Brasilianischer Kampftanz Capoeira: Herkunft und Geschichte

Capoeira: Kampf, Sport, Tanz, Akrobatik, Spiel, Spaß; diese Umschreibungen wählt ein Capoeira-Meister, wenn er von seinem brasilianischen Kampfsport spricht. Wer beim Capoeira zuschaut, begreift schnell, warum diese ungewöhnliche Sportart einer so vielfältigen Beschreibung bedarf. Capoeira hat viele Seiten: Sie ist eine Mischung aus Kampfkunst, tänzerischem Spiel, Akrobatik, Musik und Rhythmusgefühl.

Was ist Capoeira und woher kommt es?

Capoeira ist eine afro-brasilianische Kunstform. Als Kulturerbe Brasiliens verschmelzen darin Kampfkunst, Musik und Tanz. Akrobatik, Tanz und Musik. Capoeira ist eine Mischung aus Kampfsport und rhythmischer Bewegung, die vor etwa 400 Jahren auf den Zuckerrohrplantagen Bahias von schwarzen Sklaven als Ausdruck des Widerstandes und zur Verteidigung entwickelt wurde.

Den Ursprung des Capoeira führt man auf die „Mucope" zurück, einen „Kriegstanz", der in Angola bei Fruchtbarkeitsriten von den jungen Männern aufgeführt wurde. Der UrsprungAls Brasilien im Jahr 1500 von Pedro Álvares Cabral eingenommen wurde versklavten die Portugiesen die einheimische Bevölkerung (brasilianischen Indianer). Schnell stellte sich heraus, dass die gefangen genommenen Indianer nicht für die harte Arbeit auf den Plantagen geschaffen waren. Woraufhin freie Afrikaner zu tausenden in riesigen Sklavenschiffen nach Brasilien verfrachtet wurden. Das einzige was sie noch hatten - ihren Glauben und ihre Kultur.

In der gemeinsamen Gefangenschaft entstand eine afrobrasilianische Kultur. Tänze ähnlich der Ginga (Capoeira Grundschritt) wurden an Generationen von afrikanischen und brasilianischen Kindern weitergegeben. Capoeira entstand ursprünglich als Freiheitskampf der Sklaven in Brasilien. Menschen aus verschiedenen Regionen Afrikas nach Brasilien verschleppt wurden um dort als Sklaven zu arbeiten.

Historisch gesehen ist die Capoeira mit der Sklaverei auf den Zuckerrohrplantagen und dem Widerstand der Sklaven verbunden. Da ihnen von ihren Gutsherren jegliche Art der körperlichen Ertüchtigung verboten war, um Aufstände zu vermeiden, tarnten sie ihr Kampftraining als Tanz, begleitet von traditionellen Rhythmen und Gesängen. Die Entwicklung hat vorrangig im Geheimen inmitten hoher Felder oder im Schutz der Dunkelheit stattgefunden. Sie lebte im Geheimen fort und wurde vor allem durch Beobachten und Nachahmen weitergegeben.

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Capoeira stellte gleichzeitig eine geheime Waffe der Afro-Brasilianer dar, die als Tanz "verkleidet" und von Musik begleitet wurde. Viele Leute sehen daher Capoeira nur als Tanz an, andere als Kampfkunst und wieder andere als Religion oder gar kulturelle Identität. Die Beschreibung von Capoeira variiert daher auch von der Persönlichkeit der ausübenden Personen.

Die Entwicklung der Capoeira

Obwohl die Existenz der Capoeira erst seit dem 18. Jahrhundert belegt ist, geht die Forschung davon aus, dass Vorformen bereits im 16. Jahrhundert, nach dem Eintreffen der ersten Sklaven in Brasilien, aus einer Vermischung afrikanischen Nahkampftrainings sowie Kulten mit Begleitung durch afrikanischen und lusitanischen Musikinstrumenten sowie Gesang entstanden.

Gemäß der oralen Überlieferung spielte Capoeira im Kampf entlaufener Sklaven gegen die brasilianische Staatsmacht im 17. Jahrhundert eine wichtige Rolle. Dies wird im Geschichtsbewusstsein der Afrobrasilianer repräsentiert durch den Nationalhelden Zumbi und die Fluchtburg Quilombo dos Palmares, die letztendlich nur durch Verrat von der brasilianischen Armee erobert werden konnte.

