Sanfter oder flexibler Weg heißt es, wenn man Judo wörtlich aus dem Japanischen ins Deutsche übersetzen würde. Doch ganz so sanft sieht die Sportart für Außenstehende nicht aus, wenn die Athletinnen und Athleten ihre Gegner mit einem lauten Knall auf die Matte werfen.
Die Entstehung von Judo
Kanō Jigorō gilt als Erfinder des Judo. Nachdem der Japaner an verschiedenen Schulen Jiu Jitsu lernte, gründete er 1882 seine eigene Kampfschule.
Die Regeln im Judo
Gekämpft wird beim Judo auf einer achtmal acht Meter großen Matte. Im Judo treten die Sportler in Duellen gegeneinander an. Ziel ist es, den Gegner mit dem Rücken auf die Matte zu werfen. Das wird Ippon genannt.
Dies muss jedoch mit Kraft, Geschwindigkeit und Kontrolle geschehen. Gelingt dies, ist der Kampf sofort vorbei. Ebenso, wenn der andere Sportler 20 Sekunden lang am Boden festgehalten wird.
Als Waza-Ari wird ein Wurf genannt, bei dem der Gegner zwar auf der Matte landet, jedoch nicht mit dem Rücken. Auch das Festsetzen von mehr als zehn Sekunden und weniger als 20 Sekunden wird als Waza-Ari bezeichnet. Schafft ein Athlet zwei Waza-Ari, werden sie wie ein Ippon gewertet.
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Ein Duell dauert bis zu vier Minuten.
Judo als olympische Disziplin
Das erste Mal bei Olympia dabei war Judo bei den Spielen 1964 in Tokio. Danach fehlte der Kampfsport jedoch wieder im Programm. Erst 1972 in München kehrte Judo wieder zurück. Seitdem werden alle vier Jahre Medaillen in der japanischen Sportart verliehen. Seit 1992 auch bei den Frauen.
Austragungsort in Paris
Die Judo-Wettkämpfe werden in der Champ-de-Mars-Arena ausgetragen. Die provisorische Arena diente in den vergangenen Jahren als Ersatz für das Grand Palais, das umgebaut wird.
Gewichtsklassen im Judo
Die Wettkämpfe finden in verschiedenen Gewichtsklassen statt. Die Damen treten in den Wettbewerben bis 48 Kilogramm (kg), bis 52, bis 57 kg, kg, bis 63 kg, bis 70 kg, bis 78 kg und über 78 kg an. Bei den Männern wird in den Klassen bis 60 kg, bis 66 kg, bis 73 kg, bis 81 kg, bis 90 kg, bis 100 kg und über 100 kg gekämpft.
Aktuell gibt es ganze 14 Gewichtsklassen im Judo, jeweils 7 Gewichtsklassen pro Frauen und Männer und damit viele Chancen auf eine Goldmedaille.
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Der Judosport unterscheidet sich von anderen olympischen Bewerben insofern, als es stets zwei Bronzemedaillengewinnerinnen oder Bronzemedaillengewinner gibt. Denn der Platz drei wird nicht ausgekämpft. Wer im Halbfinale verliert, hat seine Bronzemedaille sicher, die Gewinner kämpfen um den Titel und somit um die begehrte Goldmedaille.
Favoriten bei den Damen
Erst im Mai fand die Judo-WM in Abu Dhabi statt. Die Ergebnisse können als Leistungstest für Olympia gewertet werden, auch wenn manche Top-Athletinnen und -Athleten nicht teilgenommen haben.
Bei der WM setzte sich die Mongolin Baasankhuu Bavuudorj gegen ihr Konkurrentinnen Assunta Scutto aus Italien, Abiba Abuzhakynova aus Kasachstan und die Schwedin Tara Babulfath durch.
Mit Bronze bei der WM zeigte Mascha Ballhaus das mit ihr zu rechnen ist. Ein genaues Ziel vor Olympia hat die 23-Jährige jedoch nicht. In Paris trifft Ballhaus unter anderem auf das japanische Ausnahmetalent Uta Abe, Olympiasiegerin 2021 und vierfache Weltmeisterin.
