Natürlich war es damals im Ostberlin der 1970er nicht abzusehen, als sich Musiker von Panta Rhei und der Horst-Krüger-Band zusammenfanden, dass diese neue Band einmal ihren festen Platz in den Annalen der Geschichte der deutschen Popularmusik einnehmen wird. Andererseits: Dass hier Großes entsteht, war ziemlich schnell zu merken. Und spätestens mit Beginn der Achtzigerjahre - gerade einmal fünf Jahre nach Bandgründung - zählten KARAT zu den wichtigsten deutschen Bands - in Ost wie West.
2025 laden Gitarrist Bernd Römer, Schlagzeuger Heiko Jung, Keyboarder Martin Becker, Bassgitarrist Daniel Bätge und Sänger Claudius Dreilich zu einem ganz besonderen Jubiläum: 50 Jahre KARAT werden gefeiert. Neben einer umfangreichen, über das komplette Jahr andauernden Geburtstagstournee wird es ein Album mit neuen Liedern sowie ein neues Karat-Buch, das alle fünf Dekaden umfasst, geben. Und nicht zuletzt geht es mit KARAT auf große Jubiläums-Kreuzfahrt: Im Mai startet das KARAT-Schiff AIDAdiva nach Norwegen.
Ein wichtiger Fokus liegt auf einem ersten Höhepunkt im Jubiläumsjahr 2025: der Auftritt in der restlos ausverkauften Elbphilharmonie zu Hamburg am 02. März. KARAT wird als erste Rockband aus der ehemaligen DDR den ehrwürdigen Saal rocken.
Die Geschichte von Karat
Rockmusik aus den Bundesländern der ehemaligen DDR ist längst zum festen Bestandteil des gesamtdeutschen Kulturerbes geworden - und das zurecht. Im Jahr 1975 kamen die Musiker um Sänger Herbert Dreilich zusammen. Das klare Ziel: Die Nummer eins der Rockbands zu werden, und das nicht nur im Osten Deutschlands. Heute kann man sagen, dass dieses Vorhaben gelungen ist.
Schon im Jahr 1798 gelang Karat mit dem - mittlerweile von mehr als zwanzig bekannten Musiker:innen gecoverte - Hit »Über sieben Brücken musst du gehn« der Durchbruch. In über 45 Jahren Bandgeschichte hat Karat viele weitere Singles und Alben veröffentlicht, die in der DDR wie in der BRD hohe Chartplatzierungen erreicht haben. Nach dem tragischen Tod von Herbert Dreilich im Jahr 2004 schien die Band kurzzeitig vor dem Ende zu stehen.
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Die Entwicklung der Band
KARAT sind einen anderen, ihren eigenen Weg gegangen: Dem der permanenten Suche, der ständigen Bewegung und Selbstbefragung. Es hat in diesem fünf Jahrzehnte währenden Prozess einige Brüche gegeben. Musiker, die jahrelang Kurs und Klang der Band maßgeblich prägten, machten Platz für neue Charaktere und neue Ideen. Eine permanente Frischzellenkur, ein ständiger Verjüngungsprozess. Die heute den 50. Bandgeburtstag feiern, kommen zum Teil aus anderen Generationen, bieten von ihrer Lebenserfahrung her ein breit gefächertes Spektrum. Und trotzdem, oder vielmehr: Gerade deshalb blieb die Idee dahinter immer jung.
Exemplarisch deutlich wird diese einzigartige Bandentwicklung als offenes Kreativsystem in der Position den Frontmanns: Die hatte Herbert Dreilich drei Jahrzehnte inne. Dabei wurden die größten Erfolge der Band gefeiert, er hat ihnen quasi ein Gesicht gegeben. Seit zwei Jahrzehnten steht sein Sohn an seiner Stelle. Er brachte die Skeptiker längst zum Schweigen und hat den Beweis angetreten, dass er seinem Vater nicht nur äußerlich ähnlich sieht, sondern auch dessen kreative Energie geerbt hat.
Doch keineswegs ist Claudius Dreilich eine Kopie, sowohl mit seinem Gesang, als auch mit seinem Charisma und seiner dennoch nahbaren Extrovertiertheit avanciert er zu einer Künstlerpersönlichkeit. So kann er der Band heute genauso Motor sein, wie es sein Vater 30 Jahre lang war.
Die goldenen Jahre und danach
Über 50 Jahre KARAT sind zuallererst die etlichen, großen Hits - inzwischen allesamt gestandene Klassiker. Aber sie passen wunderbar ins Hier und Jetzt, weil sie im eigentlichen Sinne zeitlos sind: Hier wird nicht die Asche des Feuers angebetet, sondern dessen Glut weitergetragen. KARAT sind fünf Dekaden deutsch-deutsche Musikgeschichte. Gleich im ersten Jahrzehnt entstehen etliche Meilensteine, in der BRD ehrt man sie mit Goldenen Schallplatten, sie sind Gast bei „Wetten dass…“ und Peter Maffay feiert seinen bisher größten Hit mit dem Karat-Cover „Über sieben Brücken musst du gehn“ - das alles war nicht nur höchst erfreulich, sondern eine Sensation - für eine Band aus dem Osten.
Die zweite Dekade beginnt mit der Verleihung der Goldenen Europa (1986) und endet im längst wiedervereinten Deutschland mit dem bereits zehnten KARAT-Album „Die geschenkte Stunde“ (1995) - drei Jahre zuvor holen Gitarrist Bernd Römer und seine Kollegen den neuen Keyboarder Martin Becker in die Band. Das dritte Jahrzehnt vereint Highlights wie einen Auftritt beim „Rockpalast“ und eine Tournee mit dem Filmorchester Babelsberg, aber es endet tragisch: Herbert Dreilich erliegt 2004 seinem Krebsleiden.
