Karate Andi: Spiel des Lebens

Nach ruhmreichen Auftritten bei der Freestyle-Battle-Veranstaltung »Rap am Mittwoch« und seinem Erstlingswerk »Pilsator Platin« 2014 erscheint nun Turbo, Karate Andis Debüt bei seiner neuen Labelheimat Selfmade Records.

Das zweite Album soll ja angeblich das schwerste sein. Noch schwerer wird es dann natürlich, wenn dein Debütalbum „Pilsator Platin“ heißt und ungefähr jeder extrem hohe Erwartungen an den Nachfolger hat. Allerdings braucht es nicht lange, um zumindest einen Teil der Zweifel zu zerstreuen.

Auf 13 Tracks gibt der leidenschaftliche Eckkneipengänger Einblicke in seinen Alltag als spielsüchtiger Vollzeitalkoholiker mit einem Dauerabonnement für das gepflegte Durchbeleidigen seiner Deutschrap-Kollegen, macht aber auch vor den großen Themen nicht halt.

Produziert wurde Turbo von Bazzazian und Farhot aka »Die Achse«, die sich mit ihren Stand-out-Produktionen für Haftbefehl, Gentleman u.a. in den letzten Jahren einen ehrfürchtigen Ruf erarbeitet haben. Die vorwärtsgewandten High-End-Beats mit ungeheurer Detailverliebtheit treffen auf Karate Andis schier unerschöpflichen Fundus an mehrsilbigen Reimketten und respektlosen Punchlines und machen Turbo zu einem der spannendsten Alben des Frühjahres 2016.

Sound und Produktion

Was die Beats angeht, hat Andi hörbar aufgerüstet, ohne sein Alleinstellungsmerkmal einzubüßen. Bazzazian und Farhot aka Die Achse haben mit vollen und düsteren Beats einen „Turbo“ -Sound erschaffen, der perfekt auf den „Eckneipenhustler“ zugeschnitten ist.

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„Turbo“ klingt im Großen und Ganzen deutlich besser ausproduziert als dessen Vorgänger und behält - ohne monoton zu klingen - die gesamte Spieldauer über ein dunkleres Soundbild bei, das mit hart knallenden Drums unterlegt ist.

Moment - die ganze Spieldauer? Nicht ganz. „Kleid deiner Mutter“ fällt mit der helleren, positiv eingestimmten Stimmung etwas aus der Reihe, aber passt trotzdem perfekt rein, weil es etwas erfrischendes mit sich bringt, was das Album nochmal abrundet. Zusammen mit der Gesangshook und dem Gast-Part von Nico K.I.Z.

Inhalt und Stil

Karate Andi merkt man seine Rap am Mittwoch- und Battle-Vergangenheit deutlich an. Auch auf Albumlänge: Die Punches sitzen und gehen beinahe immer treffsicher genau dahin, wo es wehtut. Dabei spielt es eigentlich überhaupt keine Rolle, ob Andi der Battlegegner nun gegenüber steht oder nur imaginiert ist.

Der einzige etwas deepere Song „Lass mal bleiben“ ist ein weiteres Highlight, das besonders raussticht. ‚Deep‘ heißt in dem Fall aber nicht, dass Andi jetzt ‚erwachsen‘ ist und oberflächliche Gesellschaftskritik oder über die Probleme mit seiner Ex rappt.

Jedoch ist „Lass mal bleiben“ - um im Kneipenjargon zu bleiben - nur die Kippe zum Bier. Das Bier ist der Rest des Albums, bei dem der Selfmade-Künstler sich thematisch im klassischen Karate Andi-Kosmos bewegt, was heißt, dass er Geschichten über Alkohol und ausgefallenere Drogen wie Ketamin oder Glasreiniger und den typischen Lifestyle bestehend aus Mofa fahren und Spielo erzählt.

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Das alles lustig, gut pointiert und intelligent verpackt. Gegen die selbstverständlich wacke Konkurrenz wird natürlich auch das ein oder andere Mal geschossen.

Denn Karate Andi macht wie schon auf seinem Debüt-Album Pilsator Platin vor überhaupt gar nichts Halt und propagiert den hemmungslosen, selbstzerstörerischen Hedonismus. Samt allem, was so dazugehört. In diesem speziellen Fall wäre das vor allem Berlin, Sterni und Keta. Oh, und natürlich Speed, Kokain sowie last, but definitely not least: Gras.

Wer sich fortlaufend dermaßen weghaut, wie es Karate Andi vorgibt zu tun, der braucht sich auch nicht wundern, wenn er sich in Widersprüche verstrickt.

Ausgewählte Lines und Behauptungen

Darum findet ihr im Anschluss neben den heftigsten Lines auf Turbo auch noch die unterschiedlichsten, irrwitzigen Behauptungen von Karate Andi über sich selbst.

Denn Karate Andi ist laut eigener Aussage nicht nur "eingefleischter Hermann Hesse-Fan der ersten Stunde" und "Autor von der Blechtrommel", sondern nebenbei auch noch Lastwagenfahrer. Da passt Folgendes doch irgendwie besser zusammen: Der selbsternannte Kneipen- sowie Nachbarviertelterrorist versteht sich auch als Eckkneipenhustler.

