Die Karatewelt ist tief gespalten, was auch die Einstellungen gegenüber der klassischen Kata des Karatedo betrifft. Dem einen Übenden sind sie zu kompliziert, den Anderen zu wenig realitätsbezogen. Trotz Dan - Graduierungen scheinen immer weniger Karatepraktizierende in der Lage, wenigsten den Ablauf und die wichtigsten Anwendungen all ihrer Stilrichtungskatas zu beherrschen.
Auf den folgenden Seiten findet Ihr eine (einstweilige) Vielfalt zum Thema Kata. Sie ist als Zwischenergebnis der anhaltenden Forschungen unseres Dojoleiters Helmut Götz anzusehen.
Was ist Kata?
In der einfachsten Übersetzung bedeutet Kata "Form". Aber Sie kann auch als "Regelwerk" oder "Methode" übersetzt werden. Sie bilden das "Alphabet" des Karate und all deren Stile.
In einer vereinfachten Definition kann man sagen, die Kata ist eine bestimmte Folge aneinander gereihter Techniken von Abwehr und Gegenangriff gegen einen oder mehrere imaginäre Gegner.
Die Kata bezeichnet zunächst eine festgelegte Übungsmethode zum Einstudieren des Sieges gegen Angreifer. Das technische Konzept setzt sich aus Bewegungen zusammen, die zur Abwehr gegnerischer Angriffe und zum Konter verwendet werden.
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Formell gesehen bezeichnet die Kata im Karate eine Reihe von festgelegten Bewegungen, in denen der Übende einen Kampf gegen imaginäre Gegner simuliert. Routiniert man ihre Techniken im Formablauf (Kata), in der Grundschule (Kihon) und in der Partneranwendung (Kumite) durch ständige Wiederholung, werden sie Teil der natürlichen Reflexe aus dem Unterbewusstsein - wie alles, was man im Leben so oft wiederholt, bis es zu einem gewohnten Verhalten wird.
Historische Entwicklung der Kata
Viele der heute benutzten Formen wurden zwischen 1600 und 1950 aus China nach Okinawa eingeführt. Kata war lange Zeit das einzige Mittel zur Anweisung bzw. Training, das von Generation zu Generation übertragen wurde. Von Lehrer (Meister) zum Schüler, meistens von Vater zum Sohn.
Es wurden keine schriftlichen Aufzeichnungen der Kata getätigt, sondern nur wenigen Auserwählten wurden Sie mündlich weitergegeben. Es war früher üblich nur einige wenige Kata zu üben, da es lange Zeit dauerte um nur eine Kata zu verstehen. Es galt der Ausspruch "Hito Kata san nen", das heißt: "Eine Kata drei Jahre". Manche Meister übten ihr lebenlang sogar nur eine einzige Kata.
Erst durch Sakugawa (1733-1851) und Sokon (Bushi) Matsumura (1797-1889) und anderen (z.B.:Kanryu Higaonna) wurden die Kata systematisiert und mehrere Kata in einem Stil geübt.
Wie schon erwähnt, wurde eine Vielzahl der Kata aus China eingeführt, aber auch die Okinawa-Meister entwickelten selbst eine Anzahl von Katas. Es bildeten sich drei Schulen heraus, nach denen die Kata auch heute noch eingeordnet werden: Shuri-te, Tomari-te und Naha-te.
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Einige Kata wie z.B.: Passai sind in vielen Varianten zu finden. Durch ihre große Bedeutung wurde diese Kata von vielen Meistern geübt. Dies hatte zur Folge, das viele Meister nach langjährigem Studium, diese Kata veränderten.
Um diese Varianten genauer bestimmen zu können, wurde vor die Namen der Kata, die Namen der Meister hinzugefügt (manchmal auch der Ort wo die Kata besonders geübt wurde), wie Oyadomari no Patsai (Name) oder Tomari no Patsai (Ort).
Die Bedeutung der Kata
In vielen Katas ist ein verschlüsselter tieferer Sinn (Shimeijurasan) enthalten, der aus den zahlreichen Kampferfahrungen stammte und nur in der praktischen Anwendung (Bunkai) erkennbar wurde. Nach der Invasion des Satsuma-Clans auf Okinawa von 1609 war diese Bedeutung vor den japanischen Unterdrückern streng geheimgehalten worden, weil sie meistens eine Abwehr gegen einen bewaffneten Samurai und die sofortige Tötung des Gegners zum Inhalt hatte.
