Die Berliner Kultband KARAT feiert 2025 ihr 50-jähriges Jubiläum. 50 Jahre - das sind zwei Generationen und fast ein Leben. Es gibt nur wenige Bands von Rang, die auf eine solche lange Geschichte zurückblicken.
Die Doku des MDR ist eine filmische Tour mit der Band KARAT durch die Arbeit an ihrem neuen Album im Studio, bei mitreißenden Live-Konzerten und durch fünf Jahrzehnte Bandgeschichte.
Ein wichtiger Fokus liegt auf einem ersten Höhepunkt im Jubiläumsjahr 2025: der Auftritt in der restlos ausverkauften Elbphilharmonie zu Hamburg am 02. März. KARAT wird als erste Rockband aus der ehemaligen DDR den ehrwürdigen Saal rocken.
Die Anfänge und der Durchbruch
Der Eintritt der Band 1975 in die Rock- und Popszene der DDR ist zugleich ein Senkrechtstart. Nach zahlreichen erfolgreichen Titeln wird KARAT mit dem Lied "Über sieben Brücken" zur beliebtesten Band der DDR - und zum lukrativen West-Export. KARATs Alben werden in Westdeutschland mehrfach vergoldet. Als einzige DDR-Band tritt KARAT sogar in der Samstagabend-Show "Wetten daß…?" auf. Im eigenen Land werden die Musiker mit Kunstpreisen und dem DDR-Nationalpreis geehrt. 1980 covert Peter Maffay den Song "Über sieben Brücken", der bis heute zu seinen erfolgreichsten gehört.
Die 90er Jahre und das Comeback
Anfang der 90er Jahre droht die ostdeutsche Rock- und Popszene sang- und klanglos unterzugehen: statt vor Tausenden spielt KARAT plötzlich vor nicht mal mehr Hundert Leuten. Erst Mitte der 90er Jahre entdecken die Ostdeutschen die Rock- und Pophelden ihrer Jugend wieder. Auch KARAT. Zum 25-jährigen Jubiläum im Jahr 2000 spielt die Band in der Berliner Wuhlheide vor knapp 20.000 Menschen.
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Der Generationswechsel
Als Herbert Dreilich - jahrzehntelang die Stimme der Band - 2004 im Alter von 62 Jahren stirbt, steht sein Sohn Claudius vor der wichtigsten Entscheidung seines Lebens: Manager in Shanghai werden oder Sänger von KARAT. Er entscheidet sich für die Musik. Der Sohn ersetzt den Vater - vielleicht ein einzigartiges Phänomen in der deutschen Rockszene.
Musikalisch ambitioniert wie sein Vater war Claudius Dreilich ursprünglich nicht. Das änderte sich erst, als Herbert Dreilich im Sommer 2003 schwer an Krebs erkrankte. Der damals 60-Jährige gehörte 1975 als Leadsänger zu den Mitgründern von Karat, jener Band, die mit ihren Songs wie „Über sieben Brücken“, „Albatros“ oder „König der Welt“ zur populärsten DDR-Rockgruppe wurde, die bereits in den 80er-Jahren auch in der Bundesrepublik große Erfolge hatte.
Als Herbert Dreilich wegen seiner Krankheit das Bett nicht mehr verlassen konnte, ermutigte er seinen skeptischen Sohn, der keine Banderfahrung besaß, den Part von ihm zu übernehmen. Er wollte, dass die Band auch ohne ihn weitermacht. „Das war eine schwere Entscheidung, auch wenn mein Vater meinte, ich sei eine Rampensau und könne das“, erzählt Claudius Dreilich beim Interview in seinem Berliner Büro. Sein Wagnis sollte sich lohnen. Seit 2005 singt er nun schon bei Karat, die am Wochenende in Berlin eine große Tournee anlässlich ihres 50-jährigen Bestehens starten. Zugleich präsentieren sie ihr neues Album „Hohe Himmel“.
