KARAT: Die Bedeutung von "Jede Stunde" und die Geschichte einer legendären Band

Die Ost-Berliner Rockband Karat, die auch schon vor der Wende in der BRD bekannt war, wurde spätestens nach ihrem Nummer 1-Hit „Über sieben Brücken mußt du geh‘n“ eine im Westen fest etablierte Rockband.

„Ich glaube, dass wir eine zeitlose Musik machen. Die Ur-Seele ist natürlich damals durch das Feeling von Ulrich „Ed“ Swillms geprägt worden.

Keyboarder Ulrich „Ed“ Swillms war der kreative Kopf der Band von Beginn an und hat alle die Songs, die bis in die heutige Zeit alle Live-Konzerte der Band bestimmenden Titel komponiert. Angefangen beim „König der Welt“, selbstverständlich „Über sieben Brücken“, der immer noch hoch aktuelle „Blaue Planet“ und „Jede Stunde“.

Die 1980er-Jahre werden das Jahrzehnt für die Band. Gleich zu Beginn tüftelt die Gruppe an einem neuen Album. 1982 kommt mit „Der Blaue Planet“ der größte Erfolg der Bandgeschichte in die Läden.

Als KARAT im Jahre 1982 dieses Album veröffentlichte, ahnte auf Seiten der Fans wohl noch niemand, welchen Erfolg Ed Swillms, Bernd Römer, Michael Schwandt, Henning Protzmann und Herbert Dreilich damit einfahren würden.

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Fakt ist, dass das Album zur richtigen Zeit am richtigen Ort war und bei seinem Erscheinen von den Plattenfirmen AMIGA (DDR) und TELDEC/POOL (BRD) extrem unterstützt und beworben wurde. Es wurde zumindest dort schon damit gerechnet, dass sich die Platte bei den Hörern durchsetzen könnte, darum dürfte zumindest bei den Companies der Erfolg so ganz unvorbereitet nicht gekommen sein. Schon die Vorab-Single "Der blaue Planet" mit dem Song "Blumen aus Eis" auf der B-Seite verkaufte sich allein im Westen über 100.000 Mal und war auch im Osten medial und live schon reichlich im Einsatz.

"Der blaue Planet" wurde das erfolgreichste und meist verkaufteste Album einer DDR-Band überhaupt, und stieß bis auf Platz 7 der westdeutschen Album-Charts vor. In beiden Teilen des Landes verkaufte sich "Der blaue Planet" über eine Million Mal - eine Zahl, von der viele Musiker heute nur noch träumen dürfen.

Auf der B-Seite der LP konnte man zum ersten Mal die Stimme von Ed Swillms bei einem Karat-Titel hören. Bei "Der Spieler" war Ed nicht nur für die Komposition verantwortlich, sondern sang auch noch den von Norbert Kaiser geschriebenen Text. Das erste und einzige Mal, dass Ed als Mann am Mikrophon in Erscheinung trat.

Die Platte ist randvoll mit Perfektion und macht es somit zum ausgereiftesten Album der Band überhaupt. Ed Swillms als Komponist und Norbert Kaiser als Texter verstanden es meisterhaft, den gerade angesagten "New Wave" in ein völlig eigenständiges und weit von der üblichen Belanglosigkeit entferntes Gewand zu kleiden, ohne ihn jedoch zu verleugnen. Sie nutzten ihn für ihre Vorstellungen von Musik und setzten die Lieder perfekt in Szene.

"Marionetten" und "Jede Stunde" sind dafür die Paradebeispiele. Die Texte auf dem Album sind mal melancholisch, dann wieder optimistisch, aber auch nachdenklich gefärbt.

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Mit der treibenden und ins Bein gehenden Pop-Rock-Hymne "Jede Stunde" (Platz 7 der DDR-Jahreshitparade 1982) war die Band sogar Gast in der ZDF-Hitparade, und wurde vom Publikum auf den zweiten Platz gewählt.

