Die Wurzeln des Kódókan-Júdó liegen in den klassischen japanischen Kriegskünsten, den sogenannten Koryù-Bugei, die sich über die Jahrhunderte entwickelt und verfeinert haben. Die Wurzeln des Judo reichen bis in die Nara-Zeit (710-784) zurück. Die Wurzeln von Judo lassen sich wahrscheinlich weit über 1500 Jahre in die Vergangenheit zurückverfolgen. Das Ursprungsland Japan hat eine von vielen jahrhundertelangen Kriegen gezeichnete Geschichte.
Die Ursprünge in den Kriegskünsten
Vor allem im 15. und 16. Jahrhundert entwickelten sich zahlreiche Formen des Kampfes mit und ohne Waffen. Während der Jahrhunderte, in denen Kriege geführt wurden, entwickelten sich zahlreiche Formen des Kampfes mit und ohne Waffen. Diese Kampfformen wurden ab der Mitte des 16. Jahrhunderts formalisiert und durch die Ryu-ha (Kampfkunstschule, Kampfkunststil) strukturiert überliefert. In diesen Ryu-ha wurde den bewaffneten Ständen, den Samurai, neben dem Schwertkampf und dem Bogenschießen auch der waffenlose Kampf, das Ju-Jutsu (je nach Schule auch Yawara oder Tai-Jutsu genannt) weitergegeben. Die Weitergabe erfolgte in der Regel streng geheim. Jù-jutsu diente in erster Linie als Ergänzung zum Waffenkampf, insbesondere zum Schwertkampf. Schon damals entwickelte man Wurftechniken, Gelenkhebel, Würgetechniken sowie Schläge, Stöße und Tritte.
Jù-jutsu diente in erster Linie als Ergänzung zum Waffenkampf, insbesondere zum Schwertkampf. Die Techniken umfasste Wurftechniken, Gelenkhebel aller Art, Würgetechniken sowie Schläge und Tritte. Ziel der Techniken war das Ausschalten des Feindes auf dem Schlachtfeld.
Einflüsse und Legenden
Für das Prinzip des Nachgebens Ju in der Kampfkunst gibt es verschiedene Einflüsse, Erklärungen, Legenden und Anekdoten: Im Konjaku-Monogatari findet man zum ersten Mal den Begriff yawara (weich) im Zusammenhang mit einer Geschichte über das japanische Ringen. Stark waren sicherlich auch die chinesischen Einflüsse, denn seit der Ashikaga-Epoche wurde offiziell der Handel mit China aufgenommen und bis zum Ende des 16. Jahrhunderts immer weiter ausgedehnt.
Über die Entstehung des Jiu Jitsu existieren unterschiedliche Berichte, die einen legendenhaften Charakter haben. Ihr historischer Wahrheitsgehalt ist schwer nachzuweisen. Die poetisch schönste ist sicherlich die Legende des Arztes Akiyama Shirobei aus Hizen, der in China Medizin und die Kunst der Selbstverteidigung studiert haben soll. Wieder in Japan, zog er sich in einen Tempel namens Dazai-Tenjin zurück. Der Überlieferung nach war es Winter, und am 21. Tag im Tempel setzte starker Schneefall ein. Er betrachtete die Bäume; ihm fiel auf, dass viele Äste unter der Last des Schnees brachen, die des Weidenbaums aber wegen ihrer Elastizität nachgaben und den Schnee abgleiten ließen. Auf Grund dieses Vorgangs soll der Arzt Shirobei das Prinzip des „Ju“ - Nachgebens - in der Kampfkunst eingeführt haben. In der ersten Hälfte der Edo-Epoche (17./18. Jahrhundert) entwickelten sich unzählige Jiu-Jitsu- oder artverwandte Schulen - japanisch Ryu.
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Jigoro Kano und die Gründung des Kódókan-Júdó
Der Begründer des Kódókan-Júdó, Prof. Jigoro Kano, wurde am 28. Oktober 1860 in Kobe als Sohn eines einflussreichen Regierungsbeamten geboren. Kanō Jigorō (1860-1938) wuchs in diesem Japan der extremen Veränderungen auf. Der junge Jigoro bekam seiner Zeit die beste Ausbildung. Er besuchte verschiedene Eliteschulen und hatte zusätzlich Privatunterricht. Gegen den Widerstand seines Vaters, der Kampfkünste für rückständig hielt, begann Jigoro Kano im Alter von ungefähr 17 Jahren mit dem Studium der Tenjin-shin’yo-ryu. Nach dem Tod seines Meisters lernte er in der Kito-ryu weiter. Zu Kanos Erstaunen gab es große Unterschiede zwischen der Tenjin-shin’yo-ryu und der Kito-ryu.
