Tschetschenische MMA Kämpfer im Rampenlicht: Zwischen Sport und Politik

MMA-Profi Khamzat Chimaev ist ein Superstar in der Szene und gleichzeitig ein Gefolgsmann des tschetschenischen Diktators Ramsan Kadyrow. Mit seinem süffisanten Lächeln, dem voluminösen Vollbart und schwarzen Haar erinnert er an ein Raubtier.

Es dauerte nicht allzu lange, bis Khamzat Chimaev am Samstagabend seinen Gegner zur Aufgabe zwang. Vier Minuten lang dominierte er ihn nach allen Regeln der Kunst. Spielend leicht rang er den Australier Robert Whittaker zu Boden, ließ Schläge auf ihn herunterfallen, brach ihm mit einem Würgegriff den Kiefer und zwang ihn zum Abklopfen. Die Kommentatoren springen auf, das Publikum in Abu Dhabis Etihad Arena jubelt.

Sein Kampfname „Borz“ passt da nur zu gut - es ist das tschetschenische Wort für Wolf. Chimaev ist nicht nur einer der momentan größten Kampfsportstars, sondern auch enger Freund des tschetschenischen Diktators Ramsan Kadyrow. Chimaev versteckt seine Freundschaft zu Kadyrow nicht. Im Gegenteil, in den sozialen Medien zelebriert er sie regelrecht. Selbst dann, wenn Chimaev dem Diktator im Käfig öffentlich die Treue schwört, ignoriert die UFC das gekonnt.

Dass inzwischen oft in den Vereinigten Arabischen Emiraten gekämpft wird, ist kein Zufall. Die Neuausrichtung der Emirate als internationale Sportplayer inkludiert auch den Kampfsport. Die Yas-Insel wurde kurzerhand zur Mixed-Martial-Arts-Me­tropole und richtete in einer Hygienebubble die Kämpfe aus. Chimaev kämpfte bereits fünf Mal in Abu Dhabi. Nicht nur, weil er sich dem Emirat als Muslim näher fühlt, sondern weil ihm die USA aufgrund seiner engen Verbindungen zu Ramsan Kadyrow ein Visum verwehrt haben.

Kadyrow inszeniert sich gerne als großen Helden, Anführer und ist das, was man im Westen getrost als toxisches Männlichkeitsideal par excellence bezeichnen kann. Als Vehikel dafür benutzt er den Kampfsport, insbesondere MMA und das Boxen.

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Nicht nur wegen Chimaevs überwältigenden Siegs war der Kampfabend UFC 308 eine gute Nacht für Kämpfer aus der Russischen Föderation. Magomed Ankalaev, ein weiterer Vorzeigeathlet aus dem Fight Club von Kadyrow, gewann seinen Kampf im Halbschwergewicht und wird den nächsten Titelkampf bekommen.

Zwar wurden Magomedov noch keine offiziellen Verbindungen zu Kadyrow nachgewiesen, dafür aber seinem Manager Ali Abdelaziz, der etliche Kämpfer des Fight Club Akhmat vertritt. Auf der Pressekonferenz nach dem Event war UFC-Präsident Dana White voll des Lobes für die Performance von Chimaev und Ankalaev.

Putins Bluthund Kadyrow teilt Propaganda-Video mit Kampfsport-Star. Am Montag (23. Oktober) veröffentlichte Kadyrow ein neues Lebenszeichen. In einem Video zeigte sich der Tschetschenenführer mit einem der größten Sportstars der Teilrepublik: MMA-Kämpfer Khamsat Chimaev.

Das Video zeigt, wie Kadyrow am Samstag im Fernsehen den Kampf zwischen Chimaev und dem Nigerianer Kamaru Usman verfolgt. Nach dem Punktsieg für Chimaev sieht man Kadyrow die Fäuste in die Höhe recken und „Allahu Akbar“ (dt. Allah ist groß) rufen. Anschließend kommt es in dem Video zum persönlichen Zusammentreffen von Kadyrow und Chimaev in Abi Dhabi, bei dem der Tschetschenenführer dem MMA-Kämpfer zum Sieg gratuliert.

