Jürgen Vogel: Kampfsport, Karriere und die Suche nach Authentizität

Dass Jürgen Vogel zu einem der bekanntesten Schauspieler Deutschlands werden würde, hätte er als Kind niemals gedacht.

Im neuen rbb-Podcast "Alles anders" spricht ZEIT-Autorin und Schriftstellerin Jana Simon mit prominenten Gästen aus Kultur, Politik und Gesellschaft über die Brüche und Wendepunkte in ihrem Leben. In dem Gespräch mit Jana Simon berichtet Vogel, warum er die Schauspielschule nach einem Tag abbrach, wie er sich auf Rollen vorbereitet und welche Parallelen seine Figuren zu seinem eigenen Leben haben.

Jürgen Vogel ist Vater von sieben Kindern von vier Frauen, ob das wirklich immer harmonisch abgeht, warum er Kampfsport betreibt und warum der Schauspieler Richy Müller eine Art Vaterfigur für ihn ist, erzählt er in dieser Folge von "Alles Anders".

Jürgen Vogel (49) wurde in Hamburg geboren und lebt in Berlin, seitdem er 15 Jahre alt ist. Er besuchte die Schauspielschule nur für einen einzigen Tag.

Seinen Durchbruch feierte der Autodidakt 1992 mit Sönke Wortmanns Kultfilm „Kleine Haie“.

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Schon nach dem ersten Tag brach Jürgen Vogel die Schauspiel-Ausbildung ab. Ein guter Schauspieler ist er trotzdem geworden.

Nach der Mittleren Reife bewarb sich Jürgen Vogel an einer Schauspielschule in München, entschied sich aber gegen die Ausbildung.

Als Kind modelte Vogel für Versandkataloge, sagt er in der am 29.

Die frühen Jahre und der Weg zum Film

Aufgewachsen in einer Hamburger Arbeitersiedlung, geprägt von Armut, Gewalt und im Schatten des Rotlichtmilieus, verließ er mit 15 Jahren sein Elternhaus und fand über Umwege den Weg zum Film.

Jürgen Vogel, 56, im Hamburger Rotlichtmilieu aufwuchs, habe er erst "viel später realisiert"; sein Vater war "Kellner, aber eigentlich aus dem Milieu" und stritt sich oft und intensiv mit seiner Mutter.

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"Wir waren super oft auf der Reeperbahn, haben irgendwelche Leute besucht, irgendwelche Streits von meinen Eltern", sagt der Schauspieler im Podcast "Alles anders" über seine Kindheit, "immer Stress. Alkohol hat immer 'ne Rolle gespielt. Jedes Fest war verk***t. Jedes Weihnachten war ein Albtraum."

Bis heute könne Vogel nicht gut Weihnachten feiern, "weil immer das, wo wir uns als Kinder am meisten drauf gefreut haben, in einem gewaltigen Desaster endete".

Über die ersten Jahre seines Lebens sagt Vogel heute, dass sie eine "Grundstimmung der Angst und des Traumas von Gewalt und Bildern [hatten], die du als Kind eigentlich nicht erleben solltest." Auf Nachfrage der Journalistin und Podcastmoderatorin Jana Simon, 52, geht Vogel weiter ins Detail und berichtet, dass Gewalt damals zum Familienalltag gehörte.

"Körperliche Gewalt spielte sowieso 'ne große Rolle in der Familie. Angst vor meinem Vater." Sein Vater sei "definitiv gewalttätig" gewesen, "aber eben auch durch Alkohol", so Vogel, "die Kindheit war eigentlich traumatisierend".

Diese Erfahrungen und Erinnerungen formten sich in seiner Wahrnehmung erst später zu den Traumata, die Vogel sein Leben lang begleiten werden.

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Er könne auch erst jetzt darüber reden, weil seine Mutter vor fünf Jahren verstorben sei. "Sonst hätte ich ihr das einfach nicht antun wollen", so der Schauspieler.

Seine Mutter habe sich in den letzten Jahrzehnten eine "neue Realität" aufgebaut, die sie habe glauben wollen. "Die wollte ich ihr auch nicht nehmen, bevor sie stirbt." Weiter macht er deutlich: Ich hatte alles, was ich mit meiner Mutter hatte, geklärt. Und ihr auch verziehen. Meinem Vater konnte ich nicht verzeihen, der ist ja auch früh gestorben.

Er sei Mitte 20 gewesen, als sein Vater verstarb, und hatte zu diesem Zeitpunkt rund neun Jahre lang keinen Kontakt mehr zu seinen Eltern gehabt.

Mit 13 Jahren zog Jürgen zu einer Sozialarbeiterin, bei der er zwei Jahre lang wohnen durfte. Während dieser Zeit absolvierte er seinen Hauptschulabschluss, wurde durch einen seiner Lehrer gefördert und begann mit Kampfsport.

Vor den Kameras in andere Rollen zu schlüpfen, war für den heute 56-Jährigen "eine Flucht, eine Möglichkeit, aus dieser Welt auszusteigen".