Ebenfalls zu rechnen ist mit der aktuellen Weltmeisterin und Olympia-Dritten Odette Giuffrida aus Italien, WM-Silbermedaillengewinnerin Diyora Keldiyorova aus Usbekistan und der Französin Amandine Buchard, die bei den Spielen in Tokio schon Silber holen konnte.
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Pauline Starke wird die deutschen Farben bei den Frauen bis 57 Kilogramm hochhalten. Die 26-Jährige setzte sich in der Qualifikation knapp gegen Mascha Ballhaus Zwillingsschwester Seija durch. Als Favoritinnen zählen in Paris die Weltranglistenerste Christa Deguchi aus Kanada und die Koreanerin Mimi Huh.
In der Gewichtsklasse bis 63 Kilogramm steht keine deutsche Judoka in Paris auf der Matte. Zum Favoritenkreis gehört die Französin Clarisse Agbegnenou. Die WM-Dritte und Olympiasiegerin von 2021 möchte bei den Spielen im eigenen Land ihren Titel verteidigen. Damit das gelingt, muss sie jedoch Überraschungsweltmeisterin Joanne Van Lieshout aus den Niederlanden und WM-Zweite Angelika Szymanska auf die Plätze verweisen.
Spannend wird es bei den Frauen in der Gewichtsklasse bis 70 Kilogramm. Europameisterin und Weltranglisten erste Barbara Matic fährt als Favoritin nach Paris. Auch die deutsche Miriam Butkereit möchte ein Wörtchen im Kampf um die Medaillen mitreden.
Als frisch gekürte Weltmeisterin reist die Deutsche Anna-Maria Wagner nach Paris. In der schwersten Gewichtsklasse der Damen muss sich die Deutsche Renée Lucht mit der Weltspitze messen. Edelmetall wäre jedoch eine Überraschung.
Deutsche Medaillenhoffnungen
Mit großer Freude und Stolz präsentieren wir hier den Olympiakader des Deutschen Judo-Bundes (DJB) für die bevorstehenden Olympischen Spiele in Paris. Nach der Nominierung durch den DOSB sind nun zehn Judoka, sechs Frauen und vier Männer, für das Olympiateam nominiert.
Angeführt wird unser Olympiateam von der frisch gebackenen Weltmeisterin Anna-Maria Wagner (78 kg / KJC Ravensburg), die sich national gegen Alina Böhm durchgesetzt hat. WM-Bronzegewinnerin Mascha Ballhaus (52 kg / TH Eilbeck) ist ebenso nominiert wie Miriam Butkereit (70 kg / SV Halle), die in Giovanna Scoccimarro eine starke nationale Konkurrentin hat.
Pauline Starke (57 kg / Judo-Team Hannover) und Renée Lucht (+78 kg / HT16) sind ebenso qualifiziert wie die beiden Männer Igor Wandtke (73 kg / Judo-Team Hannover) und Timo Cavelius (81 kg / PTSV Hof). Mit dabei ist auch Katharina Menz (48 kg / TSG Backnang), die mit ihrem 1. Platz in Tahiti noch die Nominierung bekommen hat. In der Gewichtsklasse +100 kg wurde der zweifache deutsche Meister Erik Abramov (+100 kg / UJKC Potsdam) nominiert.
Abschließend ist dann noch Vize-Olympiasieger Eduard Trippel (90 kg / JC Rüsselsheim) nominiert worden. Er profitiert vom Rückzug der russischen Athleten. Zuvor hatte er nach schweren Verletzungen die Olympiaqualifikation denkbar knapp verpasst. Damit kämpfen nun zehn DJB-Judoka in Paris um die Medaillen.
„Wir sind sehr erfreut über die frühzeitige Nominierung unserer Judoka durch den DOSB. So können sich unserer Sportler durch weitere Trainingsmaßnahmen zielgerichtet auf Olympia vorbereiten. Diese herausragenden Judoka haben sich durch unermüdlichen Einsatz, Disziplin, Leidenschaft und einem harten Konkurrenzkampf ihren Platz im Team Deutschland verdient. Ein großer Dank gilt auch den anderen Kämpferinnen und Kämpfern aus dem deutschen Team.
