Die Bedeutung von "Als ich fortging" von Karussell

Rund um den 30. Jahrestag des Mauerfalls beleuchten wir die musikalischen Fakten der DDR-80er. Zu DDR-Zeiten sangen Bands wie Karat, City oder Silly von Freiheit und vom Wunsch abzuhauen. Und zwar so, dass die Zensurbehörden ihre Songs schwer verbieten konnten.

Der heute 57-jährige Dirk Michaelis war in den Achtzigern Sänger der Band Karussell. Die schuf mit dem Lied "Als ich fortging" eine der schönsten Wende-Hymnen. Ihr Stiefvater war Leiter des Gerd Michaelis Chors, Ihre Mutter Tänzerin im Friedrichstadtpalast. Schon als Kind haben Sie Gesangsunterricht genommen.

Dirk Michaelis erzählte mal: „Kürzlich begegnete ich dem Schauspieler Mark Keller im Tonstudio. Die beiden jüngsten mit „Welthits auf Deutsch“ unter dem Titel „Dirk Michaelis singt…“ (Nr. 1 & 2) erschienen dann allerdings schon bei „Heart of Berlin“ und hielten sich wochenlang in den Album-Charts.

Die Entstehung des Songs

Er ist gerade mal ein Steppke von elf Jahren, als er einen schmerzlichen Abschied erfährt. Der kleine Dirk setzt sich ans Klavier - und spielt seine Traurigkeit heraus. Es entsteht eine schlichte Melodie. Dirk Michaelis vergisst seine Melodie, die ihm einst so geholfen hat, nicht.

Stimmt es, dass Sie die Melodie von "Als ich fortging" bereits mit zwölf Jahren komponiert haben?Dirk Michaelis: Ich würde es nicht komponieren nennen. Da saß ein Junge mit schwerem Herzen am Klavier, als ihn diese Melodie erreichte.

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Was hat Sie so gequält?Als Teenager weitet sich das Herz und es gibt mehr Platz zum Liebhaben, nicht nur für Mutti und Vati. Dann kommt eine Schulliebe dazu, und noch eine, und noch eine. Dann wird man verlassen.

1985 geht er als Sänger zu „Karussell“. Dort spielt er sie immer beim Soundcheck - nur für sich. Irgendwann wird Schlagzeuger Jochen Hohl auf die gefühlvolle Melodie aufmerksam und ist begeistert. Ein schicksalhaftes Lob. Von nun an lässt sich die Truppe, die sich bislang als Rock-Band versteht, auf die Handschrift und die Stimme ihres Sängers ein.

Wir haben das Lied als eines von vielen Demos eingespielt. Ganz reduziert mit dem Keyboard, ich habe dazu gesummt. Tatsächlich war das Lied aber für unser erstes gemeinsames Album "Café Anonym" nicht in der engeren Auswahl. Das passierte später, als wir im Proberaum zusammensaßen. Ich weiß noch, dass wir in eine hitzige Diskussion vertieft waren. Die Aufnahmen liefen eher nebenher, waren sehr rockig, sehr bemüht. Plötzlich knallte dieses Stück rein und alle hielten inne.

Sie hatten die Melodie, aber keinen Text. Den schrieb die Lyrikerin Gisela Steineckert. Eine Zeile lautet "Nichts ist von Dauer, wenn's keiner recht will. Auch die Trauer wird da sein, schwach und klein." Haben Sie damals verstanden, worum es ging?Um ehrlich zu sein, war mir "Als ich fortging" zunächst zu poetisch.

1986 haucht ihr Schriftstellerin Gisela Steineckert Leben ein, aus der Melodie wird ein Lied. Ein Jahr später erscheint die Platte. Mit „Café Anonym“ feiert Dirk Michaelis sein Debüt als Sänger bei der Rock-Band. Der Song „Als ich fortging“ schlägt sofort ein, es war das neunte und letzte Lied auf der Langspielplatte.

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Die Bedeutung des Songs in der DDR

Viele beziehen den Text auf das ganz persönliche Misslingen einer Liebe, doch die meisten auf die politische Botschaft, die zwischen den Zeilen zu lesen ist. Sie prägt den Geist der Achtziger, den Abschied von einem untergehenden Land. Den endgültigen Durchbruch schafft das Lied, als am am 28. August 1988 in der Krimiserie „Polizeiruf 110“ zu hören ist.

Dabei war doch gerade Poesie ein zentrales Instrument, um die Zensur auszutricksen. Im Westen sang Rio Reiser: "Macht kaputt, was euch kaputt macht". Im Osten sang die Band Lift: "Nach Süden nach Süden wollte ich fliegen. (...) Doch gar nicht weit hinterm Haus, da fiel schon der erste Schnee". Die Menschen in der DDR wussten, worum es in diesen Zeilen geht. Um die Sehnsucht nach Freiheit.

