Soldatinnen und Soldaten müssen bereit sein zu kämpfen. Im Einsatz oder Krieg können sie jederzeit in eine Situation geraten, aus der sie sich nur mit Nahkampftechniken befreien können. Deshalb soll die Nahkampfausbildung langfristig in den Gefechtsdienst implementiert werden.
Die Notwendigkeit der Nahkampfausbildung
Anders als noch vor wenigen Jahren, wo internationale Einsätze im Fokus der Bundeswehr standen, ist die Kernaufgabe heute die Landes- und Bündnisverteidigung. Darauf konzentriert sich die Ausbildung und dazu soll in Zukunft der militärische Nahkampf gehören. „Wenn man in Richtung Osten schaut, insbesondere in Richtung Russland, sieht man sehr deutlich, dass sich der Kampf in den urbanen Raum verlagert hat, wo es jederzeit zu Nahkampfsituationen kommen kann“, sagt Oberstleutnant Andreas W.*, Kommandeur der Lehrgruppe B der Infanterieschule in Hammelburg.
Landes- und Bündnisverteidigung stehen wieder im Fokus. Der Nahkampf wird deshalb auch in voller Ausrüstung trainiert. Zwar habe es in der Bundeswehr schon immer Nahkampfausbildung gegeben, allerdings vor allem bei der Einzelkämpferausbildung und mit deutlichem Kampfsportcharakter. Die Erfahrungen aus der Zeit des Kalten Krieges und aus den Einsätzen müssten angepasst werden auf moderne Erfordernisse, Ausrüstung und Verfahren.
Deshalb, so W., müsse die Nahkampfausbildung in den Gefechtsdienst eingebunden werden. Das bedeute auch Training mit voller Ausrüstung: Helm, Weste, Waffe, denn dies habe erheblichen Einfluss auf die Nahkampftechnik.
Infanteristen, Aufklärer oder Fallschirmjäger laufen immer Gefahr, dass sie in einem Kampfgraben, beim Orts- und Häuserkampf oder in einem dicht bewaldeten Gebiet auf Feindkräfte treffen. Ein weiteres Argument für die Nahkampfausbildung aller Truppen ist nach Einschätzung von W. der psychologische Vorteil. „Man darf nicht vergessen, dass eine solche Ausbildung auch charakterbildend ist“, erklärt der Oberstleutnant. „Wir brauchen als Soldaten auch eine gesunde Aggressivität.“ Voraussetzung dafür seien neben einer Grundfitness vor allem Robustheit und körperliche Leidensfähigkeit.
Lesen Sie auch: So weichst du Nahkampfangriffen in GTA 5 auf dem PC aus
Ausbildungsprogramme der Bundeswehr
Die Bundeswehr hat begonnen, eine Nahkampfausbildung aller Truppen einzuführen. Künftig sollen alle Soldaten der Bundeswehr zumindest Basics des Nahkampfs beherrschen.
Oberstabsfeldwebel Andreas „Andi“ Mohr ist Hörsaalleiter an der 5. Inspektion der Infanterieschule, eine von zwei Inspektionen für Nahkampf an der Infanterieschule. Seinen Ansatz nennt Andi Mohr Zwei-Stufen-Modell: Hier in Hammelburg befähigen er und sein Team aus drei Instruktoren Soldaten zu Nahkampf-Ausbildern. Diese geben ihr Wissen als Basisausbildung in der Truppe weiter. 20 Stunden je Soldat sind dafür vorgesehen. Besonders fähige Ausbilder schulen Mohr und Team zu Lehrern weiter - die zweite Stufe.
„Erste Wahl ist immer die Schusswaffe. Aber wenn die nicht greifbar ist, muss man den Gegner anders ausschalten. Dafür haben wir den Nahkampf“, erläutert Mohr.