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  • "Ich bin der Sylvester Stallone von der S-Bahn Station"
  • "Im Mofa-Club bin ich Vorsitzender/Und das macht mich ganz schön stolz, wenn ich zur Dorf-Disse fahr'"
  • "Du musst dich aus einem Lehmkrug ernähren/Ich bin halb post-modern und halb präpubertär"
  • "Ich fliege durch die Szene auf meim' fliegenden Teppich/Denn in Sachen deutscher Rap bin ich erziehungsberechtigt"
  • "Ich hab die Nase voller Speedpastenkörner/Bis ich hochnäsig wirke wie ein Giraffenkörper/Halb Gigolo, halb Skimasken-Mörder"
  • "Ah, ich bin ein hochbegabter Spast/Und stech' am Rosenthaler-Platz ein paar Drogenfahnder ab"
  • "Ich dringe in dich ein ohne Latex-Kondom/Denn ich habe keine Würde, sondern Stadionverbot/Ich sehe durch den Handyfilter alles wie auf Sensimilla/Laut der Avantgarde bin ich der Nachkomme von Henry Miller"

Tabubrüche und Provokationen

Karate Andi ist aber wohl vor allem der Meister des kalkulierten Tabubruchs: Keine Minderheit wird hier vergessen. Stattdessen werden sie alle wahlweise aufs Übelste beleidigt oder, wohlwollender formuliert: durch den Kakao gezogen. Auch aktuelle Reizthemen und die damit verbundenen Schlagwörter tauchen auf Turbo immer wieder auf.

Selbstverständlich gehen auch die Standard-Dauerbrenner wie irgendwas mit Nazis und Hitler, Witze über Menschen mit Behinderungen sowie natürlich blanker Sexismus. Wir bekommen also eine regelrechte Schlachtplatte serviert - voller Aussagen, die manch anderen die Schamesröte ins Gesicht treiben würde.

Nicht so Karate Andi: Der lacht sich wahrscheinlich einfach nur ins Fäustchen und freut sich darüber, wieder mal irgendjemandem auf die Füße getreten zu sein. Aktuell soll sogar das berühmt-berüchtigte Berghain gegen den Konsum von GHB vorgehen (egal, ob der freiwillig oder unfreiwillig erfolgt).

Disses und Hommagen

Auch vor deutschsprachigen Rappern macht Karate Andi nicht halt, im Gegenteil. Wobei es sich bei folgender Zeile wohl kaum um einen Diss handelt, sondern wahrscheinlich eher um eine doppelte Hommage an Kool Savas und Kollegah:

"Und wenn wieder mal ein Rapper Savas in der Hook sampled/Merkst du wie langsam mein Tag in der Hood endet"

A propos andere Rapper:

"Du wärst gerne wie A$AP Rocky oder Action Bronson/Doch bist ne Mischung aus Janis Choplin und Dennis Rodman/Oh, du bist ja süß mit deinem Boxerschnitt/Fast so süß wie ne Tüte Kartoffelchips"

Rap-Journalisten gehen aber natürlich auch.

"Deine Ex-Hure ist um sechs Uhr schon dicht/Und f*ckt im Prince Charles mit irgendeinem Rap-Journalist"

Heftige Lines

"Keinen Bock auf Zweckreim-Massaker?" Dann hat Karate Andi hier etwas für dich: Turbo. Und falls du dich die ganze Zeit fragst, wann denn endlich die heftigen Lines kommen, haben wir hier wohl beide etwas für dich:

  • "Für mich sind Rechtsverdreher wie KZ-Aufseher/Im Gästeraum aus Menschenhaut ein Bettvorleger/Artet die Party nicht in Gewalt aus war es keine gute"
  • "Sie versaut mir die Stimmung mit ihren scheiß Tränen beim F*cken/Was kann ich denn dafür, dass ihr scheiß Leben ein Witz ist?"
  • "Das mit deiner Mum, das ist nicht nur ein Verhältnis/Mein Penis impliziert eine Diktatur des Geldes"
  • "Wo wir hinkommen, hörst du Pimp-Slaps und Schussgeräusche/Human Traffic - wir sind trinkfest wie Russlanddeutsche"
  • "Dank Rap ging meine Schulbildung flöten/Seitdem möchte ich bei jedem Gig das Publikum töten"
  • "Glücksspiel ist noch geiler als Liebe/Ich begleich meine Miete, wenn ich Freispiele kriege"
  • "Was Ernährung, Alter?/Früchte find' ich Scheiße!/Sei denn bei Sizzling Hot und zu fünft in einer Reihe"
  • "Zieh das Ketamin vom Klositz/Ich kenn' jeden nur platonisch"

Fazit

„Turbo“ macht alles richtig, Schwachpunkte sucht man vergebens. Andis Sound hat sich stark weiterentwickelt, während er sich treu geblieben ist, ohne zu langweilen. Ein schmaler Grat, aber Andi tanzt auch mit zweistelligen Promille-Werten noch gekonnt darauf. Er zieht weiter sein Ding durch und hat sich von seinem neuen Label tatsächlich nicht verbiegen lassen.

Das Album Turbo ist seit heute draußen und bietet neben den großartigen Die Achse-Beats natürlich auch noch jede Menge Zeilen, die es so richtig in sich haben. Battlerap-Fans kommen hier voll auf ihre Kosten - zumindest wenn sie Karate Andis latent abartigen Sinn für Humor teilen.

Unterm Strich hat Karate Andi aber alles richtig gemacht. Heftige, stellenweise Drum'n'Bass-ähnliche Beats stehen dem asozialen Style des Rappers durchaus gut und seine Lines sind dreckig wie eh und je.