = Shiho fixieren“). Bei den Armhebeln unterscheidet er nach der Mechanik Beuge- und Streckhebel als zwei große Gruppen, aber im weiteren auch danach, welcher Körperteil hauptsächlich den Hebel verursacht. So erhält er „sieben verschiedene Gruppen von Armhebeln, die mit ihren Variationen zwar die 24 Armhebel des Systems Kawaishi umfassen, ohne jedoch durch eine zu ausführliche Namensgebung zu verwirren“ (Hofmann, 1969, S.
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„Bei der Klassifizierung der Würgegriffe berücksichtigt man die Wirkungsweise der Hände, den Einsatz der Beine und wie der gegnerische Körper unter Kontrolle gebracht wird.“ (Hofmann, 1969, S.
Die von Wolfgang Hofmann entwickelte Aufteilung der Grifftechniken lag der früheren DJB-Prüfungsordnung (1970 bis 1991) zu Grunde (vgl. Judo Heft 1/1971, S.14/15). Der Irrtum, diese „Hofmannsche-Systematik“ dem Kodokan zuzuschreiben - was auch heute noch häufig passiert (vgl. Budoka 4/2001, S. 29) - beruht auf dem gleichen Denkfehler wie die Go-kyo mit einer Ausbildungs-Vorschrift gleichzusetzen.
Ursache dafür war, dass man Anfang der siebziger Jahre den fünf Stufen der Go-kyo fünf Gürtelfarben zuordnete, von gelb für die 1. Stufe bis braun für die 5. Stufe. Ein Verfahren, dass es in Japan weder beim Kodokan noch sonst irgendwo gibt. Um den Bodenkampf „prüfungstauglich“ zu machen verteilte man die „Hofmannsche-Boden-Systematisierung“ auf die fünf Gürtelstufen.
Auf Lehrtafeln wurden nun diese beiden Prüfungsbereiche Boden und Stand dargestellt, parallel in fünf Stufen, jeweils umrahmt von den Gürtelfarben gelb bis braun. Die Standtechniken auf diesen Gesamt-Übersichten demonstrierten Wolfgang Hofmann und Mahito Ohgo (als Auszüge aus Hofmanns Buch), die Bodentechniken demonstrierten Takehide Nakatani, der japanischen Olympiasieger -70 kg von 1964, der damals als DJB-Bundestrainer arbeitete und Miroslaw Ralenowski, ein junger tschechischer Leichtgewichtler, der zu dieser Zeit in Hofmanns Judoschule in Köln („Bushido“) als Judolehrer unterrichtete.
Hofmann hatte also zwei Lehrtafeln entwickelt, mit der Absicht, den Prüfungsstoff übersichtlich darzustellen. Aus der parallelen Darstellung dieser fünf Gürtelstufen wurde die Missinterpretation von fünf Lehrstufen, die wiederum mit der Go-kyo assoziiert wurden (werden?). Hofmanns Systematik wurde lange Jahre als Grundlage der Lehrarbeit in der Bundesrepublik Deutschland angesehen.
Erst mit der Einführung der neuen Ausbildungs- und Prüfungsordnung 1992 änderte sich dies und eine andere Systematisierung (die von den Ausgangssituationen her ausgeht) wurde eingeführt. Hofmanns Verdienst bestand 1970 darin, die künstliche Trennung eng bewegungsverwandter Techniken im Lernprozess aufgehoben zu haben. Der für die Verbreitung des Judo - vor allem im Kinderbereich - hinderliche Begriffswirrwarr konnte eingeschränkt werden und nur die japanischen Namen, die eine Grundidee bezeichneten wurden beibehalten, ohne die Vielzahl der möglichen Varianten einzuschränken. Somit wurde das Erlernen bewegungsverwandter Techniken erleichtert.
5. Didaktische Überlegungen von Ulrich Klocke
In den offiziellen DJB-Lehrbüchern „Judo lernen“ (Bonn 1996) und „Judo anwenden“ (Bonn 1997) hat der Autor Ulrich Klocke für den Bereich der Grifftechniken folgende didaktischen Überlegungen angestellt (Judo lernen, 1996, S. c) Frühzeitig werden grundlegende technische Prinzipien (d.h.
Unter dem Stichwort: „Tipps zum Bodenprogramm“ (Judo lernen, 2007, S. a) Bevor man Haltegriffe unterrichtet, muss den Übenden zunächst klar gemacht werden, was im Judo ein Haltegriff ist (lt. c) Ist die richtige Griffhaltung bekannt, sollen die Situationen geübt werden, aus denen man Haltegriffe entwickeln kann (z.B. d) Bodenkampf sollte immer in den Situationen beginnen, aus denen man gelernt hat, Haltegriffe zu entwickeln. e) Zu jedem unterrichteten Haltegriff sollten mindestens zwei (besser drei!) Befreiungen gezeigt werden, damit „Chancengleichheit“ besteht. f) Die Befreiungstechniken sollten sich ergänzen, d.h. sie sollten so abgestimmt sein, dass eine Verteidigung auf die erste Befreiung eine gute Voraussetzung für die zweite Befreiung ist bzw. g) Befreiungen sollten mit einem eigenen Haltegriff beendet werden, wenn dies sich als möglich und sinnvoll erweist.
Sobald sich bei Uke die Sicherheit im Fallen verstärkt, sollten möglichst alle Haltegriffe aus dem Übergang Stand-Boden entwickelt werden (Judo lernen, 2007, 45). Damit kommt zum Ausdruck, dass - auf der Grundlage des Judo als Sportart - sich Wurftechniken und Grifftechniken sowohl im sportlichen Wettkampf als auch im Unterricht systematisch und methodisch eigentlich nicht mehr strikt trennen lassen.
Grifftechniken entwickeln sich im sportlichen Judo ausschließlich aus dem Standkampf heraus und sollten so auch eingeführt, geübt und trainiert werden. Dieser Gedanke betont die Notwendigkeit eines systematischen Zusammenhangs zwischen Ausgangssituation und sich daraus ergebender Grifftechnik.
6. Rollenverteilung im Judo-Bodenkampf
Grundsätzlich kann man im Judo-Bodenkampf die Rollen der beiden Partner nach verschiedenen Gesichtspunkten unterscheiden. • nach der jeweiligen Lage einen Ober- und einen Untermann unterscheiden. Sowohl als Ober- als auch als Untermann kann man Uke und Tori sein, also angreifen und angegriffen werden.
7. Situationen im Bodenkampf
Neben den unterschiedlichen Rollen und Positionen ist es wichtig zu wissen, dass man beim Bodenkampf verschiedene Situationen unterscheiden kann, die in fast jedem Kampf und Bodenrandori wiederkehren. Wie man sich in den verschiedenen Situationen des Bodenkampfes richtig verhält, hängt von zahlreichen objektiven und subjektiven Faktoren und Einschätzungen durch die Kämpfer ab.
