Die Debatte um die Teilnahme von Transgender-Athletinnen an den Olympischen Spielen, insbesondere im Judo und Boxen, hat in den letzten Monaten erheblich an Fahrt aufgenommen. Im Zentrum dieser Diskussion stehen oft Fragen der Fairness, Inklusion und der wissenschaftlichen Grundlage für die Festlegung von Teilnahmebedingungen.
Kontroversen und Faktenchecks
Rund um die Boxerinnen Imane Khelif und Lin Yu Ting ist eine hitzige Debatte um ihr Geschlecht entbrannt.
Beide dürfen in Paris um Goldmedaillen kämpfen, obwohl sie bei der WM im vergangenen Jahr in Delhi durch einen umstrittenen Geschlechtstest (Sex-Test) gefallen waren.
Insbesondere in Sozialen Netzwerken behaupten viele Menschen, dass es sich bei den Boxerinnen um trans Frauen handeln soll.
Das stimmt: Khelif und Lin wurden 2023 von der Box-Weltmeisterschaft disqualifiziert. Ob zu viele männliche Hormone oder der Nachweis von männlichen XY-Chromosomen dafür der Grund waren, kann wegen unterschiedlicher Aussagen nicht eindeutig verifiziert werden.
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Im Fall von Khelif heißt es aber, dass die 25-Jährige wegen erhöhter Werte des männlichen Sexualhormons Testosteron nicht antreten durfte. Lin hingegen wurde nach dem Gewinn der Bronzemedaille nachträglich disqualifiziert.
Das stimmt nicht: Es gibt keinerlei Nachweis dafür, dass das Duo als Mann geboren wurde und sein Geschlecht geändert hat, wie in Social-Media-Kampagnen suggeriert wird.
„Das ist eine Entscheidung des IOC: Es gilt nur der Reisepass. Wenn da weiblich steht, gilt die Person auch als weiblich und darf an Frauen-Wettbewerben teilnehmen. Den sogenannten Sex-Test gibt es bei Olympia nicht“, sagt Michael Müller, Sportdirektor des Deutschen Boxsport-Verbandes (DBV), im RND-Gespräch.
„Ich sollte das absolut klar machen: Das ist kein Transgender-Fall! Jede Starterin erfüllt die Teilnahmebedingungen. Sie sind laut ihrer Pässe Frauen. Sie nehmen seit vielen Jahren an Wettbewerben teil und sind nicht plötzlich aufgetaucht. Sie sind Frauen“, begründet Mark Adams als Sprecher des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) die Entscheidung.
Die Aussagen des IOC und des Sprechers Marc Adams sind die Grundlage dieses Faktenchecks.
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Hormone und Geschlecht: Ein komplexes Thema
In diesem Kontext ist auch der Blick auf die Hormone relevant: Testosteron und Östrogen werden zwar als weibliche und männliche Geschlechtshormone bezeichnet.
Das heißt aber nicht, dass Männer nur Testosteron und Frauen nur Östrogen produzieren.
Männer bilden genauso weibliche Hormone und Frauen männliche - nur jeweils in geringeren Konzentrationen.
Es kann jedoch auch vorkommen, dass zum Beispiel Frauen zu viele männliche Hormone haben.
Produziert der weibliche Körper zu viel Testosteron, macht sich das unter anderem durch eine übermäßige Körperbehaarung, insbesondere im Gesicht, durch Akne, eine tiefere Stimme und erhöhte Muskelmasse bemerkbar.
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Die häufigste Ursache für diesen Testosteronüberschuss bei Frauen ist das polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS). Diese Hormonstörung kann zu Zyklusstörungen, Unfruchtbarkeit, Fehlgeburten, Fettleibigkeit und Typ-2-Diabetes führen, erklärt das öffentliche Gesundheitsportal Österreichs.
Wieso der Hormonhaushalt durcheinandergerät, ist noch nicht genau verstanden.
Eine andere Ursache für zu viel Testosteron kann eine angeborene Nebennierenhyperplasie sein.
Bei dieser vererbten genetischen Erkrankung produzieren die Nebennieren zu viele männliche Hormone.
Genauso kann zu viel Testosteron auf Tumore an den Nebennieren oder Eierstöcken hinweisen, den Hauptproduktionszentren dieses Hormons bei Frauen.
In der Menopause kann wiederum der Testosteronspiegel höher erscheinen, weil der Östrogenspiegel sinkt und damit das Hormongleichgewicht durcheinandergerät.
Außerdem kann eine Intersexualität der Grund für einen erhöhten Testosteronspiegel sein.
Intersexualität bedeutet, dass eine Person beide Geschlechtsorgane besitzt - also dass zum Beispiel eine Frau weibliche Genitalien hat, aber auch Hodengewebe im Körper.