Seite an Seite besteigen die beiden Tschetschenen daraufhin ein Privatflugzeug, das sie nach Tschetschenien bringt. In dem Video sieht man immer wieder, wie Kadyrow seinen Schützling freundschaftlich in den Arm nimmt. Am Flughafen in Grosny angekommen, werden Kadyrow und Chimaev von einer jubelnden Menge erwartet, die tschetschenische Fahnen mit dem Konterfei von Kadyrows Vater, Akhmad Kadyrow, schwenken.

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Geteilt wurde das Video nicht nur auf Kadyrows Telegram-Kanal, sondern auch auf über den Instagram-Account von Chimaev, wo dem Sportler 6,7 Millionen Menschen folgen. Es ist nicht das erste Mal, dass Kadyrow die Erfolge Chimaevs für seine pro-tschetschenische Propaganda nutzt. Immer wieder zeigte sich der Tschetschenenführer an der Seite des Kampfsport-Stars und betonte das freundschaftliche Verhältnis der beiden.

Kadyrows Söhne Ali und Adam unterstützten Chimaev am Samstag sogar in dessen Ecke. Der 29-jährige Chimaev wurde in Tschetschenien geboren, emigrierte jedoch im Alter von 18 Jahren nach Schweden. Seit 2020 kämpft der frühere Ringer in der UFC - der größten MMA-Organisation der Welt - wo er sich schnell einen Namen machte. In 13 Kämpfen ist Chimaev bisher noch ungeschlagen und zählt mit zu den größten Namen des Sports. Das macht ihn zu einer perfekten Galionsfigur für Kadyrows Tschetschenien. Putins Bluthund bezeichnete Chimaev nach dem Kampf am Samstag auf Telegram als „leuchtendes Beispiel“ für alle tschetschenischen Athleten.

Chimaevs über sechs Millionen Follower wird Kadyrow im Gegenzug als Freund, Mentor und Kampfsport-Fan präsentiert. Hinweise auf die Beteiligung von Putins Bluthund und dessen Soldaten an den Kämpfen in der Ostukraine sucht man vergeblich.

Besonders bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang eine Ansprache, die Chimaev am Samstag nach seinem Kampf noch im Octagon - dem achteckigen Käfig, in dem die Kämpfe ausgetragen werden - hielt. Mit Blick auf die Kriege in der Ukraine und in Israel sagte der Sportler: „Es spielt keine Rolle, wo auf der Welt, in der Ukraine, in Syrien, in Afghanistan, in Palästina. USA. Spielt keine Rolle. Wenn Kinder sterben, ist das hart, Jungs. Ich liebe die Kinder.“

Während Chimaev für seine Rede viel Zuspruch auf den sozialen Medien erhielt, zeigten sich einige Nutzer verwundert über die Bilder mit Kadyrow, die er ebenfalls nach dem Kampf teilte. Kadyrow tritt seit dem Beginn des Ukraine-Kriegs immer wieder als politischer Hardliner auf und übte zwischenzeitlich auch Kritik an Präsident Wladimir Putin, da er dessen Vorgehen in der Ostukraine für zu weich hielt.

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Russland kann seit Beginn der UFC auf eine lange Reihe von erfolgreichen MMA-Kämpfern zurückschauen. Nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs wurden russische Athleten in diversen Sportarten von den Wettkämpfen ausgeschlossen oder durften nur unter neutraler Flagge antreten. Nicht so in der UFC. Bei der Veranstaltung am Samstag in den Vereinigten Arabischen Emiraten waren russische Sportler in jedem der fünf Hauptkämpfe vertreten.