Anna-Maria Wagner: Eine Sekunde der Unachtsamkeit
Zwei Sekunden der Unachtsamkeit kosten Judoka Anna-Maria Wagner an einem eigentlich guten Tag die Medaille nach Jahren der Vorbereitung. Jede einzelne Sekunde zählt in ihrem Sport, das fasziniert Anna-Maria Wagner so am Judo. Ein Moment der Unachtsamkeit und man fliegt durch die Luft, landet auf dem Rücken - und ist raus. Alles hat seine zwei Seiten.
"Im Endeffekt habe ich eine Sekunde zu lang an einem Ort gestanden, das war's", sagte die deutsche Fahnenträgerin Wagner nun am Donnerstagabend (01.08.2024) im Sportschau-Interview über ihre Olympia-Halbfinal-Niederlage im Halbschwergewicht (bis 78 Kilogramm) gegen die Israelin Inbar Lanir.
Die sie umgehend durch die Luft und auf den Rücken schleuderte, also per Ippon besiegte, der höchsten Judo-Wertung. Ein wenig traf dieser Satz im Interview dann auch für das Aus ihrer Medaillenträume zu - auch im anschließenden Bronzekampf unterlag sie der Chinesin Ma Zhenzhao per Ippon im Golden Score, also der "Verlängerung". Hinterher schluchzte Wagner.
"Mein Ziel war Gold, aber am Ende des Tages wollte ich einfach nur mit einer Medaille nach Hause", sagte sie. Zwei Sekunden der Unachtsamkeit haben ihr olympisches Ziel und Jahre der Vorbereitung dafür zunichte gemacht. "Es schmerzt noch mehr, wenn man die letzten Jahre einfach alles für den Sport und den Höhepunkt geopfert hat. Und nie aufgegeben hat", sagte sie unter Tränen.
"Ich bin so stolz auf mich, wie ich es wieder hierher geschafft habe. Judo teilt mit einigen anderen olympischen Sportarten sein Schicksal, dass es vor allem alle vier Jahre in den Fokus der Öffentlichkeit rückt.
Zudem hatte sie nach ihren zwei Tokio-Medaillen eine Sinnkrise zu bewältigen. Denn die Jahre der Vorbereitung, die Zeit bis zu den Erfolgen war mental und körperlich erschöpfend, Wagner fühlte sich antriebslos, kämpfte mit mentalen Problemen. "In dem Jahr hatte ich mit dem Weltmeistertitel zudem im Prinzip alles erreicht, was man erreichen kann. Danach war erstmal die Frage: 'Okay, und jetzt? Wie geht es jetzt weiter?' Ich hatte die Freude am Judo verloren, konnte mich nicht mehr so für den Sport motivieren", berichtete sie im Nachhinein.
Nun war sie vorzüglich in das Olympia-Jahr im Allgemeinen und in den Donnerstag im Besonderen gestartet. Im Mai sicherte sie sich ihren zweiten WM-Titel nach 2021 - dem Jahr, in dem sie schon Olympia-Bronze im Einzel und im Mixed gewann. Dann wurde sie zur deutschen Fahnenträgerin gewählt und freute sich herzlich über diese Auszeichnung. Zudem wurde ihr etwas Erfolgsdruck mit der Silbermedaille von Miriam Butkereit in der Klasse bis 70 Kilogramm am Mittwoch genommen.
In dem begann sie mit einem Freilos und zwei anschließenden Erfolgen, bei denen sie ihren Gegnerinnen Marie Branser (eine Leipzigerin, die für Guinea startet) und Rika Takayama nicht den Hauch einer Chance ließ. Gerade der Erfolg gegen die Japanerin im Viertelfinale stärkte ihr Selbstvertrauen, galt sie doch als eine der stärksten Gegnerinnen: "Ich dachte eigentlich, dass ich dann so weiter ins Finale einmarschiere.
Vor dem Bronzekampf motivierte sie sich noch einmal lautstark: "Ich hol' die Medaille, meine Medaille", sagte sie sich auf dem Weg zur Matte, dort klopfte sie sich drei Mal auf die Brust. "Ich ziehe das Ding jetzt bis zum Schluss durch. Am Ende entschied tragischerweise dieser so faszinierende Moment der Unachtsamkeit. "Der Schmerz sitzt schon noch tief, das dauert auch noch ein bisschen", sagte Wagner. "Wahrscheinlich wird es morgen schlimmer sein.
