MMA steht für Mastitis-Metritis-Agalaktie und bezeichnet einen Symptomkomplex, der bei Sauen um den Geburtszeitraum herum beobachtet wird. Es handelt sich um eine Faktorenerkrankung, die am sinnvollsten mit geeigneten Prophylaxe-Maßnahmen bekämpft werden sollte. Die Bedeutung von MMA wird deutlich, wenn man bedenkt, dass jeder Fall von MMA zu Leistungseinbußen der Ferkel führt.
Der MMA-Komplex steht für:
- Mastitis = Gesäugeentzündung
- Metritis = Gebärmutterentzündung
- Agalaktie = Milchmangel
Es müssen dabei nicht zwangsläufig alle drei Krankheitsbilder gleichzeitig auftreten, häufig kommt es aber zu einer Kombination.
Symptome von MMA
Typische Symptome der betroffenen Muttersauen sind Fieber, Appetitlosigkeit und Vaginalausfluss. Außerdem leiden die neugeborenen Ferkel unter dem Milchmangel und magern ab.
Die Tiere fallen durch Fieber (> 39,5°C), ein entzündetes (= gerötetes, geschwollenes) Gesäuge, einen daraus resultierenden Rückgang der Milchleistung und übelriechenden Lochialausfluss auf. Infolge der reduzierten Milchbildung oder dadurch, dass die Sau den Ferkeln den Zugang zum Gesäuge verwehrt, fallen die neugeborenen Ferkel zuerst durch Unruhe und verstärkte Lautäußerung, später durch Kümmern und erhöhte Sterblichkeit auf.
Spezifische Symptome im Detail
- Mastitis: Gesäugeentzündung, geschwollenes, hartes und gerötetes Gesäuge.
- Metritis: Gebärmutterentzündung, übelriechender Lochialausfluss.
- Agalaktie: Ausbleibende Milchbildung, Milchmangel (Ferkel sind unruhig und schlafen häufig am Gesäuge der Sau).
Das Allgemeinbefinden der Sau ist sowohl bei der Mastitis als auch bei der Metritis gestört, es tritt Fieber häufig mit Temperaturen von über 40°C auf.
Agalaktie ist streng übersetzt das völlige Fehlen der Milchproduktion. Milchmangel wird häufig am Verhalten der Ferkel beobachtet, sie sind unruhig und schlafen häufig am Gesäuge der Sau, statt ihr Ferkelnest aufzusuchen.
Das Gesäuge der Sau ist bei der Mastitis - bedingten Agalaktie geschwollen, hart und gerötet, im Gegensatz zum Milchmangel ohne Entzündung.
Laktationshyperthermie
Eine Besonderheit stellt in diesem Zusammenhang die sogenannte Laktationshyperthermie dar. Hier kommt es zu einem Temperaturanstieg bei Sauen nach der Geburt auf Werte von über 40°C über mehrere Tage. Störungen des Allgemeinbefindens, der Futteraufnahme oder Veränderungen an Gesäuge und Gebärmutter werden hierbei nicht festgestellt. In aller Regel sind davon nur Sauen mit dem ersten Wurf betroffen, seltener auch Sauen im zweiten Wurf. Die Ursachen für diese erhöhte Temperatur sind noch nicht vollständig abgeklärt. Angenommen werden untrainierte Stoffwechselvorgänge, die einen vermehrten Abbau von körpereigenen Fettreserven bedingen. Eine fiebersenkende Behandlung bleibt meist erfolglos.
Ursachen und prädisponierende Faktoren
Die Erkrankung ist multifaktoriell. Aus Fütterungssicht gibt es zahlreiche prädisponierende Faktoren:
- Überfütterung: Zu hohe Mengen an Protein oder Energie während der Gravidität führen zu Verfettung, Wehenschwäche und erhöhter Geburtsdauer.
- Bewegungsmangel und Rohfasermangel: Begünstigen Kotverhaltung und Obstipationen, was zu einer Absorption von Endotoxinen führt.
- Mangel an Calcium und Magnesium: Kann eine Wehenschwäche begünstigen.
- Chronische Harnwegsinfektionen: Können die Entstehung von Metritiden begünstigen.