Im Mai 1882 eröffnete Kano sein erstes Dojo und gab ihm den Namen Kodokan (wörtlich „Halle zum Studium des Weges“). 1882 gründete Kanō Jigorō seine eigene Schule, den Kodokan („Ort zum Studium des Wegs“) in der Nähe des Eisho-Tempels im Stadtteil Shitaya in Tokio. Er mietete Räume im Eishoji-Tempel in Tokio. Das als Trainingsraum genutzte Zimmer diente gleichzeitig als Studier-, Schlaf- und Empfangszimmer und hatte eine Fläche von nur rund 20 qm. Leben, Lernen und Trainieren waren damals eng miteinander verflochten. Ein Teil der Schüler lebte im Dojo und genoss eine umfassende Erziehung durch Kano. Ein spartanischer, streng reglementierter und ritualisierter Lebensstil wurde als wertvoll für die Charakterbildung betrachtet.
„Durch das Vereinen all der Vorteile, die ich verschiedenen Schulen des Jiu Jitsu entnommen habe, und durch das Hinzufügen meiner eigenen Techniken habe ich ein neues System der Körperertüchtigung, des mentalen Trainings und des Wettkampfs gefunden.“. Sein System bestand neben Wurftechniken (Nage Waza) aus Bodentechniken (Ne Waza) sowie Schlag-, Tritt- und Stoßtechniken (Atemi Waza), die u. A. (traditionelle Jiu Jitsu Schulen, bei denen Kanō mittlerweile das Menkyo-Kaiden, die universelle Lehrerlaubnis bzw. Meisterwürde innehatte) entnommen wurden. Es war sogar eine kleine Sparte Waffentechnik (z. B. mit Schwert und Stöcken) im Curriculum vorhanden. Kanō selektierte zwar einige Techniken aus, welche dem von ihm gefundenen obersten Prinzip „möglichst wirksamer Gebrauch von geistiger und körperlicher Energie“ widersprachen. Dass er dabei aber alle „bösen“ Techniken entfernt hätte, welche geeignet sind, einen Menschen ernsthaft zu verletzen oder zu töten, ist ein weitverbreiteter Irrtum.
Die Verbreitung von Judo
Im Jahre 1886 konnten Schüler Kanos einen regulären Kampf zwischen der Kodokan-Schule und der traditionellen Jiu Jitsu-Schule Ryoi-Shinto Ryu für sich entscheiden. 1886 gewann der Kodokan einen durch die Kaiserliche Polizeiverwaltung angeordneten Entscheidungskampf zwischen damals führenden und rivalisierenden Kampfkunstschulen. Aufgrund dieses Erfolgs verbreitete sich Judo in Japan rasch und wurde bald bei der Polizei und der Armee eingeführt. In den folgenden Jahren vervollkommnete und ergänzte Kano sein Judo weiter. 1911 wurde Judo an allen Mittelschulen Pflichtfach. Nach dem Sieg der Alliierten 1945 wurde der Kodokan, wie auch die meisten anderen Kampfkunstschulen, deshalb auf Anordnung der Amerikaner geschlossen. Im zweiten Weltkrieg, nach den Tod Kanos 1938 wurde der Kodokan von nationalistischen Strömungen unterwandert. Der Kodokan diente unter anderem als Akademie für japanische Offiziere.
Judo in Deutschland und Europa
Der erste Kontakt nach Deutschland lässt sich auf das Jahr 1906 zurückführen. Japanische Kriegsschiffe kamen zu Besuch nach Kiel und führten dem deutschen Kaiser ihre Nahkampfkünste vor. Wilhelm II. war begeistert und ließ seine Kadetten in der neuen Kampfkunst unterrichten. In Deutschland entstanden kurz darauf die ersten Judo-Schulen. Aufgrund einiger Missverständnisse, die wohl hauptsächlich auf Erich Rahn zurückzuführen sind, wurde dort statt Judo aber eher eine Art Jiu-Jitsu unterrichtet. Die ersten echten Judoschulen im Sinne Kanos entstanden erst im Jahre 1932 unter dem Einfluss der London Budokwai unter Gunji Koizumi.
