Die Budokan Hall in Tokio ist das Mekka des Judo, ein Tempel, der für die Olympischen Spiele in Tokio 1964 errichtet wurde und in dem auch die Judo-Veranstaltungen der verschobenen Sommerspiele 2021 stattfanden. Im vergangenen Jahr war der Nippon Budokan Austragungsort der Judo-Weltmeisterschaft.
Als er vor dem Kampf um die WM-Goldmedaille auf die Tatami-Matte trat, trat van 't End auch in die Fußstapfen seines übergroßen Landsmanns Geesink. Mit dem Sieg über Shoichiro Mukai gewann Noël van 't End den ersten Weltmeistertitel für die Niederlande seit zehn Jahren.
Bei den Olympischen Spielen in Tokio vor 55 Jahren war das eine ganz andere Geschichte. Damals gelang es einem Mann, ein ganzes Land in die Knie zu zwingen.
An diesem Herbstabend im Jahr 1964 festigte der Riese aus der europäischen Tieflandebene nicht nur seinen Platz im Pantheon des Judo und in den Geschichtsbüchern der Olympischen Spiele, er veränderte für immer das Gesicht seines Sports und erlangte nicht nur in den Niederlanden Kultstatus. Kaum zu glauben ist, dass Geesink trotz der darauf folgenden nationalen Trauer auch in Japan zu einem Halbgott erhoben wurde. Auch sein Tod im Jahr 2010, im Alter von 76 Jahren, löste in beiden Ländern vergleichbare Trauer und Bestürzung aus.
Wer einmal in Utrecht halt macht, darf die imposante Bronzestatue des vielleicht berühmtesten Sohnes der Stadt nicht verpassen. Nach Anton Geesink ist auch eine Straße benannt - dieselbe Straße, in der er 1934 geboren wurde. Aber Sport war früh seine Leidenschaft: Fußball, Schwimmen, Leichtathletik - egal was, Anton versuchte sich in allem. Bis er eine Offenbarung hatte.
Lesen Sie auch: Was ist der Unterschied?
Anton Geesink prägte die Grundlagen seines Sports wie kein anderer. Frankreich war für Anton Geesink Synonym für harte Arbeit. Hier im Camp du Golf Blue traf sich die Creme de la Creme des europäischen Judo, hier fand er perfekte Bedingungen für seine harte Trainingsarbeit und die Möglichkeit einer exzellenten Entspannung. In diesem Hotelcamp knüpfte Geesink Kontakte zu zwei großen Persönlichkeiten des französischen Judos, die nicht nur seine härtesten europäischen Rivalen waren, sondern auch zwei enge Freunde wurden: Henri Courtine und Bernard Pariset.
Für Henri Courtine war es Geesinks einzigartiger Arbeitsethos, der ihn auszeichnete. "Man sagt, Anton Geesink habe wegen seines außergewöhnlich großen und muskulösen Körpers so oft gewonnen, aber seine wahre Stärke lag in seiner Gründlichkeit", sagte er der Zeitschrift "L'Esprit du Judo". "Er hat nie eine Pause gemacht. Im Sommercamp war er immer zuerst im Bett und dann, am nächsten Tag, stand er um 6 Uhr morgens auf, um über die Bucht zu schwimmen! Und den ganzen Morgen über trainierte er vor Ort mit Baumstämmen." Denn der Riese von Utrecht stemmte nie Gewichte: Sein Ding war es, ins Massif des Maures zu gehen und Baumstämme zu heben.
Pariset, den Geesink einst als seinen "härtesten Gegner außerhalb Japans" bezeichnete, und Courtine konnten sich einige Jahre lang mit dem niederländischen Koloss messen. Gegen Ende des Jahrzehnts stellte der Niederländer seine Zeitgenossen immer deutlicher in den Schatten.
Um bei der Wahrheit zu bleiben, würde es nach 1955 auf europäischer Ebene niemand mehr gelingen, Anton Geesink in einem offiziellen Wettbewerb zu besiegen. Seine Ziele hatten sich nun auf den Rest der Welt fokussiert. Da es noch keine Einteilung in Gewichtsklassen gab, gab es nur ein Turnier für alle, offen für alle Klassen. Er erreichte das Halbfinale, wo er gegen den zukünftigen Champion, den Japaner Shokichi Natsui, verlor, eher er Courtine im Kampf um die Bronzemedaille besiegte. Seine große Stunde war noch nicht gekommen.