Der Sinn der Katas ist demnach eine Selbstverteidigung auf Leben und Tod (Kampf und deren Prinzipien in reinster Form). Jede Kata beginnt zuerst mit einer Abwehr, das zeigt, das Karate eine Kampfkunst darstellt die nicht aggressiv ist, und nur der Verteidigung dient.
Die Katas wurden jedoch stark verändert, wodurch heute dieser tiefere Sinn oft nicht mehr nachvollziehbar wird, ohne die verschiedenen Techniken des Schwert- (Kendo) oder Waffenkampfs (Kobudo) zu kennen. Mehr noch, selbst einfachste Bewegungen sind schwer zu entschlüsseln.
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Bezieht man in sein Studium die "Alte" Form der jeweiligen Kata mit ein, entsteht eine andere bzw. neue Sichtweise zum Verstehen der Kata. Funakoshi hat folgenden Weisheit niedergeschrieben: "Nach Altem forschen, heißt das Neue zu verstehen...,"
Die buddhistische Atmung ("Inneres System") diente dazu, die innere Energie des Körpers "Ki" zu aktivieren und dabei auch bestimmte Vitalpunkte (Tsubo) auf den Akupunktur-Meridianen zu stimulieren (Seifuku). Dadurch wurden im Kampf erlittene Verletzungen neutralisiert und besser verkraftet.
Kata sollte mit Intensität und Kime ausgeführt werden, aber auch mit Demut. Jede Kata hat ein Thema, das der Karateka bei der Vorführung zeigen sollte, mit großer Genauigkeit, Kraft und Geschwindigkeit aber auch in angemesener Höflichkeit und Anmut. Diese Höflichkeit wird am Anfang und am Ende, der sich wie ein Bogen über die ganze Kata spannt, durch den Gruß dargestellt.
Funakoshi hat das Training von Kata in seinen "Shoto nijukun" mit folgenden Leitsätzen dokumentiert.
- "Karate-do wa rei ni hajimari, rei ni owaru koto wo wasuruna" = Karate beginnt mit Respekt und endet mit Respekt
- "Karate ni sente nashi" = Im Karate gibt es keinen ersten Angriff
- "Kata wa tadashiku jissen wa betsu mono" = Die Kata muß ohne Veränderung korrekt ausgeführt werden, im tatsächlichen Kampf gilt das Gegenteil
- "Chikara no kyojaku, karada no shinshuku, waza no kankyu wo wasaruna" = Hart und weich, Spannung und Entspannung, langsam und schnell Ð alles in Verbindung mit der richtigen Atmung.
Die vielen Katas geben eine nie abgeschlossene Einsicht in die unzähligen Bewegungsvariationen des Karate.
Kata-Namen und ihre Bedeutung
Verschiedene Kata - Namen haben den Zusatz "Dai, Sho oder Chu". Dai läßt sich übersetzen mit "groß" oder "größer", Sho mit "klein", "geringer" aber auch "offene Hände".
Eine weitere Möglichkeit der Übersetzung zeigt folgendes Beispiel: Historisch gesehen wurde die heutige Bassai Dai und Bassai Sho aus der alten Passai entwickelt. In diesem Zusammenhang steht "Dai" für "Die Erste". Das heißt: Die Bassai Dai wurde direkt aus der Passai geschaffen, bzw. die alte Form modernisiert. Die Bassai Sho hingegen wurde mit weiterentwickelten Techniken auf höheren Niveau aus der Bassai Dai geschaffen.
"Chu" stellt "Die Dritte" dar.
Alle Kata deren Namen mit Zahlen genannt werden: Niseishi (24), Seisan (13), Sanshiru (36), Suparinpei (108), Nipaipo (28), Seipei (18), Gojushiho (54) etc. wurden bereits in China geübt und kamen im 19. Jht. Nach Okinawa oder auch früher.
Prinzipien der Kata-Ausführung
In einer Kata werden Einzeltechniken nach einem definierten Ablauf ausgeführt. Die Kata ist ein Kampf gegen imaginäre Gegner*innen und als solche mehr als die Summe ihrer Techniken. Durch das Üben werden Bewegungsmuster eingeprägt.
Die Bedeutung der Elemente ist mangels Aufzeichnungen zum Teil verloren, daher ist die Auflösung oft Auslegungssache und führt zu unterschiedlichen Erklärungen. Versteckte, bekannte Elemente werden den Schüler*innen für gewöhnlich ab einer bestimmten Stufe von der Meister*in erklärt. Das führt zuweilen auch zu einer gewissen Mystifizierung.
