Ein Veranstalter kündigte Events in Augsburg für Kinder an und verlangte 30 Euro. Doch als die Shows platzten, wurde das Geld nicht zurückgezahlt. Im Prozess äußerte sich der Veranstalter.
Die Versprechen und die Realität
Ein Veranstalter warb für Karateshows, bei denen auch Figuren der Kinderserie "Paw Patrol" eine Rolle spielen sollten. Die Kinder hatten sich auf Karatetricks in Superhelden-Kostümen gefreut, die Eltern knapp 30 Euro pro Kind für die Shows mit den Titeln „Superhelden-Tour“, „Mach deinen Superhelden-Schein“ oder „Kinderspaß mit Paw Patrol“ bezahlt.
Doch als es so weit war, standen die Familien vor verschlossenen Türen: So wie am 27. September und 28. November 2022 in Augsburg auch an vielen weiteren Orten in Deutschland. Allein 2022 hatte der 42 Jahre alte Veranstalter aus Oldenburg (Niedersachsen) 40 Shows abgesagt und das Eintrittsgeld vielfach nie zurückgezahlt.
Die Vorwürfe gegen den Karate-Trainer
Karate-Trainer Stefan Doersch ist vor dem Amtsgericht Oldenburg wegen Betrugs angeklagt worden. Nachdem die Staatsanwaltschaft am Amtsgericht Oldenburg gegen den Karate-Trainer Stefan Doersch Anklage wegen Betrugs erhoben hat, sind die Internetseiten des Oldenburgers inzwischen offline.
Die Anklagebehörde geht sogar von gewerbsmäßigen Betrugs aus. Laut Gesetz werden damit Taten beschrieben, die über einen längeren Zeitraum durchgeführt werden und bei denen die Absicht besteht, "durch die fortgesetzte Begehung von Betrug eine große Zahl von Menschen in die Gefahr des Verlustes von Vermögenswerten zu bringen".
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Staatsanwalt Stein sagte im Gespräch mit t-online: "Der Betrug wurde deutschlandweit durchgeführt, war unserer Auffassung nach geplant und folgte einem Muster". Das alles spiegele sich auch bei der zu erwartenden Strafe wider: Bei einer Verurteilung wegen gewerbsmäßigen Betrugs drohen mindestens sechs Monate Freiheitsstrafe, Geldbußen sieht das Gesetz bei Fällen, die als "schwer" eingestuft werden, nicht vor.
Wie aus verschiedenen Medienberichten hervorgeht, hatte der Beschuldigte die Veranstaltungen tatsächlich deutschlandweit angeboten. Ein Screenshot, den die "NWZ" veröffentlichte, zeigt einen Veranstaltungskalender mit gut 40 Terminen in ganz Deutschland.
Das mutmaßliche Lügenkonstrukt
Doch zum mutmaßlichen Lügenkonstrukt, das der Oldenburger aufgebaut hat, gehört noch mehr. Im Internet stellt sich der Karate-Trainer als mehrfacher Europameister mit Studienabschluss dar. Das kann auf potenzielle Kunden erst einmal vertrauenerweckend wirken.
Behauptung: Falsches Diplom
An einigen Stellen hat sich Doersch als Diplom-Sozialpädagoge bezeichnet. Unserer Redaktion liegt ein Screenshot vor, auf dem ein angebliches Diplom der Universität Heidelberg zu sehen ist. Dieses ist auf den Namen Stefan Doersch ausgestellt, mit seinem Geburtsdatum und Geburtsort Oldenburg. Unterschrieben ist das Dokument mit „Der Rektor Prof. Dr. Harry Russels“ und „Der Dekan Prof. Dr.
Faktencheck: Wie die Recherche unserer Redaktion zeigt, handelt es sich bei dem Diplom um eine Fälschung, die im Internet auf der Seite „berufsdiplom.com“ bestellt werden kann. Dort kann jeder seine persönlichen Daten eingeben, einen gewünschten Abschluss und eine Gesamtnote wählen und diese dann herunterladen. Die Betreiber der Internetseite bezeichnen die falschen Diplome der Universität Heidelberg als „besonders schöne Geschenkidee“.
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Es ist ein Hinweis aufgeführt, dass man mit dem Kauf keinen Titel oder akademischen Grad erwirbt. „Hinsichtlich der genannten Internetseite wird die Universität den Hinweis prüfen und gegebenenfalls die entsprechenden rechtlichen Schritte einleiten“, teilt die Uni Heidelberg auf Anfrage mit.
Behauptung: Mehrfacher Europameister
In den sozialen Medien bezeichnet sich Doersch selbst als „mehrfacher Europameister“. Darunter führt er seine Fortgeschrittenen- beziehungsweise Meistergrade an: „3. Dan Kickboxen, 3. Dan JiuJitsu, 2. Dan Karate, 1.
