Capoeira: Eine brasilianische Kampfkunst

Capoeira ist eine afro-brasilianische Kunstform. Als Kulturerbe Brasiliens verschmelzen darin Kampfkunst, Musik und Tanz. Capoeira ist ein ca. 300-400 Jahre altes brasilianisches Kampfspiel, das sich im Laufe der Jahre zu einer wahren Kampfkunst entwickelt hat. Neben Fußball, Karneval und Samba gibt es noch eine weitere Leidenschaft, die den Brasilianern wohl mit in die Wiege gelegt worden ist: Capoeira. Dieser Mix aus ästhetischer Kampfkunst, Selbstverteidigung und Tanz mit afrikanischen Wurzeln, spiegelt den kulturellen Reichtum Brasiliens wider und ist daher ein besonderes Highlight für viele Urlauber auf einer Brasilien Reise. Die Geschichte des Capoeira reicht zurück bis in das 18. Jahrhundert.

Die Roda und das Spiel

Die Bühne der Capoeira ist die „Roda“ (portugiesisch: bedeutet Kreis). Aussen am Kreis wird Musik gemacht, geklatscht und gesungen, innerhalb des Kreises spielen zwei Capoeiristas - ein ritueller Kampf - mit Basis-Bewegungen, Tritten, Ausweichbewegungen, Finten und Akrobatik. Die Dynamik einer Roda macht Spass, bietet aber auch lehrreiche Erfahrungen. In der Roda geht es nie ums bloße Gewinnen. In diesen Rodas treten immer nur zwei Capoeiristas gegeneinander an. Dies geschieht immer mit der dazugehörigen Capoeira-Live-Musik. Der Ablauf der Roda richtet sich nach einem bestimmten Ritual und den damit verbundenen Regeln.

Capoeira kann nicht alleine gespielt werden. Es braucht dazu eine Gruppe. Auf diesem Bewusstsein wächst das Gefühl für eine Gemeinschaft. Ein Capoeirista spielt auf kreative Art und Weise, um so wachsen zu können. Das Spiel, das auch Kampf ist, ist nie egoistisch. Das Capoeira „Spiel“ (so wird der Kampf in der Capoeira bezeichnet) ist meist kontaktlos. Hier steht vor allem die Ästhetik im Vordergrund. Treffer werden lediglich angedeutet und dem Gegner wird die Möglichkeit zum Ausweichen oder Kontern gegeben. Das Besondere ist dabei, dass Capoeira stets zu Musik „gespielt“ wird.

Die Kampfkunst wird besonders von drei Elementen geprägt: dem Kampf, der Musik und der "Roda" (portugiesisch für "Kreis"). Der Kampf, der oft auch als Spiel bezeichnet wird, findet innerhalb der Roda statt. Die Roda, der Kreis, bildet den gesellschaftlichen Rahmen, in dem der Kampf stattfindet. Den Ton gibt hierbei die Musik an, die durch verschiedene traditionelle Instrumente untermalt wird. Ein gebogener Holzstock mit Drahtsaiten, Berimbau genannt, bestimmt den Rhythmus und somit auch das Geschehen innerhalb der Roda. Die Melodie wird von portugiesischen Texten begleitet, deren Wurzeln bis in die Zeiten der Sklaverei zurückreichen.

Ursprünge und Entwicklung

Es existieren eine Vielzahl an Legenden und Theorien über den Ursprung der Capoeira. Sie alle sind wichtig, um den Mythos Capoeira zu verstehen, aber es bleiben Legenden, für die es keine historische Beweise gibt. Sicher ist, dass mit der Kolonialisierung Brasiliens im 16. Jahrhundert durch die Portugiesen eine neue Epoche in der Geschichte Brasiliens begann. Die Portugiesen erkannten sofort den natürlichen Reichtum des Landes. Anfangs nutzten sie die Arbeitskraft der in Brasilien lebenden Indianer. Dies funktionierte nicht aufgrund der Eigenarten der Indios und ihrem Widerstand gegen die Zwangsarbeit. Sie starben in der Sklaverei oder flohen in noch freie Gebiete. Die Kolonialherren suchten nach Lösungen und begannen mir der Versklavung freier afrikanischen Völker. Es begann ein Handel mit dem „schwarzen Mann“, der vom afrikanischen Kontinent in die neue Welt verschleppt wurde. Es war der Beginn einer großen Tragödie, die die brasilianische Gesellschaft brandmarkte. Erst wurden Hunderte, dann Tausende von Afrikaner gegen ihren Willen gefangen und nach Brasilien verschifft. Mit ihnen erfuhr das Land enorme Veränderungen. Die afrikanische Kultur war anders. Sie wurde nicht in Büchern und Museen aufbewahrt - sondern in den Körpern, dem Geist, dem Herz und der Seele der Menschen.

