Unser Olympiateam bereitet sich auf Paris 2024 vor. Wir stellen hier alle Athleten vor.
Katharina Menz: Eine Inspiration für junge Judoka
Katharina Menz ist auf den letzten Metern noch auf den Olympiazug aufgesprungen. Nach den Weltmeisterschaften in Abu Dhabi schienen ihre Hoffnungen für Paris wie Seifenblasen zerplatzt zu sein. Sie nutzte jedoch Anfang Juni die Oceania Open in Tahiti, um mit der dortigen Goldmedaille noch Punkte auf ihr Ranglisten-Konto zu holen. Sie erhielt sich damit die Chance, um bei den komplizierten Berechnungen und Quotenvergaben der IJF im Rennen zu bleiben. Ende Juni gab es dann die erlösende Nachricht, die Nominierung für Paris 2024 zu erhalten. Damit fährt die Vize-Weltmeisterin von 2022 zum zweiten Mal zu Olympia.
Angefangen hat sie einst mit Judo durch ihren großen Bruder. „Er hat mit Judo angefangen und ich wollte dann auch. Ich musste aber noch warten, bis ich sechs Jahre alt war.“ Aber auch schon vorher war sie sportlich sehr aktiv. Ab ihrem vierten Lebensjahr tanzte sie viele Jahre Ballett und parallel zum Judo begann sie zu reiten. „Eine Zeitlang habe ich alle drei Sportarten gemacht. Dann habe ich aus zeitlichen Gründen zuerst mit dem Ballett aufgehört und dann auch mit dem Reiten, da ich öfter ins Judotraining wollte.“
Als sie sich entschieden hatte, ihr Abitur auf einem Gymnasium mit einer Sportklasse zu machen, wurde aus dem Hobby so langsam eine leistungssportliche Karriere. „Ich konnte dort zwei Mal in der Woche schon morgens trainieren und es gab keine Probleme mit Freistellungen für Lehrgänge und Wettkämpfe.“ Ihrem Heimatverein TSG Backnang ist sie treu geblieben, trainiert aber seit dreizehn Jahren am Olympiastützpunkt in Sindelfingen. „Ich bin 2013 auch dort hingezogen, um näher an der Halle zu sein und öfter und besser trainieren zu können.“
Nach einem Vorbild befragt, nennt sie eine sehr bekannte Sportlerin aus ihrem Verein: Michaela Semsch, früher Baschin. „Sie war auch von der TSG Backnang und ist 2008 bei den Olympischen Spielen gestartet. Ihre Erfolge und vor allem die Teilnahme bei Olympia haben mich inspiriert, das auch zu wollen.“
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Spätestens mit dem Junioren-Vize-Weltmeistertitel 2009 in Paris hat sie die Grundlage für eine erfolgreiche Judo-Karriere gelegt. „Es war ein sehr wichtiger Erfolg für mich, da dies meine erste große Medaille war. Aber auch meine erste Medaille beim Grand Prix in Den Haag 2017 war sehr emotional, da bin ich gefühlt in der Weltspitze angekommen.“ Aber eine ganz besondere Medaille toppt das Ganze: der Vize-Weltmeistertitel 2022. „Anfang 2022 habe ich entschieden, dass ich meine leistungssportliche Karriere noch nicht beenden und nochmal versuchen möchte, mich für die Olympischen Spiele in Paris zu qualifizieren.“ Diese Entscheidung wurde jedoch nicht von allen Seiten direkt unterstützt, da sie ja doch schon zu den Älteren im Team gehörte. „Ich habe mich davon nicht beirren lassen und mir in Stuttgart ein Trainerumfeld aufgebaut, das an mich geglaubt und mich unterstützt hat. Mit dieser WM-Medaille habe ich bewiesen, wozu ich in der Lage bin.“
Die zarte Sportlerin ist mental sehr stark. „Und ich habe eine gute Ausdauer, lange Golden Score-Kämpfe machen wir nichts aus“, beschreibt sie ihre Stärken. Als Schwäche sieht sie, dass es ihr schwerfällt, Trainingspausen einzulegen. Und dass sie oft erst spät nach Hilfe fragt, da sie alles alleine schaffen möchte. In ihrer Freizeit liebt sie das Wandern, Reisen und Klettern. Auch das Backen ist eine schöne Abwechslung zum Judo- und Studienalltag. Beruflich hat sie eine technische Richtung eingeschlagen und hat den Bachelor in Mechatronik/Elektrotechnik.
