Die JUICE-Redaktion zeigte sich bereits beeindruckt von Karate Andi. Sein Debütalbum »Pilsatör Platin« wurde mit fünf Kronen ausgezeichnet, angesichts seines clever vorgetragenen Eckkneipen-Raps über ostdeutsche Trinkkultur, Polytoxikomanie und das Lebensgefühl der »Generation Andi«.
Karrierebeginn und Einflüsse
Wer ist Karate Andi, woher kommt er, und warum ist er plötzlich überall in den Medien präsent? Für diejenigen, die Rap am Mittwoch nicht regelmäßig verfolgen, mag dies eine berechtigte Frage sein. Karate Andi, der selbsternannte "Boss vom Hinterhof", erlangte dort durch zahlreiche gewonnene Battles erste Aufmerksamkeit.
Nach dem Vertrag bei Macheete Management, einem Instrumentalordner von 7inch, Saufen, Schreiben und Aufnehmen, war das Debütalbum fertig. »Mir doch egal ob ich deinem Vater gefalle. Pilsator Platin, Karate für alle!« Bereits im Intro »Willkommen im Karateclub« wird deutlich, worum es geht: Drogen, Absturz, Scheiß-drauf, Battlerap, gepaart mit Storytelling, intelligenten Reimketten und durchdachten Vergleichen.
Seine intelligenten Kneipenlegenden, präsentiert auf einem dreckigen Beat-Teppich von 7Inch, erinnern an eine kreative Mischung aus K.I.Z., Deichkind und Haftbefehl. Jedoch sind sie letztlich zu eigenständig, um ihm reines Kalkül vorzuwerfen.
Karate Andi selbst beschreibt seine musikalischen Anfänge wie folgt:
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»Wir waren eine Crew namens Human Traffic. Die gibt es auch noch, besteht mittlerweile aber nur noch aus John Borno und mir. Wir haben echt über alle Arten von Beats gerappt. Als wir alles durch hatten, haben wir über Marvin-Gaye-Instrumentals und über die Mucke von Udo Lindenbergs Panikorchester gerappt - alles, was auch nur ansatzweise einen Rhythmus hatte. Irgendwann haben wir sogar mit verstellten Stimmen wirres Zeug über Rammstein-Instrumentals gespittet. Ganz krankes Zeug, das aber nie jemand zu hören bekommen wird!«
Der Weg zum Video-Battle
»Ich habe mir in dieser Zeit aber kaum aktuelle Rap-Releases angehört, sondern war eher auf Gitarre und Elektro unterwegs.« Freunde erzählten ihm von einem Battle, das alle zwei Wochen stattfand. »Um ehrlich zu sein: Ich weiß es nicht mehr so genau, weil ich so hacke war.« Von da an begann er, sich mit Video-Battles zu beschäftigen. Sein Auftrittsvideo erhielt überwiegend positive Kommentare.
Es gibt ein Regelwerk für diese Battles, das man kennen muss, um dort bestehen zu können. Man sollte immer ein paar Punchlines für die Freestyle-Runden im Hinterkopf haben, aber auch geschriebene Sachen für die Acapella-Runden.
»Verschwende deine Jugend« - Song und Bedeutung
Ein Song auf »Pilsatör Platin« trägt den Titel »Verschwende deine Jugend«. Es gab im Osten mal eine Graffiti-Crew, die immer VDJ gesprüht hat - was eben für »Verschwende deine Jugend« steht.
In diesem Stück thematisiert er Polytoxikomanie, also die Abhängigkeit von mehreren Suchtmitteln gleichzeitig.
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Karate Andi betont jedoch: »Ich nehme keine Drogen und habe nie Drogen genommen. Ich rate auch jedem, der dieses Interview liest, dringend davon ab. Wer einen Joint raucht, hängt kurze Zeit später schon an der Spritze. Das ist Teufelszeug.«
Die »Generation Andi«
Auf dem gleichnamigen Stück skizziert Karate Andi die »Generation Andi«: Sie schläft in der Regel bis 16 Uhr, weil sie am Vorabend Wichtigeres zu tun hatte, als zeitig ins Bett zu gehen. Sie hat meistens Husten und Chlamydien, weil sie in irgendwelchen Techno-Clubs unterwegs war und natürlich nicht alleine nach Hause gegangen ist. Außerdem trinkt sie billiges Bier, raucht aber gutes Gras. Ein spezielles Erscheinungsbild gibt es nicht.