Obwohl in den Zeiten der Sklaverei die Ausübung der Capoeira mit Auspeitschung bestraft wurde, da man in Capoeirakämpfern die Rädelsführer möglicher Revolten sah, gibt es bildliche Darstellungen ausgeübter Capoeira im beginnenden 19. Jahrhundert, so z. B. in 1824 von Rugendas und 1835 von Debret gemalten Szenen von den Plantagen. Auch nach Aufhebung der Sklaverei im Jahr 1889 gab es in Brasilien weiterhin einen Capoeira-Paragrafen, der die Ausübung der Capoeira mit Verbannung von sechs Monaten bis zu zwei Jahren bestrafte.

Nach der Befreiung aus der Sklaverei war Capoeira vor allem auf Brasiliens Straßen präsent, wo sie lange Zeit mit Kriminalität und gesellschaftlichem Randdasein assoziiert wurde. In den ersten Jahrzehnten nach der Abschaffung der Sklaverei war Capoeira in Brasilien sogar verboten. Wer beim Spielen erwischt wurde, musste mit harten Strafen rechnen. Der Capoeirista der Zeit war ein „Malandro“, ein Krimineller und Experte beim Austeilen von Golpes (Tritte), Rasteiras (Fussfeger), Cabecadas (Kopfstösse), der auch Waffen wie Rasierklingen und Macheten benutzte.

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Die Einführung der Capoeira Regional durch Mestre Bimba (Manoel dos Reis Machado) war dann ein extrem bedeutsamer Schritt hin zur Legalisierung der Capoeira und zur Rettung seines Wertes. Capoeira löste sich von dem kriminellen Image und entwickelte sich hin zu einem bedeutenden kulturellen Erbe. Zur gleichen Zeit war es Mestre Pastinha (Vicente Ferreira Pastinha), der mit der Capoeira Angola voranschritt, um damit auf die „Vermischung“ der Capoeira Regional zu reagieren und eine reine Capoeira Form zu bewahren.

Anfang des 20. Jahrhunderts beschloss ein methodischeres Vorgehen und begründete 1932 illegal seine erste Capoeira-Schule. Seit Beginn des 20. In den Jahren danach organisierte Mestre Bimba zahlreiche Kämpfe seiner Capoeiraschüler mit Vertretern anderer Kampfsportarten, die alle von den Capoeirakämpfern gewonnen wurden. Im Jahre 1937 wurde die Capoeira gesetzlich zugelassen und entwickelte sich von diesem Zeitpunkt in ganz Brasilien rasant weiter.

Capoeira fand sich in der Musik, in den plastischen Künsten, der Literatur und im Schauspiel wieder. Die dunkle Epoche seiner Geschichte, in der Capoeira mit all seinen Ausdrucksformen von der Gesellschaft vollständig ausgegrenzt wurden, war beendet. Capoeira hatte sich zum Kulturerbe des brasilianischen Volkes entwickelt.

Capoeira heute

Anfangs noch verpönt, trat die besondere Mischung aus Kampf, Tanz, Gesang und Rhythmus Anfang der 1980er-Jahre ihren Siegeszug um die Welt an. In den Folgejahren brachten Mestre Bimbas Schüler Capoeira nach Nordamerika und Europa, wo sie vor allem in den Großstädten Capoeiragruppen gründeten. Ab den 80er Jahren hat Capoeira auch in Europa Einzug gehalten. haben das Interesse für die Kultur, den abwechslungsreichen Sport mit seiner Geschichte und Philosophie geweckt.

Heute ist Capoeira nicht nur angesehene Sportart in Brasilien, sondern seit 2014 sogar ein von der UNESCO anerkanntes immaterielles Weltkulturerbe. Heutzutage ist Capoeira in Brasilien weit verbreitet. Inzwischen ist Capoeira neben Fußball der zweite Nationalsport Brasiliens und erfreut sich als Trendsportart auch in vielen anderen Ländern wachsender Beliebtheit.

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Die einzigartige Mischung aus Sport, Kampf, Tanz, Populärkultur, Musik, afrobrasilianischem Geschichtsbewusstsein und Vergnügen zeichnet sich je nach Stil durch schnelle und komplexe oder langsamere, häufig am Boden ausgeführte Bewegungen aus. Eine Eigenschaft, die die Capoeira von anderen Kampfsportarten unterscheidet, ist die Tatsache, dass sie immer von traditioneller Musik und Gesängen begleitet wird, in denen vor allem Geschichte und Lebensphiliosophie der Afrobrasilianer erinnert und gefeiert werden.