„Nachdem ich für mich klar hatte, dass ich gerne nochmal einen Olympiazyklus machen möchte, war es mir wichtig, dass ich mich auch beruflich weiterentwickle. Mit Hilfe des Olympiastützpunktes Stuttgart bin ich zur Heinrich Kipp Werk GmbH gekommen.“ Hier ist sie seit März 2022 Management Trainee in Teilzeit und wurde für alle sportlichen Maßnahmen freigestellt. „Seit April 2024 bin ich beurlaubt, um mich bis Olympia voll auf die Vorbereitung konzentrieren zu können.“
Unmittelbar nach Olympia wird sie erst einmal in den Urlaub fahren und die freie Zeit genießen, bevor dann wieder der Alltag mit Arbeit und Training startet. Auch wird sie ihr Trainee beim Heinrich Kipp Werk wieder aufnehmen. „Als erstes werde ich nochmal in eine neue Abteilung kommen und dann spätestens Ende des Jahres das Trainee beenden und in meinem endgültigen Team anfangen“, sagt sie zu ihrer beruflichen Entwicklung nach Olympia. Aber auch privat ist ihr etwas ganz besonders wichtig. „Vermutlich werde ich Richtung Ende des Jahres wieder einen Hund adoptieren“, sagt die Hundeliebhaberin.
Für Katharina Menz sind es die zweiten Olympischen Spiele nach Tokio 2021. Nachdem sie zu den Weltmeisterschaften in Taschkent 2022 gezeigt hat, wozu sie in der Lage ist, wäre für sie eine Medaille das i-Tüpfelchen. „Aber ansonsten ist das Ziel, alles gegeben zu haben. Ich will nicht aus dem Turnier ausscheiden und denken: wäre ich mal aggressiver, schneller etc. gewesen. Wenn ich 100% gegeben habe und verliere, dann war die Andere halt besser. Und insgesamt macht mir Sport einfach Spaß, Ich messe mich gerne mit anderen und mag es zu schauen, wie weit ich gehen kann, bis ich an meine körperlichen Grenzen komme.
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Wie schaffst Du es, Deinen inneren Schweinehund zu überlisten? Meistens ist das gar nicht nötig, man muss mich eher bremsen. Aber an Tagen, wo ich vielleicht doch mal nicht so motiviert bin, denke ich einfach daran, wieso ich das Ganze mache und was ich erreichen will.
Was gefällt Dir an Dir besonders? Meine mentale Stärke. Es ist sehr schwer, mich klein zu bekommen. Und ich bin ein sehr positiv denkender Mensch. Wenn eine Situation nicht so gut ist, dann schaue ich immer was daran doch positiv ist - und es gib fast immer etwas - und dann konzentriere ich mich darauf.
Auf welche eigene Leistung bist Du besonders stolz? Das ich immer an mich und meinen Traum geglaubt habe und mich nie habe unterkriegen lassen.
Gibt es ein Ritual/Glücksbringer beim Wettkampf? Ich habe einen Stofftier-Husky, der mich überall hin mit begleitet. Ich gehe auch vor jedem Kampf immer ein paar Sätze durch, die mich mental stärken.
Was magst Du an Dir gar nicht? Es gibt eigentlich nichts, was ich gar nicht an mir mag.
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Wie kannst Du am besten entspannen? Bei langen Spaziergängen mit einem Hund oder wenn ich ein Buch lese.
Was ist Deine Lieblingsspeise, die Du Dir wünschst, wenn Du nach Hause zu den Eltern kommst? Sauerbraten - meine Mama macht auf jeden Fall den Besten.
Worüber kannst Du am meisten lachen? Wenn mir oder jemand anderem etwas Ungeschicktes passiert - ja, ich bin ein wenig schadenfroh - aber natürlich nur, wenn es nichts Schlimmes ist! Und lustige Tiervideos.
Wem würdest Du mit welcher Begründung einen Orden verleihen? Meiner Mama. Sie hat mich und meine Geschwister immer bei allem unterstützt und motiviert. Insbesondere auch nach dem Tod meines Bruders. Ich kann mich immer zu 100% auf sie verlassen und sie wäre immer für mich da, egal was ist.
Was ist für Dich eine Versuchung? Tierheimhunde, ich würde am liebsten alle aufnehmen
Schenke uns (D)eine Lebensweisheit: Lebe jeden Tag, als wäre es der letzte - Tut das, was euch glücklich macht, auch wenn andere sagen das es „falsch“ ist.
