Woher stammt Karate ursprünglich?

Viele Menschen glauben, dass Karate eine relativ junge Kampfkunst ist, die erst im letzten Jahrhundert entstanden ist. Andere wiederum meinen, Karate sei eine in Japan entstandene Kampfkunst, die von den Samurai entwickelt wurde. Solche Behauptungen sind allerdings so nicht ganz korrekt. Tatsächlich schaut das Karate auf eine Tradition von vielen Jahrhunderten zurück, in dem es sich allmählich in einem langwierigen Prozess entwickelt hat.

Dabei hat es große Veränderungen mitgemacht, wobei die massivste in der Mitte des 20. Jahrhunderts vonstatten ging. Durch intensive Reformen wurde ein Karate geschaffen, wie wir es heute kennen. Die Herkunft allerdings liegt in der Vergangenheit und hat seinen Ursprung nicht, wie die meisten glauben, in Japan.

Die Wurzeln des Karate

Das Karate hat seine Wurzeln in Kampfkünsten aus China und Indien. Das Shaolin Kloster ist einer der bekanntesten Orte, an dem sich die chinesischen Kampfkünste entwickelten. Auch wenn das Karate als eine der großen japanischen Budô-Künste gilt, liegt der Ursprung dieser Kampfkunst zunächst in China. Und obgleich die Parallelen nur bedingt ersichtlich sind, so ist die Wurzel des Karate das chinesische Kung Fu.

Die Legende besagt, dass der indische Gelehrte Bodhidarma im 6. Jahrhundert n. Chr. in das chinesische Kloster Shaolin kam, um den indischen Buddhismus zu verbreiten. Im Kloster viel ihm sogleich die schlechte körperliche Verfassung der Mönche auf. Kurzerhand lehrte er die Mönche Formen aus der indischen Gesundheitslehre, wie das Yoga. In wieweit diese Legende der Wahrheit entspricht, bleibt im Dunkeln. Tatsächlich hat es schon vor Bodhidarma die Kung Fu-Kampfkunst in China gegeben und auch die Gesundheitslehre des Qi Gong. Also brachte Bodhidarma z.T. bekanntes nach Shaolin. Allerdings war der Stil, der im Shaolin-Kloster entstanden war, derart einflussreich, dass er sich in ganz China verbreitete.

Natürlich ist das Shaolin-Kung Fu nicht das einzige. Es gab dabei auch noch andere einflussreiche Klöster, die ihren Stil vermittelten, wie z. B. So oder so verbreitete sich das Kung Fu immer weiter und entwickelte sich zunehmend. So entstanden viele verschiedene Stile, die in einen Nord- und einen Südstil unterteilbar sind.

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Okinawa: Die Wiege des Karate

Östlich von China und südlich von Japan liegt die Ryûkyû-Inselkette mit ihrer Hauptinsel Okinawa. Süd-Westlich, also östlich von China, liegt Taiwan. In der Zeit, die wir Mittelalter nennen, war diese Inselkette als das Königreich Ryûkyû bekannt. Dieses Königreich entwickelte zwar seine eigene Kultur, doch wurde es im Jahre 1372 von China zur Tributpflicht gezwungen.

Das bedeutet, dass das Königreich unabhängig blieb und für diese Unabhängigkeit jährliche Abgaben zu entrichten hatte. Diese Tributzahlungen waren natürlich mit den höchsten politischen Ritualen verbunden. Der Aufwand bestand nicht nur in den äußerst aufwendigen und damit kostspieligen, diplomatischen Ritualen, sondern auch in der großen militärischen Logistik, die damit verbunden war. Die Abgaben mussten zunächst einmal in Materialform nach China geschafft werden, was natürlich auch Räuber und Piraten auf den Plan rief. Von daher war stets eine hohe Anzahl an Soldaten bei diesem Staatsakt zugegen, die sicherlich auch ihren Teil zur Vermittlung der Kampfkunst beitrugen.

Den eigentlichen Beitrag lieferte allerdings der generelle kulturelle Austausch zwischen den Reichen. Es wurde bei Hofe auf Okinawa gern gesehen, wenn man der chinesischen Mode folgte. Weiter kam es vor, dass Chinesen nach Ryûkyû übersiedelten und umgekehrt. Der Buddhismus führte zu kulturellen Verschmelzungen, weshalb Gelehrte und Geistliche in das je andere Land zu Studienzwecken reisten.

Wärend der Keicho Ära (1596 - 1615) um 1600 besetzte der Shimazu Clan das Königreich Ryukyu. Die Ryukyu Inseln waren zu dieser Zeit unabhängig von Japan, die Insel Okinawa eine Teil des Reiches. Der Shimazu Clan untersagte den Okinawanern das Tragen von Waffen. Dieser Erlass bestärkte die Riege der Okinawa Bushi (Krieger Kaste) im Ausüben und Perfektionieren waffenloser Selbstverteidigungsarten. Der Ursprung dieser Kampfkünste wird in China vermutet, mit dem Okinawa einen regen Warenaustausch hatte. Die Selbstverteidigung der Okinawaner wurde zu dieser Zeit Tode genannt.

