UFC 286: Der echte „Rocky“ steigt in den Ring

In London musste einer der wenigen europäischen UFC-Champions zeigen, dass sein Titelgewinn kein Zufall war. Das Ergebnis des Kampfes könnte sich auch auf die Situation der Szene in Deutschland auswirken.

Am Samstag, den 18. März 2023, stieg UFC 286. Die MMA-Königsklasse war dabei in Europa zu Gast, genauer gesagt in London. Sehr zur Freude der MMA-Fans, denn anders als sonst gab es nicht die übliche Zeitverschiebung. Beginn von UFC 286 war am Samstagabend um 22 Uhr deutscher Zeit.

Hintergründe zum Titelkampf

Spitznamen im Kampfsport werden meist auf Basis außergewöhnlicher Leistungen vergeben - man zeigt etwas Beeindruckendes und bekommt einen entsprechenden Nickname verpasst. Manchmal dreht sich die Zeitachse aber auch um, dann kommt erst der Name und die Begründung hinterher. Das ist der Fall bei Leon „Rocky“ Edwards, einem lange unauffälligen Briten, der in der „Ultimate Fighting Championship“ (UFC), der größten Mixed-Martial-Arts-Liga der Welt, über Jahre hinweg sein Können zeigte; aber nie wirklich durch etwas Großes auffiel - wie ein Conor McGregor oder ein Khabib Nurmagomedov. Bis ihn ein einziger Kick am Ende eines eigentlich schon verlorenen Kampfes im vergangenen Sommer zum Weltmeister beförderte. Eine klassische „Rocky“-Story eben.

Am Samstag verteidigte er diesen Titel (Samstag ab 22 Uhr auf DAZN) - gegen den Mann, dem er ihn im August 2022 abnahm. Der ihn zuvor bereits einmal klar besiegt hatte. Dieser dritte Kampf ist nicht nur für Edwards‘ eigene Karriere bedeutend, sondern auch für den Stand seines Sportes in Europa.

Ein Rückblick

Ein Rückblick in den vergangenen Sommer: 56 Sekunden vor Ende der fünften und letzten Runde spekulierten die Kommentatoren gerade darüber, dass Edwards sich wohl damit abgefunden habe, in seinem Weltergewichts-Titelkampf eine Punktentscheidung gegen Kamaru Usman zu verlieren, den amtierenden Champion, der hier mit einem weiteren Triumph den Rekord für die meisten aufeinanderfolgenden Siege brechen wollte. Dann täuschte Edwards kurz vor Schluss einen Jab an. Und rechnete die Ausweichbewegung des Kopfes seines Gegners mit ein. Mit einem präzise ausgeführten Kick zu Usmans Kopf schickte er den scheinbar unbezwingbaren Champion auf die Bretter. Salt Lake City explodierte.

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Das Ergebnis war eine Sensation, weil Edwards bis dahin von Usman über weite Strecken dominiert worden war. Dazu hatte er Ende 2015 schon einmal gegen ihn verloren, als beide noch unbekannte Neulinge waren. Nach dieser klaren Punktniederlage hatte Edwards aufgedreht, besiegte mit Donald Cerrone und Nate Diaz populäre Fan-Lieblinge, stoppte 2018 die Siegesserie des Deutschen Peter Sobotta und schlug mit dem Brasilianer Rafael dos Anjos einen früheren Weltmeister klar und deutlich. So kam er nach Jahren des Wieder-Hoch-Arbeitens zu seiner zweiten Chance gegen Usman, der inzwischen Weltmeister geworden war. Und schien bald erneut den Kürzeren zu ziehen. Zwar gelang „Rocky“ in der ersten Runde selbst ein Takedown, was die Zuschauer und wohl vor allem Usman selbst überraschte. Auf 1300 Metern über Null aber ging dem Briten danach schnell die Puste aus. Usman, der in Denver, Colorado auf 1600 Höhenmetern lebt, trainiert und die dünne Luft daher gewohnt war, drehte auf. Edwards Trainer musste ihn in den Rundenpausen anschreien - „Hör verdammt nochmal auf, dich selbst zu bemitleiden!“ - und schien damit zunächst keinen Erfolg zu haben. Bis Edwards zu seinem lebensverändernden Tritt ausholte. „Wir hatten schon seinen Nachruf geschrieben!“, rief einer der Kommentatoren immer wieder ins Mikrofon. „Seht mich an!“, schrie ein ungläubiger Edwards. „Niemand hat an mich geglaubt!“

