Judoka Miriam Butkereit hat bei den Olympischen Spielen in Paris die Silbermedaille gewonnen. Im Finale der Gewichtsklasse bis 70 Kilogramm unterlag sie Barbara Matic aus Kroatien. Mit Olympiasilber feiert sie den größten Erfolg ihrer Karriere.
Ein steiniger Weg zum Erfolg
Dabei ist es alles andere als selbstverständlich, dass die 30-Jährige hier in Paris überhaupt das Finale erreicht hat: Wegen eines Innenbandrisses im Knie vor drei Monaten verpasste sie die Weltmeisterschaften; vor einer Woche hatte sie sich im Training außerdem eine Gehirnerschütterung zugezogen. „Dafür ist es eigentlich herausragend gelaufen“, sagt sie und lächelt dann doch.
Butkereit sicherte dem Deutschen Judo-Bund mit Silber die erste Medaille nach zuvor enttäuschenden Tagen bei den Olympischen Spielen in Frankreich. „Sie kann wirklich stolz auf sich sein“, betont auch Sportdirektor Hartmut Paulat. Als Überraschung sieht er die Olympiamedaille nicht, Butkereit zähle zur Weltspitze, vorher habe ihr einfach oft das entscheidende Quentchen Glück gefehlt.
Was Butkereit ausmacht? „Sie ist sehr ehrgeizig, sehr zielstrebig, sehr geradeaus“, beschreibt er. „Und sie kann über ihre Grenzen gehen, da müssen wir dann manchmal auch einschreiten.“ Vielleicht, mutmaßt Butkereit, war sie in ihrer Karriere auch deshalb so oft von Verletzungen geplagt. Außenbänder, Meniskus, Schulter - vieles war schon in Mitleidenschaft gezogen. Rechtzeitig zum Start der Spiele aber war sie topfit. Und Paris ist ihre Stadt, hier gewann sie im Februar den prestigeträchtigen Grand Slam - im Finale gegen eine Französin. Jetzt Olympiasilber.
Anfänge und Schlüsselerlebnisse
Butkereit, die in Frechen bei Köln wohnt, stammt eigentlich aus Glinde, einem 16.000-Einwohner-Städtchen südöstlich von Hamburg. Der Sport liegt in der Familie: Mutter Martina trainiert in Glinde vier Tage die Woche Judo-Gruppen, war allerdings nie Trainerin ihrer Tochter. Mit sechs Jahren begann diese mit Judo, probierte sich damals auch beim Tanzen und Hip Hop aus - nichts begeisterte sie anfangs wirklich. Erst Recht nicht Judo. „Da hat es mir überhaupt nicht gefallen“, erinnert sie sich. „Aber ein Jahr später ist eine Freundin von mir zum Judo gegangen, und ihr Papa war der Trainer.“
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Sie gab der Sportart eine zweite Chance und stand schließlich bei ihrem ersten Wettkampf auf der Matte: Bezirksmeisterschaften. Aber es lief so gar nicht. Vier Kämpfe, vier Niederlagen.
„Ich war super traurig und wollte mit Judo aufhören“, erzählt sie, „Am Abend, als meine Mum mir dann sagte, dass sie mich abmelden könne, habe ich wieder geweint und ihr gesagt, sie solle das lassen und ich ginge jetzt viel öfter zum Training.“ Aus einer Stunde Training pro Woche wurden schnell neun, die Niederlagen bei ihrem ersten Wettkampf waren ein Ansporn, dazu wusste sie: Beim nächsten Wettbewerb gab es Pokale. „Ich wollte unbedingt einen haben. Als ich dann im Kampf um Platz drei zurücklag, habe ich jede Sekunde, die ich hatte, angegriffen.“ Ihre Gegnerin ging weinend von der Matte und wollte nicht mehr weiterkämpfen. Ein Schlüsselerlebnis.
Der Weg zur Silbermedaille
Dass sie sich über eine Medaille in der Gewichtsklasse bis 70 kg freuen kann, das wusste Butkereit bereits am Nachmittag nach dem Halbfinale gegen die Österreicherin Michaela Polleres. Die Hamburgerin ging als Außenseiterin in das Duell mit der Weltranglisten-3. Zu spüren war davon auf der Matte aber nichts. Es war ein ausgeglichenes und taktisches Duell, in dem keine der beiden Kontrahentinnen einen Fehler machen wollte. Ohne Punkt-Wertung ging es nach vier Minuten in den "Golden Score", die Verlängerung. Im kurz darauffolgenden Finale gegen Europameisterin Matic lag Butkereit nach nur wenigen Sekunden mit dem Rücken auf der Matte. Die Führung brachte die Weltranglistenerste dann auch souverän über die Zeit. Die 30-jährige Hamburgerin kam kaum in den Angriff - und war nach dem Match tief enttäuscht.