Auch "Als ich fortging" war erst mal ein Lied über die Schwierigkeit des Loslassens, im Wissen, dass gerade etwas zu Ende gegangen ist.

"Als ich fortging" und der Mauerfall

Es war der November 1989: Dirk Michaelis, Sänger der Band Karussell, stand vom 8. - 10. November 1989 im Berliner Palast der Republik auf der Bühne. Wie sich "Als ich fortging" in den Tagen des Mauerfalls veränderte Rund um den Mauerfall stand Karussell-Sänger Dirk Michaelis in Berlin auf der Bühne und der Song bekam eine völlig neue Bedeutung.

80s80s hat der Sänger erzählt, wie sich der Hit "Als ich fortging" innerhalb dieser drei Tage verändert hat. An diesem Abend (9. November 1989) haben wir ja hinter der Bühne nichts mitbekommen von dieser Pressekonferenz. Es ging dem Publikum wahrscheinlich genauso. An diesem Abend sangen die Leute alle mit "Kehr wieder um". Das war die prägende Zeile. Und die meinten Freunde & Familie, Leute die im Sommer vermeintlich nach Ungarn sind.

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Nach der Show munkelte man, dass die Mauer offen sei. Wir kamen raus und die Stadt hatte eine andere Stimmung. Am 10. November ging es dann nicht mehr um die Zeile "Kehr wieder um", plötzlich sangen alle "Nichts ist unendlich". - Dirk Michaelis 80s80s

Als vor 30 Jahren die Mauer fiel, traten Sie im Palast der Republik in Berlin auf. Wie war die Stimmung?Am 10. November glaubten wir, dass kein Schwein kommt, weil alle im Westen sind. Doch es war voll. Im Saal herrschte eine Mischung aus Hoffnung und unbezwingbarem Glauben, dass jetzt das Größte und Beste passiert, was wir uns vorstellen können: Beide Systeme werden einen Weg finden, das jeweils Beste herauszufiltern und zusammenzuführen. Wir glaubten daran, das tollste Land der Welt zu werden.

Was passierte, als Sie "Als ich fortging" anstimmten?Alle sangen aus voller Kehle mit: "Nichts ist unendlich, so sieh das doch ein / Ich weiß, du willst unendlich sein - schwach und klein." Die Leute weinten. Auch ich hatte einen Kloß im Hals. Auf einmal war ich nicht mehr nur Sänger, sondern Teil der Menschen im Publikum, der Energie. Ich hörte mir selbst zu.

Das passte natürlich in die Wendezeit. Wenn ein Song veröffentlicht wird, machen die Menschen daraus, was sie wollen. Der eine findet "Als ich fortging" sei das schönste und traurigste Liebeslied der DDR. Der andere nennt es eine Wende-Hymne. Beides passt.

Nach dem Mauerfall

Nach dem Fall der Mauer werden die größten Hits aus der DDR von Musikkritikern und vom Publikum bewertet. In dieser Liste landet „Als ich fortging“ nach „Über sieben Brücken“ von Karat auf dem zweiten Platz. Und auch bei einer SUPERillu-Umfrage im Jahr 2005 zählt er zu den meistgenannten Titeln.

Nach dem Fall der Mauer machte die Band Karussell erstmal gar nichts. Es war einfach so, dass die Leute nach dem Fall der Mauer nichts mehr aus dem Osten wollten. Das ging nicht nur den Eberswalder Würstchen so, es ging allen Ost-Produkten so und das war natürlich auch mit der Musik so. Kein Mensch wollte da mehr ein Konzert von Karussell sehen.

Viele der Karussell-Songs verloren nach dem Fall der Mauer auch ihre Bedeutung, erzählt Dirk Michaelis. Du brauchtest ja plötzlich nicht mehr von den Männern da oben singen und anprangern, was die jetzt machen oder nicht machen. Es war ja jetzt erstmal erledigt das Thema. Die Leute wollten das einfach nicht mehr haben. Die wollten jetzt natürlich nachholen, was sie die ganze Zeit verpasst haben. Deshalb kam dann die Flut von westdeutschen Kollegen, die dann erstmal die Kulturhäuser und Bühnen unseres Landes bevölkerten.

"Als ich fortging" ist mein "Yesterday" und mit diesem Song im Rücken hab ich dann doch eben gesagt "und jetzt bist du wieder der Solist Dirk Michaelis von 1980 und spielst jetzt wieder in den klitzekleinen Läden und wirst einfach das tun, was du kannst: Das Leben wie es ist so gut wie möglich zu reflektieren und weiter zu machen".