Ungeklärte Fragen und politische Einflüsse
Unklar ist, wie es zu dem Ergebnis des Geschlechtstest bei der WM 2023 kommen konnte.
Dazu muss man als Hintergrund wissen, dass diese Titelkämpfe noch vom Box-Weltverband IBA mit seinem russischen Präsident Umar Kremlew organisiert wurden.
Der enge Vertraute von Russlands Präsident Wladimir Putin ließ bei der WM im Gegensatz zu fast allen anderen Sportverbänden trotz des Angriffskriegs in der Ukraine russische Sportlerinnen und Sportler zu.
Und er führte die DNA-Tests wieder ein.
Russland verfolgt eine harte Politik gegen Transgender.
Nach einem Gesetz, das seit Juni 2023 gilt, sind Geschlechtsangleichungen und Homo-Ehen verboten.
War der WM-Ausschluss von Khelif und Lin ein politisches Exempel?
Das IOC hat die vom russischen Staatsunternehmen Gazprom finanzierten IBA jedenfalls wegen diverser Vergehen von manipulierten Urteilen bis zu politischer Einflussnahme suspendiert.
In Paris gelten deshalb bei den Box-Wettbewerben die Regeln des IOC.
Ein fader Beigeschmack bleibt jedoch bei den Kämpfen der beiden umstrittensten Olympia-Starterinnen Lin und Khelif, meint auch Michael Müller: „Wir können die Situation nur bedauern, unter der das Bild des Boxens leidet.“
Der Deutsche ist auch Exekutiv-Mitglied des neugegründeten Box-Weltverbandes World Boxing, der die IBA perspektivisch ablösen soll, und sorgt sich um eine weitere Verschlechterung des ramponierten Images seiner Sportart.
Die Olympia-Zukunft der Sportart ist gefährdet, jeder neue Skandal bringt das Boxen dem Abgrund näher.
Ungeklärt bleibt auch, was bei den Boxerinnen tatsächlich zum erhöhten Testosteronspiegel geführt hat. Hierzu sind keine Informationen bekannt.
Das IOC teilte vor den Olympischen Spielen lediglich mit, dass der Wert in den vergangenen zwölf Monaten unter der Grenze der geforderten 10 nmol/L gelegen hat.
Die Urkunde wurde erst 2018 ausgestellt, was erneut zu Debatten in den sozialen Medien sorgte.
Es soll allerdings auf der Geburtsurkunde vermerkt sein, dass es sich dabei um eine amtliche Kopie handelt.
Regelungen und Richtlinien
Seit 2004 ist transgeschlechtlichen Athletinnen und Athleten eine Teilnahme an den Olympischen Spielen erlaubt.
2021 war mit der neuseeländischen Sportlerin Laurel Hubbard erstmals eine offen transgeschlechtliche Gewichtheberin bei den Olympischen Spielen angetreten.
Quinn, eine nicht-binär transgeschlechtliche Person, gewann im Jahr 2021 mit der kanadischen Fußball-Frauen-Nationalmannschaft die olympische Goldmedaille; bei den Sommerspielen in Frankreich schied das kanadische Team im Viertelfinale gegen Deutschland aus.
Nikki Hiltz aus den USA identifiziert sich ebenfalls als nicht-binär und nimmt in Paris am 1.500-Meter-Lauf in der Frauenkategorie teil.
Im November 2021 hatte der IOC Rahmenrichtlinien veröffentlicht, der die Werte Inklusion, Sicherheit und Fairness im Sport betonte, aber keine grundsätzlichen Teilnahmebedingungen definierte.
Die einzelnen Disziplinen seien zu unterschiedlich.
Der Internationale Schwimmverband "World Aquatics" hat so im Juni 2022 eine Regelung veröffentlicht, nach der trans Frauen, die eine männliche Pubertät durchlaufen haben, nicht bei Frauenwettkämpfen antreten dürfen.
Eine körperliche Geschlechtsangleichung müsste demnach vor dem 12.
In Deutschland etwa ist eine geschlechtsangleichende Hormontherapie mit Einverständnis der Eltern in der Regel erst ab 16 Jahren möglich.
Der Internationale Leichtathletikverband "World Athletics" veröffentlichte im März 2023 eine ähnliche Regelung.
Die Debatte um Fairness und Diversität
Diese Fragestellungen sind nicht neu, sondern bereits seit Jahren Thema in der Sportwelt.
So hatte etwa die südafrikanische Olympiasiegerin Caster Semenya 2021 beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte Klage gegen einen Ausschluss von Athletinnen mit natürlich hohen Testosteronwerten eingereicht.