Kampfsport als Lebensschule

Mit 14 fing ich dann mit Kampfsport an, der mich stark geprägt und diszipliniert hat. Durch den Kampfsport habe ich gelernt, wie man mit schwierigen Situationen umgehen und sie ins Positive verwandeln kann.

Mit 14 habe ich schon mit Kampfsport angefangen. Kampfsport ist die perfekte Schule, sich selbst zu disziplinieren. Auch für einen Schauspieler ist das gut. Dann ist man auch nicht so ein Jammerlappen.

Als Teenager entdeckte Jürgen Vogel seine Leidenschaft für den Kampfsport: Er begann mit Kung-Fu und Thaiboxen - letzteres ist bis heute sein Hobby.

Während dieser Zeit absolvierte er seinen Hauptschulabschluss, wurde durch einen seiner Lehrer gefördert und begann mit Kampfsport.

Bis heute trainiert er im Kampfsport, plaudert Vogel weiter aus, angefeuert durch seinen "Drang, mich zu bewegen". Körperliche Aktivität tue ihm gut, er gibt auch zu: "Ich wäre lieber Tänzer geworden, am Anfang. Weil mich dieses Tanzen, die Musik ...

Ansonsten war nur eine Sache Pflicht: Alle mussten Kampfsport machen. Ich wollte, dass sie sich verteidigen können.

Die Schauspielkarriere

Mit 15 Jahren ging er nach München, später dann nach Berlin, wo er sich mit Gelegenheitsjobs durchschlug.

Nach einigen kleinen Rollen gelang Vogel der große Durchbruch 1992 mit der Rolle des Tellerwäschers Ingo Hermann im Film "Kleine Haie" von Sönke Wortmann, 65.

Was folgte war eine Schauspielkarriere par excellence - quasi vom (fiktiven) Tellerwäscher bis zum immerhin gut bezahlten Schauspieler.

1989 spielte Vogel an der Seite von Walter Kreye in der TV-Serie "Reporter". Sein großer Durchbruch folgte rund drei Jahre später.

Oft spiele ich Charaktere, die irgendwie mit dem kriminellen Milieu in Verbindung stehen - und das hätte mir selbst auch passieren können. Meine Herkunft hilft mir oft, die Figuren besser zu verstehen und ist mein Schlüssel zur Rolle.

Ich bin auch kein Schauspieler, der einfach alles spielen kann - ich brauche immer einen persönlichen Zugang zu meinen Rollen.

Mir geht es aber auch gar nicht darum, der beste Schauspieler oder so zu sein. Ich möchte viel lieber ein Schauspieler sein, der die Leute an der Hand nimmt und in die Geschichte mit reinzieht - und wenn sie dann eine gewisse Empathie für meine Figur entwickeln, dann habe ich mein Ziel erreicht.

Jürgen Vogel verkörpert im Film „Der Mann aus dem Eis“ den legendären Steinzeitmenschen, dessen Mumie 1991 in den Alpen gefunden wurde. Er ist der Mann für Figuren, die sich durchschlagen müssen.

Mich reizen Figuren, die um ihre Existenz kämpfen müssen, und damals war das Leben so.

Menschen sind nicht geschaffen, um zu sitzen, und ich war schon immer jemand, der gern Dinge ausprobiert. Auch schauspielerisch traue ich mich das, und ich finde das geil, Dinge zu tun, die andere vielleicht ablehnen würden.

Jürgen Vogel hat sechs Kinder, er ist mit der Schauspielerin Natalia Belitski liiert und lebt in Berlin.

In bislang in mehr als 80 TV- und Kino-Produktionen spielt Jürgen Vogel meist Bösewichte.

Was ich mir am meisten wünsche ist, dass ich Menschen mit einer Rolle berühre, zum Mitfühlen bringe.

Herausforderungen und persönliche Entwicklung

Ich habe diese Erfahrung von körperlicher Versehrtheit auch ein bisschen in meine Rolle mit hineingenommen. Mit eigenen Schwächen zu spielen ist ungemein reizvoll, das kann man schauspielerisch hervorragend nutzen.

Also habe ich ganz früh mit Physiotherapie und dann auch so bald wie möglich wieder mit dem Training begonnen. Ich bin einfach so ein Typ, mich kann man da nicht bremsen. Ich war fünf Tage in der Klinik und dann schon ganz früh wieder mit dem Fahrrad unterwegs. Nach vier Wochen konnte ich dann schon wieder joggen gehen, und mittlerweile betreibe ich auch wieder Kampfsport fast wie früher (lacht).

Ich finde es schön, dass man älter wird, dass man sich verändert und Dinge im Alter auch anders sieht als früher. Klar: man muss sich körperlich einigermaßen fit halten, das schenkt einem wahrscheinlich viele Jahre.

In dem Thriller „Tod einer Polizistin“ spielst du jetzt einen Mann, der zu Unrecht im Gefängnis sitzt und ausbricht, um sich zu rächen. Ist das die größte Herausforderung, wenn die Grenze zwischen Opfer und Täter fließend ist?

Das passiert gleichzeitig. Was mich in all den Jahren immer wieder interessiert, ist die Ehrlichkeit zu gestehen, dass wir alle fehlerhaft sind.

Ich wollte kein Opfer sein.