Judo ist nicht nur ein Zweikampf, sondern eine Lebenseinstellung und eine Charakterfrage. Dies wird nicht nur durch die allgegenwärtige Verbeugung verdeutlicht, sondern auch durch einen Kodex, dem sich alle verschrieben haben - die Judo-Etikette.
Jede Sportart hat ihren eigenen Gruß; die Fechter grüßen sich und das Kampfgericht mit der Klinge, Ringer schütteln sich die Hände und die Reiter lüften ihre Kopfbedeckung. Es ist nur natürlich, dass die Judoka den eigentümlichen asiatischen Gruß, die Verbeugung, übernommen haben. Man verbeugt sich im Stand oder - formaler - im Kniesitz zueinander und drückt damit aus, dass man das Gegenüber als Partner respektiert, dass man die Regeln achten will und dass von jetzt ab alle Gedanken nur auf Judo konzentriert werden.
Betritt ein Budoka (jemand der Kampfsport betreibt) ein Dojo (Trainingsstätte), so verbeugt er sich (Gruß). Die Matten betritt man nicht mit Schuhen, sondern barfüßig und in einem sauberen und ordentlichen Budo-Gi (Budo-Anzug). Dazu gehört, dass der Budo-Gi vollständig im Umkleideraum angezogen wurde. Saubere Hände und Füße, sowie kurzgeschnittene Nägel (Verletzungsgefahr) dürften selbstverständlich sein.
Die Bedeutung der Verbeugung im Judo
Die Verbeugung (Rei) ist ein japanischer Dankes- und Höflichkeitsausdruck. Der Begriff Rei bedeutet: Gruß, Höflichkeit; Dank, Lohn. Reishiki/Reigi steht für Etikette, Formalität, Zeremoniell, und Keirei bedeutet Gruß, Verbeugung. In Japan ist dieser Ausdruck tief in der Gesellschaft verwurzelt. So wird Rei von Schulklassen zu Beginn des Unterrichts oder bei Firmenbesprechungen benutzt. Das Grüßen ist nicht nur Ausdruck von Höflichkeit oder einer gewissen Freundlichkeit zwischen den Übenden, es ist die „Seele des Judo“.
Einen Übungspartner nachlässig anzusprechen oder nicht zu grüßen kommt einer Beleidigung gleich. Dieselbe Bedeutung hat der Gruß am Anfang und am Ende jeder Kata. Diese Unterordnung unter das Höhere ist wichtig für den Geist des Budo. Sie entwickelt die Demut in der generellen Haltung gegenüber dem Leben.
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In den Budo-Disziplinen beginnt und endet eine Übungsstunde mit einer gemeinsamen Verneigung (Rei ni hajimari, rei ni owaru). Im Allgemeinen wird sich vor dem Lehrer (Sensei ni rei) verbeugt, was auch Angrüßen genannt wird. Im Knien grüßt man vor Beginn und am Ende einer jeden Übungsstunde in einer Linie. Schüler und Lehrer sitzen sich dabei gegenüber.
Eine Verbeugung im Stand ist die korrekte Art, einen Partner zum Üben aufzufordern und sich nach dem Üben zu bedanken und zu verabschieden. Mit jeder Verbeugung gibt man das Versprechen, die Judo-Prinzipien nach bestem Können zu beachten.
Es ist eine übliche Form in Japan nicht nur für das Dojo, sondern auch für sonstige Räume in denen unter Umständen jemand gestört werden könnte. Beim Verlassen der Halle sagen wir dann: Shitsurei Shimashita.
Formen der Verbeugung im Judo
Es gibt verschiedene Formen der Verbeugung im Judo, jede mit ihrer eigenen Bedeutung:
- Shomen ni Rei: Verbeugung zur Shomen Seite. Aus Demut zu denen, dank derer das Wissen an uns weiter gegeben werden kann. Ebenso gilt die Bedeutung, dass es immer jemand Höheres gibt, der über einem selbst steht. Shomen bedeutet übersetzt „Vorderseite“. Traditionell gilt dieser Teil eines Dojos als Ehrenplatz, wo zum Beispiel Bilder von bereits verstorbenen Lehrern oder die geltende Etikette im Dojo zu finden ist.
- Sensei ni Rei: Verbeugung zum Lehrer, der sich Zeit nimmt das Wissen an die Schüler weiter zu geben und sie zu unterrichten. Es ist eine Sache des Vertrauens, dass die Schüler dieses Wissen mit Dankbarkeit und Behutsamkeit aufnehmen. Ebenso gilt die Wertschätzung darüber, dass hinter diesem Wissen viel Arbeit und Erfahrung steckt. Obwohl es der Gruß zum Lehrer ist, verbeugt auch dieser sich vor den Schülern. Man lernt immer voneinander.