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1933 wurde Judo von den Nationalsozialisten in den Deutschen Reichsbund eingegliedert und die Lehre zur paramilitärischen Ausbildung missbraucht. Im August 1933 wurde Judo von den Nationalsozialisten in das Fachamt Schwerathletik des Deutschen Reichsbundes eingegliedert und verlor damit seine Eigenständigkeit. Nach der Aufhebung des Verbotes wurde in der ehemaligen DDR bereits ab 1949 wieder systematisch Judo trainiert und 1950 die ersten Meisterschaften ausgetragen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Judo bis 1948 durch die Alliierten verboten. Der Deutsche Judo-Verband der DDR (DJV) wurde offiziell 1958 gegründet. In der Bundesrepublik begannen erste Aktivitäten erst wieder mit der Judo-Sommerschule 1951. Meilenstein in Deutschland geschaffen, durch die Gründung des Deutschen Judobundes. Die Gründung des Deutschen Judo-Bundes (DJB) erfolgte im Jahr 1953 durch Mitglieder des 1952 gegründeten Deutschen Dan-Kollegiums (DDK).
Die ersten Judo-Europameisterschaften
Die ersten Judo-Europameisterschaften wurden 1934 im Kristallpalast in Dresden ausgerichtet.
Judo als olympische Disziplin
Zu Ehren Japans war Judo 1964 erstmal als olympischer Sport bei den Olympischen Spielen in Tokio zu sehen. Seit 1972 bei den Olympischen Spielen in München gehört Judo beständig zum Olympischen Programm. Nach einer Pause im Jahr 1968 gehört Judo seit den Olympischen Spielen 1972 in München zum festen Programm. Bis 1988 war olympisches Judo eine reine Männerdomäne. 1988 wurde Frauen-Judo bei den Olympischen Spielen in Seoul als Demonstrationswettbewerb vorgestellt. Seit den Olympischen Spielen in Barcelona 1992 ist auch Frauen-Judo im olympischen Programm.
Im Jahre 1988 war Judo erstmals bei den Paralympics in Seoul mit dabei. Seit 2004 in Athen gibt es auch Frauen-Judo im Programm der Sommer-Paralympics. Judo wird bei diesen Spielen von Blinden und Menschen mit geringem Sehvermögen praktiziert. Die paralympischen Athleten folgen denselben Regeln wie die Nichtbehinderten. Eventuelle Defizite werden durch zusätzliche Regelungen ausgeglichen.
Entwicklung zum Wettkampfsport
Im Laufe der Zeit (insb. ab 1947, nachdem das Kodokan nach 2-jähriger Zwangspause nach dem 2. Weltkrieg wiedereröffnet wurde) entwickelte sich Judo immer mehr zum Wettkampfsport. Schlag-, Tritt- und andere, den Gegner ernsthaft verletzende Techniken wurden als für den Wettkampf unnötig nicht mehr unterrichtet und gerieten dadurch z. T. in Vergessenheit. Die verbliebenen Techniken sind hauptsächlich Würfe (jap. Nage Waza), Falltechniken (jap. Ukemi Waza) und Bodentechniken (jap. Katame Waza). Entgegen der landläufigen Meinung gehören Schlag- und Tritttechniken nach wie vor immer noch zum Judo. So sind in Katas wie der Kime-no-Kata oder der Kodokan Goshin-Jutsu immer noch potentiell tödliche Aktionen vorhanden. Allerdings werden Schläge und Tritte wie auch manch andere gefährlichere Techniken im heutigen Judo, wenn überhaupt, erst zur Erlangung höherer Graduierungen als Judo-Selbstverteidigung unterrichtet.
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Weltmeisterschaften und Olympische Spiele
1956 fanden in Tokio die ersten Weltmeisterschaften statt. Damals gab es allerdings nur eine offene Gewichtsklasse. 1961 bei den dritten Weltmeisterschaften in Paris wurden dann erstmals Gewichtsklassen eingeführt.
Bei den Olympischen Spielen in Tokio 1964 war Judo erstmals als olympischer Sport zu sehen. Zu diesem Anlass brachten die Deutsche Bundespost und auch die Deutsche Post der DDR eine 20-Pfennig-Briefmarke mit Judomotiv heraus.
Bisher konnten deutsche Athleten fünf olympische Goldmedaillen gewinnen.
Heute wird Judo in fast allen Ländern der Welt ausgeübt und ist eine der am weitesten verbreiteten Kampfsportarten.
