Verbales Judo: Die sanfte Kunst der Überzeugung

Wütende Kunden, übergriffige Freunde - der Umgang mit Beleidigungen und verbalen Angriffen ist nicht leicht. Der verbale Revolver ist schnell gezückt: Greift uns jemand an, feuern wir zurück. Der Polizeiausbilder George Thompson war darum davon überzeugt: Die einzig richtige Lösung ist, verbale Angriffe ins Leere laufen zu lassen.

Doch so gelassen wie Thompson psychische Angriffe und verbale Attacken abzuwehren, dürfte den meisten nicht in die Wiege gelegt worden sein - sie müssen es lernen. Wie das geht, erklärte der Experte in seinem Buch „Verbales Judo. Die sanfte Kunst der Überzeugung“.

Das verbale Judo beruhe auf den gleichen Prinzipien wie das physische, heißt es darin: Statt auf den Angreifer loszugehen, lenkt man dessen Aggression in eine andere Richtung und damit ins Leere. Thompson war sicher: Diese Methode funktioniert nicht nur bei der Polizeiarbeit, sondern auch im Geschäfts- und Privatleben: Mit ihr kann man angespannte Situationen von einer Sekunde auf die andere entschärfen, Klatschmäulern das Handwerk legen und aus wutschnaubenden Gegnern handzahme Gesprächspartner machen.

Techniken zur Abwehr verbaler Angriffe

Doch wie genau funktioniert die Technik gegen verbale und damit oft auch psychische Angriffe? Die schlimmste Art, eine solche verbale Attacke abzuwehren, ist laut Thompson, diesen Satz zu sagen: „Beruhigen Sie sich!“. Der Polizeitrainer, der immer wieder die haarigsten Konfliktsituationen bewältigen musste, weiß aus Erfahrung: Das regt die meisten Menschen nur noch mehr auf. Warum?

Besser sei es, gelassen zu bleiben, dem Gegenüber in die Augen zu schauen und dem verbalen Angriff etwas Ruhiges entgegenzusetzen wie: „Das kriegen wir schon wieder hin. Wo genau liegt das Problem? Wütende Menschen reden sich schnell in Rage. Wie aber lässt sich eine Schimpftirade elegant unterbrechen? Thompson empfiehlt, das Schwert der Unterbrechung zu ziehen, indem du sachlich und ruhig sagst: „Moment mal!“ oder „Warte eine Sekunde“.

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Wer seinem Ärger Luft macht, lässt sich dabei nicht gerne unterbrechen. Dieser einfache Satz zeuge von so großem Einfühlungsvermögen, Kooperationsgeist und Vermittlungswunsch, dass ihn kaum jemand ignorieren werde - auch nicht empathielose Menschen. Mit diesem Satz mache sich laut Thompson jeder zum Inbegriff eines einfühlsamen Menschen.

Sich in einen anderen hineinversetzen zu können, sei die wichtigste Charaktereigenschaft, um Konflikte konstruktiv zu bewältigen und im Umgang mit Beleidigungen und verbalen Angriffen souverän zu bleiben. Daher: „Versuche, ein paar Schritte in den Schuhen deines Gegenübers zu gehen, auch wenn sie dir nicht passen.“ Laut Thompson gilt: Man muss das wütende Gegenüber nicht unbedingt mögen. Es gehe um Empathie, nicht um Sympathie.

Emotionen können wie Brandbeschleuniger wirken. Wer gestresst, verärgert oder wütend ist, lässt sich schnell auf die Palme bringen. In so einem Gemütszustand fallen dann rasch irrationale, provokante Sätze, die alles nur schlimmer machen.

Ein Schlüssel, um verbale Angriffe abzuwehren und beispielsweise auf Unfreundlichkeit zu reagieren, ist laut Thompson darum die Fähigkeit, Ruhe zu bewahren. Die Samurai wussten das: Sie versetzten sich deshalb bei Kämpfen ins „Mushin“, das „stille Zentrum“. Dieser Mushin-Zustand sei das Fundament des physischen und verbalen Judo - und damit für die Fähigkeit, verbale Angriffe ins Leere laufen zu lassen.