Lesen Sie auch: Die Geschichte der Capoeira

Erste Quellen beschreiben Capoeira als einen rabiaten Tanzkampf der Sklaven. Capoeira in der Zeit hatte wohl wenig Ähnlichkeit mit der heute praktizierten Form. Wahrscheinlich wurde Capoeira von den Sklaven oft im kargen Buschland, das nach Brandrodungen des Waldes für spätere Pflanzungen wieder nachwuchs, praktiziert. Diese gerodeten Flächen wurden in der Sprache der Indios „capu era“ genannt. Obwohl die Entfernungen damals auf dem Land riesig waren und es zwischen den Sklavengruppen kaum Möglichkeiten zum Informationsaustausch gab, entwickelte sich Capoeira langsam weiter. Dank dem Verkauf von Sklaven an andere Besitzer oder durch ihre Flucht wurde Capoeira immer bekannter. Dabei spielte auch der Sklavenmarkt eine wichtige Rolle. Durch den zunehmenden Informationsaustausch ergaben sich neue Möglichkeiten für die Sklaven. Sie konnten sich besser über Fluchtmöglichkeiten und Routen zu den Quilombos informieren.

Quilombos war die Bezeichnung für Ansiedlungen geflohener Sklaven, die meistens fernab von den portugiesischen Ländereien versteckt im Busch entstanden. Die Quilombos waren ein Schmelztiegel, in dem sich die Religionen, Kulturen und Traditionen der unterschiedlichen afrikanischen Völker gegenseitig und intensiv inspirierten. Die größten kulturellen Einflüsse kamen dabei von den Völkern der Nagô und der Bantus. Man vermutet daher, dass sich Capoeira in den Quilombo besonders schnell verbreiten konnte. Hier konnten Sklaven in relativer Freiheit ihre Kultur leben.

Durch die Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1888 verbesserte sich die Situation der ehemaligen Sklaven nicht wirklich. wieder - ohne Arbeit, Unterkunft und Essen. Weil es ihnen an Möglichkeiten fehlte um zu überleben, nahmen Raub und Plünderung stark zu. Dabei bedienten sie sich der Capoeira als Hilfsmittel für ihr kriminelles Tun. Damit änderte sich auch das Image der Capoeira. Capoeiristas wurden bald als Kriminelle und Ganoven betrachtet. Die Anfänge des 20. Jahrhunderts war geprägt von ständigen Konflikten zwischen der Polizei und kriminellen Banden. Brennpunkte dieses Geschehens waren die Bundesstaaten Pernambuco, Bahia und Rio de Janeiro. Der Capoeirista der Zeit war ein „Malandro“, ein Krimineller und Experte beim Austeilen von Golpes (Tritte), Rasteiras (Fussfeger), Cabecadas (Kopfstösse), der auch Waffen wie Rasierklingen und Macheten benutzte. Das Verbot und die ständige Verfolgung mit der Polizei hatte zur Folge, dass Capoeira im Umland von Rio und Recife langsam verschwand.

Legalisierung und kulturelle Bedeutung

Die Einführung der Capoeira Regional durch Mestre Bimba (Manoel dos Reis Machado) war dann ein extrem bedeutsamer Schritt hin zur Legalisierung der Capoeira und zur Rettung seines Wertes. Capoeira löste sich von dem kriminellen Image und entwickelte sich hin zu einem bedeutenden kulturellen Erbe. Zur gleichen Zeit war es Mestre Pastinha (Vicente Ferreira Pastinha), der mit der Capoeira Angola voranschritt, um damit auf die „Vermischung“ der Capoeira Regional zu reagieren und eine reine Capoeira Form zu bewahren. Im Jahre 1937 wurde die Capoeira gesetzlich zugelassen und entwickelte sich von diesem Zeitpunkt in ganz Brasilien rasant weiter. Es begann ein sozio-kultureller Aufstieg und die Capoeira betrat als kulturelle Ausdrucksform die Szenerie. Capoeira fand sich in der Musik, in den plastischen Künsten, der Literatur und im Schauspiel wieder. Die dunkle Epoche seiner Geschichte, in der Capoeira mit all seinen Ausdrucksformen von der Gesellschaft vollständig ausgegrenzt wurden, war beendet. Capoeira hatte sich zum Kulturerbe des brasilianischen Volkes entwickelt. Capoeira entstand und überlebte, dank der afrikanischen Bevölkerung Brasiliens - ihrem Widerstand und Überlebenskampf unter harten und schwierigen Bedingungen sowie ihrem ewigen Kampf nach Freiheit.