Bestandteile der Capoeira

Die drei Hauptelemente des Capoeira sind Kampftechniken, Musik (Chula) und rhythmische Bewegung. Die Bühne der Capoeira ist die „Roda“ (portugiesisch: bedeutet Kreis). Aussen am Kreis wird Musik gemacht, geklatscht und gesungen, innerhalb des Kreises spielen zwei Capoeiristas - ein ritueller Kampf - mit Basis-Bewegungen, Tritten, Ausweichbewegungen, Finten und Akrobatik. Zwei der Capoeiristas treffen sich in der Mitte dieses Kreises, um miteinander zu spielen. Die Musik bestimmt außerdem den Rhythmus und die Art des Spiels, welches in der Capoeira-Roda gespielt wird.

Zum Rhythmus von Berimbau (einem afrikanischen Bogeninstrument), Konga -Trommeln und Schellentamburin bewegen sich jeweils zwei Capoeiristas in der „Ginga". Beide Kämpfer sind in ständiger Bewegung. Die Ginga ist ein Wiegeschritt (zugleich Kampfrhythmus!), der zum Rhythmus der Musik ausgeführt wird. Jeder Capoeirista hat seinen eigenen Rhythmus. Aus dieser Ginga werden Kampftechniken und akrobatische Bewegungen ausgeführt, wobei kaum zu unterscheiden ist, ob es sich um Tanzen oder Kämpfen handelt. Capoeira wird locker und leicht ausgeführt, ist aber als Kampfpraktik dennoch sehr effektiv.

Die Bewegungen werden in den „Sequentia Basica“ und im „Jogo", einem kontrollierten Übungskampf erlernt. Die Angriffstechniken haben so fantasievolle Namen wie „Rabo de Arraia" (Rochenschwanz) oder „Martelo" (Hammer) und werden durch Verteidigungstechniken wie „Negativa" (die erste Technik, die man in einer Capoeira-Schule erlernt) und „Resistencia" ergänzt. Da den Sklaven nach der Arbeit auf den Feldern oft die Hände zusammengekettet wurden, trainierten sie zu Verteidigungszwecken insbesondere ihre Beine. Daher blieb Capoeira bis heute vor allem auf die Beine konzentriert, obwohl in der jahrhundertelangen Entwicklung dieses „Kampftanzes" auch viele Handtechniken hinzukamen.

Capoeira Stile

Der älteste Stil „Capoeira de Angola" zeichnet sich durch tiefe Bewegungen am Boden aus. Daraus hat sich später ein neuer Stil, „Capoeira Regional" entwickelt. Während bei der "Capoeira de Angola" Musik, Spiel und Ritual die meist bodennah und zeitlupenartig ausgeführten Ausweichfiguren prägen, stellt sich die "Capoeira regional", erkennbar an den zahlreichen offensiven Luftsprüngen, als ein auf Leistung ausgerichtetes Sport- und Kampfgeschehen dar, auch wenn die Musikbegleitung erhalten geblieben ist. Neben diesen großen Stilrichtungen existieren noch viele weitere Schulen in Brasilien. In der Gegenwart existieren zahlreiche Mischformen der beiden Grundrichtungen.

Die Kleidung und Graduierung

Die Capoeirista tragen Weiße Hosen und weiße, kurzärmelige Hemden. Die Graduierung der Capoeirista lässt sich an der Farbe einer Kordel ablesen, die um den Bauch gebunden wird. Sie symbolisiert die Ketten, die ehemals die Sklaven trugen. Die Graduierungen (Farbe der Kordeln), welche man in der Capoeira von seinem „Meister“ erhält, zeigen diesen Erkenntnisprozess.

Der Kampf

Für Wettkämpfe wird ein Feld benötigt, in dem sich der eigentliche Kampfring (Roda) befindet. In den 3 m großen Kreis eintreten, bedeutet den Kampf aufnehmen. Mit atemberaubender Geschwindigkeit wirbeln die Tänzer (bzw. Kämpfer) um die eigene Achse und schnellen sich mit den Händen auf dem Boden abstützend ihre Füße zu Kopf, Rumpf oder den Beinen des Partners. Blitzschnelle Angriffsbewegungen, Ausweichmanöver und Gegenangriffe wechseln einander ab. Die Kämpfer geraten in eine Art Trance und sind in ständiger Bewegung. Ein Kampf dauert zwei Minuten. Wenn ein Kämpfer den anderen dreimal zu Boden bringt oder ihn aus dem Kreis drängt, hat er den Kampf gewonnen k.o. ist erlaubt! Auch ein Sieg durch Schiedsrichter-Wertung ist möglich.