Mohr betont, dass Nahkampf eben kein Kampfsport ist, auch wenn die Techniken von dort stammen. Es geht nicht um Wettkampf, sondern darum, den Feind so konsequent anzugehen, dass er keine Bedrohung mehr darstellt - ihn gegebenenfalls auch zu töten. „Ein Hebel oder Fixiergriff, bis der Angreifer verhungert, ist nicht zweckmäßig. Gegner müssen zügig ausgeschaltet werden, gerade, wenn es mehrere sind.“ Laut Mohr ist es zentral, erst gar nicht zu Boden zu gehen.
Andi Mohr: „Das soldatische Handwerk wird geschärft, indem ich mental und körperlich lerne, mich wehren zu können.“ Damit sollen sich die Bundeswehrsoldaten in allen Gefechtssituationen besser behaupten. Vom klassischen Kampf in Stellungen über den Orts- und Häuserkampf bis hin zu Waldkampf oder auch bei Feindüberfällen auf Versorgungsbasen im Hinterland.
Lesen Sie auch: MW3: So meisterst du den Nahkampf
Im Oktober 2020 erhielt Oberstabsfeldwebel Mohr den Auftrag, ein neues Konzept zu entwickeln. Nun wird das Zwei-Stufen-Modell etabliert. Inzwischen ist fehlende Übungsausstattung kein Problem mehr.
Mohrs Vorgesetzter, Oberstleutnant David Thomas, war auf Fortbildung bei Israels Armee in Sachen Nahkampf. Der Chef der 5. Inspektion im Gespräch mit loyal: „Krav Maga ist unser Kern. Allerdings gibt es keinen Abgleich mit den Ansätzen der Partnerarmeen bei NATO und EU. Jeder kocht hier sein eigenes Süppchen."
Das Ziel der 5. Inspektion ist es, den Nahkampf aller Truppen in den kommenden drei Jahren in allen Teilstreitkräften und Organisationsbereichen der Bundeswehr zu etablieren. Wer Ausbilder werden will, muss mindestens Oberfeldwebel sein.
Abgesehen von dieser Eintrittsschwelle setzen die Nahkampfausbilder aus Hammelburg auf einen Ansatz, der Ausbilder aufbauen soll, anstatt Auslese zu betreiben. Die Auswahl von potenziellen Ausbildern erfolgt über die Basisausbildung in Hammelburg. Die Stellen dazu sind bundeswehrweit ausgeschrieben. Bisher sind es fast 100 Prozent Freiwillige, kaum Befohlene.
Im Training werden die Teilnehmer immer wieder auch als Ausbilder eingesetzt. Um die künftigen Ausbilder aufzubauen, wird das Training stetig intensiviert. Erst kommen Einzel-, Partner- und schließlich Gruppenübungen. Erst geht es mit Stupsern in die Komfortzone des Gegenübers, am Ende mit gezielten Faustschlägen. Begleitend erhalten die Kämpfenden immer mehr Ausrüstung aufgepackt. Vom Mattenboden der Sporthalle geht es in enge Räume und in den Wald.
Lesen Sie auch: Der beste Nahkampf-Build in Fallout 76
Entscheidend wird sein, ob es gelingt, den Nahkampf aller Truppen überzeugend in den Gefechtsdienst zu integrieren oder ob es zu Verdrängungseffekten bei anderen Anforderungen kommt. Denn künftig sollen Nahkampfsituationen Schieß-, Sanitäts- und ABC-Ausbildung ergänzen.
Krav Maga als zentraler Baustein
Wie oft beim deutschen Heer, wenn es um taktische Neuerungen geht, waren die Streitkräfte Israels ein wichtiger Orientierungspunkt bei der Konzeption auch des neuen Nahkampfs. Ein zentraler Baustein ist das im israelischen Militär entstandene Selbstverteidigungssystem Krav Maga - zu Deutsch: Kontaktkampf.
Mohr dazu: „Ein Kernprinzip von Krav Maga ist: keine Abwehr ohne Angriff. Sich ohne Schusswaffe gegen einen Feind zu behaupten, ist ein Hauptziel des neuen Nahkampfs für alle Soldaten.