Nun messen sich die beiden erneut - dieses Mal in Edwards Heimat England. In den vergangenen Tagen schossen die beiden Kontrahenten verbale Spitzen gegeneinander, aber das ist Show, um ihren Kampf zu verkaufen. Die beiden respektieren sich - weil sie sich je einmal besiegt haben, aber auch, weil sie als eher leise und wenig polarisierende Athleten beide ihre Lorbeeren härter erkämpfen mussten als andere. Das verbindet. Während Glamour-Faktor-Stars wie Conor McGregor auf der Überholspur nach oben in Richtung der prestigeträchtigen Kämpfe düsen, müssen sich unauffällige Arbeiter wie Edwards und Usman einen Sieg nach dem anderen erarbeiten. Bis der Promoter keine andere Wahl mehr hat, als ihnen einen Titelkampf zuzugestehen - falls ihnen gerade kein großmäuliger Fan-Liebling mit ein paar starken Siegen wieder die Chance stiehlt.

Ob der dritte Kampf zwischen Edwards und Usman aus Fan-Sicht spektakulär wird, bleibt fraglich. Der erste Kampf war es nicht, der zweite nur punktuell, als Edwards Usman Anfangs mit einem Takedown überraschen konnte und ihn dann kurz vor Schluss brutal ausknockte. Wenig verwunderlich - und verständlich - wäre es, wenn Usman als Lektion aus der Niederlage an diesem Wochenende umso vorsichtiger kämpft.

Weitere Kämpfe bei UFC 286

Für die „Oho“- und „Wow“-Momente hat die UFC daher Usmans Trainingspartner Justin Gaethje in den Co-Hauptkampf gesteckt, der gegen den Kasachen Rafael Fiziev antritt. Gaethje lässt sich verlässlich jedes Mal in eine Materialschlacht hineinziehen. Fiziev ist ein früherer Thaiboxer, der Tritten zum Kopf schon mal durch Matrix-artige Wegduck-Bewegungen ausweicht. Sie sind für die Action zuständig. Dazu gesellen sich europäisch-stämmige Stars wie der Isländer Gunnar Nelson, der Italiener Marvin Vettori oder die Schottin Joanne Wood. Edwards ist vor allem zum Gewinnen da.

Denn nur, weil er sich einen Titel holen konnte, ist die Liga mit einem so großen Event zurück nach Europa gekommen. Zwar kommt die Liga immer wieder mal für kleinere Fight Nights nach England, Schweden oder Frankreich. UFC 286 an diesem Samstag aber ist die erste in den USA im Bezahlfernsehen gezeigte UFC-Veranstaltung auf europäischem Boden seit 2016. In Deutschland war man 2018 zuletzt zu Gast, natürlich ohne einen Titelkampf. Und so hat der Ausgang des Kampfes am Samstag mittelbar auch Bedeutung für die deutsche MMA-Szene - auch, wenn keiner der zurzeit sechs Deutschen im Kader der Liga am Samstag in London ins Octagon steigt. Je erfolgreicher die Europäer sind, desto eher schwingt der Fokus der Liga zurück zum Kontinent.

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Aber so ist eben Mixed Martial Arts: unberechenbar, mit hohem Einsatz. Wie es weitergeht, hängt an den Millimetern, die hier manchmal über Sieg oder Niederlage entscheiden - und damit über die Karrieren von Einzelnen genauso wie über die Entwicklung des gesamten Sports.

UFC 286 live im TV

Für diesen UFC-Kracher müssen Fight-Fans nicht ihren Schlafrhythmus zerstören. Denn: UFC 286 steigt am Samstagabend live aus London. Im Hauptkampf ist die Mega-Trilogie zwischen Leon Edwards (31) und Kamaru Usman (35) angesetzt.

Die Übertragung beim Sport-Streaming-Dienst DAZN fängt im Anschluss an die Prelims an. Fernab von DAZN besteht die Möglichkeit, das Event über den kostenpflichtigen Service UFC Fightpass zu schauen. Der hauseigene Kanal der MMA-Königsklasse zeigt den Headliner und die Maincard ebenso wie die Kämpfe der Preliminary Card.

Der Kampf Edwards vs. Usman

Mit Leon Edwards vs. Kamaru Usman steigt bei UFC 286 ein Top-Headliner, bei dem es um den Titel im Weltergewicht geht. Der Goldgürtel ist jedoch nicht der einzige Grund, weshalb dieser Blockbuster episch werden dürfte. Kamaru Usman entschied den ersten Kampf für sich, während Leon Edwards im August des Vorjahres gewann. Für „Rocky“ geht es beim Heimspiel zum einen darum, die Trilogie für sich zu entscheiden. Zum anderen ist es die Gelegenheit, den Titel zu verteidigen und eine neue Ära einzuläuten.