Die Musik in der Capoeira

Die zuschauenden Capoeiristas begleiten den Rhythmus der Instrumente durch Händeklatschen und singen die alten Lieder der Schwarzen, die von der schweren Arbeit auf den Plantagen, dem Kampf gegen die Unterdrückung oder von „Zumbi" (einem König der Sklaven) erzählen. Die Capoeira-Musik ist für die Roda (Kreis in dem man Capoeira macht) von großer Bedeutung. Das Spielen der Instrumente, das Klatschen und Singen schaffen die Basis und geben Energie für die Capoeiristas in der Roda.

Einer der Capoeiristas am Berimbau (Musikbogen) stimmt Lieder an, der Kreis antwortet mit dem Refrain. Die Instrumente spielen in der Capoeira eine wichtige Rolle, sie dienen der Verständigung. Wann genau sie Teil der Capoeira wurden, ist nicht bekannt, aber der ursprüngliche Zweck war es, die Sklavenherren und Polizei zu täuschen. Die Sklaven ließen diese Glauben, dass sie nur singen und tanzen, während sie in Wirklichkeit Tritte übten, um sich zu verteidigen.

Instrumente der Capoeira

  • Pandeiro: Das Pandeiro kommt ursprünglich aus Ostafrika, es ist eine Art Tamburin. Der Kopf des Pandeiros kann aus Leder, Schlangenleder oder Kunststoff hergestellt werden.
  • Atabaque: Die Atabaque ist eine große Handtrommel. Der Körper ist in der Regel vom Jacaranda-Holz, der Kopf wird um den Körper mit Seilen befestigt, das Fell ist aus Kalbsleder oder Ziegenleder gefertigt.
  • Berimbau: Die Berimbau wurde im 1500 Jahrhundert von Bantu Sklaven aus Afrika nach Brasilien gebracht. Sie begleitet den berühmten Kampftanz namens Capoeira (eine Art von Kampfkunst) bei der zwei Kämpfer trainieren, während die Berimbau, dass Pandeiro, dass Agogo und die Atabaque den Rhythmus der Capoeira spielten.
  • Agogo: Das Agogo ist ein afrikanisches Musikinstrument, dessen Name "Glocke" bedeutet. Es besteht aus zwei Hohleisenzapfen, die mit einem Stock geschlagen werden.
  • Reco-reco: Das Reco-reco ist ein Abschnitt des Bambus, an deren Seite Kerben eingeschnitzt sind. Es wird durch Reiben eines Stocks (hin und her über den Rillen) gespielt.

Bekannte Capoeira Meister

Name:Vicente de Paula MendesBeruf:Capoeira-Meister seit 2000 in der Gruppe Cativeiro.Als Meister anerkannt von vielen, ebenfalls Meistern, in und außerhalb Brasiliens. Zusammen mit seinem Freund, Vicente Ferreira Pastinha oder „Meister Pastinha“ gründete Manoel dos Reis Machado die erste Akademie für Capoeira. Es ist eine Kampfart, die bis dahin vorwiegend auf den Straßen stattfand. Lange Zeit war sie verboten und gesellschaftlich verachtet, da sie ihren Ursprung auf der Straße hatte. Noch heute genießen diese beiden Meister eine ganz besondere Würdigung in der Welt des Capoeira. Verschiedene Lieder, Geschichten und Erzählungen berichten von ihnen.

Maculelê

Was ist Maculéle und woher kommt es?Maculele ist ein Choreografierter Tanz/Kampf, der mit Holzstöcken oder Macheten getanzt wird. Wie die Capoeira sehr ästhetisch, aber mit afrikanischem Ursprung. Maculele wurde wahrscheinlich von der afrikanischen Küste von den ersten Sklaven, die in Santa Amaro - BA ankamen, mitgebracht. Sein berühmtester Verbreiter war Mestre Popó (Paulino Alnisio Andrade). Mestre Popó wird als der Vater des Maculele in Brasilien angesehen.