Krav Maga ist eine israelische Kampfsportart, welche Menschen ermöglicht sich selbst zu verteidigen, unabhängig von Alter, Geschlecht oder anderen körperlichen Unterschieden. Hierbei werden auf einfache Techniken und Prinzipien zurückgegriffen, welche auch unter hohem Stress leicht durchführbar sind. Die Techniken nutzen natürliche Reflexe und intuitive Bewegungen. Diese werden einfach trainiert und wiederholt, weil sie dadurch auch im reellen Notfall schnell anwendbar sind.
Die Krav Maga Trainierenden werden ermutigt stets eine naheliegende, einfache und somit effektive Lösung zu nutzen. Auf Gepose oder stilvolle Bewegungen, wie man es aus den Eastern Kungfu Filmen kennt, wird komplett verzichtet. Wenn es darum geht, das eigene Leben zu verteidigen, dann dürfen keine Kompromisse gemacht werden. Eine falsche Rücksichtnahme kann im Ernstfall die eigene Gesundheit oder die Unschuldiger gefährden.
Weitere Aspekte des Nahkampfs
Neben Krav Maga gibt es weitere Aspekte des Nahkampfs, die in der Ausbildung berücksichtigt werden:
- CQB/CQC (Close Quarters Battle/Combat): Kampfszenarien in beengten Räumen wie Zimmern, Korridoren, Treppenhäusern, Fahrzeugen und städtischen Umgebungen.
- Waffenloser Kampf: Einsatz von Schlag-, Tritt- und Stoßtechniken.
- Kampf mit improvisierten Waffen: Nutzung von Ausrüstungsgegenständen (Helm), Werkzeugen (Feldspaten) oder dem Gewehr selbst (z.B. durch gezielten Schlag mit dem Gewehrkolben).
Nahkampftechniken im Detail
Das Kubayamashi-Do-Nahkampftraining ist in die folgenden Untergruppen unterteilt:
- Sambotaeryon (Drei-Etappen-Kampf)
- Ilbotaeryon (Ein-Etappen-Kampf)
- Ibotaeryon (Zwei-Etappen-Kampf)
- Phalanxbegegnungen (Kampf gegen mehrere Gegner)
Zu Beginn des Nahkampftrainings stehen die Sambotaeryon. Die Bezeichnung „Sambotaeryon“, die als Drei-Etappen-Kampf übersetzt werden kann, stellt einen Hybriden zwischen dem partnerlosen Koordinations-Training und dem Nahkampftraining mit einem Partner dar.
Der Ein-Etappen-Kampf, der als Ilbotaeryon bezeichnet wird, folgt dem Prinzip, eine Attacke durch eine einzige Abwehretappe zu vereiteln. Nach Möglichkeit sollte der Gegenangriff auch durch lediglich eine einzige Attacke erfolgen. Der fortgeschritten-kompliziertere Zwei-Etappen-Kampf trägt die Bezeichnung Ibotaeryon. In ihm erfolgen eine Kombination aus zwei unterschiedlichen Angriffen, die mit verschiedenen Techniken abzuwehren sind.
Während sich bei Nahkampftechniken wie Ilbotaeryon und Ibotaeryon darauf konzentriert wird, von nur einem Angreifer attackiert zu werden, entspricht das Prinzip der Phalanxbegegnung dem Konzept, mit mindestens zwei Opponenten konfrontiert zu werden, von denen man gleichzeitig attackiert wird. Durch das Prinzip der Phalanxbegegnungen wird deshalb die Wehrhaftigkeit gegen mehrere gleichzeitige Angreifer vermittelt.
Die Bedeutung der Integration in den Gefechtsdienst
Es ist zentral, den Nahkampf aller Truppen überzeugend in den Gefechtsdienst zu integrieren. Künftig sollen Nahkampfsituationen Schieß-, Sanitäts- und ABC-Ausbildung ergänzen.
Nahkampf werde künftig Teil der Vorschrift für die Vollausbildung sein.
