Erst nach der Veröffentlichung von Grizzly Man und Tod in Texas wurde Werner Herzog zum Gesprächsthema. Faber & Faber hat das Buch A Guide for the Perplexed veröffentlicht, ein Auszug aus den Unterhaltungen zwischen Herzog und dem Autor Paul Cronin. Als Dokument von einem der produktivsten Filmemacher der Welt liest es sich fast wie eine Selbsthilfe.
„Gewöhnt euch lieber an den Bären hinter euch“, erzählt er uns und bezieht sich dabei anscheinend auf die Ambition und den Willen, etwas zu erschaffen. Gleichzeitig ruft er einem damit aber auch Bilder von Timothy Treadwell aka Grizzly Man ins Gedächtnis.
VICE Interview mit Werner Herzog
VICE: Ich bin gerade mit A Guide for the Perplexed fertig geworden.
Werner Herzog: Ja, als wir den ganzen Text nochmals gegengelesen haben. Ist das nicht komisch, seine eigenen Worte noch mal zu lesen? Ich habe ganz professionell eine gewisse Distanz dazu bewahrt, denn ich glaube, es ist unklug, sein eigenes Werk zu lange zu betrachten. Jetzt ist es ja für die Leser verfügbar.
VICE: An welchen Projekten arbeitest du gerade? Kannst du mir etwas mehr über die Rogue Film School erzählen?
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Werner Herzog: Aber natürlich. Seit 20 oder 25 Jahren gibt es einen stetigen Fluss von jungen Filmemachern, die mich mit dem Wunsch kontaktierten, mein Assistent zu sein, etwas von mir zu lernen oder zu meinem Team zu gehören. Das wurden immer mehr. Ich kann dir ein Beispiel nennen: Vor ein paar Jahren nahm ich in der Royal Albert Hall - dort haben knapp 3000 Leute Platz - an einer Bühnendiskussion teil. Die Veranstaltung war innerhalb von Minuten ausverkauft und von den 3000 Anwesenden wollten mindestens 2000 gerne mit mir arbeiten. Ich versuchte also, diesen Ansturm systematisch anzugehen.
Die Rogue Film School kann jährlich 50 Mal oder auch nur einmal stattfinden. Alles was ich brauche, ist ein Projektor.
Die junge Generation von Filmemachern
VICE: Was hältst du von dieser jungen Generation von Filmemachern?
Werner Herzog: Die Leute, die mich kontaktieren, sind oft nicht älter als 15, 16 oder 17 Jahre. Ich habe keine Ahnung, wie man diese Generation nennt und das ist mir auch egal. Ich vermisse allerdings die Lesekultur, also von richtigen Büchern.
VICE: Über die Theorie des Films?
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Werner Herzog: Nein, nein. Das ist das Letzte, was ich will. Die Theorie des Films wird sofort über Bord geworfen.
Die Höhle der vergessenen Träume
VICE: Kannst du mir beschreiben, wie es war, beim Dreh von Die Höhle der vergessenen Träume die Chauvet-Höhle zu betreten - der Fundort der ältesten Zeichnungen der Welt?
Werner Herzog: Zu allererst muss ich sagen, dass man weiß, welches seltene Privileg man da hat. Jeden Tag besteigen mehr und mehr Leute den Gipfel des Mount Everest. Die Höhlen werden wohl bald für immer geschlossen. Wenn du an einem wissenschaftlichen Projekt arbeitest oder einen wirklich überzeugenden Grund hast, dann bekommst du vielleicht die Erlaubnis, da reinzugehen. Allerdings wurde auch schon Staatsoberhäuptern anderer Länder der Zugang verweigert.
Wir müssen die Zeichnungen natürlich mit den Augen der altsteinzeitlichen Maler betrachten. Die hatten nur flackerndes Licht und so entsteht eine Art Dynamik, eine Art Bewegung. Vor der Hauptwand gibt es mehrere Lichtquellen - eine Reihe an Feuern -, die sich allerdings hinter den Leuten befinden. So wurden also auch deren eigene Schatten an die Wand geworfen.
Herzogs zynische Haltung zur akademischen Welt
VICE: Du scheinst der akademischen Welt gegenüber eine zynische Haltung einzunehmen.
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Werner Herzog: Nun, die akademische Welt war der Tod der Poesie - oder zumindest fast. Jetzt ist so langsam auch das Kino davon betroffen und die akademische Welt will die Flamme löschen. Das wird allerdings nicht passieren.
VICE: Ich nehme an, dass du dich nicht wirklich mit der Popkultur auseinander setzt?
Werner Herzog: Nein, nicht besonders. OK, solche Phänomene wie WrestleMania interessieren mich doch sehr. Ich hab mir auch die Anna Nicole Smith Show angeschaut, weil man da eine sehr komische kulturelle Veränderung sehen konnte.
Heimat Bayern
VICE: Fliegst du oft zurück in deine Heimat in Bayern?
Werner Herzog: Ja, so oft es geht. Mir fehlt der bayrische Dialekt. Dort sind deiner Fantasie bestimmt keine Grenzen gesetzt.
VICE: Hast du dich von Menschen wie König Ludwig II. inspirieren lassen?
Werner Herzog: Natürlich. Für die Menschen in Bayern ist er ein kultureller Held und für das Verständnis der dortigen Kultur sehr wichtig. Die Träume, die er verwirklicht, und die Schlösser, die er gebaut hat, sind jetzt sogar in Disneyland zu finden.