Ungefähr zu dieser Zeit begann Geesink eine Zusammenarbeit mit dem Mann, der sein Leben verändern würde. In dem ungeschliffenen Diamanten Geesink sah Michigami eine Gelegenheit, "einen Modelljudoka zu formen", wie er es später einmal dem japanischen Journalisten Kazunori Iwamoto erzählte.
Lesen Sie auch: Exploring Precht's Philosophy
Der junge Anton war noch nicht der imposante Titan, den jeder bald kennen würde. Aber auch er sollte feststellen, dass sein Schüler ein begnadeter Schieber war. Noch einmal Michigami: "Was mich an ihm beeindruckt hat, war die Ernsthaftigkeit seines Charakters. Die Holländer sind dafür bekannt, ernsthafte Menschen zu sein, gewissenhaft und fleißig, aber er hat seine Landsleute noch einmal übertroffen. Dank seiner eigenen Regeln haben sich sein dünner Hals und sein schlanker Körper bald massiv verändert." In seiner großen Zeit wog Geesink 130 Kilo, perfekt auf 1.98 Meter Größe verteilt.
Anton Geesink wurde im Frühjahr 1961 während der dritten Judo-Weltmeisterschaft im französischen Coubertin dokumentiert. Geesink hatte seine Gegner, einschließlich der Japaner, komplett im Griff und auch im Finale den Titelverteidiger Koji Sone dominiert. Es war der erste Stein, den Geesink in den japanischen Garten seiner zukünftigen Gastgeber geworfen hatte, gedacht als ein Warnzeichen drei Jahre vor den Spielen in Tokio, bei denen Judo auf Geheiß des Gastgebers zum ersten Mal auf dem olympischen Programm stehen sollte.
Einige Monate nach diesem bahnbrechenden Triumph machte sich der Niederländer seinen eigenen Reim auf die Selbstüberschätzung seiner orientalischen Rivalen, die sich dadurch öffentlich brüskiert fühlten. Neben seiner Tirade gegen das japanische Judo scheute sich der neue Weltmeister auch nicht, seine eigenen Grenzen infrage zu stellen. Dieses Selbstbewusstsein war eine weitere seiner großen Stärken.
Geesink verbrachte drei Monate in Japan an der Tenri-Universität in Nara, wo er ausschließlich an seinen Bodentechniken des Ne-waza arbeitete, die er als das Judo der Zukunft betrachtete. Geesink monierte später in einem seiner elf Bücher, dass die Bodentechnik von vielen japanischen Judoka-Puristen als geringfügig angesehen wurde. In Tenri, in der mythischen Heimat des Judo, hat der Niederländer sein Handwerk mit viel Schweiß und harter Arbeit zusammen mit einigen der besten Judoka der Welt verfeinert.
Als erster nicht-japanischer Athlet, der bei einer Weltmeisterschaft in einer offenen Gewichtsklasse gewonnen hat, hat man Geesink vergeben, dass er selbst ein wenig großspurig daher kam. Um mit dieser Aufmerksamkeit fertig zu werden, brauchte es eine Seele, deren Statur seinem mächtigen Körper entsprach. Und für Haku Michigami war das tatsächlich der Fall: "Die Haltung seiner Entourage, die sich völlig verändert hatte, und die übermäßige Aufmerksamkeit, die ihm von der Öffentlichkeit zu Teil wurde - all das erschreckte ihn. Das gab einen wahrhaftigen Blick frei auf den Typ Mann, der er war."
Lesen Sie auch: Was sind die Judo Regeln?
Alles, was jetzt noch fehlte, war, dass Geesink den Olymp eroberte. Medaillen aber waren nicht die einzige Essenz von Haku Michigamis Suche nach dem Inbegriff des Judo. "Was mich dazu veranlasste, Judokas im Ausland auszubilden, war sicherlich nicht, sie Titel gewinnen zu lassen. Der Grund, warum ich auf die andere Seite der Welt gezogen bin, war, dass ich von dem Wunsch inspiriert war, die Menschen dazu zu bringen, den Geist des authentischen Bushidō zu erfassen, den japanischen Weg der Krieger aus der Antike."