Karat war im Westen zwar schon durch "Über sieben Brücken" bekannt geworden, zeigte aber hier mehr als eindrücklich, dass sie mehr waren als nur der Hit-Lieferant für andere Künstler im Westen. Kein anderes Album von KARAT schaffte danach nochmals einen so großen Erfolg.

Das Gespann Swillms/Kaiser war beim Schreiben der Songs und beim Fertigstellen dieser LP wohl in der Form ihres Lebens. "Der blaue Planet" ist ein Paradebeispiel für zeitlose Rock- und Pop-Musik und was entstehen kann, wenn man kreative Genies in Ruhe arbeiten lässt.

Nach fast einem Vierteljahrhundert hat keiner der auf dieser LP befindlichen Songs auch nur ansatzweise an Klasse (oder gar Aktualität) verloren. Speziell das Lied "Der blaue Planet" ist aktueller denn je, und auch "Wie weit fliegt die Taube" dürfte in Anbetracht ständig neuer Kriesenherde auf diesem "blauen Planeten" noch länger nah am Puls der Zeit bleiben.

Wir reden hier hier über verkaufte Tonträger und nicht über Streams und anderen digitalen Firlefanz.

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Für den Gold-Status waren in der BRD damals 250.000 verkaufte Einheiten notwendig. Gesamtdeutsch ging die Platte bis zur Wende aber über eine Million mal über die Ladentische. Nicht mit eingerechnet sind die Neuauflagen auf CD, die nach der Wende ebenfalls ihre Käufer fanden. Rechnet man alles zusammen, hat das Album inzwischen wohl mehrfach Platin verdient, so dass der Status von "Der blaue Planet" längst hätte neu festgelegt werden müssen.

Trotzdem gehören sie nach wie vor zu den Top-Bands des Ostens.

Ihre Musik ist publikumsnah und inhaltlich anspruchsvoll. Ein Spagat, der bei KARAT nicht peinlich berührt. Teilweise Pop und Schlager, hauptsächlich aber Deutsch-Rock mit klassischen Elementen.

Wie vielen Künstler*innen in der DDR, hatte auch die Gruppe KARAT mit der Bürokratie zu kämpfen. Es wurde darauf geachtet, dass sie auch im Sinne des Sozialismus unterwegs waren. Vieles, was gesagt werden musste, konnte nur verschlüsselt gesungen werden. So geht es bei dem Lied „Albatros“ sicher nicht nur um diesen Seevogel.

KARAT verstand sich nicht als politische Band im Auftrag der Partei, war aber auch nie Opposition. Sie waren und sind auf Themen konzentriert, die alle angehen.

Die Musik und die Texte von KARAT treffen auf ein Lebensgefühl und erreichen die Leute: Ihre Songs begleiten viele Menschen schon ihr Leben lang und wecken Erinnerungen. Aber auch junge Leute entdecken die Musik von KARAT für sich und füllen die Konzertsäle.

Die Bedeutung von "Jede Stunde"

Das Lied Jede Stunde von Karat ist eine Ode an die Wertschätzung des Lebens in all seinen Facetten. Der Sänger beschreibt, dass manche Menschen nur die Nacht lieben, weil sie geheimnisvoll ist, während andere den Sonnenschein bevorzugen und glauben, dass sie damit glücklich sind.

Er vermittelt das Gefühl, dass jeder Tag seine eigenen Geschichten erzählt, und es ihm gleich ist, wie diese zu ihm sprechen. Besonders markant ist der Moment der Nähe zu einer geliebten Person, in dem die Zeit für ihn zu vergehen scheint, als fallen die Blätter von den Bäumen.

Darüber hinaus besingt der Sänger auch, dass er das Leben in all seinen Facetten akzeptiert, selbst wenn er friert oder im Regen steht. Die wiederholte Betonung, dass die Zeit nicht wartet, lässt erkennen, dass das Leben voller flüchtiger Momente ist, die nicht verschwenderisch behandelt werden sollten.