Edwards vs. Usman: Die Analyse

Die Wettanbieter mit UFC Wetten gehen davon aus, dass Usman dies gelingen wird. Aber: Edwards hat in beiden Duellen jeweils über Runden standgehalten und Usman im letzten Duell sogar in Runde 5 ausgeknockt. Edwards hat neben Usman auch namhafte Namen auf seiner Opferliste, unter anderem Nate Diaz und Rafael dos Anjos.

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Ungeachtet dessen fallen die Prognosen mehr als deutlich aus. Die klare Gemengelage ist durchaus plausibel, denn Usman hat das Weltergewicht über Jahre dominiert.

Es ist davon auszugehen, dass der Kampf nicht schnell endet. Folglich ist es mehr als vorstellbar, dass der Kampf über 3,5 Runden geht - oder sich sogar über eine noch längere Distanz erstreckt.

Die UFC 286 Fightcard

Fernab des Headliners zieren vier weitere Kämpfe die UFC 286 Maincard am 18. März. Los geht es bei UFC 286 aber erst mal mit dem Kampf Marvin Vettori vs Roman Dolidze. Danach bekommt es Jennifer Maia im Fliegengewichtsfight der Frauen mit Casey O’Neill zu tun. Der dritte Fight der Maincard findet zwischen den beiden Weltergewichtskämpfern Gunnar Nelson und Bryan Barberena statt. Zu guter Letzt folgt das mit Spannung erwartete dritte Duell zwischen Leon Edwards und Kamaru Usman.

UFC 286 Maincard

Gewichtsklasse Kämpfer
Weltergewicht Leon Edwards (c) vs. Kamaru Usman
Leichtgewicht Justin Gaethje vs. Rafael Fiziev
Weltergewicht Gunnar Nelson vs. Bryan Barberena
Fliegengewicht (Frauen) Jennifer Maia vs. Casey O'Neill
Mittelgewicht Marvin Vettori vs. Roman Dolidze

„Headshot - Dead!“ - Edwards verteidigt seinen Titel

Ein junger Brite knockt sensationell den dominanten Champion seiner Gewichtsklasse aus. Der Rückkampf in London ist ein Duell voller dramatischer Wendungen. Der Abend zeigt, warum Mixed Martial Arts in Deutschland noch immer ein Nischendasein fristet.

Leon Edwards zielt zum Kopf, tritt - und trifft nicht. Zumindest nicht sauber. Ein dumpfes, enttäuschtes Raunen dröhnt durch die Halle. Denn jeder der mehr als 17.000 Zuschauer in der Londoner O2 Arena weiß, dass ihr Landsmann mit dem linken Tritt zum Kopf von Kamaru Usman diesem im vergangenen August seinen UFC-Weltmeistertitel im Weltergewicht abgenommen hat. Das war eine Sensation, Usman galt bis dahin als wohl bester Mixed-Martial-Arts-Kämpfer der Welt. Underdog Edwards knockte ihn aus, kurz vor Kampfende; er hätte sonst eine klare Punktentscheidung verloren. An diesem Samstagabend wollen sie das Wunder noch einmal sehen.

Ein knappes halbes Jahr nach seinem überraschenden Titelgewinn hat der Brite Edwards - Spitzname „Rocky“ - seinen Gürtel in London vor heimischem Publikum verteidigt. Den ersehnten zweiten Knockout gegen Usman schafft er dabei nicht - am Ende geht der Rückkampf über die volle Distanz von fünf mal fünf Minuten.

Das Duell ist voller dramatischer Wendungen. Edwards bringt klare Treffer durch. Usman verlagert sich auf seine gefürchteten Ringerkünste. Edwards verhindert einen Takedown, indem er sich verbotenerweise am Zaun des „Octagon“ genannten Maschendrahtkäfigs festhält. Der Ringrichter zieht ihm einen Punkt ab - jetzt ist überhaupt nicht mehr klar, wer hier gerade vorne liegt. Beide mobilisieren alle Kräfte, schlagen, treten, zerren, drücken mit einem brutalen Sprint ins Ziel. Die Halle tobt, als Ringsprecher Bruce Buffer Edwards zum Sieger nach Punkten erklärt - der also weiterhin Champion ist. Es war denkbar knapp, nicht annähernd so endgültig wie Edwards fulminanter Knockout im letzten Kampf. Die aus dem K.o. hervorgegangene, martialisch anmutende Catchphrase „Headshot - Dead!“ - Kopfschuss, tot - skandieren die verzückten Briten dennoch auch dieses Mal durch die Halle. Ihr Mann hat es geschafft.