Capoeira öffnet auch einen Einblick in die reiche brasilianische Kultur. Von der Zeit der Sklaverei bis heute steht dabei das Instrument des Widerstandes und die Sehnsucht nach Freiheit im Zentrum. Capoeirista zu sein bedeutet, aufmerksam dem Leben gegenüber zu sein, mit all seinen Tücken, Höhen und Tiefen. Die Graduierungen (Farbe der Kordeln), welche man in der Capoeira von seinem „Meister“ erhält, zeigen diesen Erkenntnisprozess.

Lesen Sie auch: Die Geschichte der Capoeira

Capoeira heute

In ganz Brasilien wirst Du Capoeiristas und Capoeiragruppen sowie -schulen finden. Die Zahl der Aktiven dort geht in die Millionen, man kann sagen, dass es zum Nationalsport geworden ist. Capoeira begeistert immer mehr Menschen auch über die Grenzen Brasiliens hinaus durch elegante und spektakuläre Techniken. In einer späteren Entwicklungsphase wurde Capoeira zu einer urbanen Erscheinung und galt als eine Art Straßenkampftechnik in Brasilien. Diese Form war besonders in den Hafenstädten Salvador da Bahia, Rio de Janeiro und Recife anzutreffen. Gemeinhin wird Salvador da Bahia als Geburtsstätte des Capoeira angesehen. Bewundern kann man die eindrucksvollen Bewegungsabläufe allerdings in ganz Brasilien, beispielsweise bei verschiedenen Brasilien Rundreisen oder auch an den malerischen Stränden der Insel Florianopolis im Süden des Landes, wo Capoeira-Darbietungen Urlauber auf einer Brasilien Reise faszinieren.

Im Jahr 2003 wurde von der UNESCO das Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes verabschiedet. Zur Liste des immateriellen Kulturerbes zählen vielfältige, kulturelle Ausdrucksformen aus allen Weltreligionen. Diese Formen sind entscheidend von menschlichem Wissen und Können getragen und sind zudem Ausdruck von Erfindergeist und Kreativität. Sie werden von Generation zu Generation weitergegeben und daher fortwährend neu gestaltet. Hierzu zählen unter anderem Tanz, Musik, Theater, Bräuche, Feste, Handwerkskünste und mündliche Überlieferungen. Die brasilianische Kampfkunst wurde nun in die Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen. Hautnah erleben können Brasilien Reisende diese Kampfkunst bei einer Tagestour mit Stadtbesichtigung und Besuch einer Capoeira Schule in Salvador. Für Aktivreisende bietet sich in Salvador außerdem eine 3-Tagestour an, bei der man die Stadt während des Brasilien Urlaubs unter anderem auf dem Fahrrad erkundet.

Heutzutage wird zwischen zwei Hauptrichtungen des Capoeira unterschieden: Dem traditionellen "Capoeira Angola" und dem modernen "Capoeira Regional". Die ästhetische Kampfkunst aus Brasilien ist inzwischen weltweit verbreitet und auch oft in Filmen, Werbungen oder Computerspielen zu sehen. Capoeiristas untermalen beispielsweise das Musikvideo "Maria Maria" von Carlos Santana und auch in dem US-Film "Ocean's 12" gibt es eine Szene mit einer Capoeira Darbietung. Lust auf mehr? Wer die rhythmischen Bewegungen des Capoeira nicht nur auf dem Bildschirm verfolgen, sondern direkt beim nächsten Urlaub in das Geschehen eintauchen möchte, dem empfiehlt sich, auf einer Brasilien Reise dem Nordosten und besonders Salvador da Bahia einen Besuch abzustatten.

Capoeira Angola und Capoeira Regional

Angola ist die traditionellste Form der Capoeira. Sie wurde von Mestre Pasthinha gegründet (Geburtsname Vicente Ferreira Pastinha, geboren am 5. April 1889 in Salvador da Bahia, Brasilien, gestorben am 13. November 1981). Die Bewegungen im Capoeira Angola wirken oft träge und manchmal sinnlos. Sie finden häufig in Bodennähe statt. Dies alles dient aber zur Tarnung von plötzlichen, schnellen Angriffen. Regional betont die Kampfaspekte deutlich stärker. aufrechter, und die Kicks sind schnell und kraftvoll.

Bekannte Persönlichkeiten

  • Mestre Bimba: Gilt als der König der Capoeira und war ein großer Reformer.
  • Gruppe Senzala: Kollektiv bestehend aus 17 Mestres, die die zeitgenössische Capoeira hervorbrachte.