Die alte Katze, die still und heimlich lacht, steht möglicherweise für die Weisheit des Lebens, die man im Laufe der Zeit erlangt. Insgesamt ermutigt der Sänger dazu, jeden Augenblick zu schätzen, den Zauber des Lebens zu erkennen und das Hier und Jetzt zu genießen.

Die Geschichte der Band nach dem Erfolg

In den Folgejahren kamen weitere Hits dazu - die großen Erfolge blieben allerdings aus.

2004 dann die Hiobsbotschaft: Sänger Herbert Dreilich erkrankt schwer und stirbt im Dezember im Alter von 62 Jahren an seiner Krebserkrankung, und sein Sohn Claudius steht vor der wichtigsten Entscheidung seines Lebens: Manager in Shanghai werden oder Sänger von KARAT.

"Das ist ein Zufallsprodukt gewesen", erinnert sich Claudius: „Das war zum 25-jährigen Jubiläum von KARAT in der Berliner Wuhlheide. Da wurden die Kinder der Kollegen gefragt, ob wir die Band nicht überraschen wollen und einen Song von KARAT spielen. Ich sollte dann die Abendstimmung singen. Und ich fing an zu singen, doch da war Ruhe im Publikum. Ich dachte, da habe ich irgendwas falsch gemacht. Zum Glück merkte das ein Redakteur hinter der Bühne und sagte zu meinem Vater: Du musst da jetzt rausgehen und die zweite Stimme singen, denn die denken sonst alle, der tut nur so. Schon als Kind wohnte Claudius Konzerten der Rockband bei.

Claudius Dreilich, der seit mittlerweile 20 Jahren Teil von KARAT ist, erklärt: „Es hat sich letztlich für die Band immer nur in eine Richtung entwickelt, und das ist die, die wir wollen: Nämlich nach vorne.

Die politischen Entwicklungen auf der Welt, aber auch in Deutschland gehen nicht spurlos an den Rockern vorbei, gibt Bernd Römer zu: „Wir sollten uns immer daran erinnern, dass wir Menschen sind.

Wie schon des Öfteren, blicken die Mitglieder der Band auch im 50. Jahr nach vorne. Anstatt eines großen Best-of-Albums gibt es zum Jubiläum ein weiteres, das 16. Studioalbum. Dennoch, auf „Hohe Himmel“, so der Titel, klingen auch die Wurzeln der Band durch. „Wir haben hier stark mit alten Soundelementen gearbeitet. Aber trotzdem, glaube ich, dass wir es auch geschafft haben, im Jetzt zu sein“, sagt der Sänger Claudius Dreilich.

„Wir wollten nicht zurückgucken, weil wir immer nach vorne gucken - da muss man sich ein bisschen orientieren. Deswegen ist es ein Album, was vielleicht die Leute in dieser Art und Weise erst mal überrascht.

Die Bandmitglieder sind ein streitbares Völkchen und ringen gemeinsam um den richten Sound, die passende Liedzeile. „KARAT ist man nicht nur auf der Bühne. KARAT muss man leben.“ (Adele Walter, Managerin)

Die Bandmitglieder bleiben aktiv und neugierig und stehen mitten im Leben. „Die Konstante bei KARAT ist die ständige Veränderung!“ so ein Mitglied der Band beim Blick zurück auf 50 Jahre und behaupten selbstbewusst von sich und ihrer Musik: „Wir waren gestern da. Wir sind heute da.

Lieder allein werden die Welt nicht veränderen, aber sie tragen zum Nachdenken bei und das ist bei der Gruppe KARAT garantiert.

Album Erscheinungsjahr Bemerkungen
Der blaue Planet 1982 Erfolgreichstes Album der Band
Hohe Himmel Jubiläumsalbum 16. Studioalbum
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