Einfluss der Fütterung
Die Futtermenge und -zusammensetzung der Sauen um die Geburt herum ist entscheidend für das vermehrte Auftreten von MMA. Das Futter sollte die Sau ausreichend mit Energie versorgen, aber den Darm nicht belasten. Die alte Weisheit: "ein voller Darm gebiert nicht gern" hat nach wie vor seine Bedeutung. Durch Verstopfung kann es zu verzögerten Geburten kommen; das Risiko der Gebärmutterentzündung steigt. Darminhalt, der zu lange im Darm steht, kann Toxine abgeben, die die Bildung von Hormonen beeinflusst, was zu Agalaktie führt.
DCAB-Werte und Harn-pH-Wert
Einen entscheidenden Einfluss auf die Entstehung von Harnwegsinfektionen hat zum einen die Wasseraufnahme, welche die „Durchspülung“ der Harnblase beeinflusst. Ein limitiertes Wasserangebot sowie eine zu niedrige Wasserdurchflussrate können daher prädisponierend auf Harnblasenentzündungen wirken. Zum anderen bevorzugen die meisten pathogenen Bakterienstämme ein alkalisches Harn-Milieu. Dieses entsteht u.a., wenn die DCAB (= dietary cation anion balance) in der Ration zu hoch ist (z.B. durch hohe Ca- oder Mg-Gehalte).
Die Notwendigkeit Futtermittel zu analysieren und die DCAB im Futter für tragenden Sauen zu berechnen ergibt sich aus der nachfolgenden Abbildung (Analyse im LKS Futtermittellabor, n=256). Es zeigen sich starken Schwankungen, der DCAB-Werte in Sauenfuttermitteln.
Die DCAB setzt die Analyse der Mineralstoffe Na, K, Cl und S voraus und wird nach folgender Formel berechnet:
DCAB (mEq/ kg TS) = Na (g/ kg TS) x 43,5 + K (g/ kg TS) x 25,6 - Cl (g/ kg TS) x 28,2 - S (g/ kg TS) x 62,4
Ausgehend von den DCAB-Werten kann die Veränderung des Harn-pH’s wie folgt angenommen werden:
| DCAB (mEq/kg TS) | Harn-pH-Wert |
|---|---|
| +200 | 6,9 |
| +100 | 6,5 |
| 0 | 6,2 |
| -100 | 5,9 |
| -200 | 5,7 |
Geht man davon aus, dass ein Harn-pH von < 6,5, besser 6,0 angestrebt werden sollte, zeigt sich, dass die DCAB des Sauenfutter bei max. + 100 mEq/ kg TS, besser im leicht negativen Bereich liegen sollte. Handelsübliche Sauenmischfutter weisen bedingt durch das Mineralstoffprofil der Einzelkomponenten eine DCAB von > 200 mEq/ kg TS auf. Dies macht den Einsatz von anionischen Zusätzen, welche systemisch azidierend wirken, notwendig.
Ein weiterer positiver Nebeneffekt von Rationen mit niedrigen DCABs ist der, der sich bei der geburtsvorbereitenden Fütterung von Milchrindern zur Prophylaxe der Gebärparese post partum zu Nutze gemacht wird und auch bei der Sau um den Abferkelzeitpunkt herum ein ähnliches Ergebnis erzielt: Durch niedrige DCAB’s in der Ration kommt es zu einer leichten metabolischen Azidierung und Ca wird forciert aus den Knochen mobilisiert. Dies wirkt einer Hypocalcämie der Muttersau bei Einsetzen der Milchproduktion post partum entgegen.
Präventionsmaßnahmen
Ausgehend von diesen eine MMA-Erkrankung begünstigenden Faktoren sollten folgende Hinweise zur Fütterung hochtragender Sauen beachten werden:
- Futtermenge reduzieren: Um eine starke Füllung des Magen-Darm-Traktes um den Geburtszeitraum herum zu vermeiden und somit das Risiko für Passagestörungen und Endotoxinabsorption zu minimieren, sollte 1-2 Tage ante partum die Futtermenge auf 1-2 kg/ Tag reduziert werden.
- Futterumstellung vermeiden: Die Umstellung auf ein Alleinfuttermittel für laktierende Sauen sollte erst ca. 5-7 Tage post partum erfolgen. Jede Futterumstellung birgt ein gewisses Stresspotential und bringt eine Verschiebung des Darmmikrobioms mit sich, so dass dieser Stressfaktor um den Geburtszeitraum herum möglichst vermieden werden sollte.