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Eine neue Ära beginnt mit der vierten Dekade, denn mit Claudius Dreilich als neuem Sänger erleben KARAT den Glücksfall, dass die Band den schweren Abschied zur Chance für die Zukunft umgedeutet hat. Und sie bleiben erfolgreich: Neben vielen eigenen Tourneen sind sie Teil der „Ostrock Klassik“-Konzerte, holen sich für eine Weihnachtstour ein A cappella-Frauenquintett dazu, kollaborieren mit den Kieler Philharmonikern und freuen sich über die Interpretationen ihrer Songs von (u.a.) Helene Fischer, Chris de Burgh und Max Raabe.
Nicht zuletzt gibt es mal wieder eine Goldene Schallplatte (2010 für „Vierzehn Karat“) und fünf Jahre später die Goldene Henne. Auch in der bisher letzten Dekade befinden sich KARAT auf der Überholspur, so wird mit Universal Music ein neuer Vertriebspartner für die neuen Alben gefunden und selbst eine Pandemie kann diese Band nicht stoppen: KARAT melden sich mit Auto- und Hotelzimmer- sowie ca. 40 Konzerten mit eingeschränkter Zuschauerzahl aus der Covid19-Versenkung zurück. Die fünfte Dekade steht ebenso für einen weiteren Besetzungswechsel: Daniel Bätge sowie Heiko Jung sind die Neuzugänge an Bass beziehungsweise Schlagzeug. Man kennt die gestandenen Musiker beispielsweise aus ihrer Zusammenarbeit mit Udo Lindenberg, Wolfgang Niedecken, Jan Josef Liefers oder Clueso.
Die Dokumentation "50 Jahre Karat"
50 Jahre KARAT im Wechselspiel von Gegenwart und Historie der Band - die Doku des MDR ist eine filmische Tour mit der Band KARAT durch die Arbeit an ihrem neuen Album im Studio, bei mitreißenden Live-Konzerten und durch fünf Jahrzehnte Bandgeschichte.
Der frühe Erfolg und die Herausforderungen
Der Eintritt der Band 1975 in die Rock- und Popszene der DDR ist zugleich ein Senkrechtstart. Nach zahlreichen erfolgreichen Titeln wird KARAT mit dem Lied "Über sieben Brücken" zur beliebtesten Band der DDR - und zum lukrativen West-Export. KARATs Alben werden in Westdeutschland mehrfach vergoldet. Als einzige DDR-Band tritt KARAT sogar in der Samstagabend-Show "Wetten daß…?" auf. Im eigenen Land werden die Musiker mit Kunstpreisen und dem DDR-Nationalpreis geehrt. 1980 covert Peter Maffay den Song "Über sieben Brücken", der bis heute zu seinen erfolgreichsten gehört.
Anfang der 90er Jahre droht die ostdeutsche Rock- und Popszene sang- und klanglos unterzugehen: statt vor Tausenden spielt KARAT plötzlich vor nicht mal mehr Hundert Leuten. Erst Mitte der 90er Jahre entdecken die Ostdeutschen die Rock- und Pophelden ihrer Jugend wieder. Auch KARAT. Zum 25-jährigen Jubiläum im Jahr 2000 spielt die Band in der Berliner Wuhlheide vor knapp 20.000 Menschen.
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Als Herbert Dreilich - jahrzehntelang die Stimme der Band - 2004 im Alter von 62 Jahren stirbt, steht sein Sohn Claudius vor der wichtigsten Entscheidung seines Lebens: Manager in Shanghai werden oder Sänger von KARAT. Er entscheidet sich für die Musik. Der Sohn ersetzt den Vater - vielleicht ein einzigartiges Phänomen in der deutschen Rockszene.
Die prägenden Musiker
Die Bandgeschichte von KARAT ist geprägt durch den Einfluss vieler hervorragender Musiker: Die Erfinder der Band Henning Protzmann und Ulli Pexa, verstärkt durch Ed Swilms, Herbert Dreilich, Bernd Römer und Michael Schwandt. Zeitweilig wird KARAT verstärkt durch Thomas Natschinski, ab Mitte der achtziger Jahre ersetzt Christian Liebig Hennig Protzmann am Bass, der Posten an den Tasteninstrumenten wechselt von Ed Swilms zu Thomas Kurzhals und seit 1992 zu Martin Becker. Nach dem Ausstieg von Michael Schwandt und Christian Liebig 2023 verjüngt und modernisiert sich die Band mit Heiko Jung am Schlagzeug und Daniel Bätge am Bass.
"KARAT ist man nicht nur auf der Bühne. KARAT muss man leben." (Adele Walter, Managerin)
Die letzten Alben und der Blick nach vorn
Doch die Band ruht sich nicht auf ihrem Legendenstatus aus, bleibt innovativ und experimentierfreudig. Es entstehen die Alben "Weitergehn" (2010), "Seelenschiffe" (2015), "Labyrinth" (2018) und 2025 das aktuelle Jubiläumsalbum "Hohe Himmel".
Die Doku "50 Jahre Karat - Eine deutsche Rockgeschichte" trifft die Musiker und ihre Managerin Adele Walter, die Musikmanager Peter Schimmelpfennig (West) und Jörg Stempel (Ost) und prominente Begleiter der Band wie Ute Freudenberg, Katarina Witt, Inka Bause und Gregor Meyle.