Faktencheck: Unsere Redaktion hat dazu bei den entsprechenden Verbänden in Deutschland angefragt. „Herr Stefan Doersch ist weder Mitglied bei uns, noch hat er den Titel Europameister im Karate erkämpft“, teilt der Deutsche Karate Verband mit. Der Bundesfachverband für Kickboxen als Mitglied der World Association of Kickboxing Organizations (WAKO) schreibt: „Herr Stefan Doersch hat bei der WAKO keine Europameister-Titel im Kickboxen.“ Das gilt auch für die World Kickboxing Federation.
Die Reaktion des Veranstalters
September: „Leider denken einige, dass wir absichtlich Veranstaltungen nicht stattfinden lassen haben.“ Doersch erklärt dazu, dass die Vermieter zugesagte Räume gestrichen hätten, zudem hätte es eine Autopanne und Krankheit gegeben. Er behauptet, von etwa 62 Events in diesem Jahr hätten 54 stattgefunden. Man versuche alles, um die Rückzahlungen weiter zu bedienen.
Die Realität der Rückzahlungen
Faktencheck: Dazu lässt sich feststellen, dass Kunden teilweise seit 2021 auf eine Rückerstattung von ausgefallenen Veranstaltungen warten. Damals ging es um Angebote der Sportakademie Doersch in Oldenburg, die nicht stattgefunden haben. Zudem liegt unserer Redaktion eine Liste vor, die Betroffene zusammengestellt haben. Allein darin sind 17 ausgefallene Termine in 2023 aufgeführt - diese werden auch durch Tickets belegt.
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Betroffene berichten
„Am 8. Juli hatten wir für unseren dreijährigen Sohn ein Ticket gekauft. Als wir an der Adresse in Osnabrück angekommen sind, kam eine Frau und hat uns mitgeteilt, dass alles ausfällt“, berichtet Daniel Minnerup aus Osnabrück. Als Begründung sei gesagt worden, dass es die angemieteten Räumlichkeiten nicht gäbe - man also selbst betrogen worden sei. Dabei habe es sich um die Lebensgefährtin von Doersch gehandelt. Auf dem Parkplatz stand ein verkleideter „Marshall“ - eine der Hauptfiguren in der Fernsehserie Paw Patrol. Mit ihm konnte man zumindest ein Foto machen.
Und das ist kein Einzelfall: Unserer Redaktion liegen Informationen über mindestens zehn angebotene Termine vor, die nicht stattgefunden haben. Es gibt Betroffene, die seit 2022 auf Geld warten.
Auch ein weiteres Versprechen des Unternehmers, die Kunden würden ihr Geld zurückerhalten, ist laut Minnerup aber bisher nicht eingehalten worden: „Der zieht seine Masche schön weiter ab.“ Nach Recherchen unserer Redaktion bestätigen auch ehemalige Geschäftspartner von Doersch, dass sie und Kunden keine Leistungen erhalten hätten und noch Geld bekämen.
Die Masche mit Paw Patrol
Die Serie Paw Patrol stößt bei Kindern und Familien auf große Beliebtheit. So werden häufig Events mit den Charakteren angeboten, um die Massen anzulocken. Doch könnte es sich bei diesen Veranstaltungen auch um Betrug handeln?
Die Trickserie Paw Patrol gehört zu den erfolgreichsten der Welt. Seit 2013 sind zehn Staffeln veröffentlicht worden, mehr als 230 Folgen der tierischen Superhelden laufen im TV und beim Streamingdienst Netflix. In 160 Ländern ist die Serie zu sehen und es gibt wohl kaum ein Grundschulkind, das die Hauptfiguren Marshall, Chase, Rubble, Rocky, Zuma und Skye heute nicht kennen.
Paw Patrol ist angesagt und lässt sich auch deshalb für Werbezwecke vortrefflich nutzen. Das dachte sich offenbar auch ein Karate-Lehrer aus Oldenburg und warb mit "Karate mit Paw Patrol" oder "Kinderspaß mit Paw Patrol". Auch gab es Shows mit dem Titel "Superhelden-Tour". Kinder sollten "coole Superhelden-Tricks" lernen und am Ende eine Urkunde erhalten. Im Kern ging es offenbar darum, Kinder für Kampfsport zu begeistern.
Mehrere Veranstaltungen dieser Art hatte der Mann deutschlandweit und auch in Österreich angeboten, doch nur in wenigen Fällen fanden die Termine überhaupt statt. Statt Familien zu entschädigen, behielt der Mann das Geld (pro Karte 28,90 Euro) laut den Vorwürfen für bereits bezahlte Shows ein.