Extreme Situationen und das tägliche Leben
VICE: Viele deiner Werke zeigen Leute in extremen Situationen. Findest du das tägliche Leben nicht interessant?
Werner Herzog: Nun, doch. Meine Familie ist wundervoll und ich gehöre zu den wirklich wenigen Männern, die glücklich verheiratet sind. Das finde ich am tollsten und aufregendsten.
VICE: Findest du es schwierig, abzuschalten und mit der Beobachtung von Leuten aufzuhören? Hat deine Familie dir schon mal gesagt, dass sie einfach nur in Ruhe frühstücken wollen?
Werner Herzog: [lacht] Nein. Ich bin ans Filme machen gewöhnt. OK, ich war nur neugierig.
Humor in seinen Filmen
VICE: Findest du dich selbst witzig?
Werner Herzog: Nun, meiner Meinung nach sind alle meine Filme voller Humor.
VICE: Cool, das merke ich mir. In Begegnungen am Ende der Welt scheinst du wegen den verrückt gewordenen Pinguinen sehr besorgt zu sein. War das wirklich so?
Werner Herzog: Schau, das ist schwarzer Humor. Wenn du Filme wie Bad Lieutenant - Cop ohne Gewissen hernimmst, dann lachen die Leute da mehr als bei einer Komödie von Eddie Murphy. In einigen meiner Filme gibt es auch herkömmlichen Humor.
Die Offenheit der Protagonisten in seinen Dokumentationen
VICE: Wie bekommst du die Leute in deinen Dokumentationen dazu, sich zu öffnen?
Werner Herzog: Ich gebe meinen Gesprächspartnern immer viel Freiraum. Ich hake auch sehr schnell sehr tief nach. Aber so etwas kann man jemandem nur schwer beibringen.
Tod in Texas beginnt zum Beispiel mit dem Geistlichen, der 30 Minuten später bei der Hinrichtung dabei ist. Als ich zum ersten Mal mit ihm sprach, antwortete er immer wie ein Fernsehprediger, total gekünstelt und oberflächlich. Er erwähnte, dass er kurz vorher Golf gespielt hat und dass ihn dabei die Pferde, die Eichhörnchen und das Wild angeschaut hätten.
Tod in Texas wurde oft mit Truman Capotes Kaltblütig verglichen. Warst du dir beim Dreh dieser Ähnlichkeiten bewusst?
Werner Herzog: Man muss hier sehr vorsichtig sein, denn Truman Capote hat die zum Thema gemachten Personen irgendwie ausgenutzt. Ich war Truman Capote gegenüber schon immer misstrauisch, denn er hielt die Veröffentlichung des Buches jahrelang zurück und behauptete, dass es noch nicht fertig sei. Ich finde das irgendwie verdächtig. Das Buch ist sehr gut geschrieben, aber darf ich etwas anmerken?
Bereute Grenzen und die Zusammenarbeit mit Tom Cruise
VICE: Hast du während deiner Karriere jemals bereut, eine bestimmte Grenze überschritten zu haben?
Werner Herzog: Nicht wirklich. Ich finde alle meine Filme gut, sogar die, in denen ich selber mitspiele - zum Beispiel war ich in Jack Reacher der Bösewicht. Ich habe Spaß bei dem, was ich tue.
VICE: Du warst in dem Film in der Tat sehr angsteinflößend. Ja.
VICE: Wie war es, mit Tom Cruise zusammenzuarbeiten?
Werner Herzog: Interessant. Ich mag seine unermüdliche Professionalität. Er ist ein sehr großzügiger und freundlicher Mensch.
VICE: Gibt es Schauspieler, mit denen du gerne noch zusammenarbeiten würdest?
Werner Herzog: Ja. Humphrey Bogart, Edward G. Das könnte schwierig werden. [lacht] Marilyn Monroe! Nein, ich hatte das Privileg, mit den Besten der Besten zu arbeiten.
Fitnessstudios und Transzendentale Meditation
VICE: Kannst du mir noch schnell erklären, warum du Fitnessstudios, Yogakurse und öffentlich trainierende Leute verachtest?
Werner Herzog: Ich verachte auch Yogakurse für Kinder, such dir was aus. Das lasse ich jetzt mal so stehen.
VICE: Aber du bist doch mit David Lynch befreundet, der sich viel mit der Transzendentalen Meditation beschäftigt. Wäre das denn überhaupt nichts für dich?
Werner Herzog: Nein.
Werner Herzog und Wrestling
Regie-Berserker Werner Herzog spricht bei jeder Gelegenheit über WrestleMania. Treffend also, dass der deutsche Verleihtitel ausnahmsweise besser ist als das Original: Die heimliche Wut des Catchers Hitman Hart klingt wie ein verlorenes Früh70er-Werk von Werner Herzog!
Das Warhol Museum in New York präsentiert die unzähligen Wrestling-Magazine, die der Pop Art-Künstler sammelte, der selbst immer wieder Matches im Madison Square Garden aufsuchte. Der Autor Clemens J. Setz referierte in seiner Eröffnungsrede zum Bachmann-Preis über die Gemeinsamkeiten von Wrestling und Literatur, und der französische Philosoph Roland Barthes, zeitlebens Fan, verglich in seinem Aufsatz Die Welt des Catchens die Showkämpfe mit dem antiken Theater: „Was dem Publikum somit geboten wird, ist das große Spektakel von Schmerz, Niederlage und Gerechtigkeit. Das Catchen führt den menschlichen Schmerz mit der ganzen Verstärkung der tragischen Masken vor“.