Musikinstrumente der Capoeira

Die Bateria der Capoeira Regional besteht aus zwei Pandeiros und einem Berimbau. Der Begriff Bateria bedeutet im portugiesischen "Trommel" und ist eine Form der brasilianischen Musik-Gruppe. Das Pandeiro ist eine Rahmentrommel und ähnelt dem Tambourin. Der Musikbogen Berimbau ist ein Perkussions-Instrument aus dem Nordosten Brasiliens. Er besteht aus einem gebogenen Holzstock (dem Arco aus Biriba-Holz), einem an dessen oberen und unteren Ende befestigten Draht (Arami) als Saite (oft aus alten Autoreifen entnommen) und einem aufgeschnittenen, ausgehöhlten Kürbis (cabaça), der als Resonanzkörper am unteren Drittel des Bogens über Saite und Bogen befestigt wird.

Lesen Sie auch: Brasilianische Kampfkünste und ihre tänzerischen Wurzeln

Ein Berimbau ist ein Musikbogen mit einem sehr eingängigen Klang. Es ist aus Pfeil und Bogen entstanden und gilt als eines der ersten Saiteninstrumente der Welt. In einer Bateria spielen drei unterschiedlich gestimmte Berimbaus. Das mit dem größten Klangkörper (Cabaça) und dem tiefsten Ton nennt man die Gunga. Das Berimbau mit der kleinsten Cabaça und höchsten Ton heißt Viola, und das Berimbau zwischen diesen beiden Größen ist Médio. Das Berimbau ist so sehr mit der Capoeira verbunden, dass es einfach nicht wegzudenken ist. Es ist das stärkste Symbol für Capoeira, und wenn Du eines hörst, kann eine Roda de Capoeira nicht sehr weit sein.

Im Gegensatz zu den anderen Instrumenten muss man ein Berimbau richtig kennenlernen: Es gibt den langen tragenden Stock, die sogenannte Verga, die zum Bogen gespannt wird. Die Metallsaite nennt man Arame. Des Weiteren gehört eine kleine Handrassel - das Caxixi - dazu. Bevor Du loslegst, lass Dir von Deinem Lehrer (Mestre) zeigen, wie man ein Berimbau richtig spannt. Das will gelernt sein, denn ein Berimbau kann leicht brechen!

Verheiratete Berimbaus, sogenannte Berimbaus casados sind in Brasilien sehr üblich und etwas Besonderes. Der Mestre stimmt den Klang der Cabaças (Kalebassen) mit den jeweiligen Vergas (lange Holzstäbe) ab, und zusätzlich werden die 3 Berimbaustimmen ebenfalls miteinander abgestimmt. Die richtige Stimmung zu finden, erfordert viel Erfahrung und Zeit, daher sind Berimbaus casados oder sogar Baterias casadas immer besonders kostbare Unikate, die in aufwendiger Handarbeit entstehen.

Instrumente für Capoeira

Instrument Beschreibung
Berimbau Musikbogen mit Kalebassenresonator
Pandeiro Brasilianische Rahmentrommel, ähnlich dem Tamburin
Atabaque Traditionelle Handtrommel afrikanischer Herkunft

Weitere Aspekte der Capoeira

Capoeira ist zugleich Kampfsport, Spiel und Tanz. Anders als etwa Karate ist Capoeira ohne Musik nicht denkbar. Die rhythmischen Klänge des Berimbau geben den Kämpfern im Ring Anweisungen, die Lieder inspirieren sie im Kampf. Die Texte der monoton klingenden Gesänge ehren Capoeira-Helden der Vergangenheit, sie erinnern an die grausame Unterdrückung der Schwarzen in Brasilien oder beschreiben den Alltag der Capoeiristas (Capoeira-Spieler): "Das Fest ist schön, aber es wird noch viele Schläge geben" lautet ein Lied, in Anspielung auf die bewegte Geschichte der lange verbotenen Capoeira.

"Capoeira ist alles" schreibt Almir das Areias in seinem Buch über den Afro-Brasilianischen Kampfsport. "Es ist der Kampf eines Volkes". Aber es ist noch viel mehr als das: Die Freiheit von Körper und Geist, Tanz, Musik, Verteidigung, Sport, Kultur, Folklore. Mit Musik und Poesie kämpft Capoeira für die Freiheit und die Würde der Schwarzen.

Capoeria wird in "Asociaçoes" (Vereinen) und "Academias" (Schulen) gelehrt und ausgeübt. Verschiedene Dachverbände versuchen, die Vielzahl von Capoeria-Gruppen im Lande zu vereinigen, doch eine verbindliche Kodifizierung des Sports ist nie zustande gekommen.