Die Geschichte der Zusammenarbeit zwischen Karat und Peter Maffay ist eng mit dem Lied "Über sieben Brücken musst du gehn" verbunden, das bis heute zu den erfolgreichsten Titeln beider Künstler zählt.
Die Entdeckung eines Hits
Eines schönen Tages, irgendwann im Frühjahr 1980, hörte Peter Maffay zufällig ein Lied im Radio, das ihn sofort begeisterte und nicht mehr losließ: "Und ich hab gesagt: Was ist das für ein schönes Lied! Wer hat das gesungen? Aber das konnte mir in meinem Bekanntenkreis niemand sagen", erzählte Maffay 2014 dem MDR-Hörfunk. Er recherchierte weiter und erfuhr schließlich, dass das Lied von Karat, einer Band aus der DDR, stammt.
Zwei Jahre zuvor, an einem Sonntagabend im April, hatte das DDR-Fernsehen einen Spielfilm gesendet: "Über sieben Brücken musst du gehn". Der Film erzählte die Geschichte einer traurigen Liebe zwischen einem polnischen Mann und einer Frau aus der DDR. Am Ende des Films, über dem Abspann, lief ein Lied: "Über sieben Brücken musst du gehn, / sieben dunkle Jahre überstehn, / siebenmal wirst du die Asche sein, / aber einmal auch der helle Schein..."
Noch am Abend riefen beim Fernsehen der DDR in Berlin-Adlershof Zuschauer an und fragten, wie das Lied heißt und wo sie die Schallplatte kaufen könnten. Den Text des Liedes schrieb der Leipziger Schriftsteller Helmut Richter, die Musik Ulrich "Ed" Swillms, Keyboarder der Ost-Berliner Band Karat.
Als Richter den Song zum ersten Mal im Tonstudio hörte, prophezeite er überschwänglich: "Das wird ein Welthit!" Noch 1978 gewann Karat beim Internationalen Schlagerfestival in Dresden mit "Über sieben Brücken" den "Grand Prix". 1979 erschien dann die LP "Über sieben Brücken musst du gehn" beim DDR-Plattenlabel "Amiga" und war umgehend vergriffen. Zeitgleich wurde die LP unter dem Titel "Albatros" auch in der Bundesrepublik veröffentlicht.
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Das Treffen in Wiesbaden
1980 reiste Karat zu einem Konzert nach Wiesbaden. Peter Maffay machte sich ebenfalls auf den Weg in die hessische Landeshauptstadt. Einige Monate waren seit dem Tag vergangen, als er im Radio "Über sieben Brücken" gehört hatte. Maffay wollte die Musiker aus der DDR unbedingt treffen.
"Wir haben uns in einem verräucherten Club kennengelernt. Und das war ja keine alltägliche Geschichte - eine ostdeutsche Band und ein westdeutscher Sänger", erinnert sich Maffay im MDR-Gespräch. "Aber das war eine schöne Begegnung, die anfangs etwas angespannt war, denn ich wusste nicht, wem ich da begegne, und die wussten nicht, wie ich ticke.
Peter Maffay nahm nach dem Treffen mit Karat schnell eine eigene Version des Karat-Songs auf, die er mit einem ebenso markanten wie einprägsamen Saxophon-Solo versah. Komponist "Ed" Swillms war begeistert.
Der Durchbruch im Westen
Noch 1980 veröffentlichte Maffay seine Version von "Über sieben Brücken" auf dem Album "Revanche", das sich mehr als zwei Millionen Mal verkaufte. Da das Kulturministerium der DDR Karat Anfang der 1980er-Jahre untersagt hatte, im bundesdeutschen Fernsehen aufzutreten, war nun fast ausschließlich die Interpretation Maffays präsent. Und der machte das Lied bei zahlreichen Konzerten auch im Ausland bekannt.
Das alles führte schließlich dazu, dass viele im Westen meinen, "Über sieben Brücken" sei sein Lied. Nach 1990 sangen Peter Maffay und Herbert Dreilich einige Male gemeinsam ihren berühmten Song.
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Claudius Dreilich über die Maffay-Version
„Karat“-Frontman Claudius Dreilich hat vor über 20 Jahren den Job seines verstorbenen Vaters Herbert als Sänger in der Band übernommen. Zum 50.Bandjubiläum von Karat redet Claudius in einem Interview mit „Welt“ sehr offen. Besonders als er Megastar Peter Maffay im Herbst 1980, zwei Jahre, nachdem Karat „Über sieben Brücken“ veröffentlichte, mit diesem Song im Radio gehört hat…
„Als ich Peter Maffay damit das erste Mal im Radio hörte, war ich stinksauer, weil es eben nicht mein Vater war, der den Song sang. Ich verstand das damals nicht“, erzählt Claudius Dreilich in dem Interview. Zehn Jahre war er damals jung. Heute sieht er es entspannter: „Es war ein großes Glück, wie sich alles durch Peters Interpretation entwickelte, wobei der Mauerfall noch mit reinspielte. Vermutlich wäre der Song sonst nie ein gesamtdeutscher Kult-Hit geworden.“
Gemeinsam zum Welthit
Als Peter Maffay den Song damals im Radio hört, ist er sofort Feuer und Flamme. 1980 trifft er Karat in Wiesbaden, fragt nach einer Coverversion und bekommt grünes Licht. Seine Version wird ein Riesenhit und zehn Jahre später stehen Maffay und Karat dann sogar gemeinsam auf der Bühne.
Es bleibt nur zu vermuten, aber wahrscheinlich wäre Karat nicht so durch die Decke gegangen, wie mit diesem Zusammenspiel von Peter Maffay. Am Ende spielt es auch keine Rolle, denn die Band Karat wie auch Peter Maffay sind bis heute nicht aus dem Musikbusiness wegzudenken.
Die Bedeutung des Liedes heute
Für nicht wenige Ostdeutsche ist das Lied „Über sieben Brücken musst du gehn“ eine Art Hymne. Quasi ein Symbol ostdeutscher Lebensleistung, die eng mit ihrem Leben, ihren Gefühlen und ihrer Sozialisierung verbunden ist. Dagegen sind noch immer nicht wenige „Altbundesbürger“ überrascht, wenn sie erfahren, dass der Hit nicht von Peter Maffay getextet und komponiert wurde.
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Die Geschichte des Liedes ist zugleich auch ein Zeugnis der Widersprüche und Konflikte, mit denen Künstler der DDR umgehen mussten.
Die beiden Hauptakteure, der Literat Helmut Richter sowie der Musiker und Komponist Ulrich „Ed“ Swillms, denen wir diese Rock-Ballade verdanken, weilen nicht mehr unter uns. Sie starben am 3. November 2019 bzw. am 27. Juni 2023. Aber bis heute lassen sich die einzigartige Geschichte und die emotionalen Erinnerungen an dieses Lied, das bisher in 30 Sprachen übersetzt und von mehr als 100 Interpreten gesungen wurde, fortschreiben.