Um eine Kata zu verstehen, braucht es mehr und langjährige Analysen und Versuche. Am Besten wählst Du Deine Lieblingskata aus, die Du dann 12 Monate lang unter neuen Bedingungen lernst.
Den Namen, seine Bedeutung, die verwendeten Schriftzeichen und deren Übersetzung sollte man sich einprägen um ein besseres Verständnis für die Kata zu erreichen.
Die Techniken und deren Reihenfolge sind festgelegt, das gilt auch für die Blickwendung. Zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort, mit der richtigen Technik, hierbei spielt der Blick eine große Rolle.
Wie im Karate üblich wird vor und nach Ausführung der Kata an- bzw. abgegrüßt. Die auszuführende Kata wird zuvor mindestens vom Karateka selber angesagt. Im Shotokan wird in der Grundstellung Shizentai begonnen.
Die Kata endet an der Stelle wo sie begonnen wurde, zumindest sollte man versuchen, den Ausgangspunkt nach Ausführung aller Techniken wieder zu erreichen. So bezeichnet man die Gesamtheit „der imaginären Linien“ auf denen man sich im Zuge der Ausführung bewegt. Man spricht auch vom Schrittdiagramm.
Als zentrales Element des Karate, hat die Atmung überragende Bedeutung. Ihr Einsatz bestimmt maßgeblich, ob die Ausführung ihrer Bestimmung nahe kommt. Die Verbindung von Atmung und Technik und ihre Ausprägung sind in der Kata formalisiert und beeinflussen direkt die Technik. Besondere Stellen werden durch einen Kiai hervorgehoben.
Die einzelnen Techniken im Ablauf werden nicht nahtlos aneinandergereiht. Vielmehr sind sie im richtigen zeitlichen Zusammenhang auszuführen, dieser Zusammenhang wird besonders bei Betrachtung der praktischen Anwendung deutlich. So müssen z. B. Technik, Fähigkeiten im Kampf und unbewusste Reaktion auf Angriffe ständiger Wiederholung einer Kata bedürfen.
Zusätzliche Informationen
Im Karate steht der Begriff für ein als Kreuzworträtsel konzipiertes komplexes System von genau festgelegten Kombinationen zum Einstudieren des Sieges gegen einen Gegner. Die Kata besteht aus einem technischen Ablauf (Genkyo) und aus Anwendungen (Ōyō), die zur Schulung der Selbstverteidigung gegen Angreifer eingeübt werden.
Es gibt nur einen Weg die Kata in ihrer komplexen Vollkommenheit verstehen zu lernen. Dieser Weg ist über Jahrhunderte überliefert und hält den Übenden dazu an, sich selbst in der Übung zu endecken, sich zu verbessern und letztlich ganzheitlich zu vervollkommnen.
Die Werte der Kata liegen jenseits ihrer formellen Oberfläche. Ihre Hintergründe zu erfahren, bedeutet das Kreuzworträtsel zu lösen, dessen Entschlüsselung nicht das System selbst, sondern nur der Sensei offenbaren kann. Die Kata ist ein über Jahrhunderte gereiftes System zur Entwicklung der Persönlichkeit und zum Erlernen der Selbstverteidigung.
Mit der korrekten Übung der Kata ist seit jeher der Anspruch verbunden, Geist und Körper ins Gleichgewicht zu bringen und den Menschen bei der Suche nach seinem Sinn zu unterstützen. Jenem Übenden, der sich zum Erfahren ihrer Inhalte bereit hält, kann sie Zeichen geben. Jenem, der nur vordergründig denkt, eröffnet sie lediglich den Weg zur äußeren Form.
Die Kata wurde brilliant erdacht und ist ein Weg, um grundlegende Lebenserfahrungen von einer Generation zur anderen zu überliefern. Nicht die Form der Kata, sondern die in einer echten Lehrer-Schüler Beziehung (Shitei) übermittelten Inhalte der Kata lassen den Übenden zu einer reifen Persönlichkeit werden.
So lehrt uns die Kata zu sehen, was wir vorher nicht gesehen haben. Auch wenn Übende ihren Sinn, ihren Wert und ihre Schönheit anfangs in der äußeren Form suchen, kommt für jeden, der die Kata lange genug mit konstruktivem Geist erforscht, der Zeitpunkt, an dem er ihre Bedeutung in sich selbst findet.