- Laxierende Futterkomponenten: Um eine übermäßige Darmfüllung zu vermeiden und eine beschleunigte Darmpassage zu forcieren, hat sich auch der Einsatz laxierend wirkender Futterkomponenten bewährt. Hier können z.B. Weizenkleie (0,5 kg/ Tag) oder Glaubersalz (3 EL/ Tag) zum Einsatz kommen. Es ist besonders in diesem Fall immer unerlässlich, den freien Zugang zu einem ad libitum Wasserangebot zu ermöglichen.
- Tränketechnik: In diesem Zusammenhang sind auch ausreichende Durchflussraten der Tränketechnik zu beachten. So sollten diese für hochtragenden Sauen bei 1,5-2 l/ Min liegen und im Abferkelabteil auf 3,5 l/ Min gesteigert werden.
- Zusätze: Um pathogene Bakerienstämme im Darm zurückzudrängen und das physiologische Darmmikrobiom zu stärken, ist auch die Zulage von organischen Säuren (z.B. Ameisensäure) und Probiotika (Bakterienstämme wie Enterokokken oder Laktobazillen) sinnvoll.
- Saure Salze: Um das Risiko für Harnblasenentzündungen zu minimieren, ist der Einsatz Saurer Salze, die den Harn-pH-Wert absenken, ratsam. Hier kann z.B. Calciumchloid (CaCl2) in einer Dosierung von 15-20g/ Tier/ Tag zum Einsatz kommen. Der Harn-pH-Wert sollte sich unter der Supplementierung auf < 6,5 einstellen.
Weitere wichtige Aspekte der Prävention
- Hygiene: Ein gutes Hygienemanagement kann den Infektionsdruck für die Sauen (und auch für die Ferkel) deutlich herabsetzen.
- Zahnpflege der Ferkel: Um Verletzungen der Haut des Gesäuges möglichst gering zu halten, empfiehlt es sich, die Zähne der Ferkel abzuschleifen.
- Reinigung und Desinfektion: Idealerweise werden die Abferkelabteile im Rein-Raus-Verfahren mit Reinigung und Desinfektion belegt.
- Waschen der Sauen: Eine weitere Möglichkeit, den Keimdruck zu senken, ist das Waschen der Sauen vor dem Einstallen in den Abferkelstall.
- Wasserversorgung: Sauen sollten immer freien Zugang zu Wasser haben. Die Durchflussraten von Nippeltränken sollten min. 1 - 2 l pro Minute betragen, damit die Sauen genügend Wasser aufnehmen.
Behandlung
Oxytocin bewirkt den Milcheinschuss, hat aber nur eine kurze Halbwertszeit, d.h. es muss öfter nachgespritzt werden.
Antibiotika wirken gegen die Erreger der Entzündung von Gesäuge oder Gebärmutter, sie sind auf jeden Fall lange genug zu verabreichen, um Resistenzen vorzubeugen.
Bei sehr schwacher Milchleistung sollten die Ferkel umgesetzt werden.
ColoSan® - mit der Kraft der Natur
In einem Versuch (L. Leon et al., 2006) sollte geklärt werden, ob ColoSan®, ein natürliches Präparat auf Basis von Kümmel-, Anis- und Fenchelöl, den trägen Sauen-Darm in dieser kritischen Phase auf Trab halten kann und damit auch MMA vorbeugt.
Das traditionelle Tierarzneimittel ColoSan® wird seit über 50 Jahren mit sehr gutem Erfolg bei Rindern und Pferden zur Behandlung von Magen-Darmstörungen und futterbedingten Blähungen eingesetzt.
Es basiert im Wesentlichen auf den ätherischen Ölen der Heilpflanzen Kümmel, Anis und Fenchel, ist frei verkäuflich und mit keiner Wartezeit belegt.
Das Wirkprinzip beruht auf den Erkenntnissen der Phytotherapie, die insbesondere Kümmelöl eine krampflösende Wirkung zuschreibt. Zudem haben die genannten ätherischen Öle generell eine leicht antimikrobielle Wirkung.
Versuchsbeschreibung
Durchgeführt wurde der Versuch auf einem Praxisbetrieb mit 400 Sauen im Münsterland. Die tragenden Sauen werden dort in Gruppen gehalten und flüssig gefüttert. Nach dem Umstallen in die Abferkelabteile wird auf Trockenfutter umgestellt. Ein Teil der Sauen auf dem Betrieb weist vor der Geburt einen reduzierten Kotabsatz auf. Ausschließlich Tiere mit diesem Problem wurden in den Versuch genommen und zufällig auf die beiden Versuchsgruppen „ColoSan®“ und „Kontrolle“ verteilt. Die Kontrollgruppe wurde keiner Behandlung unterzogen, die Versuchsgruppe erhielt ColoSan® einmalig zwei bis drei Tage vor dem errechneten Geburtstermin. Vor der Applikation wurde das Gewicht der Tiere geschätzt und eine Dosierung von 0,3 ml/10 kg Lebendgewicht vorgenommen. Das Präparat wurde nach der Fütterung mit Hilfe einer Dosierspritze direkt in die Backentasche verabreicht. Die Tiere nahmen es problemlos auf und vertrugen es sehr gut.