"Ich wollte den Kampf unbedingt gewinnen, aber leider hat mich die erste Aktion gleich die Medaille gekostet. Ich habe alles gegeben, aber konnte das nicht mehr drehen", so Butkereit im Sportschau-Interview. Über die Silbermedaille konnte sie sich direkt nach der Niederlage noch nicht freuen.
Erst weit nach der Siegerehrung war Butkereit bereit zu sagen: "Die Freude kommt langsam. Der Weg zu Silber war bei weitem kein einfacher für die Hamburgerin. Nach einem Freilos in der ersten Runde bekam es Butkereit im Achtelfinale mit der Australierin Aoife Coughlan zu tun. Die mehrfache Kontinentalmeisterin aus Down Under hatte schon einen Kampf absolviert und erwies sich als unangenehme Kontrahentin. Butkereit kämpfte kontrolliert, ohne dabei zu großes Risiko einzugehen und nicht in einen Konter von Coughlan zu laufen. Die 30-Jährige vom SV Halle hatte dort den Vorteil, dass die Australierin bereits zwei Strafen, sie selbst aber nur eine kassiert hatte. Dort traf sie auf die Belgierin Willems und versuchte wieder, mit Fußtechniken zum Erfolg zu kommen. Das führte aber zunächst noch nicht zum Erfolg. Zudem musste sie sich am Boden den Griffen ihrer Kontrahentin erwehren.
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Nach dem Kampf kauerte Miriam Butkereit wie versteinert am Boden, holte sich ein Küsschen von ihrem Freund - und kämpfte dann lange mit den Tränen. Die Silbermedaille sei "surreal", sagte sie nach ihrem mindestens überraschenden Vorstoß ins olympische Finale. Doch Butkereit wollte auf der ganz großen Bühne nicht weniger als alles. "Gerade habe ich eher Gold verloren und nicht Silber gewonnen. Ich hoffe, das wird sich in den nächsten Tagen ändern", erklärte die 30-jährige Athletin vom SV Halle nach der knappen Niederlage mit brüchiger Stimme.
Oft hatte die 1,80 Meter große gebürtige Hamburgerin auf der Matte um eine Medaille bei den großen internationalen Meisterschaften gekämpft. Der ganz große Coup aber ließ auf sich warten - bis sie am Mittwoch im Grand Palais Ephemere bei ihrem Olympia-Debüt den Wettkampf ihres Lebens bestritt.
Reaktionen auf den Erfolg
"Das kommt für mich nicht überraschend", sagte DJB-Leistungssportvorstand Hartmut Paulat.
Mit Sieg über Polleres ins Finale: Auf dem Weg in den Endkampf hatte alles gepasst: Nach dem Freilos in Runde eins bezwang die Bundespolizistin, die in der Olympia-Vorbereitung noch von einem Innenbandriss und einer Gehirnerschütterung ausgebremst wurde, jeweils per Ippon erst die Australierin Aoife Coughlan und dann Gabriella Willems aus Belgien.
Im Halbfinale hatte Butkereit gegen Michaela Polleres die größeren Kraftreserven, die Österreicherin wurde wegen Inaktivität disqualifiziert. Bronze ging an die Belgierin Gabriella Willems.
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Für den Deutschen Judo-Bund (DJB) erwies sich das Mittelgewicht damit erneut als Medaillenbank, seit Olympia 2004 bejubelt der DJB nun schon die vierte Medaille in der Gewichtsklasse bis 70 Kilogramm: Vor 20 Jahren in Athen holte Annett Böhm Bronze, Kerstin Thiele 2012 in London Silber und Laura Vargas-Koch 2016 in Rio Bronze. Am Donnerstag kann Anna-Maria Wagner die nächste Medaille für die deutschen Judokas holen.
Olympische Geschichte des Judo
Judo ist eine traditionelle japanische Kampfkunst, die vom Jujitsu abgeleitet wurde und eine Nahkampftechnik der alten Samurai-Krieger war. Es geht darum, Gegner zu Boden zu werfen und sie in der Unterwerfung zu halten.
Dr. Jigoro Kano wird zugeschrieben, Judo in Tokio zum Leben erweckt zu haben, nachdem er 1882 sein erstes Dojo (Judo-Schule) mit dem Namen Kōdōkan eröffnet hatte. Auf Japanisch bedeutet das Wort „Judo“ übersetzt „der sanfte Weg“, allerdings erfordert dieser Sport eine hohe körperliche Kraft.
Dr. Kano kombinierte die philosophischen Prinzipien des Judo mit körperlichen, intellektuellen und moralischen Erziehungsmethoden und verband gleichzeitig viele der gefährlicheren Aspekte des Jujitsu. Judo wurde Ende des 20. Jahrhunderts in Europa und insbesondere in Frankreich populär. Dadurch entwickelte sich Judo zur ersten Kampfkunst, die außerhalb Japans weit verbreitet war.
Olympische Meilensteine
Judo feierte 1964 in Tokio sein olympisches Debüt und wurde ab den Spielen 1972 in München zu einem festen Bestandteil des Olympischen Programms. Der Frauenwettbewerb wurde bei den Olympischen Spielen 1988 als ein Demonstrationswettbewerb und 1992 bei den Olympischen Spielen in Barcelona als offizieller Medaillenwettbewerb eingeführt.