Das „Main Event“ des Abends bestritt mit dem Russen und aktuellen Weltmeister im Leichtgewicht Islam Makhachev einer der absoluten Top-Stars des Sports. Makhachev stammt ebenso wie sein Mentor, der ehemaliger Weltmeister Khabib Nurmagomedow, aus der russischen Teilrepublik Dagestan, die östlich von Tschetschenien am Kaspischen Meer liegt.

Dass Kadyrow die russischen MMA-Kämpfer für Propagandazwecke nutzt, ist auch vor dem Hintergrund bemerkenswert, dass es sich bei der UFC um ein US-amerikanisches Unternehmen handelt. Putins Bluthund steht gemeinsam mit diversen anderen russischen Offiziellen auf den Sanktionslisten der USA und der EU. Doch die MMA-Organisation hat offenbar kein Interesse daran, die Verbindungen zum Tschetschenenführer zu unterbinden. UFC-Präsident Dana White posierte am Samstagabend sogar für ein Foto mit den Söhnen von Kadyrow.

Gegenüber der New York Times betonte die UFC bereits im vergangenen Jahr, man habe „kein Vertragsverhältnis oder kommerzielle Geschäfte mit Ramsan Kadyrow oder einem seiner Familienangehörigen, Partnern oder verbundenen Unternehmen“.

Khamzat Chimaev ist auf dem Weg zu einem Topstar der Kampfsportliga UFC. Brisante Begleiterscheinung: Er macht Propaganda für einen berüchtigten Diktator. Er hat in dieser großen Kampfnacht die Show gestohlen, darin sind sich Fans und Experten einig.

Khamzat Chimaev lieferte bei dem Pay Per View UFC 273 den Fight des Abends, der die eigentlichen Hauptkämpfe der großen MMA-Show in den Schatten stellte. Der mitreißende Drei-Runden-Fight des schwedischen Weltergewichtlers gegen Gilbert Burns begeisterte das Publikum am Ende mehr als die offiziell höher gewichteten Titelverteidigungen der Feder- und Bantamgewichts-Champions Alexander Volkanovski und Aljamain Sterling gegen „Korean Zombie“ Chan Sung Jung und Petr Yan.

Chimaevs Punktsieg gegen den unerwartet wehrhaften Burns ist das Top-Thema in den US-Medien, brachte ihm als „Fight of the Night“ mehrere geldwerte Bonuspreise - und beflügelte die Hoffnungen, dass er ein Weltstar und Goldesel wie Conor McGregor oder Khabib Nurmagomedov werden kann. Der steile Aufstieg des ungeschlagenen 27-Jährigen, dessen Karriere eigentlich schon früh beendet schien, hinterlässt aber auch ein mulmiges Gefühl. Denn es profitiert auch eine trübe Figur, zu dem der aufstrebende Star eine privilegierte Verbindung hat: Ramsan Kadyrow.

Als „Beweis, dass Khamzat der König des Käfigs ist“ feierte der tschetschenische Diktator am Wochenende auf seinem Telegram-Kanal Chimaevs fünften UFC-Sieg in Folge.

Kadyrow ist seit 2007 mit dem Segen Wladimir Putins in der kriegsverheerten russischen Teilrepublik an der Macht und nicht nur aus Privatinteresse am Kampfsport interessiert: Chimaev ist - obwohl er mit 18 nach Schweden ausgewandert ist - ein willkommener Werbeträger für den Machthaber.

Chimaev lässt die Vereinnahmung geschehen, ließ sich von Kadyrow mehrfach belobigen, empfangen und beschenken - zum Ärger von Menschenrechtlern, die auf Kadyrows brutales Vorgehen gegen Oppositionelle und Andersdenkende und seine Rolle im System Putin verweisen. Gerade auch aktuell, im Kontext des Angriffskriegs gegen die Ukraine.