Die Stoll-Schwestern: Judo im Blut
Amelie Stoll: Nein, die kennen das. Wir waren vorher auch viel weg. Das mit dem Umzug ging alles richtig schnell. Wir hatten eine Suchanzeige aufgegeben und schon kurz danach einen Treffer. Einen Tag später hatten wir den Besichtigungstermin und die Zusage und zwei Tage später haben wir den Mietvertrag unterschrieben.
Theresa Stoll: Es war sicher nicht leicht für die Eltern, aber das ist ja ganz normal. Wir sind im Herbst Schritt für Schritt umgezogen. Unsere Situation mit Judo und Studium wird sich in den nächsten Jahren nicht verändern und wir wollten nicht länger daheim wohnen. Also war jetzt der richtige Zeitpunkt. Und sie wohnen jetzt auch nur zehn Minuten von unserer Wohnung weg. Die Judohalle ist, wenn wir langsam gehen, zwei Minuten zu Fuß entfernt - das ist ein großer Vorteil, weil das normalerweise unsere erste und letzte Verpflichtung an jedem Tag ist.
Zwillingsschwestern gelten als praktisch unzertrennlich. Jeden Tag zusammen zwei Mal im Training, in der ganzen Welt zusammen unterwegs - und jetzt auch in einer gemeinsamen Wohnung: Brauchen Sie da nicht privat ein bisschen Abstand?
Theresa Stoll: Das ist schon so. Aber wenn wir jetzt in einer Wohnung zusammen wohnen, dann gibt es ja auch genügend Freiraum. Jede hat ihr eigenes Zimmer.
Kein Ärger beim Wäsche waschen?
Theresa Stoll: Der Haushalt läuft relativ gut. Meistens macht diejenige, die gerade weniger zu tun hat, die Sachen. Wir teilen das auf. Und wir kochen auch meistens zusammen.
Amelie Stoll: Wir brauchen keinen Putzplan. Wir haben uns ja schon als Kinder ein Zimmer geteilt.
Auch sportlich sind Sie zusammen erfolgreich. Im November standen Sie erstmals bei einem großen internationalen Turnier in Den Haag zusammen auf dem Siegerpodest. Wie war das?
Amelie Stoll: Das war schon cool. Theresa wurde Zweite, ich war Dritte. Am Ende kam sogar der Präsident des Weltjudoverbandes zu uns und wollte ein Foto machen.
Theresa Stoll: Eine tolle Erfahrung! Wir hatten vorher direkt gegeneinander gekämpft (Theresa gewann, Anm. d. Red.), letztlich hat es für uns beide ein gutes Ende genommen.
Wie ist das, wenn man der Schwester auf der Matte gegenübersteht und weiß: Jetzt muss ich sie gleich auf den Rücken werfen?
Theresa Stoll: Wir kennen das ja. Wir haben, seit wir mit Judo angefangen haben, immer gegeneinander gekämpft, auch im Training. Klar ist das nicht cool. Aber wir sind in der gleichen Gewichtsklasse, da kann man es halt einfach nicht ändern.
Amelie Stoll: Natürlich geht es mittlerweile in den Wettkämpfen um mehr. Aber auch in Den Haag haben wir uns vor unserem direkten Kampf, wie immer, zusammen aufgewärmt. Warum sollten wir das ändern? Viele Überraschungen gibt es nicht mehr. Man weiß, was die andere macht und denkt.
Theresa Stoll: Und trotzdem kann jede einen Fehler machen, den die andere ausnutzt. Einfach mal schnell fliegen. Beim Judo kann alles passieren.
Theresa, Sie haben ein rasantes Jahr hinter sich, als Newcomer in die Weltspitze. Wie beurteilen Sie 2017 im Rückblick?
Theresa Stoll: Das war mein bestes Jahr bis jetzt. Es hat gleich gut angefangen mit der deutschen Meisterschaft im Januar. Auch bei den internationalen Turnieren habe ich schnell gemerkt: Ich kann mithalten! Und das ist ganz wichtig im Judo, dass man Anschluss findet und das Selbstbewusstsein wächst. Beim Sieg in Düsseldorf hatte ich vier Kämpfe und habe vier Mal im Golden Score gewonnen, also echt knappe Kämpfe mit nur einer Wertung Unterschied. Und an so einem Turnier wächst man - mit jedem gewonnenen Kampf auf diesem Niveau bekommt man mehr Selbstbewusstsein. Das ist das Wichtigste bei den großen Turnieren, da entscheidet der Kopf und wie man auftritt. Mit dieser Bestätigung bin ich dann auch zur EM gefahren, ohne Druck. Dass es dort Silber wurde, hätte ich vorher auch nicht gedacht. Und dann habe ich im Sommer ja noch mein Physikum gemacht. Das war mit dem Olympia-Zyklus das Beste, 2018 beginnt schon die Qualifikation für 2020. Ich bin froh, dass das jetzt vorbei ist.