Als sich das Kung Fu in Ryûkyû etablierte, entwickelte sich auch schnell ein eigener Ryûkyû-Stil. Diesen nannten die Menschen dort allerdings nicht Kung Fu, sondern Tôde, was soviel wie Kunst aus China bedeutet. Man war sich also stets bewusst, dass es eine fremde Kunst ist, die man praktizierte. Doch wurde der tiefe Respekt der Herkunft dieser Kunst mit dem Namen ausgedrückt. Im Japanischen bedeutet Tôde Kara-Te, also bedeutet Karate zunächst einmal Kunst aus China. Te bedeutet allerdings nicht nur Kunst, sondern auch Hand, bzw. Handkunst und Kara bedeutet China.

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Nach einem Verbot Tode (Karate) auszuüben entwickelte sich die Kampfkunst im Geheimen und wurde weiter perfektioniert.

Karate in Japan

Okinawa ist der Geburtsort des eigentlichen Karate, dass früher Tode oder Tode jitsu genannt wurde. Über Okinawa drangen die Selbstverteidigungskünste nach Japan und wurden dort perfektioniert. Die berühmtesten Meister des Karate, wie Funakoshi, Miyagi und Mabuni stammten aus Okinawa. Sie verbreiteten ihre Art des Karate in Japan. Von Japan drang Karate-do in die ganze Welt.

Das Königreich Ryûkyû hörte allerdings schlagartig auf zu existieren. Annähernd sechshundert Jahre war das Inselkönigreich in einer kulturellen Blüte durch die Tributpflicht mit China. Schließlich wurde das Königreich im Jahr 1879 endgültig von Japan annektiert und aufgelöst. Es entstand die Provinz Okinawa. Für uns ist hierbei Meister Gichin Funakoshi (1868-1957) interessant, der Begründer unseres Shôtôkan-Stil. Dieser ging nach Japan, um dort für seine Kampfkunst zu werben. Nachdem er seine Kunst in den 20er Jahren vor dem japanischen Kronprinzen vorgeführt hatte, bekam er die Einladung in Japan zu bleiben, um dort eine Schule zu eröffnen.

Er war allerdings nicht der einzige Meister, der von Okinawa nach Japan ging, um dort ein Karate-Dôjo zu eröffnen. Die Karate-Stile, die nach Japan gebracht wurden, bzw. sich dort entwickelten, konnten so in ihrer alten Form nicht in Japan Fuß fassen. Dort gab es schließlich die uralte Tradition der Budô-Künste. Also musste das Tôde erst japanisiert und zu einer Budô-Kunst umstrukturiert werden. Dabei war Funakoshi recht erfolgreich und konnte viele Schüler in seine neuen japanischen Schule aufnehmen.

Im Zuge des Nationalismus in Japan war allerdings der Name Karate, also Kunst aus China, nicht sonderlich gerne gesehen. Man konnte und wollte sich nicht damit abfinden, etwas zu erlernen, dass aus China kam. Wie wir schon gesehen haben, ist Karate der japanische Ausdruck für Tôde, was wiederum Kampfkunst aus China oder chinesische Hand bedeutet. Die japanische Übersetzung wurde in dem Moment fällig, als sich diese aus Okinawa stammende Kampfkunst in Japan etablierte.

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Im Zuge des in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufkommenden Nationalismus, stellte die deutlich im Namen verankerte Herkunft Chinas ein großes Problem dar. Denn im nationalistischen Japan war es nicht gern gesehen, dass etwas aus China vermittelt wurde und nicht in Japan entstanden war. Folglich wurde schnell überlegt, den Namen dieser Kampfkunst zu ändern. Als Zufall ist es zu bewerten, dass im japanischen das Wort Kara nicht nur China, sondern ebenso Leer bedeutet. Das Wort ist das gleiche, lediglich das Schriftzeichen (Kanji) ein anderes. Mit der Änderung des Kanji konnte der Name beibehalten werden, obgleich dieser nun eine völlig andere Bedeutung hatte.

Bis heute hält sich vielfach der Glaube, dass das Karate eine Kampfkunst ist, die es erst seit sehr kurzer Zeit existiert. Dies hängt zum Teil mit der Änderung des Namens von Chinesische Hand zu Leere Hand zusammen. Dadurch bekam das Karate eine japanische Note und wurde zum japanischen Karate-Dô. Hierbei handelt es sich allerdings nur eine vergleichsweise geringe Veränderung. Der eigentliche Wandel, der es so erscheinen lässt, als sei es eine junge, japanische Kampfform, ist die umfangreiche Reformierung des Karate-Dô.

Zunächst war es Gichin Funakoshi, der sein Shuri-Te von Okinawa nach Japan brachte und es dort 'japanisierte'. Es entstand der Shôtôkan-Stil. Sein Sohn Yoshitaka Funakoshi arbeitete bis zu seinem Tod weiter an diesem Stil. Die massivsten Veränderungen, die das Shôtôkan-Ryû betrifft, wurden allerdings erst nach dem zweiten Weltkrieg durchgeführt.