Seit der Einführung dieser Disziplin bei den Olympischen Spielen hat sich Judo weltweit sehr stark entwickelt - 128 Nationale Olympische Komitees schickten Ihre Judokas, um bei den Wettkämpfen bei den Olympischen Spiele 2020 in Tokio teilzunehmen. Japan stand häufig an der Spitze dieses Olympischen Sports. Die japanischen Judokas gewannen bisher 96 Medaillen, ebenfalls waren Team Frankreichreich (57 Medaillen) und die Republik Korea (46) sehr erfolgreich.
Die deutschen Judoka konnten bisher 40 Medaillen bei Olympischen Spielen gewinnen. Darunter fünf Olympiasiege, 10 Silber- und 25 Bronzemedaillen.
Deutsche Judo-Medaillen bei Olympischen Spielen
Die deutschen Judoka konnten bisher 40 Medaillen bei Olympischen Spielen gewinnen. Darunter fünf Olympiasiege, 10 Silber- und 25 Bronzemedaillen.
Hier eine Übersicht über die deutschen Judo-Medaillen bei Olympischen Spielen:
| Medaillenart | Anzahl |
|---|---|
| Gold | 5 |
| Silber | 10 |
| Bronze | 25 |
| Gesamt | 40 |
Die Medaillen von Paris 2024
Paris 2024 beauftragte den renommierten Luxus-Juwelier Chaumet mit dem Design der Medaillen. Chaumet ist weltweit bekannt für sein Handwerk und hat die Medaillen in wahre Juwele verwandelt. Das Besondere daran ist, dass jede Medaille in ihrer Mitte ein Stück des Eiffelturms enthält.
Dafür musste jedoch das 330 m hohe Wahrzeichen von Paris nicht eingekürzt werden. Das Metall stammt aus Teilen, die bei Renovierungsarbeiten entfernt und ersetzt wurden und für besondere Zwecke aufgehoben worden sind. Olympia und seine Medaillen sind nun der willkommene Anlass, diese Eisenstücke zu nutzen.
Jede Medaille enthält 18 g von diesem sogenannten Puddeleisen. Dafür wurde es zu einem Sechseck geformt - ein Synonym für den Länderumriss von Frankreich. Darauf wurde das Emblem von Olympia 2024 geprägt. Es ist das wertvollste Element jeder Medaille und wurde wie ein Edelstein in die Medaille eingefasst. Dafür wurden jeweils sechs Metallhäkchen verwendet, um das Eisen in der Mitte zu fixieren. Es soll an die berühmten Nieten des Eiffelturms erinnern.
Material der Medaillen
Dafür gibt es strenge Regeln, die das IOC für die Herstellung und Gestaltung der Medaillen festgelegt hat. Die Goldmedaille besteht im Kern aus Silber mit einem Reinheitsgrad von mindestens 92,5 % und muss mit mindestens 6 Gramm reinem Gold vergoldet sein.
- Die Silbermedaille besteht komplett aus Silber, auch mit einem Feingehalt von mindestens 92,5 %
- Die Bronzemedaille besteht aus Bronze mit einer Legierung, die vor allem aus Kupfer und einem anderen Metall wie Zinn oder Zink bestehen darf.
Gerade, wenn ein Athlet mehrere Medaillen gewinnt, hat er recht schwer daran zu tragen. Eine Goldmedaille wiegt immerhin 529 Gramm, eine Silbermedaille 525 Gramm und eine Bronzemedaille 455 Gramm. Die Medaillen haben einen Durchmesser von 8,5 Zentimetern und sind 9,2 Millimeter dick.
Gleiche Medaillen für Olympia und Paralympics
Die Medaillenwurden sowohl für die Olympischen als auch Paralympischen Spiele hergestellt. Sie sind auf der Vorderseite identisch. Nur auf der Rückseite gibt es ein unterschiedliches Design. Die Rückseite der Olympiamedaillen erzählt die Geschichte der Wiederbelebung der Spiele in Griechenland. Seit 2004 ist die Darstellung der Göttin des Sieges, Athena Nike, die aus dem Panathinaiko-Stadion hervortritt, ein traditioneller Bestandteil der Medaillen. Die Akropolis von Athen ist ein weiteres obligatorisches Merkmal der olympischen Medaillen. Erstmals wird diese nun im Design von Paris 2024 mit dem Eiffelturm verbunden.
Die Rückseite der Paralympischen Medaillen ist mit dem Eifelturm aus einer besonderen Perspektive verziert. Es sieht aus, als würde man direkt unter ihm stehen und nach oben schauen. Die Wörter "Paris" und "2024" umgeben die Füße des Turms und sind auch in Brailleschrift verfasst, die Sprache der Blinden und als Verweis auf den französischen Erfinder Louis Braille.