Das Ziel sei es, eine Art innere Distanz zwischen dem Denken und Sprechen aufzubauen - und sich so eine neutrale, offene, unvoreingenommene, flexible Geisteshaltung anzueignen. Also weg mit den Vorurteilen, weg mit den Aggressionen - die stehen nur im Weg, will man einen Konflikt lösen und beispielsweise Einwürfe kontern.

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Wenn du also etwa denkst: „Du arroganter Mistkerl, jetzt zeige ich dir mal, was passiert, wenn man mich anpöbelt“, sagst du stattdessen: „Sie sind verärgert. Darum, so Thompson, solle man die Einstellung solchen Leuten gegenüber ändern: „Überlege doch einmal: Wenn du einen ganzen Tag lang nur mit netten Leuten zu tun hättest, würdest du dich schon nach kurzer Zeit zu Tode langweilen.“

Schwierige Menschen hingegen forderten einen dazu heraus, die „verbalen Judo-Muskeln spielen zu lassen“ und sich in souveräner Schlagfertigkeit zu üben. Betrachte den Umgang mit Beleidigungen und verbalen Angriffen also mit sportlichem Ehrgeiz. Jede Attacke gibt dir die Möglichkeit zu zeigen, ob du dir den schwarzen Gürtel im verbalen Judo verdient hast.

Die fünf universellen Wahrheiten des Verbalen Judo

Die Grundidee von „Verbal Judo“ basiert auf fünf universellen Wahrheiten, die Thompson während seiner Polizeiarbeit entwickelte:

  • Alle Menschen wollen mit Würde und Respekt behandelt werden.
  • Alle Menschen wollen gefragt werden, anstatt Befehle zu erhalten.
  • Alle Menschen wollen den Grund für eine Aufforderung wissen.
  • Alle Menschen wollen Optionen anstelle von Drohungen erhalten.
  • Alle Menschen wollen eine zweite Chance, wenn sie einen Fehler machen.

Diese Prinzipien bilden das Rückgrat des Buches und sollen helfen, Konflikte durch empathische und respektvolle Kommunikation zu vermeiden oder zu entschärfen.

Kontroverse und Kritik

Rezensionen zu „Verbal Judo“ sind sehr unterschiedlich. Je weiter man zurückblickt, desto eher loben Leser das Buch für seine praktischen und leicht umsetzbaren Ratschläge. Besonders in stressigen Berufen, wie im Bereich der psychiatrischen Pflege oder bei der Polizei, seien Thompsons Techniken hilfreich, um eskalierende Situationen zu beruhigen.

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Andere kritisieren schwerpunktmäßig Ton und Herangehensweise des Autors. In diesem Zusammenhang werden Bezeichnungen wie „verstörend“ und „manipulativ“ verwendet und stattdessen „Gewaltfreie Kommunikation“ von Marshall Rosenberg empfohlen.

Thompson betont, dass es nicht darauf ankommt, ob man wirklich Interesse zeigt, solange man den Anschein erweckt, was bei einigen Lesern negativ aufgenommen wird. Auch eine wahrgenommene Prahlerei und das „Guruhafte“ des Autors stießen bei manchen Rezensenten auf Missfallen.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass das Buch viel Selbstbeweihräucherung und wenig substanzielle Inhalte biete. Leser beklagen, dass hilfreiche Informationen nur spärlich gesät sind und man sich durch viele Anekdoten und Selbstbeweihräucherungen arbeiten muss, um nützliche Tipps zu finden.

Dennoch gibt es positive Stimmen, die betonen, dass das Buch wertvolle Lektionen über respektvolle und effektive Kommunikation vermittelt. Thompson gelingt es auch durchaus, durch realistische Beispiele aus seiner Polizeiarbeit zu zeigen, wie seine Techniken in extremen Situationen angewendet werden können.

Insgesamt ist „Verbal Judo“ ein Buch, das starke Reaktionen hervorruft. Es bietet manche Kommunikationsstrategien, die vor allem in Berufen mit hohem Konfliktpotenzial nützlich sein könnten. Doch der Ton und die Methodik des Autors sind nicht jedermanns Sache. Für einige Leser sind die vorgestellten Techniken wertvoll und umsetzbar, während andere die Herangehensweise als zu manipulativ und selbstverherrlichend empfinden.