- Otagai ni Rei: Die Schüler verbeugen sich zueinander. Es ist einfach: Ohne Partner ist ein Partnertraining nicht möglich. Aber das ist nicht alles. Auch der Zusammenhalt der Dojogemeinschaft rückt hier in den Vordergrund. Man lernt sich an guten und an schlechten Tagen kennen und ist füreinander da. Es ist okay, Mensch zu sein. Wir lernen gemeinsam damit umzugehen.
Bei den Verbeugungen zu den jeweils genannten Seiten (Shomen, Sensei, Otagai) wird sich angegrüßt und nach dem Training wieder abgegrüßt. Beim Angrüßen sagen wir: Onegai shimasu. Man wünscht sich füreinander gutes Training. Beim Abgrüßen sagen wir dann: Arigatou gozaimashita. Dabei ist es wichtig, dass man diese Formen nicht in sich hinein nuschelt, sondern in einem angemessenen Ton deutlich ausspricht. Wenn ich meinem Gegenüber „Danke“ und „Bitte“ sage, dann natürlich auch so, dass dieser es versteht.
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Sensei ni rei bezeichnet den Gruß zum Lehrer oder Meister. Als Träger des Ideals grüßt der Schüler ihn im Zeichen seines Respektes gegenüber dem Höheren. Sempai ni rei ist der Gruß zum Älteren, der die Schüler in demselben Auftrag wie der Sensei unterrichtet. Shihan oder Hanshi hingegen bezeichnet eine Budo-Graduierung aus den höheren Stufen des Weges. Otagai ni rei ist der zweite Gruß, den man im Training verwendet. Er wird im Stand (Ritsu rei) ausgeführt. Otagai ni rei bezeichnet den Gruß der Übenden untereinander und drückt den grundlegenden Respekt aus, den ein Mensch dem anderen schuldet.
Die Judo-Etikette
Das An- und Abgrüßen dieser Art soll nicht nur Respekt, Demut und Höflichkeit fördern. Auch die Achtsamkeit und Wertschätzung darüber, was uns die Möglichkeit zum Training gibt, soll hier beachtet werden. Es ist keine Selbstverständlichkeit im Leben das tun zu können, was man möchte.
Die Etikette ist auch in den so genannten Judo-Werten zusammengefasst. Die Begriffe Höflichkeit, Hilfsbereitschaft, Ehrlichkeit, Ernsthaftigkeit, Respekt, Bescheidenheit, Wertschätzung, Mut, Selbstbeherrschung und Freundschaft zeichnen einen guten Judoka aus. All diese Charaktereigenschaften zeigt er nicht nur auf der Matte. Judo ist ein Erziehungs- und Wertesystem, das auch im Alltag seine Gültigkeit besitzt. Respekt, gegenseitige Hilfe, miteinander Lernen und auch einmal nachgeben - all das braucht der Judoka im Leben.
Vor allen Dingen der Gedanke, dass die Anleitung zur Beachtung von Regeln, die Erziehung zu Höflichkeit und Disziplin einen großen Teil des geistigen Trainings ausmachen, ist verantwortlich für das Aufstellen von Vorschriften. Darüber hinaus fordern Sicherheitsdenken und Nützlichkeitserwägungen einsichtige Regeln.
Im Judo pflegen wir japanische Umgangsformen. In jedem Dojo ist diese Zeremonie etwas anders und es gibt kein Richtig oder Falsch. Manche sind etwas traditioneller und manche weniger.
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Ablauf einer Grußzeremonie
Alle Trainingsteilnehmer stellen sich zum Angrüßen auf der Matte gegenüber dem Lehrer (Sensei) auf, wenn dieser die Matte betritt. Der höchstgraduierte Kyu- oder Dan-Grad steht ganz rechts (vom Sensei aus gesehen links). Der Lehrer (Sensei) kündigt "Seiza" (Kniesitz) oder "Ritsu-Rei" (Gruß im Stand) an. Bei "Seiza" knien alle Budoka der Reihe nach zur ruhigen Einstimmung auf das bevorstehende Training ab. Der Oberkörper ist aufrecht, die Hände ruhen auf den Oberschenkeln, der Atem geht automatisch ruhig.
Dann erklärt der höchstgraduierte Kyu- oder Danträger auf der Schülerseite "Mokuso" (frei für "Meditation / Konzentration"). Alle Teilnehmer schließen nun die Augen und bereiten sich geistig auf das Training vor. Nach dem Ruf - auch vom Höchstgraduierten auf der Schülerseite - "Yame" (jap. Stop oder Ende) oder "Mokuso Yame" öffnet man die Augen wieder. Es folgt der Ruf "Sensei ni rei" (jap. Gruß zum Lehrer), worauf sich alle verbeugen. Man legt bei der Verbeugung im Seiza die Hände vor den Knien auf die Matte (Handfläche nach unten), beugt den Kopf und den Oberkörper vor (nicht mit der Stirn die Matte berühren, sondern ca.
