Die Aufarbeitung von Kulturgutverlusten im Nationalsozialismus und Kolonialismus

Der nationalsozialistische Kulturgutraub in Europa war in den ersten Jahrzehnten nach 1945 ein wenig beachtetes Thema, das kaum Resonanz in der Öffentlichkeit und den Praktiken der Rückerstattung respektive „Wiedergutmachung“ von Verlusten in der frühen Bundesrepublik fand. Auch wissenschaftlich blieb das Sujet eine Marginalie im Feld der Aufarbeitungsgeschichte des Nationalsozialismus. Es waren und sind vor allem Skandale um Raubkunst, welche die Diskussion veränderten und zu strukturellen Veränderungen führten.

Der "Fall Gurlitt" als Zäsur

Eine grundlegende Zäsur bildete der „Schwabinger Kunstfund“, besser bekannt als „Fall Gurlitt“, der im Herbst 2013 publik wurde. Nun wurden die Kunst- und Kulturgutverluste aufgrund nationalsozialistischer Verfolgung und ihre Kompensation zu einem öffentlichen Thema sowie auch die fachlichen, rechtlichen und politischen Hintergründe und Dimensionen einem weiten Publikum bekannt. So erfuhr die Öffentlichkeit, dass mit der Verabschiedung der Washingtoner Grundsätze im Dezember 1998 und ihrer Umsetzung in der Bundesrepublik Deutschland neue Anforderungen an die Auseinandersetzung mit Kulturgutverlusten in Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus entstanden waren.

Während sich in den letzten 25 Jahren die zeithistorische Aufarbeitung des Nationalsozialismus zusehends ausdifferenzierte, dominierten in der Kunstgeschichte und den Museen lange die Moderneforschung und die Aufarbeitung der Verluste aufgrund nationalsozialistischer Kunstpolitik und Krieg. Zentrales Charakteristikum des Umgangs mit den Folgen des nationalsozialistischen Kunst- und Kulturgutraubs ist ein spezifisches Zusammenspiel von Wissenschaft, Politik, Verwaltung, institutionellen und privaten Interessenvertretungen, Medien und Zivilgesellschaft. Die Gemengelage dieser verwobenen und häufig konfligierenden Institutionen und Interessen war bislang nicht Gegenstand wissenschaftlicher Analyse.

Veranstaltungen und Forschungsprojekte

Die Frage nach der Rückgabe von Objekten und human remains aus kolonialen Kontexten erreicht bundesdeutsche Öffentlichkeiten wellenförmig. So heißt es im Eckpunktepapier der kulturpolitisch Verantwortlichen von 2019, dass „Rückführungen von Kulturgütern aus kolonialen Kontexten, deren Aneignung in rechtlich und/oder ethisch heute nicht mehr vertretbarer Weise erfolgte“, Teil der „historischen Verantwortung im Zusammenhang mit dem deutschen Kolonialismus“ ist, und auch die scheidende Bundesregierung berücksichtigte dieses Thema in ihrem mittlerweile aufgekündigten Koalitionsvertrag.

Provenienzforscher:innen wissen, dass zur Rückgabe von human remains und Objekten nicht nur der politische Wille, sondern auch die mühevolle Arbeit gehört, Spuren der Herkunft , der Aneignung, des Raubs sowie des Verbleibs bzw. der Überlieferung zu suchen. Archive mit ihren Beständen aus der Kolonialzeit sind dafür eine zentrale Ressource. In unserem Kompaktkurs „Spurensuche“ wollen wir Zugänge zur Archivarbeit eröffnen und produktive Ansätze der Provenienzforschung aufzeigen.

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Der Kompaktkurs „Spurensuche“ wird einen Überblick über die deutsche Archivlandschaft mit Schwerpunkt auf Bestände, die für koloniale Kontexte relevant sind, sowie Einblicke in Archive des Globalen Südens geben und grundlegende Kompetenzen zu selbstständiger Archivarbeit vermitteln. Er ist mit einem großen Anteil von Praxis- und Übungselementen konzipiert. Die Lehrenden geben Werkzeuge zur Lösung von Problemen bei der Recherche an die Hand. Die Teilnehmer:innen tauschen sich mit Archivar:innen aus ganz unterschiedlichen Häusern aus. Historiker:innen der Universität Gießen sowie externe Expert:innen führen in historische Methoden ein.

Beispielhafte Programmpunkte des Kompaktkurses "Spurensuche"

  • 10:00 Uhr: Archive finden, Dr. Verena Limper, Hessisches Staatsarchiv, Dr.
  • 14:00 Uhr: In Archiven arbeiten, Dr. Verena Limper, Hessisches Staatsarchiv, Dr.
  • 9:00 Uhr: Akten erkunden und lesen, Prof. Dr. Bettina Brockmeyer, Justus-Liebig-Universität Gießen, Dr. Joachim Hendel, Universitätsarchiv Gießen, Dr.
  • 10:30 Uhr: Archive im Globalen Süden I, Dr.
  • 14:00 Uhr: Akten (digital) nutzen, Sabine Herrmann, Bundesarchiv Koblenz, Dr.
  • 18:15 Uhr: Archive im Globalen Süden II (Abendvortrag), Dr.
  • Vormittag: Provenienz erforschen I, Prof. Dr.
  • 9:00 Uhr: Komplexe Archivsituationen, Prof. Dr.
  • 10:30 Uhr: Objektrecherche II, PD Dr.