Die Bedeutung für die MMA-Szene

Edwards Erfolg ist mehr als ein persönlicher Triumph und Validierung seines Sieges gegen einen bis vor Kurzem als übermächtig angesehenen Kontrahenten. Dass er sich auch nach diesem Wochenende weiterhin Weltmeister nennen darf, gibt dem Wachstumsmarkt MMA in Großbritannien zusätzlichen Schwung. Der Titel bedeutet, dass die UFC auch weiterhin die Insel als Schlüsselmarkt bedienen wird. Ohne Weltmeister hätte er keine Veranstaltung nach London gebracht, die so groß und bedeutend war wie diese, erklärte UFC-Präsident Dana White auf der Pressekonferenz nach dem Kampfabend noch einmal demonstrativ.

Von Edwards‘ sich zementierendem Champ-Status profitiert nun nicht nur er selbst, sondern auch eine ganze Reihe Landsleute, die als Teil des Events vom Wochenende etwas vom ungewohnt hellen Scheinwerferlicht abbekamen. UFC 286 wurde in den USA im Bezahlfernsehen übertragen, diese Events sind bedeutender als die frei empfangbaren, kleineren Fight Nights, für die die Liga sonst mal nach Europa fliegt. Und auch die Umsetzung gelang. Edwards siegte, die meisten anderen Briten des 15 Kämpfe umfassenden Programms ebenso. White schwärmte vom Enthusiasmus der britischen Fans. Diverse Celebrities seien extra eingeflogen, um sich die Kämpfe anzusehen. Und tatsächlich - rund um das Octagon tummelten sich in London Schauspieler wie Tom Hardy, Jared Leto oder Top-Gun-Maverick-Star Miles Teller, dazu eine Riege Youtube-Stars und weitere Sternchen.

Um sie herum: volles Haus. Die Londoner O2 Arena war binnen kurzer Zeit ausverkauft, trotz Ticketpreisen in mittlerer dreistelliger Pfund-Höhe - für Plätze hinten im Oberrang. Für die richtig guten Plätze wurden Summen mit einer Null mehr fällig. Aber es funktioniert. In London rennen Fans der UFC jedes Mal die Bude ein. Dazu pflastern für gewöhnlich UFC-Plakate die Stadt, werben Pubs damit, die Kämpfe zu zeigen. Es ist jedes Mal ein gesellschaftliches Großereignis, wenn die Kampfliga an der Themse Einzug hält.

Die Situation in Deutschland

Eine Flugstunde östlich an Rhein und Elbe kann man da nur neidisch werden. Die bis dato letzte Fight Night in Deutschland fand 2018 statt, die Arena in Hamburg war nicht annähernd ausverkauft. Ähnliche Bilder gab es auch bei den meisten der vorherigen fünf Events in Deutschland. Meist war der Oberrang abgehangen, darunter wurden viele der Tickets verscherbelt oder verschenkt, um den Fernsehzuschauern in den USA, in Brasilien oder Dubai keine allzu traurige Kulisse zu bieten. Lange fehlte hierzulande schlicht das breitere Interesse.

Doch es gibt Hoffnung: In den vergangenen Jahren ist die Aufmerksamkeit für den einstmals als brutalen Käfigkampf verschrienen Sport spürbar gewachsen. Kleinere Ligen haben hierzulande durchaus ihren Markt gefunden und veranstalten mittlerweile vor ansehnlichen - und meist gut gefüllten - Tribünen. Die Kämpfe und ihre Vermarktung sind professioneller geworden.

Was auf internationaler Ebene fehlt, sind deutsche Stars. Derzeit ist nicht absehbar, dass jemand aus dem knappen halben Dutzend deutscher UFC-Kämpfer dort einen Coup landet wie derzeit der Brite Edwards. Auch eine Ebene darunter, im erweiterten Rennen um den nächsten Titelkampf in einer der zwölf Gewichtsklassen, ist kein Deutscher vertreten. Entsprechendes Potenzial wird aktuell vor allem dem Mittelgewichtler Abus Magomedov zugetraut, der sein UFC-Debüt im September in wenigen Sekunden durch Knockout gewann.

Vom Debütanten zum Weltmeister aber ist es offensichtlich ein langer Weg. In der Zwischenzeit müssen deutsche Fans nach England reisen - oder gleich noch weiter ins Kampfsport-Mekka Las Vegas -, wenn sie das Spektakel der größten MMA-Liga der Welt live erleben wollen. Ein Blick nach London zeigt, was möglich ist.