Wenn sich alle Trainingsteilnehmer wieder zum Sitz aufgerichtet haben, erhebt sich zuerst der Sensei, dann stehen der Reihe nach alle Schüler auf und machen eine Verbeugung (dieses Angrüßen wird in diversen Dojos zum Teil verschieden durchgeführt). Nach dem Aufstehen erfolgt der Gruß "Yoseki ni rei" oder "Shomen ni rei" (Gruß zum Ehrwürdigen).
Am Ende des Trainings folgt wieder eine Grußzeremonie wie an dessen Beginn. Alle Trainingsteilnehmer lassen in der Meditationsphase das vergangene Training nochmals im Geiste vorbeiziehen. Nach dem Aufstehen verbeugen sich alle leicht im Stand zum Lehrer hin; die Teilnehmer bedanken sich dadurch für das Training, der Trainer bekundet seinen Dank für die Teilnahme am Training und für die Disziplin. Anschließend verbeugen sich alle zu Shomen / Yoseki. Zum Schluß verbeugen sich die Trainingspartner zueinander, um ebenfalls ihren Dank auszudrücken und sich für eventuelle Schmerzen oder kleinere Verletzungen zu entschuldigen.
Nach dem Training, vor dem formellen Abgrüßen, wenn Lehrer und Schüler sich im Kniesitz gegenüber sitzen, ist es üblich, sich eine kurze Zeit - bis zu einer Minute - zu entspannen, die Augen zu schließen und tief und ruhig “aus dem Bauch heraus” (Zwerchfellatmung) zu atmen. Für unseren westlichen Sportbetrieb ist das ein seltenes Bild, wir lassen eine Stunde selten “ausklingen”.
Weitere Regeln im Dojo
- Kommt jemand zu spät zum Unterricht, so meldet er sich beim Trainer und entschuldigt sich.
- Der Trainer muss wissen wer am Training teilnimmt, damit er merkt, wenn jemand fehlt.
- Grüßt die Gruppe gerade an, so wartet man bis sie fertig ist.
- Würdevoll verhält sich der Judoka auch im Dojo. Barfuß laufen außerhalb der Matte ist tabu.
- Er räumt seine Tasche und Trinkflasche an die vorgesehene Stelle, ist immer pünktlich und aufmerksam.
- Der Judoka trainiert mit jedem, der ihn dazu auffordert.
- Er anerkennt die Kritik seines Übungsleiters und seines Ukes und versucht, an sich zu arbeiten.
Unterscheiden sich schon das Verhalten im DOJO und die allgemeine Etikette im JUDO von dem üblichen Betrieb in einer westlichen Turnhalle, so wird der Unterschied in der westlichen und der östlichen Sportauffassung in dem Verhältnis des Schülers zu seinem Lehrer besonders deutlich.
JUDO ist zwar heute eine moderne, olympische Zweikampfsportart, die Einflüsse der alten Brauchkunst der Samurai, deren Zen-Buddhismus geprägte Unterrichtsmethode und das streng geordnete Verhältnis zum Ranghöheren und Älteren wirken jedoch noch nach. Die Distanz zwischen Lehrer und Schüler ist größer als in anderen Sportarten, aber gerade darum ist das Verhältnis zwischen beiden enger. Viel Worte sind zwischen Lehrer und Schüler, zwischen DAN-Träger und Anfänger nicht nötig.
Natürlich wird der Lehrer Erklärungen abgeben, Bewegungen analysieren, aber das Verständnis des Wesens der Techniken und des Sinns der Judo-Ausbildung ist nur durch das Bewegungs- und Lebensvorbild des Lehrers möglich. Dieser Verantwortung für den Schüler ist sich der Lehrer in jedem Moment bewusst, darum kann der Schüler sich ihm auch völlig anvertrauen und sich Anweisungen fügen, deren Sinn erst im Rückblick verstanden werden kann.
"Mokuso" ist in den meisten Kampfkünsten der Aufruf zur Meditation. Oft ist es aber einfach nur ein kurzer Moment der geistigen Sammlung, manchmal auch eine reine Formalität, kurz die Augen zu schließen. "Rei" ist der Aufruf zum Gruß. Das bedeutet, dass sich Lehrer und Schüler entweder stehend (ritsu-rei) oder im Kniesitz (seiza) sitzend (za-rei) voreinander verbeugen.
