Die Debatte um die Teilnahme von Transmenschen bei den Olympischen Spielen ist ein viel diskutiertes Thema. Dabei stehen sich sportliche Fairness und Diversität gegenüber.
Schon vor einigen Jahren erlaubte das IOC, dass trans Personen überhaupt an den Olympischen Spielen teilnehmen durften. Bei den Olympischen Sommerspielen 2021 in Tokio wurde Laurel Hubbard noch groß gefeiert. Als erste trans Gewichtheberin, die sich für Olympia qualifiziert hatte, galt sie als Zeichen für mehr Diversität im Profisport.
Am nächsten Montag startet Laurel Hubbard aus Neuseeland im Gewichtheben. Die 43-Jährige ist die erste offene Transgender-Athletin bei Olympia und wünscht sich, dass sie mit Respekt behandelt wird.
Doch vor Laurel Hubbards Wettkampf gibt es die Kritik, Hubbards habe biologische Vorteile. Beim IOC ist Richard Budgett der zuständige Direktor für medizinische Fragen. Er sagt dazu: "Es gibt keine IOC-Regeln für die Teilnahme von Transgender-Personen.
Trotzdem wird Hubbard nicht bei Olympia 2024 in Paris dabei sein. Auch die französische Sprinterin Halba Diouf darf wohl trotz ambitionierter Vorbereitung dieses Jahr nicht beim olympischen 200-Meter-Rennen der Frauen in Paris antreten. Und auch Lia Thomas, US-amerikanische Profischwimmerin, hat keine Möglichkeit, an dem olympischen Wettbewerb 2024 teilzunehmen.
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Die erste Transgender-Athletin bei Olympischen Spielen? Das Thema Diversität findet im Sport immer öfter Beachtung. Spätestens zu Beginn der Olympischen Spiele wird aber auch die Transidentität in den Fokus rücken: Die erste offen lebende Transfrau geht in Tokio an den Start.
2021 war mit der neuseeländischen Sportlerin Laurel Hubbard erstmals eine offen transgeschlechtliche Gewichtheberin bei den Olympischen Spielen angetreten. Quinn, eine nicht-binär transgeschlechtliche Person, gewann im Jahr 2021 mit der kanadischen Fußball-Frauen-Nationalmannschaft die olympische Goldmedaille; bei den Sommerspielen in Frankreich schied das kanadische Team im Viertelfinale gegen Deutschland aus. Nikki Hiltz aus den USA identifiziert sich ebenfalls als nicht-binär und nimmt in Paris am 1.500-Meter-Lauf in der Frauenkategorie teil.
Die aktuellen Regeln und Richtlinien
Diese Regelung wurde 2021 aufgehoben. Das olympische Komitee erließ daraufhin eine Rahmenrichtlinie - eine Art Zehn-Punkte-Plan, der nun gleichzeitig von Fairness, Menschenrechten und Diversität sprach und letzten Endes die Entscheidung bis heute komplett den internationalen Sportverbänden überlässt. Damit liegt die Entscheidungshoheit also bei den Verbänden.
Bereits 2022 beschloss der internationale Schwimmverband World Aquatics, dass nur trans Frauen an Profiwettkämpfen teilnehmen dürfen, die nachweisbar „keinen Teil der männlichen Pubertät über das Tanner-Stadium 2 (Einteilung von körperlichen Entwicklungsmerkmalen während der Pubertät; d. Red.) hinaus oder vor dem Alter von zwölf Jahren erlebt haben“; zudem muss deren Testosteronwert konstant unter dem Grenzwert von 2,5 Nanomol pro Liter Blut liegen. Das sind Bedingungen, die kaum eine trans Person erfüllen wird.
Wenig später beschloss auch der internationale Leichtathletikverband World Athletics: Nur wer die Transition vor Beginn der Pubertät abgeschlossen hat, darf als trans Frau an Spitzenwettkämpfen teilnehmen. Der „Schutz der weiblichen Kategorie“ stehe an erster Stelle, so ihr Präsident Sebastian Coe.
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Zwar plant der Verband, eine offene Kategorie einzuführen für alle Personen, die sich nicht als cis männlich oder cis weiblich einordnen. Auf dem Papier versucht das Internationale Olympische Komitee, die komplexe Thematik bezüglich der Teilnahme von trans Personen möglichst professionell und weltoffen anzugehen, doch letztens Endes gibt das Komitee die Verantwortung nur ab.
Im November 2021 hatte der IOC Rahmenrichtlinien veröffentlicht, der die Werte Inklusion, Sicherheit und Fairness im Sport betonte, aber keine grundsätzlichen Teilnahmebedingungen definierte. Die einzelnen Disziplinen seien zu unterschiedlich.
Der Internationale Schwimmverband "World Aquatics" hat so im Juni 2022 eine Regelung veröffentlicht, nach der trans Frauen, die eine männliche Pubertät durchlaufen haben, nicht bei Frauenwettkämpfen antreten dürfen. Eine körperliche Geschlechtsangleichung müsste demnach vor dem 12.