Sie sind Hochleistungssportlerin und studieren Medizin. Wie lässt sich das überhaupt vereinbaren?
Theresa Stoll: Ich muss meinen Tag schon gut durchplanen, damit das alles schaff- und machbar ist. Einfach so in den Tag hinein leben, könnte ich nicht. Ich spreche viel mit meinem Trainer Lorenz Trautmann über die zeitliche Planung und habe auch an der Uni Ansprechpartner, die helfen. Ich bin gut organisiert, lerne in der freien Zeit und bin da mittlerweile gut reingewachsen.
Sie sind von der Deutschen Sporthilfe zum "Sport-Stipendiat des Jahres" gewählt worden. Was bringt Ihnen diese Förderung?
Theresa Stoll: Richtig viel. Mein Stipendium wird jetzt für drei Semester verdoppelt. Das ist eine Menge Geld für uns, für die Miete. Unser Anspruch ist es nach dem Umzug, für uns selbst zu sorgen. Aber einen Nebenjob zu machen, ist zeitlich nicht möglich. Und durch die Änderungen bei der Sportförderung ist es als Judoka nicht leicht, finanziell über die Runden zu kommen. Das war 2017 auch bei Amelie ein Problem.
Wie beurteilen Sie die Reform der Sportförderung, wenn jetzt nur noch die Allerbesten Geld bekommen?
Theresa Stoll: Die Spitzenförderung ist für Judo schlecht, weil dann viele Leute ganz mit dem Leistungssport aufhören müssen, wenn sie nicht mehr unterstützt werden. In unserer Sportart sind wir auf viele gute Trainingspartner und eine Breite im Nationalkader angewiesen. Denn je mehr und je besser meine Partner sind, desto besser für mich selbst.
Amelie Stoll: Für mich war das im letzten Jahr wirklich schwierig, weil ich das Top-Team knapp verpasst habe. Ich weiß auch bis heute noch nicht, wie viel finanzielle Unterstützung ich für 2018 bekomme. Dadurch wird ein enormer Druck aufgebaut, der einen verunsichert. Wer nicht zur Polizei oder Bundeswehr gehen will und dort Förderung bekommt, sondern normal studiert, ist im Nachteil.
Sie studieren beide. Zwei Mal am Tag Training, dazu Uni und Klausuren - bleibt da noch Zeit für etwas anderes?
Amelie Stoll: Ja, wir haben schon noch Freizeit. Mein Sportwissenschaften-Studium ist natürlich nicht ganz so aufwendig wie Medizin bei Theresa. Praktisch ist, dass wir viele Freunde haben, die auch Judo machen. Das erleichtert das Ganze.
Theresa Stoll: Das Training ist sozusagen unser täglich Brot, und dazwischen dann halt Uni. Für mich ist das ein super Ausgleich, noch eine andere Welt zu haben, wo nicht nur der Sport im Mittelpunkt steht und man auch geistig gefordert ist.
Amelie, wie fällt Ihre Bilanz 2017 aus?
Amelie Stoll: Ich war anfangs am Ellenbogen verletzt und habe deshalb die EM verpasst. Bei der U-23-EM habe ich mit meinem Sieg dann das geschafft, was Theresa im Jahr zuvor gelungen ist. Bei der WM habe ich für Theresa gekämpft, da lief es aber nicht so gut. Jetzt gilt es, im Frauenbereich Anschluss zu finden. Ab diesem Jahr sammeln wir Punkte für die Olympiaqualifikation. Und natürlich sind Theresa und ich da direkte Konkurrenten, es gibt ja nur einen Startplatz. Also der Druck nimmt schon zu.
Nur eine von Ihnen kann es 2020 nach Tokio zu den Olympischen Spielen schaffen. Wie gehen Sie mit dieser Situation um?
Amelie Stoll: Wir profitieren sehr davon, dass wir uns gegenseitig haben. Ganz klar, Theresa ist momentan in der Weltrangliste weiter vorne - aber das gibt mir einen zusätzlichen Push und ich versuche, weiter ranzukommen.