Die Entwicklung des Karate in der Moderne

In der Moderne, der Neueren Geschichte erlebte Karate eine neue Prägung. In der Meji-Zeit wurden Überprüfungen der Physischen Konstitution von Karatebetreibenden durch Schul- und Militärärzte auf Okinawa durchgeführt. Die Vertreter der Regirungsstellen waren überrascht, welcher Unterschied in der körperlichen Entwicklungzwischen normaler Bevölkerung und den Karate-Adepten bestand. Um 1901/1902 berichtete eine Schulkommission unter Leitung von Shintaro Ogawa über die Ergebnisse bei den Gesundheitskontrollen auf Okinawa.

Arme und Beine, sowie der gesamte Körper der Karateka war viel stärker entwickelt als bei Bewohnern Okinawas gleichen Alters, bei etwa gleicher Ernährung. Besonders das Reaktionsvermögen und die Balance waren besonders gut ausgprägt. Nach langen und harten Jahren im Untergrund wurde der Wert des Karate auch von offiziellen Regierungsstellen Japans erkannt. Der einstige Charakter des Karate als pure Selbstverteidigung begann sich zu wandeln. Karate wurde als sportliche Übung zur Ertüchtigung der Jugend akzeptiert.

Im vierzigsten Jahr der Meiji-ära (1908) wurde Karate als physical exercise (Körperertüchtigung) in das Sportcurriculum der Junior High School auf Okinawa integriert. Nach dem Russisch-Japanischen Krieg begann Funakoshi 1905 Karate mit einer ausgewählten Gruppe der Öffentlichkeit zu präsentieren. Er wurde von der Medica Association eingeladen Seminare zum Thema „Karate as Physical Education“ (vergl. G. Funakoshi, Karate Do Kyohan, Neptune Publication 2005, California, S.10, neueste Übersetzung des Originals von 1935) zu geben. 1922 Gichin Funakoshi demonstrierte Karate vor dem japanischen Kaiser dann auch direkt in Tokyo.

Es stellte Karate der Öffentlichkeit auf der ersten Ausstellung des Ministerium für Bildung um 1922 im Educational Museum (später mehrmals umbenannt) in Ochanomizu in Tokyo vor. In der Folge wurde Karate in Japan besonders in Tokyo sehr populär. Viele Universitäten nahmen Karate in ihr Lehrprogramm auf. An vielen Bildungseinrichtungen wie der Keio Universität, der Waseda Uni,Tokyo Daigaku der Hitotsubashi Dai, Takushoku Dai, Japan Medical University, Chuo Daigaku und First High School wurden Karate-Clubs gebildet, die es noch heute gibt.

Karate wurde durch die Meister Okinawas als Sport für die Jugend bekannt und geachtet. Das Karate erfuhr durch Meister Funakoshi eine Transformation hinsichtlich der Strukturierung von Trainingsmethoden (z.B. Kumite) und der Anpassung von Begrifflichkeit (Techniken und Kata wurden mit japanischen Namen versehen). Meister Funakoshi schrieb verschiedene Bücher, die dem Karate in der breiten Öffentlichkeit eine breitere Akzeptanz verschaffte. Das erste Buch war Ryukyu Kempo: Karate. Mit dem Erfolg in Japan durchdrang der erhabene Geist des Budo das Karate. Die Einheit von Körper und Geist - der Weg - wird zum Ziel.

Verbreitung und Stilrichtungen

Die Japan Karate Association wurde im Jahr 1948 gegründet. Der Verdienst der Gründer, allen voran Masatoshi Nakayama und Hidetaka Nishiyama, ist die weltweite Verbreitung des Karate. Durch sie wurde der Wettkampf ins Karate eingeführt. Karate war von einer alten Art der Selbstverteidigung zu einem zeitgemäßen Sport geworden. Die Instruktoren der JKA, bekannt durch ihre Wettkampferfolge und hervorragende Technik, wurden in die Welt ausgesandt um JKA-Karate, bzw. Shotokan-Karate zu verbreiten.

Es hat also erst in jüngerer Zeit eine Wandlung von der Kampfkunst zum Kampfsport stattgefunden. Daher sollte sich jeder Karateka im Klaren sein, dass er sein Karate als Turniersport und als Kampfkunst ausführen kann. Er kann einen dieser beiden Wege wählen, oder beide zugleich beschreiten. Denn gegen eine Verschmelzung von traditionellem und sportlichen Karate ist nichts einzuwenden.

Es gibt verschiedene Stilrichtungen im Karate, darunter:

  • Shotokan: Eine dynamische, kraftvolle Stilrichtung, die im Sport weit verbreitet ist.
  • Wado-Ryu: Neutralisiert Angriffsenergie durch Umlenken und Ausweichen.
  • Goju-Ryu: Konzentriert sich auf effektive Nahkampftechniken und Atmung.
  • Shito-Ryu: Kombiniert Härte und Weichheit und lehrt über 60 Katas.
  • Kyokushin-Kai: Ein Vollkontakt-Stil, der als der härteste Karate-Stil gilt.

Karate-Do ist ein hervorragendes Training für den ganzen Körper und fördert Gelenkigkeit, Distanzgefühl, Reaktion und Selbstdisziplin.