Die Bandgeschichte von KARAT ist geprägt durch den Einfluss vieler hervorragender Musiker: Die Erfinder der Band Henning Protzmann und Ulli Pexa, verstärkt durch Ed Swilms, Herbert Dreilich, Bernd Römer und Michael Schwandt. Zeitweilig wird KARAT verstärkt durch Thomas Natschinski, ab Mitte der achtziger Jahre ersetzt Christian Liebig Hennig Protzmann am Bass, der Posten an den Tasteninstrumenten wechselt von Ed Swilms zu Thomas Kurzhals und seit 1992 zu Martin Becker. Nach dem Ausstieg von Michael Schwandt und Christian Liebig 2023 verjüngt und modernisiert sich die Band mit Heiko Jung am Schlagzeug und Daniel Bätge am Bass.
„KARAT ist man nicht nur auf der Bühne. KARAT muss man leben.“ (Adele Walter, Managerin)
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Die musikalische Entwicklung
Doch die Band ruht sich nicht auf ihrem Legendenstatus aus, bleibt innovativ und experimentierfreudig. Es entstehen die Alben "Weitergehn" (2010), "Seelenschiffe" (2015), "Labyrinth" (2018) und 2025 das aktuelle Jubiläumsalbum "Hohe Himmel".
Die Doku "50 Jahre Karat - Eine deutsche Rockgeschichte" trifft die Musiker und ihre Managerin Adele Walter, die Musikmanager Peter Schimmelpfennig (West) und Jörg Stempel (Ost) und prominente Begleiter der Band wie Ute Freudenberg, Katarina Witt, Inka Bause und Gregor Meyle.
Claudius Dreilich über seine Anfänge bei Karat
WELT: Herr Dreilich, welche Erinnerungen haben Sie an den 22. Februar 1975?
Claudius Dreilich: (lacht herzhaft) Sie haben ja Humor. Damals war ich viereinhalb und ging in den Kindergarten. Vom ersten Karat-Auftritt bekam ich also nichts mit. Der war in Heidenau bei Dresden. Meine Mutter war dort, mich parkte man bei der Oma, obwohl sich bei uns zu Hause seit meinem ersten Augenaufschlag alles um die Musik drehte.
WELT: Wie dürfen wir uns das vorstellen?
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Dreilich: Ständig gaben sich bei uns Bandkollegen meines Vaters die Klinke in die Hand. Manchmal wohnte auch einer bei uns. Oft probten sie bis weit in die Nacht, wurden Platten gehört, über Songs und Texte diskutiert. Bei mir hinterließ das insofern tiefe Spuren, als dass ich beispielsweise nie eine Langspielplatte mit Kindermusik besaß, sondern nur die Platten von Karat hören wollte. Die erste Platte in meiner Sammlung war auch die des gleichnamigen Debütalbums „Karat“, unter anderem mit dem Titel „König der Welt“.
WELT: Wann waren Sie das erste Mal bei einem Konzert Ihres Vaters?
Dreilich: Ich ging noch nicht zur Schule. Es war ein Konzert bei uns in Halle im Rahmen eines Pressefestes. Ich war wahnsinnig stolz, dass meinem Vater tausende Menschen zujubelten. Wo die Jungs auftraten, wurden sie wie Superstars gefeiert. Das Größte für mich aber war, dass ich beim Konzert hinter die Bühne durfte. Oh Gott, da habe ich mich gefühlt wie ein Riese!
WELT: Ihr Leben, sagten Sie, begann mit Musik. Heißt das auch, dass Sie mit Ihrem Vater daheim musizierten?
Dreilich: Darauf hatte er keinen Bock. Ich war aber sieben Jahre in Halle am Konservatorium, lernte dort Violine und Klavierspielen. Gitarre brachte ich mir selbst bei. Erst als ich 18, 19 war, fing das an, dass mein Vater und ich uns musikalisch austauschten. Ich schrieb eigene Songs, die er hören wollte, woraufhin wir dann gelegentlich miteinander gejammt haben.
WELT: Wie war das denn möglich? Nach der Scheidung Ihrer Eltern stellte Ihre Mutter einen Ausreiseantrag, woraufhin Sie im Frühjahr 1987 mit 16 Jahren nach Saarbrücken übersiedelten. Ihr leiblicher Vater aber lebte weiterhin in Ost-Berlin.
Dreilich: Ich wollte damals partout nicht in den Westen ziehen. Ich tat es meiner Mutter zuliebe. Nur deshalb gab ich ihr auch meine schriftliche Einwilligung, die sie für die Ausreise benötigte, weil ich zu dem Zeitpunkt bereits 14 war.
WELT: Warum wollten Sie nicht in den Westen?