In der Praxis gilt die Kotkonsistenz als Maßstab für die Darmmotilität. Deshalb wurde der Kot der Tiere über einen Zeitraum von zehn Tagen bonitiert, beginnend vier Tage vor dem errechneten Geburtstermin. Die Bonitierung wurde optisch vorgenommen und sah wie folgt aus:
- Note -1 = breiiger Kot
- Note 0 = normale Kotkonsistenz
- Note 1 = fester Kot
- Note 2 = sehr fester Kot
- Note 3 = Verstopfung
In die Auswertung aufgenommen wurden Tiere, deren Kot vier Tage vor dem errechneten Geburtstermin mit den Noten 1, 2 oder 3 bewertet wurde. Insgesamt waren dies 66 Sauen, je 33 Tiere aus der Versuchs- und der Kontrollgruppe.
Ergebnisse der Studie
- Bessere Kotkonsistenz: Der Kot der Sauen aus der Versuchsgruppe „ColoSan®“ weist nach der Applikation des Präparates eine verbesserte (= weichere) Kotkonsistenz auf.
- Weniger Vaginalausfluss der Sauen, besser Zunahmen bei den Ferkeln: Die Sauen der Versuchsgruppe hatten zudem weniger Vaginalausfluss. Gleichzeitig war die Produktionsleistung der Versuchsgruppe tendenziell besser, die neugeborenen Ferkel verzeichneten vier Prozent höhere Tageszunahmen.
Der Versuch zeigt, dass die einmalige Anwendung des Phytotherapeutikums ColoSan® zu einem verbesserten Kotabsatz bei Sauen im Geburtszeitraum führt. Dieser Effekt trägt dazu bei, die Sauengesundheit zu fördern, Folgeerkrankungen wie MMA durch verzögerten Kotabsatz oder Verstopfung können vermieden werden.
Studie zu MMA und Fruchtbarkeitsparametern
Ziel einer Studie war die Untersuchung von Zusammenhängen zwischen einem klinischen MMA(Mastitis-Metritis-Agalaktie)-Geschehen und den Fruchtbarkeits- und Leistungs-Parametern in einem Ferkelerzeugerbetrieb. Dabei war die Assoziation zwischen den Leistungsparametern und dem Auftreten einer MMA-Erkrankung einerseits und der Beeinflussung der Sauen durch das Geburtsmanagement andererseits von besonderem Interesse.
Ergebnisse der Studie
- Eine tendenziell erhöhte Zwischenwurfzeit (MMA+: ZWZ = 147 d vs. MMA: ZWZ = 145 d) wies auf eine über die Laktationsdauer hinausreichende Beeinträchtigung der Sauen hin.
- Es wurde kein signifikanter Zusammenhang zwischen dem Auftreten des MMA-Syndroms und dem Umrauschen festgestellt.
- Die Würfe MMA-positiver Sauen waren durch signifikant mehr Totgeburten (MMA+: tgF = 1,3 vs. MMA: tgF = 1,1) charakterisiert.
- Das Betriebsergebnis wurde bei MMA-erkrankten Sauen durch signifikant weniger abgesetzte Ferkel je Sau und Wurf (MMA+: agF = 10,4 vs. MMA: agF = 10,6) geschmälert.
- Die Zusammenhänge zwischen den Wurfstärken des aktuellen Wurfes (Anzahlen lgF & tgF) und der Durchführung von Partusinduktion und Geburtseingriff waren signifikant.
- Im Hinblick auf den Folgewurf zeichnete sich keine Beeinflussung der Ferkelanzahlen durch vorherige MMA-Erkrankungen ab.
- Nach der Durchführung eines Geburtseingriffes wurden im Folgewurf verringerte Anzahlen an lgF und agF sowie eine erhöhte Anzahl an tgF festgestellt.
Der Prävention, gerade bei durch Dokumentation festgestellten Risikotieren, ist daher größte Bedeutung beizumessen.