Für internationales Entsetzen sorgten in den vergangenen Jahren unter anderem auch die Verfolgung und teils tödlichen Folterungen von Homosexuellen und anderen Minderheiten, die 2018 in einem Bericht der OSZE dokumentiert wurden. Kadyrows Regime ist in vielen Ländern geächtet, EU und USA haben Sanktionen gegen ihn verhängt, neben einem Einreiseverbot gilt für US-Bürger und -Unternehmen ein Verbot, mit ihm Geschäfte zu machen.

Einer der Männer, der neben Kadyrow stand, als er den kritischen Post entdeckte: Khamzat Chimaev.

Der MMA-Sport wird von Kadyrow mit viel staatlichem Geld gefördert, er passt zu dem von ihm propagierten Männlichkeits-Ideal - und seine erfolgreichen Kämpfer-Exporte verschaffen ihm eine internationale Bühne. Mit Chimaevs schmückte sich Kadyrow zuletzt besonders gerne: Er empfing ihn in seinem Anwesen, schoss Propaganda-Fotos mit ihm, überreichte ihm Geschenke (unter anderem ein Luxusauto - das Chimaev mittlerweile zu Schrott gefahren haben soll).

Als Chimaev 2020 schwer an Corona erkrankte und Rücktrittsgedanken äußerte, intervenierte Kadyrow - und teilte ihm nach eigenen Angaben mit, „dass das GANZE tschetschenische Volk verärgert über diese Nachricht war“. Chimaev machte weiter.

„Chimaev hat wiederholt behauptet, dass in Tschetschenien alles in Ordnung ist, dass er keine Menschenrechtsverletzungen oder andere Verbrechen sieht“, kritisierte im Vorfeld des Kampfs der Dissident Mansur Sadulaev bei Bloody Elbow, einem MMA-Portal, das zum Sportblog-Netzwerk SB Nation gehört.

Der investigative Journalist Karim Zidan, Autor des Artikels, der die Chimaev-Kadyrow-Verbindung ausführlich ausleuchtet, wies auch darauf hin, dass Chimaev noch wenige Stunden vor seinem Kampf ein Foto eines Chats mit Kadyrow hochgeladen hatte.

Chimaev ist nicht der erste Promi, der sich von Kadyrow einspannen lässt: In der Vergangenheit suchte und fand Kadyrow auch schon die Nähe zu Stars wie Mo Salah, Mike Tyson, dem verstorbenen Diego Maradona oder auch Lothar Matthäus.

Der deutsche Rekordnationalspieler spielte 2011 in einem Propaganda-Spiel in Grosny an Kadyrows Seite, dieser wollte seine von den beiden Tschetschenien-Kriegen verheerte Hauptstadt damit als WM-Standort für 2018 bewerben. Wie der Sport im Allgemeinen auch Kadyrows Schutzherr Putin half, ist ein ebenso altbekanntes Problem.

Der wachsende Erfolg Chimaevs in der UFC wirft dennoch die Frage auf, wie damit umzugehen ist, dass Kadyrow ihn als Propaganda-Trittbrett nutzt.

Dass das nicht für übergroße moralische Skrupel bekannte MMA-Unternehmen um Dana White dies nicht ins Zentrum rückt, wundert nicht. Die UFC ist die größte Kampfsportliga der Welt.

Mixed Martial Arts soll die Antwort auf eine uralte Frage geben: Welche ist die effektivste Kampfsportart? In einem meist achteckigen Käfig stehen sich zwei Kämpfer gegenüber und versuchen sich mit Tritten, Schlägen, Würfen und Griffen zu besiegen. Auch am Boden geht es weiter, weshalb ein MMA-Kämpfer nicht nur ein guter Kickboxer, sondern ein ebenso guter Bodenkämpfer sein muss. Wie in vielen anderen physischen Sportarten kann es zu blutigen Verletzungen kommen, weshalb MMA auch gegen das Vorurteil ankämpfen muss, eine brutale Schlägerei zu sein. Wer genauer hinschaut, kann aber faszinierendes und professionelles Athletentum erkennen.