Der Internationale Leichtathletikverband "World Athletics" veröffentlichte im März 2023 eine ähnliche Regelung. Der Internationale Schwimmverband hatte 2023 beim Weltcup in Berlin eine dritte offene Kategorie eingeführt, um trans- und intergeschlechtliche Sportler zu inkludieren.
Kontroversen und Kritik
Immer wieder Thema der Kritiker in solchen Fällen: biologische Vorteile. Mögliche Vorteile, "zu denen geforscht wird", sagte Richard Budgett, der für medizinische Fragen zuständige Direktor beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC): "Es gibt keine IOC-Regeln für die Teilnahme von transgender Personen, es hängt vom Verband ab".
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Außerdem müssten viele Faktoren bei der Vorteilsfrage berücksichtigt und "gegen alle anderen Nachteile der Veränderung" abgewogen werden. Auch eine von Hubbards Olympia-Konkurrentinnen, Emily Jade Campbell (Großbritannien), bekräftigte im "Independent": "Sie hat sich fair wie jede andere auch für diesen Wettbewerb qualifiziert."
Auf der einen Seite wird kritisiert, Athletinnen mit Variationen in der Geschlechtsentwicklung hätten durch ihre Teilnahme unfaire Vorteile. Auch wird befürchtet, dass Exzellenz im Frauensport an Bedeutung verlieren kann, wenn das binäre System aufgeweicht würde.
Auf der anderen Seite wird entgegengehalten, es gäbe ohnehin immer Sportler, die anderen physisch überlegen seien. So hätte etwa Michael Phelps aufgrund seiner großen Armspannweite auch einen physischen Vorteil beim Schwimmen.
Die Kontroversen zeigen die Komplexität von Geschlechterfragen im Sport auf. Julia Monro vom LSVD kritisiert den Umgang mit der Debatte: "Es geht hier um Menschen, die in ganz vielen Situationen des täglichen Lebens eine Benachteiligung erfahren.
Klare Regeln und Vorgaben zu schaffen ist dabei gerade auch im Interesse der Betroffenen, dass verhindert nämlich solche beschämenden Hexenjagden auf einzelne Personen, wie wir sie gerade beobachten.
Andere Perspektiven
Nikki Hiltz und Quinn werden mitmachen, die sich beide als non-binär, also weder als Mann noch als Frau, identifizieren. Zugeordnet werden sie allerdings ihrem Geburtsgeschlecht: Hiltz wird für die USA beim 1500-Meter-Lauf der Frauen antreten, Quinn in der kanadischen Frauen-Fußballmannschaft.
So muss die Geschlechtsangleichung unter anderem mindestens vier Jahre zurückliegen und der Testosteronspiegel zwölf Monate unter einem bestimmten Wert gelegen haben. Regularien, mit denen sich Quinn aus dem kanadischen Frauenfußball-Nationalteam nicht auseinandersetzen musste. Die erste offen nicht-binäre Person bei den Spielen in Tokio identifiziert sich also weder mit dem männlichen noch mit dem weiblichen Geschlecht. Da der Sport aber in binären, biologischen Kategorien organisiert ist, spielt Quinn weiter für das Frauen-Team.
Geschlechtergerechtigkeit bei Olympia
Gleich viele Männer und Frauen bei den Olympischen Spielen - das wird bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris als ein großer Meilenstein gefeiert. Die Rede ist von einer numerischen Geschlechterparität. Auch der Hashtag #GenderEqualOlympics (übersetzt „geschlechtergerechte Olympische Spiele“) kommt zum Einsatz.
Zum ersten Mal in der Geschichte der Olympischen Spiele werden gleich viele Athletinnen und Athleten teilnehmen. Der Blick auf die Geschichte zeigt, wie weit die Olympischen Spiele bei der Geschlechtergerechtigkeit gekommen sind: Erst seit 1900 durften Frauen mitmachen, ihr Olympia-Debüt feierten sie damals ebenfalls in Paris.
Dass die Geschlechtergerechtigkeit - anders als der Hashtag #GenderEqualOlympics suggeriert - bei den Olympischen Spielen hinter den Kulissen und damit auch insgesamt noch nicht erreicht ist, verschweigt die offizielle Olympia-Seite nicht: Es gebe immer noch „eine starke Kluft zwischen den Geschlechtern in den Führungspositionen“, etwa in der Leitung der sportlichen Delegation, bei den Schiedsrichtern und den Trainern.
Auch bei den Wettkämpfen ist streng genommen zwar annähernd, aber noch nicht ganz eine Parität erreicht. Neben 20 Mixed-Wettkämpfen stehen 157 Wettkämpfe für Männer, aber nur 152 Wettkämpfe für Frauen an. Am größten ist die Ungleichheit im griechisch-römischen Ringen, hier erwarten die Männer sechs Wettkämpfe, die Frauen gar keine. Im Turnen sind den Männern Barren, Pauschenpferd, Reck und Ringe vorbehalten, den Frauen Schwebebalken, Stufenbarren sowie zwei Wettkämpfe in der Rhythmischen Sportgymnastik.