Dreilich: Mit dem Weggang verlor ich auch meinen Freundeskreis. Welcher Teenager möchte das erleben? Ich jedenfalls nicht. Mein Leben war im Gegensatz zu dem meiner Mutter schlicht und sehr sortiert. Ich war ein Kind … Das Gute war, das die Mauer, die fortan zwischen meinem Vater und mir stand, sich nicht als Problem erwies. Im Osten hatte ich meinen Vater, nachdem er nach der Trennung von meiner Mutter Ende der 70er-Jahre von Halle nach Berlin gezogen war, jedenfalls viel seltener gesehen als in jenen Jahren vor dem Mauerfall, als meine Mutter und ich in Saarbrücken wohnten. Weil Karat in der Bundesrepublik die gefragteste Ost-Band war, konnte ich meinen Vater oft auf den Tourneen sehen. Karat bekam dort als einzige DDR-Band nicht nur eine, sondern sogar zwei goldene Schallplatten und die Goldene Europa und war Gast bei „Wetten, dass..?“.
WELT: Und Ihre Treffen mit Ihrem Vater duldeten die DDR-Sicherheitsorgane?
Dreilich: Bestimmt hat man uns observiert. Spürbare Konflikte ergaben sich aber nicht. Möglicherweise ließe sich dazu in den Stasiakten etwas finden. Das aber hatte meinen Vater und mich nie interessiert.
WELT: Karat-Gitarrist Bernd Römer hat mal gesagt: „Wir konnten mit der Zensur zu DDR-Zeiten ganz gut umgehen, weil wir wussten, worauf die Kulturfunktionäre guckten.“ Haben Ihr Vater und Sie auch darüber gesprochen, wie er die Zensur umging?
Dreilich: Ja, das haben wir. Man musste die Texte einem sogenannten Lektorat vorlegen und oft musste man in den Argumenten kreativ sein, warum der Text so ist, wie er ist. Bei „Albatros“, einem Lied über grenzenlose Freiheit, argumentierte die Band, dass es eine Hommage an Pablo Neruda sei, es um den chilenischen Freiheitskampf ginge. Solche Anekdoten gibt es etliche.
WELT: Der Song „Der blaue Planet“ von 1982 handelt von der Gefahr eines Atomkriegs. Auf Druck der Kulturfunktionäre musste die Band damals in der zweiten Zeile das Wort „Dämonen“ durch „Neutronen“ ersetzen. Die globale Kritik an der Aufrüstung wurde somit umgemünzt in eine Kritik am Westen und der damals von den USA entwickelten Neutronenbombe. Seit dem Mauerfall singen Karat wieder die ursprüngliche Version mit den „Dämonen“. Was hat das in Ihrem Vater ausgelöst - was macht es mit Ihnen, wenn Sie diese Zeilen heute singen?
Dreilich: Mit meinem Vater habe ich nie darüber gesprochen, sodass ich hier für ihn nicht sprechen kann. Als ich zur Band kam, war von Anfang an klar, dass ich die ursprüngliche Version singen werde. Es handelt sich ja nur um ein Wort.
WELT: Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie sehen, dass Songs wie „…im nächsten Frieden“ von 1990, der kurz nach dem Mauerfall mahnend auf die Gefahr eines großen Krieges hinweist, angesichts heutiger Bedrohungsszenarien erschreckend prophetisch waren?
Dreilich: Prophetisch war Karat nicht, auch damals waren die Sorgen oder Ängste vor einem Krieg nicht aus der Luft gegriffen. Aber natürlich ist es erschreckend, wie aktuell zum Beispiel „…im nächsten Frieden“ oder eben auch „Der blaue Planet“ sind.
WELT: Entstand in der Zeit, als Sie Ihren Vater von Saarbrücken aus besuchten, bereits Ihr Wunsch, die gleiche Karriere wie er einzuschlagen?
Dreilich: Ich wollte niemals Musiker werden. Das Einzige, was ich mir hätte vorstellen können, wäre gewesen, bei Karat einzusteigen. Doch das war abwegig, da die Band bestens besetzt war. Trotzdem beschäftigte ich mich mit Musik - und zwar mit dem Texten und Komponieren.
WELT: Ihr Wunsch wurde erst dann Realität, nachdem Ihr Vater im Dezember 2004 an Krebs gestorben war.