Aber konnte er dauerhaft den spirituellen Anforderungen seines Mentors gerecht werden? Das war die doppelte Herausforderung, die sich Geesink in Tokio stellen musste.
Sein erster olympischer Versuch würde zugleich auch sein Letzter sein. Das wusste er. Der baumhohe Star des Oranje-Königreichs hatte schon gehofft, bei den Spielen in Rom 1960 als Teil des niederländischen griechisch-römischen Ringer-Teams antreten zu können, in das er aufgenommen worden war (tatsächlich war Geesink auch dreifacher nationaler Meister im Ringen). Aber das IOC schloss ihn mit Hinweis auf den Profi-Paragraphen aus, Geesink war auch als Judo-Ausbilder und Trainer tätig. Damals waren nur reine Amateure zu Olympia zugelassen. Seine Premiere war zugleich auch sein olympischer Abschied und all das kulminierte an diesem Abend im Budokan.
Geschockt durch die niederländische Machtdemonstration bei der WM im Jahr 1961, hatten die Japaner auf die Einführung von Gewichtsklassen gedrängt und vom IOC auch erhalten. Ziel war es, ihre Chancen auf Medaillengewinne zu erhöhen. Japan hatte in den ersten drei Klassen souverän Gold gewonnen. Aber es fehlte noch die Entscheidung in der prestigeträchtigsten Judoklasse, die offene Gewichtsklasse, in der die imposante Gestalt von Geesink noch eine große Rolle spielen sollte. Für Japan war Gold fest eingeplant und ein Misserfolg undenkbar.
Im Judo führt der Weg zu Weitmeisterschaften und Olympia-Medaillen über Japan. Aber wie Olympiasieger und Weltmeister Geesink haben sich der deutsche Olympia-Zweite Wolfgang Hofmann und Willem Ruska, der Weltmeister von 1967, in Japan vorbereitet. Zweimal finanzierte die Deutsche Sporthilfe Gruppenreisen zu japanischen Judo-Kasernen. Die Europäer bleiben jeweils einige Monate. Judo-Lehrer führen die Hierarchie vor den älteren Semestern an. Sie haben das Recht, Einsatz und Eifer mit Bambusstöcken anzustacheln. Prügelknaben sind die jüngeren Studenten. Dann müssen sie vor der ersten Mahlzeit, einer Portion Reis, eine Stunde traben und spurten. Oft trainieren die Japaner, ohne die Dauer vorher zu kennen, bis zu vier Stunden. Nach den Übungskämpfen -- dem sogenannten Randori -- ohne Pause und bis zur Erschöpfung forderten die Lehrer 500 Liegestütze oder 50 Kniebeugen mit einem Leidensgefährten im Nacken. Die einzige anschließende Erfrischung. Auch die Bundesrepublik richtete Judo-Zentren in Wolfsburg und Köln ein. Zudem probte die Nationalmannschaft im Höhenlager St. Moritz.
"Shinbashira" war/ist ein Titel - im Falle der Tenri-kyo (= eine der sogenannten "Neueren Religionen" Japans) im Deutschen z.T. Shozen (= persönlicher Name) Nakayama (= Familienname) war der "2. Shinbashira" - Oberhaupt besagter Religionsgemeinschaft, die in der westjapanischen Kleinstadt Tenri (in der Nähe von Nara) ihren Hauptsitz hat, und zugleich ein großer Förderer des Judo. So soll er - neben vielen anderen Dingen - u.a. auch maßgeblichen Anteil daran gehabt haben, daß Judo zur Olympischen Disziplin wurde. Seit seiner Zeit ist die Tenri-Universität (übrigens noch bis heute) eine der Hochburgen des japanischen Wettkampf-Judo. Shozen Nakayama ermöglichte auch zahlreichen ausländischen Judoka z.T. mehrjährige Trainingsaufenthalte in Tenri - als erstem Deutschen übrigens meines Wissens Wolfgang Hofmann, der danach dann bei den Olympischen Spielen in Tokyo die Silbermedaille gewann.