Der Neustart als Solo-Künstler erwies sich in den Nachwende-Jahren der frühen 1990er als Balance-Akt zwischen kompromisslosem künstlerischem Anspruch und dem Druck eines auf radiotaugliche Hit-Singles ausgerichteten Marktes, dem er mit der Gründung seines eigenen Labels „ROCKchanSONG“ (RCS) begegnete, wo er seine Produktionen eigenverantwortlich veröffentlichen konnte.

Und noch immer ist der Song bei Künstlerkollegen gefragt. Das Lied wurde unter anderem auch von den Puhdys, Katrin Sass, Rosenstolz, Tokio Hotel, Staubkind, Adoro, Angelo Kelly, Haris Alexiou, Forseti, Elif Demirezer, Heinz Rudolf Kunze und Hans Hartz. „Matthias Reim hörte „Als ich fortging“ übrigens das erste Mal im Autoradio und entschied spontan, das Lied auf sein nächstes Album zu packen.“

In diesem Jahr feiert der Superhit nun ein besonderes Jubiläum. Vor 30 Jahren erschien der Song ein zweites Mal. Und zwar aud dem Karussell-Album „Solche wie du”. Da das Werk zunächst vom DDR-Plattenlabel Amiga abgelehnt wurde, erschien 1989 bei Monopol, einer bundesdeutschen Plattenfirma, die sich als Schlager-Verlag einen Namen gemacht hatte, im Jahre der Wende aber auch den DDR-Markt entdeckte. Als achtes Lied findet sich dort (auf der westdeutschen) Karussell-Platte noch mal ein Als ich fortging.

Mit Gisela Steineckert ist Dirk Michaelis nach wie vor enge verbunden. Demnächst wird ein neuer Longplayer erscheinen, mit Titeln, die die beiden zusammen geschrieben haben. „Der Mann, der ‚Als ich fortging…‘ sang“, ist natürlich bedeutend mehr als das. Für ein „One Hit Wonder“ hält er sich schon viel zu lange viel zu erfolgreich im Geschäft. Seit gut dreieinhalb Jahrzehnten ist er auf den Bühnen unterwegs, und die vergleichsweise kurze Zeit als Frontmann der populären DDR-Band KARUSSELL könnte dabei fast als Randnotiz untergehen, wenn - ja, wenn sie nicht u.a.

Nach wie vor ist Michaelis in wechselnden Konstellationen und solistisch live zu erleben, gelegentlich mit den Kollegen Dirk ZÖLLNER und PANKOW-Sänger André Herzberg als „Die drei HIGHligen“, oder aktuell wieder auf gemeinsamer Tour mit CITY, deren Frontmann Toni Krahl er bereits bei einigen der jüngsten ROCK-LEGENDEN-Konzerte mit den PUHDYS und KARAT krankheitsbedingt vertreten hat. Und die 2014 begonnene Zusammenarbeit mit MASCHINE („Der Held meiner Jugend!“) findet nun ebenfalls ihre Fortsetzung.

Die Musik von Bands wie Karussell, Lift oder City wird heute in der Kategorie "Ostrock" einsortiert - das klingt irgendwie nach Ramschecke.Ich war mal mit Ulla Meinecke auf Tour. Sie wurde immer als Grande Dame des deutschen Chansons vorgestellt, ich war der Ostmusiker. Damals empfand ich das als Geringschätzung. Mittlerweile verstehe ich diese Zuschreibung als Qualitätsmerkmal. Die Poesie des Ostens ist etwas Einzigartiges.

Sie sind schon lange als Solo-Musiker unterwegs. "Als ich fortging" gehört aber immer noch zu Ihrem Repertoire. Was verbinden die Menschen im Osten heute mit dieser Musik?Sie ist der Beweis, dass es uns gab und die Zeit, in der wir gelebt haben. Sie gibt Halt und bewahrt die eigene Biografie.

Muss man in der DDR aufgewachsen sein, um den Wert von "Ostrock" zu verstehen?Ich weiß nicht, ob Westdeutsche die Entbehrungen und Sehnsüchte nachvollziehen können, die diese Musik hervorgebracht haben. Das Fehlen von Freiheit. Dieses Gefühl muss ich jemandem, der in der DDR aufgewachsen ist, nicht erklären. Da hat jemand "Als ich fortging" gehört und schrieb mir. "So ein schönes Lied habe ich lange nicht gehört, weiter so." Der Schreiber glaubte, das sei ein neuer Song. Ich musste erst mal lachen.