Dreilich: Damals besaß ich bei einem schwedischen Möbelkonzern als Projektleiter einen sehr gut dotierten Job, hatte deren Geschäft erst sechs Jahre lang in Russland aufgebaut, dann in Österreich, wo ich seinerzeit in Innsbruck wohnte. Ich sollte dann für die Firma nach Shanghai gehen. Das reizte mich sehr. Doch als mein Vater erkrankte und nicht abzusehen war, wie lange er ausfallen würde, kam die Anfrage von Karat, ob ich ihn nicht vertreten könnte, bis er wieder fit ist. Nach seiner Gesundung wollten sie dann auch mit uns beiden als Sänger weitermachen. Dazu kam es aber nicht mehr.
WELT: Warum fragten die Bandmitglieder gerade Sie?
Dreilich: Zum einen hatte ich einen sehr engen Kontakt zu ihnen. Wann immer ich konnte, tourte ich mit der Band, ich war schließlich ihr größter Fan. Einen nachhaltigen Eindruck hinterließ ich aber auch, als ich mit den Kindern der anderen Bandmitglieder unsere Väter anlässlich des 25-jährigen Bandjubiläums in der Berliner Wuhlheide mit einem Auftritt überraschte, bei dem ich den Song „Abendstimmung“ sang. Alle fanden das großartig. Später sang ich bei Karat-Konzerten des Öfteren, ohne dass es angekündigt wurde, im Duett mit meinem Vater, was gut ankam, sodass die Idee entstand, mich zu fragen.
WELT: Stimmten Sie sofort zu?
Dreilich: Ich brauchte ein halbes Jahr, bis ich mich nach unzähligen schlaflosen Nächten endlich entschieden hatte.
Die Bandmitglieder über die Veränderungen
Es ist eine Weltpremiere: Karat hat zur ersten Probe mit den neuen Musikern gebeten, die an die Stelle der langjährigen Bandmitglieder Michael Schwandt und Christian Liebig treten. „Noch nie in der Geschichte der Band haben wir gleichzeitig zwei neue Kollegen integriert“, sagt Bernd Römer. Gefunden hat Karat die beiden mit ein wenig Hilfe.
Die Band hofft sehr, dass auch die Fans sich auf die Neuen freuen werden. „Natürlich sind wir nach einer so langen und intensiven Zeit traurig, dass Micha und Christian nicht mehr dabei sind“, sagt Claudius. „Aber die Zeiten ändern sich. Wir sind keine Maschinen, wir machen Kunst und leben von unseren Emotionen. Deshalb sind Veränderungen manchmal unausweichlich. Wir sehen das als Chance: Wir ziehen schon jetzt so viele Inspirationen aus der Arbeit mit Heiko und Daniel.
Die Jubiläumstournee und das neue Album
Zum 50. Bandjubiläum ist das neue Album "Hohe Himmel" erschienen und es folgt eine große Deutschlandtournee. Das sei ein unfassbares Gefühl, sagt Römer. „Ich kann mich ganz genau daran erinnern, als die Band zehn Jahre alt wurde, dachte ich: ‚Mann, sind wir schon ein alter Haufen‘. Und jetzt haben wie die 50 geschafft.
Mit einer umfangreichen Tournee, die mindestens so viel Konzerte wie die Band an Jahren hat, mit einem neuen Album, einer TV-Doku, einem neuen Buch und einer großen Jubiläums-Kreuzfahrt mit der AIDAdiva nach Norwegen im nächsten Mai werden KARAT fünf Jahrzehnte Revue passieren lassen und damit auch an die verstorbenen Musiker Herbert Dreilich, Thomas Kurzhals sowie Ed Swillms erinnern.
Die aktuelle Besetzung
Hier ist eine Tabelle, die die aktuelle Besetzung der Band Karat zusammenfasst:
| Name | Instrument |
|---|---|
| Claudius Dreilich | Gesang |
| Bernd Römer | Gitarre |
| Martin Becker | Keyboard |
| Daniel Bätge | Bass |
| Heiko Jung | Schlagzeug |
Sie werden aber auch mit jedem Ton deutlich machen, dass mit ihnen nach wie vor zu rechnen ist und sie weiterhin nicht zur Oldiekapelle mutieren.