Seit einigen Jahren werden Helbing und sein Auktionshaus jedoch intensiv erforscht. Das Auffinden großer Konvolute von annotierten Auktionskatalogen aus seiner Firma - sogenannte Handexemplare - hat entscheidend zur Rekonstruktion und Wiedererinnerung beigetragen. 2021/22 konnten die meisten der bekannten Hand­exemplare durch die Universitätsbibliothek Heidelberg digitalisiert und für die Recherche zugänglich gemacht werden. Gleichzeitig entstanden über die Jahre eine Reihe von Arbeitsgruppen und Einzelprojekten zu Helbing und seiner weitverzweigten Tätigkeit.

Ausstellungen und ihre Rolle

Im Jahr 2024 wurden in der Stadt Zürich gleich vier Ausstellungen zur Schweizer Kolonialgeschichte gezeigt, die kolonialen Kontinuitäten in der Gegenwart nachgespürt haben. Dies im Kontext eines regen öffentlichen Interesses und einer vielschichtigen Debatte, in der etwa auch die Dekolonisierung der Museen gefordert wurde. Wir treffen Kurator*innen, Wissenschafter*innen und Künstler*innen aus dem Schweizerischen Nationalmuseum, dem Völkerkundemuseum der Universität Zürich und dem Migros Museum für Gegenwartskunst, der ETH und Universität Zürich sowie der Universität Fribourg, um im Rahmen von Werkstattgesprächen und Ausstellungsbesuchen zu diskutieren, wie Museen heute mit belasteten Sammlungsbeständen verantwortungsvoll umgehen können: Wie kann der Schritt von der Forschung und den Debatten rund um den Kolonialismus hin zu einer kuratorischen Praxis erfolgen? Welche Möglichkeiten eröffnen internationale Museumskooperationen oder ein Einbezug von Communities aus der Diaspora in den Ausstellungsprozess? Was soll mit Objektbeständen aus Gewaltkontexten geschehen?

Seit über 100 Jahren lagern etwa sechshundert Kulturgüter aus Tansania in Stade. Warum blieben sie so lange unbeachtet? Und wie kamen sie nach Stade? Mit der Ausstellung AMANI kukita | kung’oa (gepflanzt | entwurzelt) präsentieren die Museen Stade erstmals Ergebnisse, Prozesse und Reflexionen eines dreijährigen Forschungsprojekts, das in Zusammenarbeit mit dem tansanischen National Institute for Medical Research (NIMR) durchgeführt wurde. Das Projekt untersuchte die tansanischen Kulturgüter, die sich der Botaniker Karl Braun (1870-1935) während seiner Tätigkeit für das Kaiserlich Biologisch-Landwirtschaftliche Institut Amani in der ehemaligen Kolonie „Deutsch-Ostafrika“ aneignete.

Ab 1921 leitete Karl Braun die Zweigstelle Stade der Biologischen Reichsanstalt für Land- und Forstwirtschaft. Werkzeuge, Instrumente, Textilien sowie Fotografien, Karten und Dokumente erzählen Geschichten von kolonialer Besetzung, der Ausbeutung menschlicher und pflanzlicher Ressourcen sowie der Aneignung kulturellen Erbes. Mit der Ausstellung AMANI kukita | kung’oa möchten wir als Kurator*innen dem deutsch-tansanischen Forschungsteam eine Plattform bieten, um die Forschungspraxis vorzustellen und kritisch zu reflektieren. Gleichzeitig laden wir Sie als Museumsbesucher*innen ein, diese Praktiken selbst zu hinterfragen.

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Zukünftige Konferenzen und Tagungen

Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste möchte bei seiner Jahrestagung 2025 mit Expert:innen aus dem In- und Ausland Studien zur Geschichte und Statements zum aktuellen Stand der Rückführung von Kulturgut vorstellen, das während oder infolge des Zweiten Weltkrieges verlagert wurde. Die Tagung wird im Livestream auf dem YouTube-Kanal des Zentrums zu verfolgen sein.

Die internationale Tagung „Die ‘Bodenreform’ und ihre Folgen für die Schlösser und deren Interieur 1945-2025“ findet vom 22. bis 24. 2025 jährt sich zum 80. Mal der Beginn der sogenannten Bodenreform in der Sowjetischen Besatzungszone. Abgesehen von der Zerstörung und/oder Umnutzung der enteigneten Schlösser, verloren die Besitzer in der Folge jegliches in den Räumen vorhandene Kulturgut („Schlossbergung“). Im Blickpunkt der Tagung stehen Ablauf und Folgen dieser Prozesse, die je nach Region sehr unterschiedlich verliefen, aber bundesweit bis heute zahlreiche Institutionen beschäftigen, darunter auch die in staatlicher Verwaltung befindlichen Schlösser und Gärten. Die Tagung ist Teil des Gemeinschaftsprojekts „Staatliche Schlösser im 20. Jahrhundert als Spiegel des gesellschaftlichen und politischen Wandels“ der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Schlösserverwaltungen.

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