Produktionsweise und Einflüsse
Karate Andi arbeitet lieber intensiv: »Ich mache lieber fünf Tracks an einem Tag und falle danach ausgelaugt ins Bett, als bloß dröge vor mich hinzudödeln.« Beim Song »Morgen hör ich auf« hat 7Inch den Beat in gerade mal zehn Minuten zusammengeschustert, ich habe in einer halben Stunde zwei 16er geschrieben und die Hook gefreestylet.
Auf der Platte gibt es Verweise auf Größen wie Big Daddy Kane, ODB und 2Pac, aber auch auf deutsche Acts wie Dynamite Deluxe und Def Benski.
Kontroverse und Humor
Karate Andi sieht seine Texte als Spiegel der Gesellschaft. »Ich habe versucht, ihnen zu erklären, worum es in der Musik geht und wie die Texte zu verstehen sind.« Seine Eltern sind tolerant und erkennen das Handwerk dahinter. »Mein Vater meinte kürzlich sogar zu mir: »Ich hab da letztens ein Video von dir gesehen, wo so ein Hampelmann meinte, er würde gerne mal deine Mutter ficken. Da soll der erst mal mit mir ein Wörtchen wechseln …« Das fand ich witzig.«
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Die Rezension zu Bushidos Album "Sonny Black" warf Fragen auf: Wo hört Inszenierung auf und wo fangen homophobe und sexistische, bodenlose Dummheiten an? Und kann man die eigentliche Disziplin des Raps überhaupt losgelöst davon betrachten?
Karate Andis Kosmos bewegt sich zwischen dreckigen Puffs, Neuköllner Kneipen, Drogen aller Art und einem "Schwanz fett und groß wie die Sowjetunion". Dabei kann er auch technisch glänzen. Seine Reimketten verhalfen ihm bei "Rap am Mittwoch" zu Ruhm. Die von 7inch produzierten Taktschläge könnten Tracks wie "Lösch meine Nummer" trotz derber Sprache zu überdurchschnittlichen Wertungen verhelfen.
In anderen Stücken ist er jedoch voll und ganz im Prollrap-Metier. Zwar gibt es gelungene sprachliche Bilder und Vergleiche, diese gehen aber zwischen nicht wiederholenswerten Titulierungen unter.
Ein Vorschlag zum Umgang mit Gangsta- und Prollrappern: Sich vorstellen, es handele sich um Exhibitionisten. Die beste Reaktion auf Entblößer im Park ist der konsequente Lachanfall. Selbiges gilt für HipHopper zwischen Freudenhaus und U-Bahnschacht: Einfach mal über die dicke Hose lachen.
Das Album ist wie ein Besuch in einer Eckkneipe. Ein Besoffener legt den Arm um einen, atmet einem ins Gesicht und redet einfach los. Ein Highlight ist »Kindergeld«, das durch eine innovative Hook punktet. Andi liefert mündliche Scratches ab - sehr unterhaltsam. Dazu kommen 7Inch Beatbretter, »Der Boss vom Hinterhof« und »Verschwende deine Jugend«, die man so nicht unbedingt auf einem Debüt erwarten würde. Ob durch Western-Sample untermalt oder auf hartem Trap-Beat reitend, Andi beweist Vielseitigkeit und Souveränität.
Ob Charles Bukowski und Henry Miller oder die Kombination aus Kodein und Schnaps Karate Andi zu dem gemacht haben, was er ist, ist schwer zu sagen. Klar ist hingegen, dass der junge Mann mit einem durchaus überzeugenden Debüt angetreten ist. Talentiert, witzig und eigenständig.
